Yaa Gyasi: Ein erhabenes Königreich

Gifty ist eine hoch talentierte Wissenschaftlerin. Ihr Forschungsgebiet: Suchtverhalten. Ihre Motivation: Der drogenabhängige Bruder, der seine Sucht nicht überlebt hat. Ein Drama, von dem sich ihre Mutter nie erholt hat.

Als Tochter ghanaischer Eltern war Gifty immer darauf bedacht, nicht aufzufallen. Eine schwierige Aufgabe für ein schwarzes Mädchen im weißen Amerika. Sie war gehorsam, leise, fleißig. Ganz anders als ihr älterer Bruder. Der hat nie verkraftet, dass ihr Vater in Amerika nicht heimisch wurde und der einfach zurück nach Ghana ist. Natürlich wollte er die Familie nachholen. Aber von Jahr zu Jahr glauben die Geschwister weniger daran, dass er das jemals ernst meinte. Die Situation eskaliert vollends, als sie von der neuen Frau im Leben ihres Vaters erfahren. Während Gifty die Schuld bei sich sucht, verliert ihr Bruder völlig den Boden unter den Füßen. Er wird laut, gewalttätig, trinkt, nimmt Drogen.

Mehrere Jobs nebeneinander. Ein ständiges sich Abhetzen und Abarbeiten. Die Kinder gut versorgen. In der Gemeinde aktiv sein. Gottesfürchtig sein. Bloß nicht nach außen zeigen, wie schief der Haussegen hängt. Das ist Giftys Mutter. Eine starke Frau, die sich – wie Gifty – möglichst klein macht. Nicht auffallen will. Und eine Löwin, die für ihren drogenkranken Sohn kämpft. Ihn immer wieder aufsammelt, zum Entzug bringt, ihn badet und abtrocknet wie ein kleines Kind. Und die immer wieder gegen die Drogen verliert. Bis die Sucht ein letztes Mal zuschlägt. Mit dem Tod des Sohnes stirbt auch etwas in der Mutter. Sie legt sich ins Bett und steht nicht mehr auf. Gibt sich ganz ihrer Trauer hin. Da ist keine Kraft mehr, sich um die immer funktionierende Tochter zu kümmern. Und Gifty hat – wieder einmal – Verständnis.

Das Päckchen, das uns die Familie mitgibt

Ein erhabenes Königreich von Yaa Gyasi ist ein berührendes und mutiges Buch. Die Zerrissenheit der kleinen Gifty ist herzzerreißend. Sie möchte gefallen, ihren Eltern nicht mehr Probleme machen, als sie im fremden, weißen Amerika sowieso schon haben. Doch so sehr sie sich bemüht, sie kann den Zerfall der Familie nicht aufhalten.

Die Familiengeschichte wird zu ihrem ganz persönlichen Päckchen, das sie auch als junge Erwachsene nicht abschütteln kann. Das sie aber auch antreibt, immer Höchstleistungen zu bringen. Die Frage zu klären, warum manche Menschen süchtig werden und andere in der gleichen Situation nicht. Der Antrieb, sich in dieses Thema zu verbeißen, ist ihr bewusst. Sie hofft, damit das Trauma um den Verlust des Bruders aufzuarbeiten. Dass die Mutter in eine neue depressive Phase versinkt, macht ihr Leben nicht leichter.

Yaa Gyasi hat mit Ein erhabenes Königreich ein sehr realistisches, ungeschminktes Buch über die Päckchen geschrieben, die viele von uns dank unserer Familiengeschichten mit uns herumtragen. Päckchen, die uns auch im Erwachsenenalter noch zu schaffen machen. Die zu Selbstzweifeln führen und uns ausbremsen, berechtigte Ansprüche zu stellen. Weil wir denken, sie stünden uns nicht zu. Und ein Buch, das die Zerrissenheit von Menschen, Kindern wie Erwachsenen, aufzeigt, die ihre Wurzeln verloren haben und unter der inneren Zerrissenheit leiden.

Ein tolles Buch! Weil es Menschen in der Krise zeigt, dass sie nicht alleine sind. Und dass es Hilfe gibt.

Yaa Gyasi

Yaa Gyasi, 1989 in Ghana geboren, ist im Süden der USA aufgewachsen. Sie hat Englische Literatur an der Stanford University studiert und einen Abschluss des Iowa Writers’ Workshop. Ihr Debüt ›Heimkehren‹ (DuMont 2017), das in den USA und England wochenlang auf den Bestsellerlisten stand, wurde in über 20 Sprachen übersetzt und ist mit mehreren Preisen ausgezeichnet worden, u. a. dem Pen/Hemingway Award. Yaa Gyasi lebt in Brooklyn/New York.

Übersetzung: Anette Grube

Buchinfo: Ein erhabenes Königreich von Yaa Gyasi, erschienen bei Dumont, 13. August 2021, 304 Seiten, gebunden mit Goldprägung und Lesebändchen, € 22,00, ISBN 978-3-8321-8132-1. Danke für das Leseexemplar.

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