Jörg H. Trauboth: Jakobs Weg

Für Jakob war das Internat “Maria Hilf” die Hölle auf Erden. Jeden Monat hat der Internatsleiter ihn und weitere Schüler pädophilen Männern und Frauen zur freien Verfügung angeboten. Zwar werden der Kripo Informationen zugespielt, aber die Täter konnten nicht entlarvt werden. Erst zwanzig Jahre später scheint sich das Blatt zu wenden.

Investigativ-Journalistin Hanna Dohn staunt nicht schlecht, als ihr anonym ein Stick mit kompromittierendem Video-Material zugespielt wird. Damit verbunden ist eine Einladung auf den Jakobsweg. Irritiert und schockiert – das Video zeigt schwerste sexuelle Gewalt gegen junge Knaben – wendet die Journalistin sich an Joe Hunter, ihren Bekannten beim BKA. Doch Joe, genannt Hunter, hat die gleiche Einladung erhalten.

Zwanzig Jahre zuvor war er in die Ermittlungen in “Maria Hilf” involviert. Die Rose, die alle Vergewaltiger in dem Video als Tattoo tragen, hat er sofort wiedererkannt. Sie war das Kennzeichen eines Kinderschänderrings, der sich Monat für Monat an den Zöglingen des Internats vergangen hat. Mit dem neuen Material wäre es theoretisch möglich, einige der Täter zu identifizieren und ihrer Verantwortung zuzuführen. Theoretisch. Wäre da nicht die Verjährungsfrist für sexuelle Gewalt. Denn die ist überschritten.

Hanna und Hunter beschließen, unter falscher Identität an dem Pilgertreffen teilzunehmen. Gedeckt von Hunters Einheit und mit falschen Identitäten. Beide wissen, dass das Risiko, zwei Wochen mit skrupellosen Kinderschändern zu verbringen, gefährlich ist. Erst recht, wo diese sich in die Enge getrieben fühlen. Schließlich hat der anonyme Organisator angekündigt, die Clips derjenigen den Medien zuzuspielen, die sich der Prüfung entziehen.

Mindestens 40 getötete Seelen – pro Tag!

Statista weist durchschnittlich 15.000 Fälle von sexueller Gewalt gegen und an Kindern in Deutschland aus. Erfasst werden dabei versuchte und vollendete Taten, die der Polizei angezeigt werden. Die Dunkelziffer liegt vermutlich wesentlich höher, gerade im familiären Umfeld, wo aus Scham und aus Angst viel zu oft geschwiegen wird. 15.000 polizeibekannte Fälle in Deutschland pro Jahr, das sind mehr als 40 Kinder pro Tag, für die eine unbeschwerte Kindheit, Vertrauen und Geborgenheit ein Leben lang Fremdworte bleiben können. Egal wie gut der Missbrauch therapeutisch aufgearbeitet wurde. Nicht selten tragen diese Kinder ihre Verletzung in die nächste Generation. Missbrauchen ihre eigenen Kinder, verbal oder körperlich. Sofern sie überhaupt in der Lage sind, sich auf eine Familie einzulassen.

Jörg H. Trauboth arbeitet in Jakobs Weg den brutalen Alltag von Täter:innen, Opfern und Ermittelnden in einem sehr speziellen Krimi auf. Mit viel Hintergrundwissen bringt er Licht in das oft schön geredete Dunkel der kleinen verletzten Seelen. Und er würdigt die Ermittelnden, die sich Tag für Tag in diese Abgründe begeben, um so viele Kinder und Jugendliche zu retten oder – noch besser – zu bewahren.

Jakobs Weg ist ein ernüchterndes Buch und nichts für empfindsame Gemüter. Und es ist ein Buch, von dem es mehr geben muss. Wir müssen lernen, nicht wegzusehen, wenn wir das Gefühl haben, da stimmt irgendwas nicht. Wir müssen über diese 40 Kinder und Jugendlichen pro Tag – ohne Dunkelziffer – reden, damit sie sich nicht schuldig fühlen. Damit sie lernen können, dass sie nichts falsch machen. Und wir müssen Wege finden, wie wir Tätern und Täterinnen einen Ausweg ermöglichen. Denn einfach aufhören können pädophile Täter nicht.

Jörg H. Trauboth

Jörg H. Trauboth ist heute Autor, Filme­macher und be­geisterter Pilot. Sein Rat ist unverändert in aktuellen Krisen­fällen und als TV-Experte bei internationalen Krisensitua­tionen gefragt. Er ist verheiratet, hat zwei Söhne und drei Enkelkinder und lebt mit seiner Frau in der Nähe von Bonn. Trauboth arbeitet ehrenamtlich im Kriseninterven­tionsteam Bonn für das Auswärtige Amt (KIT).

Buchinfo: Jakobs Weg von Jörg H. Trauboth, erschienen bei ratio-books, 25. Februar 2021, 390 Seiten, € 16,90, ISBN 978-3-96136-095-6. Danke für das Leseexemplar.

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