Klaas Huizing: Zu Dritt

Karl Barth gilt als der “Kirchenvater des 20. Jahrhunderts” und als Kopf der “Bekennenden Kirche” im Kampf gegen Hitler. Sein Bild schaffte es auf die Cover von Spiegel und New York Times Magazine. Doch wie lebte Karl Barth privat? Mit Zu Dritt gewährt Klaas Huizing seinen Lesern Einblick in eine ganz besondere Familienkonstellation.

COV_HUIZING_ZUDRITT_LAm 10. Mai 1886 wurde Karl Barth in Basel geboren. Offensichtlich hat das “Erbe” seines Vaters, er war Theologieprofessort, die Familie stark geprägt. Neben Karl wendet sich auch sein Bruder Peter der Theologie zu.

Sein Studium der Evangelischen Theologie führt den jungen Karl Barth nach Bern, Berlin, Tübingen und Marburg. In Genf wird er schließlich Hilfsprediger der deutschsprachigen Gemeinde. Hier lernt er auch Nelly Hoffmann kennen und lieben. Beide heiraten und bekommen fünf Kinder. Die Rollen sind dabei klar verteilt: Karl ist der Intellektuelle, der Wissenschaftler und Ernährer, Nelly die “Haushaltsministerin”, wie er sie später nennt. Ihr obliegt es, ihrem Gatten Rücken und Geist frei zu halten, die Kinder zu erziehen und im Haus nach dem Rechten zu sehen.

Muss man dieses Opfer für die Wissenschaft bringen?

Das Familienleben gerät aus den Fugen, als Karl Barth Charlotte von Kirschbaum, eine 13 Jahre jüngere Deutsche, kennenlernt. Ihr scharfer Verstand und ihre Diskussionsfreude faszinieren den Theologen so sehr, dass er auf ihre Unterstützung nicht mehr verzichten will. Immer mehr Zeit verbringen sie gemeinsam, bis Karl seiner Frau Nelly vorschlägt, eine “Notgemeinschaft” zu gründen. Charlotte soll zu der Familie ins Haus ziehen, damit er, Karl, jederzeit mit ihr diskutiere und ihre gemeinsame Arbeit voranbringen kann.

Nach langem Widerstand fügen sich beide Frauen in dieses Schicksal und leben 35 Jahre eine Ménage à trois. Stecken ihr eigenen Bedürfnisse zurück für einen Mann, der das selbstverständlich findet, geht es doch um sein großes Werk Die kirchliche Dogmatik, dem er alles unterordnet.

Wie speziell dieses Zusammenleben war, zeigt bis heute die Grabplatte am Familiengrab der Barths in Basel. Nach Karls Tod hat Nelly zugestimmt, dass auch Charlotte im Familiengrab beigesetzt wird.

Faszinierend und irritierend

Zu Dritt von Klaas Huizing hat mich gleichzeitig fasziniert und irritiert. Mit welchem Selbstverständnis Karl Barth von zwei Frauen erwartet, dass sie ihr eigenes Leben komplett seiner Karriere unterordnen, macht mich fassungslos. Da sehe ich nichts von dem offenen Menschen, der seiner Zeit voraus sein wollte, der gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit eintrat. Für ihn muss man den Spruch “Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau” abwandeln. Hinter Barth standen zwei starke Frauen, sonst hätte er vielleicht nie die Bedeutung für die Evangelische Kirche erlangt, die ihm heute zugestanden wird.

Gleichzeitig muss ich gestehen, dass der Theologe offenbar ein ganz besonderes Charisma hatte. Als Charlotte von Kirschbaum an Demenz erkrankt und im Pflegeheim versorgt werden muss. wendet Karl Barth sich wieder seiner Frau Nelly zu. Und tatsächlich stimmt diese, nach Jahrzehnten auf dem intellektuellen und emotionalen Abstellgleis, dieser Annäherung zu und unterstützt ihn in seinen letzten Jahren.

Zu Dritt ist ein sehr bewegendes, intelligentes Buch, das mir tiefe Einblicke in eine ganz besondere Familie gewährt hat. Auch wenn ich immer wieder den Kopf über so viel “machohaftes” Selbstverständnis schütteln musste und es traurig fand, wie weit Nelly und Charlotte ihr eigenes Leben zurück gesteckt haben, war das Aufbäumen der beiden zwischendurch immer wieder faszinierend. Nelly, die irgendwann begonnen hat, innerhalb dieses Konstrukts ihr eigenes Leben zu führen. Charlotte, der nach und nach bewusst wurde, was sie alles aufgegeben hat und wie viel von ihr selbst Karls Werken zugeschrieben wird.

Ich fand das Buch wirklich toll und empfehle es gern weiter.

Klaas Huizing

1958 geboren, Niederländer, studierte in Münster, Hamburg, Kampen (NL), Heidelberg und München Philosophie und Theologie. Promotion, Habilitation, lehrt seit 1998 als Professor für Ästhetische Theologie und Ethik an der Universität Würzburg. Seit 1993 Mitglied im PEN. Von 2007 bis 2015 Chefredakteur des Kulturmagazins OPUS, seitdem Herausgeber. Er lebt u. a. in Berlin. Mehrere Auszeichnungen und Preise.

Zahlreiche theologische Publikationen, ein Theaterstück und zwölf Romane. Mit seinem in mehrere Sprachen übersetzten Bestseller »Der Buchtrinker«, dem Kant-Roman »Das Ding an sich« und »Mein Süßkind. Ein Jesus-Roman« wurde er einem größeren Publikum bekannt. Mit seinem Familienroman »Bruderland« war er 2015 für die »Hotlist«, den Preis der unabhängigen Verlage nominiert.

Zeitgleich mit dem Roman »Zu Dritt« erscheint im Kreuz Verlag (Herder) von Klaas Huizing »Gottes Genosse. Eine Annäherung an Karl Barth«.

Buchinfo: Zu Dritt von Klaas Huizing, erschienen bei Klöpfer&Meyer, 30.08.2018, 400 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 25,00 €, ISBN 978-3-86351-475-4

Advertisements

Sara Paborn: Beim Morden bitte langsam vorgehen

Irene hat die Nase voll von Horst. Seit 39 Jahren meckert und mäkelt er an ihr rum, nimmt sie ansonsten kaum wahr. Als ihr der Zufall eine Schachtel mit alten Vorhang-Bleibändern in die Hände spielt, reift in Irene ein Plan.

Beim Morden bitte langsam vorgehen von Sara PabornIrene ist leidenschaftliche Bibliothekarin. Bücher sind ihr Leben. In ihrer ruhigen Dachkammer, die sie sich als Minibibliothek eingerichtet hat, kann sie die Umwelt vergessen. Die Modernisierungen, die der neue Chef der Bibliothek einführen will und die Irene so überhaupt nicht passen. Ihren Mann Horst, der sie kaum noch wahrnimmt. Es sei denn, er hat mal wieder was zu meckern. Der unfähig und unwillig ist, an seinem Leben etwas zu ändern.

Im Keller liegt die Lösung

Als Horst sie aus ihrem Exil unter dem Dach in den Heizungskeller vertreibt, damit er in der Dachkammer seinem eigenen Hobby frönen, resigniert Irene endgültig. Schweren Herzens beginnt sie, sich den Keller irgendwie gemütlich zu machen, ihren Büchern wieder den würdigen Platz zu geben, der ihnen zukommt. Dabei fällt ihr eine kleine Schachtel mit merkwürdigen Bleiklümpchen in die Hand. Ihre Mutter hat sie in die Säume der Vorhänge genäht, damit diese glatt hängen. Heute werden sie wegen ihrer Giftigkeit nicht mehr eingesetzt.

Irene beschließt, dafür zu sorgen, dass die Chemie zwischen ihr und Horst wieder stimmen muss. Sie beginnt, ihn gastronomisch besonders zu verwöhnen. Liebe geht schließlich durch den Magen, sagt der Volksmund.

Herrlich, einfach nur herrlich schwarz

Sara Paborn hat mich mit Beim Morden bitte langsam vorgehen im Sturm erobert. Mir fiel spontan so manche Story aus langjährigen Ehen ein. Ehen, die im besten Falle noch Zweckgemeinschaften, im schlechtesten Kriegsschauplätze sind. Keine Chance zum Seitenhieb wird ausgelassen. Ansonsten geht man sich aus dem Weg, traut sich aber nicht, eigene Wege zu gehen. Hätte aber auch nichts dagegen, wenn die oder der andere plötzlich nicht mehr da wäre.

Ein super böses Buch, das sich genussvoll mit einem Schmunzeln lesen lässt. Nicht nur von unzufriedenen Eheleuten. Beim Morden bitte langsam vorgehen von Sara Paborn ist einfach Zucker!

Von mir ein klares: Kaufen, lesen, lachen. Oder wundern. Je nachdem, wie man gepolt ist und wie schwarz die Lektüre sein darf.

Sara Paborn

Sara Paborn, 1972 in Sölvesborg geboren, war früher in der Werbebranche tätig und lebt heute als Autorin in Stockholm. 2009 veröffentlichte sie ihr Debüt. Ihr Überraschungsbestseller Beim Morden bitte langsam vorgehen ist ihr vierter Roman; damit ist Sara Paborn erstmals auf Deutsch zu entdecken.

Aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn.

Buchinfo: Beim Morden bitte langsam vorgehen von Sara Paborn, erschienen bei DVA, 16. April 2018, 272 Seiten, gebunden, € 18,00, ISBN: 978-3-421-04802-8. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Christoph Martin: Die Expansion

Max Burns lebt seinen Traum. Er ist verantwortlicher Chefingenieur eines der größten Bauprojekte des 21. Jahrhunderts: Die Erweiterung des Panamakanals. Doch dann wird der Traum zum Alptraum. Burns gerät zwischen die Fronten diplomatischer Interessen.

Bildschirmfoto 2018-08-26 um 19.03.20Max Burns sieht sich am Ziel seiner privaten Träume. Trotz des frühen Todes seiner Eltern hat er Karriere gemacht. Er hat Sarah, seine große Liebe, kennengelernt und steht kurz davor, in das Unternehmen ihres Vaters einzutreten. Alles scheint nach Plan zu laufen. Bis ihm sein früherer Professor anbietet, ein Team zu leiten, das sich um die Erweiterung des Panamakanals bewirbt. Burns setzt alles auf eine Karte und übernimmt den Job.

Wer sind die Strippenzieher im Hintergrund?

In Panama angekommen, stellt er schnell fest, dass dieser Auftrag anders ist als alles, was er vorher je gemacht hat. Max Burns und sein Team werden zum Spielball der Politik, denn nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint. Jeder falsche Schritt kann internationale Verwicklungen nach sich ziehen. So langsam dämmert es Max, dass es um viel mehr als nur gute Ingenieurskunst geht.

Die Expansion von Christoph Martin hat mich gleich auf mehreren Ebenen angesprochen:

  • Da war zum einen die historische Entwicklung des Panamakanals. Bislang hatte ich mich nie damit beschäftigt. Die Expansion hat das geändert. Eine interessante Geschichte um ein gigantisches Projekt, die ich wirklich empfehlen kann.
  • Dann waren da die politischen Scharaden im Hintergrund. Wir alle ahnen, dass solche Großprojekte viele Interessenten auf den Plan rufen und längst nicht alle möchten erkannt werden. Kämpfe bis aufs Blut erscheinen mit da durchaus realistisch. Spionage und Überwachung sowieso.
Ein interessantes Thema, solide geschrieben

Weniger gepackt hat mich hingegen der “Thriller-Aspekt” des Buches. Ich würde Die Expansion eher als politischen Krimi beschreiben. Für einen Thriller sind Spannung und Tempo nicht hoch genug, was nicht bedeutet, dass es nicht spannend ist.

Insgesamt bekommt Die Expansion von mir eine gute Note. Ein spannendes historisches Thema solide umgesetzt, aber man hätte auch mehr herausholen können.

Christoph Martin Zollinger und Libby O’Loghlin

Christoph Martin Zollinger ist ein Schweizer Unternehmer mit beruflichen Stationen in Kanzleien, militärischen Betrieben, Kapitalgesellschaften und Privatunternehmen. Nach seinem Abschluss in Jura an der Universität Zürich ging er nach Panama und arbeitete dort über eine Dekade lang für unterschiedliche Unternehmen. 2012 zog er mit seiner Frau und seinen Kindern zurück in die Schweiz. Er pendelt zwischen seinem Zuhause in Zürich und einem winzigen Alpendorf in Graubünden.

Libby O’Loghlin ist eine australische Autorin und wurde für ihre Kurzgeschichten mehrfach ausgezeichnet. Sie arbeitet ebenso im Bereich Film und Fernsehen sowie für gedruckte und digitale Veröffentlichungen. Nach Stationen in Großbritannien, den USA und Malaysia lebt sie heute mit ihrer Familie in der Schweiz.

Buchinfo: Die Expansion von Christoph Martin, erschienen am 10.05.2018, übersetzt von Sandra Thoms, 335 Seiten, € 11,95, ISBN 9783752832815. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Uwe Wilhelm: Die 7 Kreise der Hölle

Endlich kann Staatsanwältin Helena Faber aufatmen. Dionysos ist tot. Der schwierigste Fall ihrer Karriere liegt hinter ihr. Dass sie mit dieser Annahme falsch liegt, wird Helena Faber klar, als ihre beiden Töchter vor ihren Augen entführt werden. Um sie zu retten, setzt die Staatsanwältin nicht nur ihr eigenes Leben aufs Spiel.

Die sieben Kreise der Hoelle von Uwe WilhelmEndlich hat sich Helena Faber so weit von ihrem letzten Fall erholt, dass sie mit Familie und Freunden ihre Rückkehr in den Alltag feiern kann. Die einzigen, die bei Tisch noch fehlen, sind ihre beiden Töchter. Haben sie wieder einmal beim Spielen die Zeit vergessen?

“Du bist Kunst”

Helena macht sich auf die Suche und sieht gerade noch, wie beide Mädchen einem Transporter folgen, der um die Ecke biegt. Alarmiert nimmt sie die Verfolgung auf. Zu Fuß. Als der Wagen anhält, kann sie zwar aufholen, muss aber hilflos mit ansehen, wie beide in den Laderaum einsteigen. Sofort gewinnt das Auto wieder an Fahrt und entkommt mit seiner wertvollen Fracht. Was Helena bleibt, sind Kennzeichen, Automarke und der Schriftzug “Du bist Kunst”.

Reicht das aus um die Kinder zu retten? Hängt die Entführung mit dem Kinderschänderring zusammen, der durch ihre Arbeit aufgeflogen ist? Helena Faber ahnt, dass ihr nicht viel Zeit bleiben wird, ihre Töchter zu finden. Und dass sie es mit einem mächtigen Gegner zu tun hat.

Auch Band zwei der Reihe fesselt

Nach Die 7 Farben des Blutes ist Die 7 Kreise der Hölle das zweite Buch aus der Helena Faber Reihe von Uwe Wilhelm, das ich lese. Und wieder war ich begeistert. Als Drehbuchautor ist er es offensichtlich gewohnt, schnelle Storys zu entwerfen. Es fällt mir schwer, seine Bücher wieder aus der Hand zu legen.

Manche Szenen ließen mich zwar an amerikanische Actionfilme denken:

  • wer stört, wird abgeknallt
  • Konsequenzen hat das nicht
  • Helena als Staatsanwältin und ihr Mann Robert, Polizist, setzen sich konsequent über alle Regeln hinweg (was man vielleicht auch automatisch tut, wenn es um die Kinder geht)

Aber wirklichen Abbruch hat das meinem Lesevergnügen nicht getan.

Manchmal könnte ich kotzen

Fassungslos machte mich wieder die Kaltschnäuzigkeit, mit der manche Menschen mit anderen Menschen, insbesondere Kindern, umgehen. Auch wenn oder gerade weil ich weiß, dass sexuelle Gewalt gegen Kinder, Kleinkinder oder gar Babys in manchen Kreisen kein Tabu sind. Ebenso wie die Versteigerung selbiger zur “freien Nutzung”.

Wenn ich mir vorstelle, ich weiß, dass dieses Schicksal für meine Kinder erwartet, wenn ich sie nicht rechtzeitig finde, könnte ich kotzen. Dieses Gefühl beim Lesen zu vermitteln, hat Uwe Wilhelm mit Die 7 Kreise der Hölle meisterhaft geschafft.

Deshalb die klare Leseempfehlung, zumindest für alle nicht ganz so zart besaiteten Seelen.

Uwe Wilhelm

Uwe Wilhelm, geboren 1957 in Hanau, hat Germanistik und Schauspiel studiert. Seit 1987 arbeitet er als Autor für Drehbücher, Theaterstücke und Sachbücher. Er hat mehr als 120 Drehbücher u.a. für Bernd Eichinger, Katja von Garnier und Til Schweiger verfasst. Uwe Wilhelm ist verheiratet und lebt mit seiner Familie in Berlin.

Buchinfo: Die 7 Kreise der Hölle von Uwe Wilhelm, erschienen bei blanvalet, 21.05.2018, 448 Seiten, € 9,99, ISBN: 978-3-7341-0345-2. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Ule Hansen: Neuntöter

Berlin, Potsdamer Platz. Beim Klettern in einem Baugerüst macht ein Junge einen grausamen Fund. An den Gerüststangen hängen drei silbrig glänzende Kokons. Drei Menschen, von Kopf bis Fuß in Panzertape gewickelt. Emma Carow macht sich auf die Jagd nach dem Täter.

Neuntoeter von Ule HansenWas ist das für ein Mensch, der so kaltschnäuzig ist, seine Opfer an einem der belebtesten Plätze Berlins aufwendig zu installieren?

Diese Frage muss sich Emma Carow, Fallanalystin stellen. Ihr Aufgabe ist es, in den Kopf des Täters zu kriechen und ein möglichst genaues Profil seiner Beweggründe zu erstellen.

Schnell ahnt sie, dass es sich unmöglich um einen Einzeltäter handeln kann.

Morde als Gruppen-Event

Aber wie bringt man eine Gruppe dazu, Menschen einzufangen, in lebende Mumien zu verwandeln, um sie dann irgendwo aufzuhängen und elendig verhungern zu lassen? Welche Macht, welche Druckmittel muss der Anführer haben, damit das funktioniert? Ist das wirklich vorstellbar? Selbst in ihrem eigenen Team stößt sie mit ihrer Analyse auf Zweifler. Also ermittelt sie auf eigene Faust und bringt sich damit in Lebensgefahr.

Neuntöter ist mein zweites Buch von Ule Hansen. Nachdem ich Blutbuche, ein weiterer Thriller des Autorenduos, gelesen hatte, war ich von Emma Carow begeistert. Eine eigenbrötlerische, verschlossene, junge Frau, die so viel Schweres hat erleben müssen, gefällt mir. Schweres, das Fluch und Segen zugleich ist.

Einerseits haben ihre eigenen Erfahrungen sie zur perfekten Fallanalystin werden lassen, sie kann den Tätern förmlich in die Köpfe kriechen. Andererseits haben sie Emma misstrauisch gegen alle Zuwendung werden lassen und ihren Instinkt, wem sie vertrauen soll und wem nicht, empfindlich gestört. In Neuntöter bezahlt sie ihre Neugier deshalb beinahe mit dem Leben.

Emma Carow, eine schräge Heldin

Neuntöter, nach Blutbuche der zweite Thriller von Ule Hansen, den ich der Hand hatte, wird sicher nicht das letzte Buch des Autorenduos sein, das ich lese.

Falls ich euch jetzt angesteckt habe und ihr neugierig auf Emma Carow seid, fangt mit Neuntöter an. Dann wisst ihr, worum es geht, wenn in Blutbuche zurück geblickt wird. Kein Muss, aber auch kein Fehler.

Astrid Ule und Eric T. Hansen

Ule Hansen ist das Pseudonym eines Berliner Autorenduos. Astrid Ule ist zudem Lektorin, Eric T. Hansen freier Journalist. Gemeinsam haben Sie bereits mehrere Dreh- und Sachbücher verfasst. Sie teilen eine Leidenschaft für nächtliche Gespräche bei gutem Whisky, exzentrische Halloweenpartys und ziellose Streifzüge durch die vergessenen Ecken der Stadt.

Buchinfo: Neuntöter von Ule Hansen, erschienen bei HEYNE, 12.02.2018, 496 Seiten, € 9,99, ISBN: 978-3-453-42185-1

Andreas Gruber: Die Engelsmühle

Wien. Eine Reihe brutaler Morde beunruhigt die Stadt. Eigentlich wollte sich Privatdetektiv Peter Hogart nicht einmischen, aber sein neuer Auftrag scheint irgendwie mit den Morden zusammen zu hängen. Hogart muss sich leider einmischen.

Die Engelsmuehle von Andreas GruberPrivatdetektiv Peter Hogart hat einen neuen Auftrag. Im Archiv einer Klinik ist ein Brand ausgebrochen und hat sowohl die analogen als auch alle digitalen Aufzeichnungen und hochwertige technische Ausrüstung zerstört. Für einen großen Versicherungsgesellschaft soll Peter Hogart klären, ob Brandstiftung wirklich ausgeschlossen werden kann.

Ist Hogarts Bruder ein Mörder?

Ausgerechnet jetzt bittet Kurt, Hogarts Bruder, dringend um Hilfe. Bei den Ermittlungen im Mordfall Dr. Abel Ostrovsky ist er in den Fokus der Polizei geraten. Und tatsächlich war Kurt Hogart vermutlich der letzte, der mit dem Opfer gesprochen hat. Jetzt muss das Duo die Polizei überzeugen, dass er dennoch nichts mit dem Mord zu tun hat.

Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt.

Die Engelsmühle ist mein zweites Buch aus der Peter Hogart Reihe. Und wie schon bei Die schwarze Dame war mir recht früh ziemlich sicher, den wesentlichen Punkt im Spiel der Hauptverdächtigen zu erkennen. Was mir aber wieder nicht gelang, war, das warum zu durchschauen. Deshalb blieb auch Die Engelsmühle bis zur letzten Seite spannend.

Ein Meister der speziellen Szenarien

Was mir weniger gefallen hat, war die zwanghaft herbei geschriebene Verquickung der Fälle auf allen möglichen Ebenen. Da wäre für meinen Geschmack weniger mehr gewesen.

Trotzdem bekommt bekommt Die Engelsmühle von mir eine Leseempfehlung, weil Andreas Gruber es meisterhaft versteht, sehr spezielle Szenarien zu entwerfen, die einfach fesseln.

Andreas Gruber

Andreas Gruber, 1968 in Wien geboren, lebt als freier Autor mit seiner Familie in Grillenberg in Niederösterreich. Er hat bereits mehrere äußerst erfolgreiche und preisgekrönte Erzählungen und Romane verfasst.

Buchinfo: Die Engelsmühle von Andreas Gruber, erschienen bei Goldmann, 16.04.2018, 384 Seiten, € 9,99, ISBN: 978-3-442-48123-1

Alyson Richman: Abschied in Prag

Lenka und Josef treffen sich in den 1930-er Jahren in Prag zum ersten Mal. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Als die Kriegsgefahr steigt, beschließen sie zu heiraten. Nichts soll sie trennen. Doch es kommt anders. Der Krieg nimmt auf ihre Liebe keine Rücksicht. Erst sechzig Jahre später sehen sie sich wieder.

Abschied in Prag von Alyson RichmanLenka studiert in Prag an der Kunstakademie. Als sie Josef, den Bruder ihrer Studienkollegin Veruska, kennenlernt, verliebt sie sich Hals über Kopf. Doch die Repressalien gegen jüdische Familien, Josef und Lenka sind Juden, nehmen von Tag zu Tag zu und machen Lenkas Herz schwer.

1939. Die Nazi-Herrschaft lässt sich auch in Prag nicht mehr leugnen. Trotz oder gerade wegen des nahenden Krieges beschließen Lenka und Josef, der Welt zu zeigen, dass sie für immer zusammengehören. Sie heiraten.

Zur gleichen Zeit. Josefs Vater sucht auf dem Schwarzmarkt Visa für Amerika. Er will sich und seine Familie vor den Nazis in Sicherheit bringen. Verzweifelt versucht Josef, ihn zu überzeugen, auch Lenkas Familie mit den entsprechenden Papieren zu versorgen. Vergebens.

Der Krieg trennt das junge Paar. Während Josef sich in Amerika als Arzt niederlässt, überlebt Lenka nur knapp das Lager Theresienstadt. Jeder denkt, der andere sei tot.

Nach sechzig Jahren treffen Sie sich per Zufall in New York wieder.

Eine bezaubernde, eine brutale Liebesgeschichte

Abschied in Prag von Alyson Richman ist ein bezauberndes Buch. Durch die konsequente Trennung der Erzählperspektiven von Lenka und Josef hat mich das Schicksal der beiden Menschen tief berührt. Aber es hat mir auch gezeigt, dass man die Hoffnung niemals aufgeben sollte. Dass es sich immer lohnt, für das zu kämpfen, was einem wirklich wichtig ist.

Alyson Richman kommt bei ihrem Buch völlig ohne Schuldzuweisungen und übertriebene Rührseligkeit aus. Genau das macht Abschied von Prag so authentisch.

Meine Empfehlung: Kaufen, lesen und mit Lenka und Josef von der großen Liebe träumen.

Alyson Richman

Die amerikanische Bestsellerautorin Alyson Richman hat bereits mehrere Romane verfasst, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Zuletzt erschien Ein italienischer Garten im Diana Verlag. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern auf Long Island, New York.

Buchinfo: Abschied in Prag von Alyson Richman, erschienen bei Diana, 11.12.2017, 384 Seiten, €10,99, ISBN: 978-3-453-35959-8