Sofie Hagen: Happy Fat

Wer dick ist, wird stigmatisiert. Wer dick ist, weiß das aus eigener Erfahrung. Wer nicht dick ist, kennt mit Sicherheit Sätze wie “Du siehst toll aus, hast du abgenommen?” oder “Du hast so ein hübsches Gesicht!”. Sofie Hagen analysiert diese Situation. Klug, klar und aus der Innensicht als dicke Frau.

Beinahe hätte Sofie Hagen es geschafft, mich mit ihrer Einleitung davon abzuhalten, ihr wirklich kluges Buch Happy Fat zu lesen. Zu wenig konnte ich ihrem uneingeschränkten Lob auf Körperfett folgen. Vielleicht auch, weil ich gerade zehn Kilo abgenommen habe, ungeplant. Und weil ich gefühlt habe, wie viel leichter es damit wurde, die Einkäufe in die dritte Etage zu tragen. Wie viel beweglicher ich wurde. Aber glücklicherweise hat mich irgendwas gepiekst, doch dran zu bleiben.

Sofie war ein dickes Kind und wurde deswegen gehänselt. Wir wissen alle, wie gemein Kinder sein können, wenn sie sich ein Opfer ausgeguckt haben. Also beschließt ihre Mutter, ihr beim Abnehmen zu helfen. Am Wochenende studieren sie gemeinsam die neuesten Diäten. Machen Pläne für die nächsten Tage. Entsorgen alles, was im Kühlschrank ist und nicht zu diesen Plänen passt. Montags startete Sofie dann mit Feuereifer ins Abnehmprojekt, hält einige Tage durch. Um dann beim nächsten blöden Spruch über ihre Figur alles über den Haufen zu werfen und sich wahllos mit allem vollzustopfen, was ihr in die Finger kommt. Und sich selbigen dann in den Hals zu stecken. Bis zur nächsten Super-Duper-Wunder-Diät. Das Ergebnis ist eine ausgewachsene Essstörung.

Mit viel Kraftaufwand und der Hilfe einer Therapeutin geht Sofie Hagen ihr Problem an und stolpert dabei über die Fat-Liberation-Szene. Aktivisten und Aktivistinnen, die sich gegen die Stigmatisierung dicker und fetter Menschen stellen. Sie wollen sensibilisieren, wie verletztend wir mit stark übergewichtigen Menschen umgehen. Sie im Fitnessstudio oder im Schwimmbad begaffen. Blöde Witze zu Lasten dicker Menschen reißen.

Auch Fett kann man lieben

Doch die Bewegung und Sofie Hagen gehen noch weiter. Sofie wirbt dafür, den eigenen Körper zu lieben, egal ob er dünn oder fett ist, ob der Busen hängt oder man vor lauter Bauch den eigenen Penis nicht mehr sieht. Sich so lange nackt vor den Spiegel zu stellen, bis einem die eigene Masse vertraut ist. Das stärkt das Selbstbewusstsein ungemein. Und auch anzuziehen, worauf man Lust hat. Die von anderen definierten Problemzonen, die nicht der Mode-Norm entsprechen, nicht zu “kaschieren”. In erster Linie muss man sich selbst gefallen, nicht den anderen. Das ist leicht daher gesagt, aber Happy Fat gibt viele Tipps für mehr Selbstliebe.

Und das Buch macht noch etwas ganz anderes. Es beleuchtet die medizinischen Vorurteile gegen dicke und fette Menschen. Ärzte sind mit dem Satz “nehmen Sie erst mal ab, dann passt das alles schon” schnell bei der Hand. Offensichtlich werden darüber gar nicht so selten notwendige Abklärungen außer Acht gelassen. Mit schwerwiegenden Folgen für die Patient:innen. Studien belegen zudem, dass einige Erkrankungen, die ganz klassisch dem Übergewicht zugeschrieben werden, genauso häufig bei Menschen auftreten, die psychisch sehr unter Druck stehen. Und das tun eben auch dicke und fette Menschen. Sie überlegen, ob sie in ein Fast Food Restaurant gehen oder ob dann die schlanken Menschen dort denken: Ah guck, kein Wunder ist dieser Mensch so fett, wenn er immer sowas isst. Sie suchen permanent nach Ausreden, warum sie woran nicht teilnehmen wollen, weil es ihnen peinlich ist, nach wenigen Minuten mit hochrotem Kopf durch die Gegend zu rennen, das Kanu beim Einsteigen zum Kentern zu bringen, und, und, und.

Happy Fat weitet den Blick

Kurzum, Happy Fat von Sofie Hagen ist ein sehr wichtiges Buch, das den Blick weitet und hilft, die eigenen Vorurteile treffsicher aufzuspüren und zu entkräften. Und es zeigt all denen, die nie Übergewicht hatten, wie das Leben auf der anderen Seite der Waage aussieht, also so bei 100 Kilo und mehr. Ich kann es nur empfehlen.

Den Gesundheitsaspekt hatte ich nicht so auf dem Schirm und auch wenn ich froh für diesen Anstoß bin, kann ich an der Stelle am wenigsten mit Sofie mitgehen. Ja, es gibt sehr dicke und fette Menschen, die gesund und fit sind. Und es gibt schlanke Menschen, die Erkrankungen haben, die man bei Fetten oft sieht. Aber dennoch ist das Risiko auf Diabetes oder Bluthochdruck höher, wenn man über Jahre hinweg sehr viel Fett mit sich herumträgt. Vor allem, wenn man weiß, dass man sich zu wenig bewegt.

Ich fand Happy Fat übrigens nicht “urkomisch”. Ja, Sofie Hagen ist Comedian, aber ihr Buch ist ein tiefer und sehr offener Blick in ihr Inneres, auf ihre Verletzungen und ihren harten Weg aus der Depression. Dabei ist sie oft herrlich selbstironisch, was Happy Fat aber nicht zu einer Persiflage auf das Dicksein macht. Hier finde ich Covertext und Waschzettel sehr fehlleitend.

Sofie Hagen

Sofie Hagen wurde 1988 in Dänemark geboren. Die Fett-Aktivistin arbeitet als Autorin und Stand-up-Comedian und lebt in London. In ihrem Podcast ›Made of Human‹ spricht sie übers Erwachsensein. ›Happy Fat‹ ist ihr erstes Buch.

Buchinfo: Happy Fat von Sofie Hagen, erschienen bei Dumont, 19. Mai 2020, 352 Seiten, Klappenbroschur, € 13,99, ISBN 978-3-8321-7018-9. Danke für das Leseexemplar.

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