Melanie Metzenthin: Die verstummte Liebe

England, Ende des 19. Jahrhunderts. Helen Mandeville soll ihrem Status entsprechend standesgemäß heiraten. Doch die intelligente junge Frau hat andere Pläne. Drei Tage nach ihrer Volljährigkeit flüchtet sie nach Hamburg um hier ihren Traum zu leben. Doch das Schicksal hat andere Pläne mit ihr.

Helen wächst behütet auf dem Landsitz der angesehenen englischen Bankiersfamilie Mandeville auf. Da ihr Bruder seit seiner Kindheit im Rollstuhl sitzt und sich zudem mit dem Lernen schwertut, kommt das Mädchen in den Genuss einer für ihre Zeit untypisch guten Ausbildung. Umso mehr schreckt sie die Ankündigung ihres Vaters ab, er habe eine passende Partie für sie gefunden. James Mitchell, ein junger, attraktiver Anwalt aus sehr renommiertem Haus, der die Leitung der Bank übernehmen soll, wenn er sich zurückzieht.

Helen ist entsetzt. Sie hat von einem freien, selbstbestimmten Leben geträumt, aber James macht von Anfang an klar, dass er seine zukünftige Frau in der traditionellen Rolle der englischen Oberklasse sieht: Sie kümmert sich um das Personal und sorgt für die Nachkommen. Eine Rolle, die Helen nicht für sich akzeptieren kann und will. Daraus macht sie keinen Hehl. Aber der junge Mann lässt sich nicht abschütteln. In der Hoffnung, dass er sich in ihrer Abwesenheit neu orientiert, überzeugt Helen ihre Eltern von einer mehrmonatigen Reise durch Europa. Natürlich nur, weil sie so ihre Bildung vervollkommnen will, wie es sich für eine Tochter aus gutem Haus gehört.

In Berlin wartet die Liebe

Als ihre Mutter in Berlin einen Schwächeanfall hat und in die Charité eingeliefert wird, trifft Helen auf den jungen Mediziner Ludwig Ellerweg. Zwischen beiden funkt es sofort. Mit Ludwig kann Helen über alles reden, was ihr auf der Seele liegt. Ludwig ist ihr Seelenverwandter. Heimlich verloben sie sich und schmieden Pläne für die Zukunft. Helen will, sobald sie volljährig ist, nach Hamburg, Ludwigs Heimat flüchten und ihn heiraten.

Zurück in England willigt sie scheinbar in die Verbindung mit James ein, macht allerdings zur Auflage, dass die Hochzeit erst nach ihrer Volljährigkeit stattfindet. Ihre Flucht nach Deutschland löst in der englischen Oberschicht einen Skandal aus. Helens Eltern sagen sich von ihr los, verbitten sich jeden weiteren Kontakt. Der einzige Wermutstropfen, der ihr großes Glück an der Seite von Ludwig trübt.

Als ihre Mutter im Sterben liegt, reist Helen nach England. Ludwig und der kleine Fritz, der ihr Glück inzwischen komplett gemacht hat, wollen nachkommen, sobald eine Praxisvertretung gefunden ist. Doch dazu kommt es nicht mehr. Der erste Weltkrieg macht alle Reisen zwischen den verfeindeten Staaten unmöglich. Ob Helen Ludwig und Fritz je wiedersehen wird?

Lebendig aber mit kleinen Schwächen

Die verstummte Liebe ist das dritte Buch, das ich von Melanie Metzenthin lese. Wieder hat ihr lebendiger Schreibstil dazu geführt, dass ich mich voll und ganz darauf eingelassen und es fast in einem Rutsch durchgelesen habe. Anders als bei Die Hafenschwester hatte ich bei Die verstummte Liebe aber ständig das Gefühl, dass irgendwas fehlt ohne das “was” wirklich benennen zu können.

Geholfen hat dann das Nachwort. Mit keinem Wort wird erwähnt, wie es Ludwig und Fritz mit dem plötzlichen Verlust der Partnerin beziehungsweise der Mutter geht. Das hat Melanie Metzenthin nämlich 2017 wohl schon in einem anderen Buch veröffentlicht.

Irritiert hat mich auch die Verhältnismäßigkeit der Zeiträume. Während die Zeit bis zum Kennenlernen von Helen und Ludwig und ihre ersten Jahre sehr ausführlich und lebendig erzählt wurde, empfand ich Helens Jahre in England von 1914 bis 1945 eher zäh und oberflächlich. Auch wenn das dem psychischen Empfinden der Hauptperson ziemlich gut entspricht.

Trotz dieser kleinen Schwächen bekommt Die verstummte Liebe ganz klar eine Leseempfehlung von mir. Auch wegen der sehr wichtigen Anmerkungen zum Krieg im Allgemeinen. Und ich bin gespannt, wie es mit Fritz und seinen englischen Halbgeschwistern Thomas und Ellinor weitergeht. So umtriebig wie Frau Metzenthin beim Schreiben ist, ruht mindestens der Entwurf sicher schon im Computer.

Melanie Metzenthin

Melanie Metzenthin lebt in Hamburg, wo sie als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie arbeitet. Sie hat bereits zahlreiche Romane veröffentlicht, in denen psychische Erkrankungen oft eine wichtige Rolle spielen. Beim Schreiben greift die Autorin gern auf ihre berufliche Erfahrung zurück, um aus ihren fiktiven Charakteren glaubhafte Figuren vor einem realistischen Hintergrund zu machen. 2020 wurde sie für ihr Buch „Mehr als die Erinnerung“ mit dem DELIA Literaturpreis ausgezeichnet.

Buchinfo: Die verstummte Liebe von Melanie Metzenthin, Herausgeber: Tinte & Feder, 12. Januar 2021, 461 Seiten, € 7,99, ISBN 978-2496703924. Danke für das Leseexemplar.

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