Astrid Ruppert: Ein Ort, der sich Zuhause nennt

Als Charlotte Winter, die stille, starke Frau, wird nach einem Kollaps ins Krankenhaus eingewiesen. Auslöser war der Besuch eines älteren Herrn. Beide haben offensichtlich eine gemeinsame Geschichte, die Charlottes Tochter und Enkeltochter zutiefst verwirrt.

Die “Winterfrauen” sind eine eingeschworene Gemeinschaft. Charlotte, die stille, zurückhaltende, stets etwas reserviert wirkende. Paula, ihre Tochter und das genaue Gegenteil: Impulsiv, laut, umtriebig. Und dann ist da noch Maya, die Mittlerin, die es allen recht machen will. Ihrer Mutter Paula, ihrer Großmutter Charlotte, einfach allen. Doch so anstrengend das Familienleben der Frauen mitunter ist, wenn es darauf ankommt, halten sie zusammen.

Dieser Zusammenhalt wird auf eine harte Probe gestellt, als ein geheimnisvoller Hans Kontakt zu Charlotte aufnimmt. Ganz offensichtlich kannten sie sich in ihrer Jugend sehr gut. So gut, dass Paula und Maya eine heimliche Liebschaft vermuten. Doch das stimmt nicht.Ihre Beziehung war sehr viel tragischer. Charlotte hat geholfen, Hans und seine Familie vor den Nazis in Sicherheit zu bringen.

Ausgerechnet der Wirbel, den das unerwartete Auftauchen des alten Mannes in ihr Leben bringt, führt dazu, dass die Winterfrauen endlich die alten Familiengeheimnisse auf den Tisch packen. Was Paula bei Charlotte Zeit ihres Lebens als Lieblosigkeit und Reserviertheit empfunden hat, entpuppt sich als Folge schwerster psychischer Verletzungen während des zweiten Weltkrieges. Als Konsequenz hat sich Paula früh allen Normen widersetzt. Und sich damit selbst verletzt. Sie ist nie wirklich zur Ruhe gekommen, was wiederum Mayas Verhalten beeinflusst hat. Sie fühlte sich früh verantwortlich, Ruhe in die Familie zu bringen.

Die Last der Verschwiegene Familiengeschichten

Ein Ort, der sich Zuhause nennt ist eine bewegende Familiengeschichte, die so ähnlich viele Familien während des Krieges und in der Nachkriegszeit durchlebt haben. Und weil möglichst über die Verletzungen und Abgründe nicht mehr gesprochen werden sollte, wurden sie an die nächste Generation “vererbt”, wo sie zu weiteren Verletzungen führten.

Dieses Schweigen der verstummten Generation belastet noch heute Kinder, Enkel und Urenkel. Weil sie insgeheim spüren, dass es Geheimnisse in der Familie gibt, sich aber nicht trauen, danach zu fragen. Entweder weil ihre Fragen immer abgeblockt wurden oder weil sie sich selbst die Ursache für “liebloses Verhalten” zuschreiben. Ein Teufelskreis.

Es wird Zeit, dass wir die Chance nutzen, nachzufragen, ehe es zu spät ist. Zu klären, warum Dinge so waren, wie sie waren oder noch sind. Damit aufzuhören, uns selbst die Verantwortung für seltsames Verhalten unserer Eltern und Großeltern zuzuschreiben. Und fair zu sein, wenn wir Geschichten erfahren, die wir in unserer heutigen Zeit noch verstehen können. Wir wissen nicht, wie wir gehandelt hätten.

Ein Ort, der sich Zuhause nennt kann der Aufhänger für ein entspannteres Zusammenleben sein. Ein Aufhänger, der Mut macht. Vielleicht auch dir.

Astrid Ruppert

Astrid Ruppert studierte Literaturwissenschaft und arbeitete mehrere Jahre als Fernsehredakteurin, bevor sie zu schreiben anfing. Astrid Ruppert, selbst Tochter, Mutter und Großmutter, geht in ihrer mitreißenden Trilogie der Frage nach, welches Band die Frauen einer Familie eigentlich zusammenhält. Wie man sich davon loslösen kann und wie man selbst diese Beziehungen sein Leben lang prägt.

Buchinfo: Ein Ort, der sich Zuhause nennt von Astrid Ruppert, erschienen bei dtv, 17. November 2021, 480 Seiten, Klappenbroschur, € 15,00, ISBN 978-3-423-26301-6. Danke für das Leseexemplar.

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