Nicole Neubauer: Scherbennacht

Brütend heißer Sommer in München. Ein Polizistenmord erschüttert die Münchner Mordkommission. Der erfahrene Drogenfahnder Leo Thalhammer wurde mit seiner eigenen Dienstwaffe erschossen. Die Kommissare Waechter und Brandl ermitteln und stoßen auf eine Mauer des Schweigens innerhalb der eigenen Reihen. War Thalhammer wirklich einem großen Skandal auf der Spur?

Scherbennacht von Nicole NeubauerErmittlungen in den eigenen Reihen sind für Polizisten immer eine besondere Herausforderung. Ausgerechnet Kommissar Waechters Team wird mit den Ermittlungen zum Mord an Drogenfahnder Leo Thalhammer gerufen. Er wurde tot in seinem Wagen aufgefunden. Erschossen mit seiner eigenen Dienstwaffe. War Thalhammer in der Drogenszene jemandem auf die Füße getreten und wurde dafür bestraft?

Wurde Thalhammer hingerichtet?

Oder gibt es andere Motive. Hinter vorgehaltener Hand wird gemunkelt, der Drogenfahnder sei einem großen Skandal auf der Spur gewesen. Und tatsächlich scheint er ein Doppelleben geführt zu haben. Waechter und sein Team nehmen die Fährte auf und geraten damit selbst ins Visier der Täter. Die Spuren führen immer wieder in die eigenen Reihen und stellen die Ermittler damit vor die Frage, wem sie überhaupt noch trauen können.

Eines vorweg, Scherbennacht ist der dritte Teil der Kommissar Waechter Reihe. Man muss die vorherigen Bände nicht gelesen haben, um sich schnell die aktuelle Story einzufinden. Allerdings hilft es, um den ein oder anderen Hinweis und die Eigenheiten der Charaktere Waechter und Brandl zu verstehen.

Skurrile Charaktere, ungewöhnliche Methoden

Diese sind alles andere als glatt gebügelt. Hier ermitteln richtige Originale mit reichlich Ecken und Kanten. Dass sie sich dabei nicht immer an den Dienstweg halten, versteht sich bei der Beschreibung eigentlich von selbst. Vermutlich gelingt es ihnen genau deshalb, den Fall aufzuklären, denn so kann ihnen innerhalb der eigenen Reihen niemand dazwischenfunken.

Und natürlich sorgen solche Charaktere für den nötigen Spaß beim Lesen. Durch ein Schmunzeln zwischendurch wird kein Krimi weniger spannend.

Von mir bekommt Scherbennacht von Nicole Neubauer deshalb eine Leseempfehlung!

Nicole Neubauer

Nicole Neubauer ist 1972 in Ingolstadt geboren und studierte englische Literaturwissenschaft und Jura in München und London. Nach zehn Jahren in einer Wirtschaftskanzlei arbeitet sie freiberuflich als Autorin, Rechtsanwältin und Lektorin. Sie ist Mitglied der »Mörderischen Schwestern e.V.« und der »Autorinnenvereinigung e.V.«.

Nicole Neubauer lebt mit ihrer Familie in München im Herzen Schwabings.

Buchinfo: Scherbennacht von Nicole Neubauer, erschienen bei blanvalet, 18.09.2018, 384 Seiten, € 9,99, ISBN: 978-3-7341-0451-0. Vielen Dank für das Leseexemplar.

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Silke Knäpper: Das Lieben der anderen

Eine Nacht im März. Helen ist auf dem Heimweg, als ihr vor dem Nachbarhaus eine Frau vor die Füße fällt. Unfähig die Polizei zu informieren, eilt sie heim und beobachtet vom Fenster aus einen Mann, der aus dem Nachbarhaus läuft, auf die Tote zugeht und dann davoneilt. In Helen reift ein grausamer Plan.

COV_KNAEPPER_ANDEREN_LHelen ist zutiefst unzufrieden mit ihrem Leben. Sie mag weder ihren hageren, flachbrüstigen Körper, noch ihr Leben ohne Höhen und Tiefen.

Nicht einmal das heiß ersehnte Baby hatte sich in diesem Körper einnisten und heranwachsen wollen. Robert, ihr Freund, hatte sie deshalb auch verlassen.

Sie hat alles, was ich nicht habe

Und dann lag da diese Frau. Auf den ersten Blick hat Helen erkannt, dass die Fremde alles hatte, wonach sie sich ihr Leben lang sehnte. Ein erfülltes und aufregendes Leben. Einen Mann, elegant und mit geschmeidigen Bewegungen, den sie mit Sicherheit sofort wiedererkennen würde.

In Helen reift ein Plan. Sie würde diesem Mann seine Frau ersetzen. Sie würde in ihr altes Leben schlüpfen und dafür sorgen, dass er ohne sie nicht mehr sein wollte und konnte. Minutiös organisiert sie ihr weiteres Vorgehen und wird zum ganz persönlichen Albtraum ihres Opfers.

Zweifellos im Wahn

Die Liebe der anderen von Silke Knäpper ist ein sehr besonderes Buch, das weit tiefer geht, als alles, was ich bislang zum Thema Stalking gelesen habe. Silke Knäpper lässt uns tief in die Seele einer Frau schauen, die unendlich unzufrieden und einsam ist. Sie nimmt uns mit auf die Reise dieses Menschen in den Wahn, eine andere werden zu wollen. Das Leben und die Position eines toten Menschen einnehmen zu wollen. Ohne Rücksicht auf Verluste und ohne die geringsten Zweifel, dass der Partner dieser Toten diesen Rollentausch akzeptieren wird. In der sicheren Überzeugung, dass dann alle Probleme gelöst sind. Dass ihr Leben endlich erfüllt und glücklich sein wird.

Als Außenstehende blickt man fassungslos auf den Verlauf, den Helens Plan nimmt. Mit welcher Nüchternheit sie Schritt für Schritt plant. Wie alles in ihren Augen völlig logisch aussieht. Und schüttelt dann den Kopf, weil man sich vergegenwärtigen muss, dass Helen die Menschen in ihrer Umgebung als Marionetten sehen muss, die ganz selbstverständlich ihrer Logik folgen müssen. Was sie natürlich nicht tun. Schließlich handelt es sich um eigenständig denkende Menschen mit ihren ganz eigenen Plänen und Vorstellungen.

Zwischen Krimi und Wahnsinn

Als Helen realisiert, dass sich die Dinge nicht so entwickeln werden, wie sie es in ihrer kranken Seele plant, wird sie zur Gefahr.

Die Liebe der anderen von Silke Knäpper ist ein wirklich wirklich tolles Buch. Ein bisschen Krimi aber ganz viel Psychologie und Wahnsinn. Dabei ganz leise, ohne große Erschütterungen und mit umso mehr Tiefgang. Von mir eine klare Leseempfehlung.

Silke Knäpper

1967 in Ulm geboren, studierte Romanistik, Germanistik und Anglistik in Wien, Freiburg und Köln.

Nach Lehrtätigkeiten in Saint-Cloud bei Paris und in London kehrte sie 2001 nach Neu-Ulm zurück, wo sie heute als Lehrerin an einem Gymnasium unterrichtet. Für eine Passage aus der Erzählung »Egal, wo man aufwacht« erhielt sie eine erste Auszeichnung beim Irseer Pegasus.

Bei Klöpfer & Meyer erschien 2012 ihr Roman »Im November blüht kein Raps«: »Ein eigen-sinniger Roman«, so Karl-Heinz Ott, »ein Debüt, das heraussticht«.

Buchinfo: Das Lieben der anderen von Silke Knäpper, erschienen bei Klöpfer&Meyer, August 2018, 236 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, € 22,00, ISBN 978-3-86351-474-7. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Jill McGown: Mord im alten Pfarrhaus

Heiligabend im englischen Byford. Der Pfarrer besucht heimlich eine junge Frau. Seine Tochter wird von ihrem Ehemann verprügelt und ihre Mutter gesteht einen Mord, den sie nicht begangen hat. Also alles sehr besinnlich. Chiefinspector Lloyd und Sergeant Hill ermitteln.

Mord im alten PfarrhausRechtzeitig zu Weihnachten versinkt das Dörfchen Byford im Schnee. Doch der dichte weiße Schleier kann nicht verbergen, dass es in dem romantischen Dörfchen alles andere als beschaulich zugeht. Vor dem tief verschneiten Pfarrhaus blinkt das Blaulicht der Polizei mit der Weihnachtsbeleuchtung um die Wette. Ausgerechnet an Heiligabend wurde ein Mann ermordet. Für Chiefinspector Lloyd und Sergeant Hill kommt der Fall nicht ungelegen, können sie doch dadurch einem trostlosen Weihnachtsfest entfliehen.

Die Pfarrersfrau war’s! Oder doch nicht?

Die Ermittlungen gestalten sich unerwartet schwierig. Niemand weiß etwas, keiner hat etwas gesehen und wenn doch, passen die gesammelten Informationen hinten und vorne nicht zusammen. Dann überschlagen sich die Ereignisse. Die Pfarrersfrau gesteht den Mord. Gleich in zwei Versionen. Eine schöne Bescherung!

Eines vorweg für alle Weihnachtshasserinnen und -hasser: Auch wenn Mord im alten Pfarrhaus mit “Ein Weihnachtskrimi” untertitelt ist, ist der einzige Bezug zum Fest der Todestag des Opfers. Ihr könnt also ohne Angst vor Feiertagsdepressionen lesen.

Nichts ist wie es scheint

Jill McGown verwebt geschickt die mysteriösen Vorgänge im Pfarrhaus mit der tiefen Glaubenskrise des Pfarrers und der Liebeskrise zwischen Lloyd und Hill. Nichts ist so einfach wie es scheint und die Ermittlungen geraten mehr als einmal aufs Glatteis.

Dennoch schafft es die Autorin, die Spannung bis zum Ende zu halten und macht das Buch zu einer klaren Leseempfehlung.

Jill McGown

Jill McGown, 1947 im schottischen Campbeltown geboren, arbeitete als Sekretärin, bevor sie sich ganz der Spannungsliteratur verschrieb. Ihre Kriminalromane wurden von Presse und Publikum gleichermaßen begeistert aufgenommen. Jill McGown starb 2007 im englischen Kettering.

Übersetzung: Barbara Först

Buchinfo: Mord im alten Pfarrhaus von Jill McGown, erschienen bei DUMONT, 13.09.2018, 318 Seiten, gebunden, € 18,00, ISBN 978-3-8321-9884-8. Danke für das Leseexemplar.

Julia Corbin: Die Bestimmung des Bösen

In einem Waldstück bei Mannheim werden zwei tote Frauen aufgefunden. Die Leichen sind sehr entstellt und wurden vom Mörder bizarr inszeniert. Und sie sind erst der Auftakt einer unfassbar brutalen Mordserie. Kommissarin Alexis Hall arbeitet gegen die Zeit. Kann sie den Mörder stoppen?

Die Bestimmung des Boesen von Julia CorbinKriminalkommissarin Alexis Hall weiß, wenn das Handy sonntags in aller Frühe klingelt, bedeutet das nichts Gutes. “Ich bin in zehn Minuten bei dir. Keine Stöckelschuhe, es wird matschig”, ruft ihr Kollege Oliver Zagorny gut gelaunt ins Telefon und legt auf.

Als sie kurze Zeit später gemeinsam die Reißinsel bei Mannheim erreichen, ist der Matsch das kleinste Übel, das sie erwartet. Unter einem Baum sind zwei Frauenleichen bizarr arrangiert: Nackt bis auf den Slip, die Beine ineinander verschränkt, die Köpfe aneinander gelehnt.

Maden und Puppen sollen die Lösung bringen

Offensichtlich waren die Leichen bereits einige Tage den Kräften der Natur ausgesetzt. In Augen, Mundhöhle und Nase tummeln sich unzählige Maden. Besonders schlimm sind die Hälse der beiden Frauen zugerichtet. Auch hier waren die offenen Wunden ein willkommenes Fressen für allerlei Getier.

Ein Fall für Kriminalbiologin Karen Hellstern, die sich auf die Besiedelung von Leichen durch Aasfresser spezialisiert hat. Akribisch sammelt sie Tiere in allen Entwicklungsstadien ein und wertet ihren Fund unter Hochdruck aus. Tatsächlich findet sie erste Hinweise auf den Tatort, denn der ist eindeutig ein anderer als die jeweiligen Auffindeorte.

Doch dann ändert der Täter scheinbar sein Vorgehen und stürzt Kommissarin Alexis Hall damit in eine tiefe Krise. Offensichtlich weiß er um ihr gut gehütetes Geheimnis.

Julia Corbin hat mich gleich zweimal gepackt

Die Bestimmung des Bösen habe ich verschlungen, kaum dass sie im Haus war. Aber irgendwie habe ich die Rezension vergessen. Letzte Woche habe ich diese nachholen wollen und etwas hin und her geblättert. Und was soll ich sagen: Ich habe es nochmal lesen müssen. Weil dieses Buch so spannend ist. Und überraschenderweise hat es auch wieder einen aktuellen Bezug.

Ich habe mit Alexis Hall mitgelitten, um ihren Kater gebangt, an ihr gezweifelt. Ich stand gefühlt neben Karen Hellstern und habe DNA isoliert, wie in meiner Studienzeit. Ich habe mit den Opfern mitgelitten, die von ihrem Peiniger maßlos kaltblütig gequält wurden. Und ich war mir bis zum Ende nicht sicher, wer dieser Peiniger ist.

Mit Die Bestimmung des Bösen hat Julia Corbin einen Thriller abgeliefert, der diesen Namen wirklich verdient. Von mit ein klares Daumen hoch!

Julia Corbin

Julia Corbin, geboren 1980, studierte Biologie in Heidelberg. Die Arbeit als Biologin inspirierte sie auch zu ihren Thrillern „Die Bestimmung des Bösen“ und „Das Gift der Wahrheit“ mit dem Team Hall & Hellstern. Ihre Leidenschaft für Nervenkitzel lebt die Autorin nicht nur in ihren Büchern, sondern auch bei Sportarten wie Kite- und Windsurfen oder Extrem-Hindernisläufen aus. Sie wohnt mit ihren Hunden im Landkreis Heilbronn und gibt Kurse in Kreativem Schreiben.

Buchinfo: Die Bestimmung des Bösen von Julia Corbin, erschienen bei DIANA, Mai 2017, 416 Seiten, € 9,99, ISBN: 978-3-453-35934-5. Vielen Dank für das Leseexemplar.Die Bestimmung des Boesen von Julia Corbin

Christian v. Ditfurth: Böse Schatten

In Hamburg wird die Leiche eines Mannes gefunden, der seit mindestens 25 Jahren tot sein muss. In seinem Mund steckt ein Papierfetzen, der den Ermittlern Rätsel aufgibt. Die Ermittlungen stocken. Zeit für Professor Josef Maria Stachelmann. Kann er Licht ins Dunkel bringen?

Boese Schatten von Christian Ditfurth

Professor Josef Maria Stachelmann ist frisch an die Universität berufen worden. Eigentlich sollte er seine Antrittsvorlesung und ein Gespräch mit Drittmittelanbietern vorbereiten.

Nur mühsam kann er sich motivieren. Da kommt die Anfrage von Oberkommissarin Rebekka Kranz gerade recht.

Ermitteln macht einfach mehr Spaß

Mit seiner wissenschaftlichen Expertise soll Stachelmann Licht in ihren neuesten Fall bringen. Eine Leiche wurde mit einem Papierfetzen im Mund gefunden, dessen Aufdruck der Professor entschlüsseln soll. Schließlich hat er mit seinem Spezialwissen und seiner Leidenschaft für kriminalistische Ermittlungen bereits einem anderen Fall zur Aufklärung verholfen.

Dass sie mit diesem Fall auch ein Stück deutsch-deutsche Geschichte aufarbeiten, ahnt zu diesem Zeitpunkt noch niemand.

Christian v. Ditfurth – Der Mann für intelligente Krimis

Böse Schatten ist das dritte Buch von Christian v. Ditfurth, das ich lese und mein erster “Stachelmann”.

Wieder bin ich angetan von Ditfurths Schreibstil. Mit kurzen Sätzen geht es temporeich durch die Story. Ganz “nebenbei” gibt es auf spannende Art und Weise Nachhilfe in Geschichte. Dennoch hat mich Böse Schatten nicht ganz so gepackt wie die Vorgänger. Ob das an Professor Stachelmann lag, kann ich nicht behaupten. De Bodt aus einer anderen Ditfurth-Reihe ist auch nicht unbedingt leicht verdaulich. Ich vermute eher, dass sich das inhaltlich komplexere Thema in Kombination mit der kurzen Angebundenheit, die den Stil des Autors ausmacht, nicht ganz so gut vertragen.

Dennoch bekommt das Buch von mir eine Leseempfehlung. Das Thema ist einfach spannend.

Christian v. Ditfurth

Christian v. Ditfurth, geboren 1953, ist Historiker und lebt als freier Autor in der Bretagne. Neben Sachbüchern und Thrillern hat er bislang sechs Kriminalromane um den Historiker Josef Maria Stachelmann veröffentlicht. Zuletzt erschienen seine Thriller »Zwei Sekunden« und »Giftflut«.

Buchinfo: Böse Schatten von Christian v. Ditfurth, erschienen bei Penguin, März 2018, 416 Seiten, € 10,00, ISBN: 978-3-328-10177-2. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Kerry Egan: Leben

Kerry Egan ist Hospizseelsorgerin. Ihre Aufgabe sieht sie daran, ein offenes Ohr für die Sterbenden zu haben. In ihrem Buch leben – Von Sterbenden lernen, was zählt, lässt sie uns an Geschichten um Hoffnung und Glück, Reue und Trauer teilhaben.

leben von Kerry EganFür mich hat das Sterben schon immer zum Leben gehört. Auch beruflich und nebenberuflich hat es mich lange Jahre beschäftigt. Deshalb greife ich auch gerne nach Büchern, die sich mit unserem Ende befassen.

Hört den Sterbenden zu

leben – Von Sterbenden lernen, was zählt ist ein solches Buch. Als Hospiz Seelsorgerin hat Kerry Egan Zeit für Bewohnerinnen und Bewohner. Sie muss sich nicht um die Pflege kümmern, keine Verwaltungsschlachten führen, nicht missionieren. Sie ist da um zuzuhören. Wenn die Sterbenden denn reden wollen.

Das will längst nicht jeder Mensch am Ende seines Lebens. Und nicht für alle ist Kerry Egan die richtige Ansprechpartnerin.

So oft habe ich in der Stille gesessen, die Luft schwer und voller Spannung, während ein Patient mein Gesicht abgesucht hat. Mit der Zeit entwickelt man ein Gespür dafür, wann dieser Moment eintritt. Ein Gefühl der Elektrizität liegt in der Luft, und der Patient prüft die Ladung. Dann muss ich warten, denn ich weiß, wenn ich einfach nur präsent bleibe, schweige und warte, egal, wie schwer das fällt, wird der Patient irgendwann den Mut finden. Er wird das Unaussprechliche aussprechen…

Und immer wieder: Die Liebe

Einige der Geschichten, die ihr anvertraut wurden, hat sie in diesem Buch zusammengefasst. Geschichten um Glück und Reue, Stolz und Trauer. Und solche um viel zu lange gehütete Geheimnisse und die wahre Liebe, egal ob zu einem Partner oder einer Partnerin oder zu Kindern und Freunden.

Bei der Auswahl beschränkt sie sich natürlich auf die Geschichten, die sie mit Zustimmung der Protagonistinnen veröffentlichen durfte. Vielleicht liegt es daran, dass mich Kerry Egan nicht so gepackt hat, wie ich das erwartet habe.

Was ist wirklich wichtig, wenn das Leben zu Ende geht?

An der einfühlsamen Art, zu erzählen, liegt es sicher nicht. Die beherrscht Kerry Egan. Und was die Bewohner zu erzählen haben, ist eindeutig interessant und berührend. Egal, ob es um aus Scham totgeschwiegene Verwandte geht, um rüpelhaftes Verhalten zum Selbstschutz oder um alte Stammesbräuche geht, die von der Kirche zwar als Aberglauben verteufelt werden, die einer Sterbenden aber dennoch Erleichterung bringen, jede einzelne Geschichte ist so individuell wie ihr “Besitzer”.

leben – von Sterbenden lernen, was zählt ist ein gutes Buch für alle, die sich mit dem Leben und dem Sterben auseinandersetzen möchten, auch wenn es mich selbst nicht so richtig gepackt hat. Nicht jedes Buch passt eben zu jedem Menschen. Vermutlich hat die Besprechung aus deswegen so lange gedauert, obwohl das Buch längst ausgelesen ist.

Kerry Egan

Kerry Egan ist eine Hospiz-Seelsorgerin mit Abschluss der Harvard Divinity School. Sie ist regelmäßige Autorin von Essays zum Thema ihrer Arbeit im Fernsehen, in Zeitungen und Zeitschriften. Kerry Egan lebt mit ihrer Familie in Columbia, South Carolina.

Buchinfo: Leben von Kerry Egan, erschienen Güterloher Verlagshaus, 25.09.2017, 192 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, € 17,99, ISBN: 978-3-579-08686-6. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Felicitas Gruber: Gschlamperte Verhältnisse

Hochsommer in München. In der Isar schwimmt eine männliche Leiche. Kurz darauf verschwinden drei Frauen spurlos. Während der Polizeiapparat heiß läuft, behält Dr. Sofie Rosenhuth, besser bekannt unter dem Namen “Die kalte Sofie” einen kühlen Kopf und ermittelt.

Gschlamperte Verhaeltnisse von Felicitas GruberFestlich soll es sein am Isarstrand. Schließlich wird die kleine Tochter von Sofies Freunden dort frei getauft. Doch just als die Feierlichkeiten beginnen sollen, treibt auf der Isar eine männliche Leiche und damit Arbeit für Sofie daher. Denn in erster Linie ist Dr. Sofie Rosenhuth Rechtsmedizinerin. Da muss man eben Prioritäten setzen. Gerade an heißen Sommertagen.

Als wäre das nicht genug, tauchen plötzlich auch noch kunstvoll verzierte Schädel unter filigranen Glasstürzen auf. Die Polizei tippt auf Reliquien aus einem Kirchendiebstahl Doch genauere Analysen ergeben, dass die drei Schädel neu sind. Sehr neu. Bleibt die Frage nach den zugehörigen Torsi. Und ob weitere “Reliquien” folgen werden.

Wo ist Dr. Iglu?

Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren, als plötzlich Sofies Chefin, Dr. Elke Falk, wegen ihrer empathischen Art auch Dr. Iglu genannt, spurlos verschwindet. Die letzten Hinweise führen zur Dating-Plattform “Mein Hund & Du”. Hängt ihr Verschwinden womöglich mit den grausigen Funden zusammen?

Meist greife ich mit gemischten Gefühlen nach den in Mode gekommenen Regionalkrimis mit humoristischem Einschlag. Einerseits freue ich mich auf leichte und entspannte Unterhaltung ohne wahnsinnig große Überraschungen, dafür mich einer guten Portion Lokalkolorit. Andererseits hoffe ich, dass der Autor oder die Autorin den schmalen Grad zwischen regional-gesellig und plump klischeehaft nicht überschritten hat.

Ganz schön hot, die kalte Sofie!

Felicitas Gruber, also Brigitte Riebe und Gesine Hirsch ist das mit ihrer Hauptperson Dr. Sofie Rosenhuth gelungen. Bei aller bajuwarischen Herbheit bleibt “Die kalte Sofie” herzerwärmend frisch und immer leicht chaotisch. Auch ihr Verhältnis zu Männern macht da keine Ausnahme.

Gschlamperte Verhältnisse ist schönes Sonntagsnachmittagslesefutter. Das Buch passt genauso gut zum herrlichen Altweitersommer 2018 wie zu tristen Herbst- oder Wintertagen mit Kakao und Decke auf der Couch.

Viel Spaß beim Lesen!

Felicitas Gruber

Felicitas Gruber ist das Pseudonym der Autorinnen Brigitte Riebe und Gesine Hirsch. Brigitte Riebe ist promovierte Historikerin und begeistert seit vielen Jahren mit ihren historischen Romanen ihre zahlreichen Leserinnen und Leser. Gesine Hirsch ist Kunsthistorikerin und entwickelte die erfolgreiche Serie »Dahoam is Dahoam« für das Bayerische Fernsehen mit. Beide Autorinnen leben in München, wo auch ihre Krimireihe mit der sympathischen Rechtsmedizinerin Dr. Sofie Rosenhuth spielt.

Buchinfo: Gschlamperte Verhältnisse von Felicitas Gruber, erschienen bei DIANA, 10.09.2018, 304 Seiten, € 9,99, ISBN: 978-3-453-35957-4. Vielen Dank für das Lesesexemplar.