Superheldin 21 – Mein Leben mit Down-Syndrom.

Verena Turin möchte mit Vorurteilen aufräumen. Selbstbewusst erzählt sie uns von ihrem Leben mit Down-Syndrom, denn sie fühlt sich ganz normal. Anders ist sie nur für die Anderen. Verena träumt davon, Superheldin zu sein. Oder Sängerin. Oder Schauspielerin. Träume, die wir alle schon mal geträumt haben.

978-3-499-63269-3 (1)Als der Rowohlt-Newsletter mit der Ankündigung von Superheldin 21 – Mein Leben mit Down-Sydrom kam, war für mich sofort klar: Dieses Buch muss ich haben!

Die Gründe dafür sind vielfältig:

  • Bücher über Down-Syndrom gibt es viele, mir war aber bislang bewusst noch keines untergekommen, dass von einem Menschen mit Down-Syndrom geschrieben wurde. Wobei ich nicht abstreiten will, dass es die gibt.
  • Down-Syndrom und Journalistin, wie geht das zusammen?
  • Den Ohrenkuss, ein Magazin für Menschen mit Down-Syndrom, kannte ich nicht, er hat mich neugierig gemacht.
  • Und schließlich gibt es da noch die Tochter von Freunden. Auch sie wurde mit einem zusätzlichen Chromosom geboren und mit sehr starken Auswirkungen auf ihre Selbstständigkeit.

Ich war also neugierig und nach der Einleitung kurz etwas enttäuscht: Verena Turin hat auf Fragen geantwortet, die man ihr gestellt hat! Aber die Enttäuschung hielt nur sehr kurz an, denn erklärt ausführlich, wie die Zusammenarbeit abgelaufen war. Superheldin 21 ist ganz eindeutig IHR Buch.

Schicht und einfach gut

Gewöhnungsbedürftig war anfangs auch der Schreibstil. Als Vielleserin und Medienschaffende musste ich mich an den schlichten Stil gewöhnen. Doch wieder wurde ich nach wenigen Seiten überrascht. Schnell fand ich es sehr entspannend, Superheldin 21 zu lesen. Alles war echt. Keine aufwändige Story mit Tausend mehr oder weniger gelungenen Schlenkern. Kein Egoshooting sondern ein tiefer offener Einblick in Verenas Herz.

Dieser Einblick hat mich tief beeindruckt. Verena Turin nimmt uns mit in ihren Alltag. Erzählt von ihrer Arbeit im Seniorenheim, von den schönen und den weniger schönen Momenten dabei. Von ihrer Freude an Musik, ihre Liebe zu ihrer Familie. Sie nimmt uns mit auf Ausflüge und erzählt von ihrem Freund. Offen, ehrlich und immer freundlich. Selbst dann, wenn sie klare Grenzen setzt, weil ihr ein Thema zu persönlich wird.

LIebe Verena Turin,

Ihr Buch hat mich sehr berührt. Es ist schön, Menschen zu begegnen, die anderen Menschen nichts Böses wollen. Die mit offenem Herz und reiner Seele auf ihre Mitmenschen zugehen, ihnen positiv begegnen, egal wer sie sind und was sie tun. An dieser Unvoreingenommenheit kann ich mir ein Beispiel nehmen.

Und ich kann von Ihnen lernen, weniger streng mit mir selbst und meinen persönlichen Schwächen zu sein, denn sie haben Recht. Wenn man mit einer Sache nicht so gut klar kommt, bei Ihnen sind es die Zahlen, gibt es viele andere, auf die man stolz sein kann. Ich wünsche mir mehr Menschen, die so unvoreingenommen auf andere zugehen, wie Sie das tun.

Danke für dieses Buch! Sie haben mir damit eine große Freude gemacht.

Wer sich jetzt noch fragt, ob das Buch von mir eine Leseempfehlung bekommt, sollte vielleicht einfach nochmal von vorne anfangen zu lesen. 😉

Verena Elisabeth Turin

Verena Elisabeth Turin, geboren 1979 in Tirol, arbeitet in einem Pflegeheim und als Journalistin für den Ohrenkuss, Magazin von Menschen mit Down Syndrom. Turin ist fasziniert von Mischpulten, macht auch selbst Musik in einer Band, liebt Wasser, Schwimmen, Himbeersaft und Filme von Walt Disney. Negative Gedanken und Diskriminierung hingegen kann sie nicht ausstehen. Verena Turin hat zwei Nichten und wohnt bei ihren Eltern.

Daniela Chmelik

Daniela Chmelik, geboren 1980 in Hamburg, studierte Literaturwissenschaften und leitet derzeit bei barner 16 (inklusives Netzwerk von Künstlern mit und ohne Handicaps) das Labor für Literarische Experimente. Seit 2008 arbeitet sie als Schreibassistentin und Koordinatorin der Hamburger Redaktion für den Ohrenkuss.

Buchinfo: Superheldin 21 – Mein Leben mit Down-Syndrom von Verena Turin, Daniela Chmelik, erschienen bei rororo, 21.07.2017, 160 Seiten, € 9,99, ISBN 978-3-499-63269-3

Uwe Wilhelm: Die 7 Farben des Blutes

Berlin. Drei Frauen werden in drei Monaten grausam ermordet. Nach jedem Mord veröffentlicht der Mörder über seine “Heilungen”, wie er es nennt, berichtet. Dabei zitiert er aus dem Buch eines bekannten und umstrittenen Berliner Professors. Die Polizei arbeitet gehen die Zeit. Kann sie die Morde stoppen?

Die sieben Farben des Blutes von Uwe WilhelmDrei Morde in drei Monaten. Dann ist plötzlich Ruhe. Doch Staatsanwältin Helena Faber glaubt nicht, dass der Mörder die Lust am Töten verloren hat. Für sie ist es nur eine Frage der Zeit, bis er wieder zuschlägt.

Aller Bedenken zum Trotz stellt ihr Vorgesetzter die Suche ein. Eine Entscheidung, die sich rächen wird.

Was hat die Geschichte des Frauenhasses mit den Morden zu tun?

Ein Jahr später. Wieder stehen Polizei und Staatsanwaltschaft vor einem Opfer, das eindeutig die Handschrift von Dionysos, wie der Serienmörder sich nennt, trägt. Mit unfassbarer Perversion inszeniert er seine Morde und wieder führt der Weg zu Professor Gibran. Sein Fachbereich: Die Geschichte des Frauenhasses.

Als sich Helena Faber näher mit Gibrans Buch beschäftigt, ist sie sicher: Es wird weitere Tote geben und eine davon heißt Helena.

Spannung am laufenden Band für Thrillerfans wie mich

Die 7 Farben des Blutes haben mein Wochenende komplett durcheinander gewirbelt. Bereits nach den ersten Seiten war alle Planung vergessen und Uwe Wilhelm hatte mich im Griff. Er hat ein schnelles, fesselndes Buch abgeliefert, das nichts für zarte Gemüter ist. Dazu sind die Schilderungen der Opfer zu detailliert. Aber für mich war es perfekt.

Dafür hat nicht nur das durchgehend hohe Tempo gesorgt sondern vor allem die spannenden psychologischen Hintergründe. Auch wenn mir ziemlich früh klar war, wer der Mörder sein könnte, hat es noch lange gedauert, bis mir die Zusammenhänge klar waren. Bis ich den ganzen Wahnsinn erfassen konnte.

Mit Helena Faber mitgelitten

Wer jetzt denkt: Ach ja, Serienmörder, Psychopathen, usw., das kennt man doch zur Genüge, irrt. Uwe Wilhelm hat für seine Leserinnen und Leser noch mehr in Petto. Ich habe mit Helena mitgelitten. Habe in den heikelsten Situationen gehofft, dass sie ihre Amnesie (Details im Buch, denn spoilern ist doof) nur vorspielt und im nächsten Moment gnadenlos zuschlagen wird. Vergebens.

Um es kurz zu machen: Ich war begeistert und nur ganz kurz über das abrupte Ende enttäuscht. Sagt es mir doch, dass ich noch mehr über Staatsanwältin Helena Faber lesen werde. Ich freue mich jetzt schon darauf!

Uwe Wilhelm

Uwe Wilhelm, geboren 1957 in Hanau, hat Germanistik und Schauspiel studiert. Seit 1987 arbeitet er als Autor für Drehbücher, Theaterstücke und Sachbücher. Er hat mehr als 120 Drehbücher u.a. für Bernd Eichinger, Katja von Garnier und Til Schweiger verfasst. Uwe Wilhelm ist verheiratet und lebt mit seiner Familie in Berlin.

Buchinfo: Die 7 Farben des Blutes von Uwe Wilhelm, erschienen bei blanvalet, 17.07.2017, 480 Seiten, Klappenbroschur, € 9,99, ISBN: 978-3-7341-0344-5.

Jonas Winter: Murder Park

Zodiac Island vor der Ostküste der USA ist oder richtiger war ein beliebter Freizeitpark. Das ändert sich schlagartig, als ein Serienmörder drei junge Frauen grausam ermordet. Zwanzig Jahre später soll dieses Grauen erneut zahlreiche Gäste auf die Insel locken. Aus Zodiac Island wird Murder Park, eine skrupelloses Freizeitangebot, das mit den Ängsten der Besucher spielt.

Zwanzig Jahre ist es her, dass Jeffrey Bohner auf Zodiac Island sein Unwesen trieb. Drei bestialische Morde an jungen Frauen machen aus dem beliebten Freizeitpark einen Ort des Grauens.

Du kannst nicht entkommen

Murder Park von Jonas WinnerPassend zum Jubiläum soll Zodiac Island jetzt wieder zur Besucherattraktion sorgen. Doch für das Prickeln im Bauch sorgen dieses Mal weder Geisterbahn noch Riesenrad. Zahlungskräftige Kunden sollen auf Murder Park am eigenen Leib erfahren, was echtes Grauen ist. Denn auf der Insel wütet wieder ein Killer. Keiner kann dem anderen trauen und die nächste Fähre kommt erst in drei Tagen.

Zwischen Fassungslosigkeit und wohligem Grusel

Wie kommt man auf die Idee, in seinem Kopf ein Szenario wie Murder Park entstehen zu lassen? Ein Spiel mit dem archaischsten aller Gefühle, der nackten Todesangst? Jonas Winner wird es uns nicht verraten, aber er hat es so gut durchdacht, dass es mich schnell in seinen Bann gezogen hat. Hin und her gerissen zwischen Fassungslosigkeit und wohligem Grusel habe ich mitgefiebert. Habe mich auf falsche Fährten locken lassen, war mir sicher, den Mörder zu kennen und musste dann doch wieder feststellen: Das war die falsche Fährte!

Terror, Bomben, Murder Park?

Was mich aber am meisten überrascht hat, war, dass ich mir den Erfolg eines solchen Konzeptes vorstellen kann. In Zeiten wo auch in unserer westlichen Welt Terror und Bomben wieder an der Tagesordnung sind, stumpfen Menschen so schnell ab, dass sie den immer neuen Kick brauchen. Was vor wenigen Monaten noch tagelang die Kommentarspalten der Medien gefüllt hat, ist fast schon zur Randnotiz verkommen.

Der Tod ist überwältigend nah

Eine Umgebung, in der durch die entsprechenden Exponate gleich mehrere Serienkiller omnipräsent zu sein scheinen, in der man nicht ausweichen kann und nicht weiß, wem man noch vertrauen kann, kann sich der Thrill wieder einstellen, den manche Menschen brauchen. Der besondere Kick gegen die Langeweile des Alltags. Egal was es kostet.

Das Grauen als Geschäftsmodell? Kann funktionieren.

Murder Park hat mich fasziniert. Eben weil mich die Story dazu gebracht hat, nachzudenken ob ein solcher “Freizeitpark” seine Liebhaber finden könnte. Aber noch mehr, weil ich zu dem Schluss gekommen bin: Ja, das könnte er.

Fasziniert haben mich auch die vielen Wendungen. Ich war mir so oft sicher, die Lösung gefunden zu haben und jedes Mal lag ich wieder falsch. Geschwächelt hat dabei nur der Schluss. Im Vergleich zum Thriller insgesamt war der recht schwach. Aber vielleicht geht das auch nicht anders, wenn man gedanklich so lange so “perverse” Spielchen spielt. Die Rückkehr in den Alltag ist dann vermutlich einfach ernüchternd.

Jonas Winter

Jonas Winner wuchs in Berlin, Rom und den USA auf, Studium in Deutschland und Frankreich. Nach seiner Promotion über Spieltheorie arbeitete er zehn Jahre lang als Fernsehjournalist, danach folgten Drehbücher fürs deutsche Fernsehen und Romane. Mit dem Self-Publishing-Erfolg »Berlin Gothic« gelang Winner der Durchbruch als Spannungsautor.

Buchinfo: Murder Park von Jonas Winter, erschienen bei Heyne, 13.06.2017, 416 Seiten, Paperback, Klappenbroschur, € 12,99, ISBN: 978-3-453-42176-9

Andrea von Treuenfeld: Erben des Holocaust

Welche Auswirkungen hat es für Kinder, wenn die Eltern den Holocaust überlebt haben? Wie sehr haben Flucht, Konzentrationslager und niedergemetzelte Familien den Umgang mit dem eigenen Nachwuchs geprägt? Andreas von Treuenfeld hat prominente “Kinder” befragt und aus den Antworten ein berührendes Buch zusammengestellt.

9783579086705_CoverMeine Mutter ist 1935 geboren. Als meine Großmutter starb, war ich Ende 20. Eigentlich hatte ich noch viel Zeit, mit einer Generation zu reden, die einen, im Fall meiner Großmutter sogar zwei, Weltkriege erlebt hat. Wenn sie denn darüber geredet hätten.

Zwar weiß ich, dass die Frauen zweimal fliehen und alles zurücklassen mussten. Ich weiß auch, dass das Haus bei der Rückkehr niedergebrannt war. Was ich nicht weiß, ist der Fluchtgrund, wenn ich mir das jetzt so richtig überlege.

Es wäre so wichtig, zu reden

Jüdische Wurzeln gibt es in der Familie nicht, dieser Grund scheidet also aus. Wenn meine Mutter sich noch an die Flucht erinnern kann, muss diese auch ziemlich zu Kriegsende stattgefunden haben. Das würde auch erklären, warum meine Großmutter so entsetzt war, als der örtliche Musikverein in den 70ern eine Städtepartnerschaft mit USA einging und der erste Austausch stattfand. Sie wollte es einfach nicht wahrhaben, dass man “die Amerikaner wieder ins Land hole, die alles kaputt geschlagen und sich an den Frauen vergangen hätten”. Ob das der Grund war? Ich weiß es nicht. Es wurde ja nicht darüber gesprochen und die Chancen, dass sich daran noch etwas ändern wird, sind sehr gering.

Was das mit Erben des Holocaust von Andrea von Treuenfeld zu tun hat? Sehr viel. Denn die Schilderungen von Nina Ruge, Ilja, Richter, Marcel Reif, Andrew Ranicki und einigen mehr, hatten so viel Wiedererkennungswert:

  • Die Unfähigkeit, das Erlebte beim Namen zu nennen.
  • Die ständige Verdrängung.
  • Das Unvermögen, Nähe zuzulassen und zu vermitteln.
  • Die Zerrissenheit in den Familien.
  • Die unerbittliche Härte sich selbst gegenüber.

Darunter haben nicht nur die Kinder derer gelitten, die direkte Holocaust-Opfer waren, darunter hat eine ganze Generation gelitten. Eine Erblast, die an die nächste Generation weitergegeben wurde und die meiner Meinung nach nur durch offene Kommunikation getilgt werden kann.

Dieses Buch ist wirklich wichtig

Für mich ist deshalb Erben des Holocaust von Andrea von Treuenfeld ein überaus wichtiges Buch. Und zwar nicht, weil über die Grauen des Krieges noch nie geschrieben worden wäre oder weil Andrea von Treuenfeld spektakuläre Neuigkeiten parat hätte, sondern weil es (mindestens) einer ganzen Generation helfen kann, die eigene Vergangenheit zu verstehen. Sich klar zu machen, dass die Distanziertheit der Eltern nichts mit einem selbst zu tun hatte, sondern Folgen “vererbter” Traumata waren.

Danke an die Interviewpartner, die uns einen Blick in ihre “Altlasten” gestattet haben. Wie schwer das einigen gefallen ist, ist nicht zu überlesen. Aber das ist der einzige Weg, mit der Vergangenheit wirklich abzuschließen.

Andrea von Treuenfeld

Andrea von Treuenfeld hat Publizistik und Germanistik studiert und als Kolumnistin, Korrespondentin und Leitende Redakteurin u.a. bei der Welt am Sonntag gearbeitet. Heute lebt sie in Berlin und schreibt als freie Journalistin Porträts und Biografien.

Buchinfo: Erben des Holocaust von Andrea von Treuenfeld, erschienen bei Gütersloher Verlagshaus, Februar 2017, 224 Seiten, gebunden, 38 s/w Abbildungen, € 19,99, ISBN: 978-3-579-08670-5

Candice Fox: Fall

In Sydney ist Jagdsaison. Den Opfern, durchtrainierte, attraktive Joggerinnen, ist eines gemeinsam: Ihr Gesicht wurde brutal zertrümmert. Während alle Welt nach dem ominösen Parkmörder sucht, glaubt Eden Archer von der Mordkommission an eine Frau als Täterin und macht sich auf ihre Art an die Arbeit.

FallWas habe ich ihn herbeigesehnt, Band drei der Trilogie um Eden Archer und Frank Bennett. Band eins, Hades, hat mich sofort gefesselt. Klar, dass ich Teil zwei, Eden, lesen musste. Und wieder war ich begeistert. Unglaublich wie selbstverständlich Candice Fox das Böse skizziert und dafür sorgt, dass man Mörder verstehen und ihr Taten nachvollziehen kann.

Gegen den Keim des Bösen kommst du nicht an

Mit Fall, dem letzten Band der Trilogie, geht Candice Fox einen Schritt weiter. Widerfährt einem jungen Menschen wirklich Schlimmes, geht etwas in ihm unwiederbringlich kaputt. Die Hemmschwelle, andere Menschen sich in den Abgrund zu ziehen, sinkt. Das Leuchten in den Augen erlischt, wie Hades Archer es beschreibt.

So geht es Tara, die von ihrer coolen, attraktiven Mutter so lange gedemütigt wurde, bis sie ihr Leben in die eigene Hand genommen hat. Mit verhängnisvollen Konsequenzen. So ging es Amy, die mit ansehen musste, wie ihre Schwester die Eltern tötete. Doch während Amy einen Beschützer findet, der sie vor dem letzten Schritt bewahrt, zahlt Tara ihre dunkle Vergangenheit mit dem Leben und reißt dabei noch weitere Unschuldige mit sich.

Und kaum denkst du, das war’s jetzt, hat Candice Fox die nächste Überraschung parat

Auch wenn ich Fall als schwächsten der drei Thriller um Eden Archer und Frank Bennett empfunden habe, ist er immer noch hervorragend. Spannend bis zur letzten Seite auch wenn sich ziemlich früh abzeichnet, wer die Joggerinnen auf dem Gewissen hat. Candice Fox’ Gespür für unerwartete Wendungen an der exakt passenden Stelle tut das keinen Abbruch. Sie hat es wieder geschafft, mich so tief in ihren Bann zu ziehen, dass ich froh über das lange Wochenende war, an dem ich das Buch nicht so schnell aus der Hand legen musste.

Liebe Candice Fox, sag, dass das nicht das Ende war!

Im Gegensatz zu Hades und Eden war mir das Ende von Fall aber zu abrupt. Zu viele neue Wege wurden angedeutet, die nach Fortsetzung schreien und ich möchte wetten, dass Candice Fox sie wieder aufgreifen wird. Und seid euch sicher: Ich werde jeden Band davon lesen!

Fall bekommt also von mir eine ganz klare Leseempfehlung! Allerdings würde ich allen Interessierten die gesamte Trilogie ans Herz legen. Aber Vorsicht! Sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt, dass ihr ab Band eins angefixt sein werdet!

Candice Fox

Candice Fox stammt aus einer eher exzentrischen Familie, die sie zu manchen ihrer literarischen Figuren inspirierte. Nach einer nicht so braven Jugend und einem kurzen Zwischenspiel bei der Royal Australian Navy widmet sie sich jetzt der Literatur, mit akademischen Weihen und sehr unakademischen Romanen. Für den ersten und zweiten Teil ihrer Trilogie, Hades und Eden, wurde sie 2014 und 2015 mit dem Ned Kelly Award ausgezeichnet.

Buchinfo: Fall von Candice Eden, erschienen bei Suhrkamp, 10.04.2017, 470 Seiten, Klappenbroschur, 15,95, ISBN: 978-3-518-46765-7

Benjamin Bidder: Generation Putin

Wie sieht eigentlich die Generation Putin aus? Also die Generation, die mit Putin aufgewachsen ist? Gibt es sie überhaupt, oder ist sie überhaupt oder ist nur ebenso ein verzweifelter Versuch, einer ganzen Generation einen Stempel aufzudrücken, wie wir es zum Beispiel mit der Generation Y tun? Benjamin Bidder hat mit jungen Russinnen und Russen gesprochen.

Generation Putin von Benjamin Bidder
Generation Putin von Benjamin Bidder

Wie vielen “Generationen” wurden bereits Bücher gewidmet? Teils ironische, teils wissenschaftliche Betrachtungen. Spontan fallen mir ein:

  • Generation Golf
  • Generation Doof
  • Generation Beziehungsunfähig
  • Generation Y
  • Generation Z
  • Generation What

Und bei allen, die ich bislang gelesen habe, war ich spätestens anschließend der Meinung: Diese Generation gibt es nicht. Sie ist genauso heterogen wie alle anderen Generationen. Entsprechend habe ich Benjamin Bidders Generation Putin mit einem gewissen Vorbehalt in die Hand genommen und es dann mit von Seite zu Seite wachsendem Interesse zu verschlingen.

DIE Generation gibt es nicht

Eines vorweg: Auch Bidder beweist: DIE Generation gibt es nicht. Trotzdem sind die

Gespräche mit den unterschiedlichsten Charakteren spannend und für mich sehr aufschlussreich.

  • Da ist Marat, den ein unstillbares Fernweh hat und sich nur über den Dächern Moskaus frei fühlt.
  • Diana ist Patriotin. Die WM In Sotschi ist ihre große Hoffnung, der Welt ein Russland zu präsentieren, wie sie es sieht.
  • Alexander sitzt im Rollstuhl. Stück für Stück erkämpft er sich seine Freiheit, in einem Land, in dem Menschen mit Behinderung bisher möglichst unsichtbar bleiben sollten.
  • Lena, die Patriotin aus Smolensk, hat für mehr Freiheit kein Verständnis. Sie findet, dass zu viel Einmischung durch das Volk schlecht ist: “Es gibt Präsidenten und es gibt Hausmeister.”
  • Ganz anders denkt Wera, die Oppositionelle. Sie hofft auf eine Revolution, weiß aber auch, dass das nicht einfach werden wird.
  • Tschetschenin Taissa aus Grosny sucht nach ihrer Bestimmung, nach einem Ort, an dem ihr niemand sagt, was sie darf oder nicht.

Je nach Sozialisierung und Region, ob Stadt- oder Landbewohner, ob politisch interessiert oder nicht, junge Russen und Russinnen sind genauso wenig homogen wie in anderen Nationen. Gemeinsam ist ihnen allen, dass Putin sie politisch auf ihrem bisherigen Werdegang begleitet hat. Und gemeinsam ist ihnen auch, dass sich ihre Welt Stück für Stück verändert, öffnet. Einigen macht das Angst, vielen bereitet das große Hoffnung. Sie hoffen auf die Anerkennung anderer Länder für ihr Russland. Auf freie Entfaltung, Offenheit und Transparenz.

Menschen mit Behinderung werden sichtbar

Und darauf, sich nicht mehr verstecken zu müssen, wie Alexander, der Rollstuhlfahrer. Menschen mit Behinderung waren in der russischen Gesellschaft lange Zeit nicht vorgesehen. Sie wurden weggesperrt, am Stadtrand hinter dicken Mauern verborgen. Auch Alexander wohnt in einer solchen “Bewahranstalt”, doch er will raus, will seine eigene Wohnung, will selbst entscheiden, was er einkauft und was er isst. Und tatsächlich wird er inzwischen gehört. Eine Ministerin hat es gewagt, sich für Menschen mit Behinderung stark zu machen. Alexander kann hoffen.

Spannende Einblicke

Generation Putin ist ein spannendes Buch. Ausgesucht habe ich es mir, weil ich beruflich immer wieder mit Themen aus und um Russland zu tun habe. Und weil ich das Bedürfnis nach einem tieferen Einblick in das aktuelle Geschehen haben möchte. Den habe ich nur bedingt bekommen, so zumindest mein Gefühl. Mehr Platz für die Stimmen der jungen Leute beziehungsweise eine stärkere Trennung zwischen deren Meinung und der des Autors hätte dem Buch vermutlich gut getan. Aber das ist mein persönlicher Eindruck.

Insgesamt war Generation Putin von Benjamin Bidder für mich eine Bereicherung und ich empfehle das Buch deshalb gerne weiter.

Benjamin Bidder

Benjamin Bidder, geboren 1981, hat Volkswirtschaftslehre in Bonn, Mannheim und Sankt Petersburg studiert. Er ist Absolvent der studienbegleitenden Journalistenausbildung des Institutes zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp), u.a. mit Stationen bei der Märkischen Oderzeitung und der Financial Times Deutschland. Benjamin Bidder ist seit 2009 beim SPIEGEL, zunächst als Redakteur im Politik-Ressort von SPIEGEL ONLINE. Von 2009 bis 2016 war er Moskau-Korrespondent. Im September 2016 kehrte er in die Redaktion von SPIEGEL ONLINE zurück. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Hamburg.

Buchinfo: Generation Putin von Benjamin Bidder, erschienen bei DVA, September 2016, 336 Seiten, Klappenbroschur, € 16,99, ISBN: 978-3-421-04744-1

Max Bentow: Das Dornenkind

Drei Leichen, in deren Haut geheimnisvolle Botschaften eingeritzt sind, geben der Mordkommission Rätsel auf. Als Ermittler Nils Trojan einen merkwürdigen Anruf einer jungen Frau bekommt, spitzt sich die Lage zu. Ist der Federmann wirklich zurückgekehrt?

Das Dornenkind von Max BentowDer Federmann ist tot, dessen ist sich der Berliner Kommissar Nils Trojan sicher. Der Federmann, das perverse Scheusal, das junge Frauen tötet, ihnen ihre langen blonden Haare abschneidet um sich daraus einen Mantel zu knüpfen. Ein Widersacher, der Trojan noch Jahre nach ihrer letzten Auseinandersetzung in seinen Träumen heimsucht. Er muss tot sein, er kann seine schweren Verletzungen nicht überlebt haben. Das versucht sich Trojan bei jedem neuen Leichenfund einzureden, denn die Auffindesituation der Opfer erinnert fatal an den Federmann.

Ist der Federmann wirklich zurück?

Ein mysteriöser Anruf wirft ihn völlig aus der Bahn. Die junge Frau behauptet, Wendy, die Tochter des Federmanns zu sein. Und sie ist sich sicher: Ihr Vater lebt. Gemeinsam mit Trojan will sie ihm endgültig das Handwerk legen. Doch kann Trojan ihr wirklich glauben?

Das Dornenkind von Max Bentow und ich, das war aus unerklärlichen Gründen keine Liebe auf den ersten Blick. Etwas, was mir bei der Auswahl von Thrillern sehr selten passiert. Als das Buch vor gut einem Jahr im Briefkasten lag, fand ich auch nach mehreren Anläufen keinen Zugang. Und trotzdem hat es mich nicht in Ruhe gelassen, ich habe es nicht ungelesen ins Regal gestellt, sondern bei den ungelesenen deponiert.

Liebe auf den zweiten Blick, aber dafür umso heftiger

Kürzlich hatte ich es wieder in der Hand und sieh an, da war sie, die Lust es nochmals zu wagen. Was war ich froh, dass ich Urlaub hatte! Am liebsten hätte ich Das Dornenkind nämlich nicht mehr aus der Hand gelegt.

Max Bentow hält die Spannung durchgehend hoch und sorgt immer wieder für unerwartete Wendungen. Bis zum Schluss kann man über Wendys wahre Beweggründe und ihre Glaubhaftigkeit zur spekulieren. Trotzdem spürt man auf jeder Seite das aufziehende Unheil. Man kann sich nicht entziehen.

Große Thrillerkunst eben!

Max Bentow

Max Bentow wurde in Berlin geboren. Nach seinem Schauspielstudium war er an verschiedenen Bühnen als Schauspieler tätig. Für seine Arbeit als Dramatiker wurde er mit zahlreichen renommierten Preisen und Stipendien ausgezeichnet. Mit den bisher erschienenen Kriminalromanen um den Berliner Kommissar Nils Trojan gelang Max Bentow ein großer Erfolg, alle Bücher standen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste.

Buchinfo: Dornenkind von Max Bentow, erschienen bei Goldmann, 2015, 448 Seiten, Klappenbroschur, € 14,99, ISBN: 978-3-442-20432-8. Danke für das Leseexemplar.