Anschlag von rechts – Eine Leseempfehlung für alle, die verunsichert sind

“Unbekannte haben einen Brandsatz in einen Raum eines ehemaligen Schulgebäudes geworfen, das als Unterkunft für Flüchtlinge dient.” heißt es am 28. August 2015 in den Medien. Reiner Engelmann hat in seinem Buch Anschlag von rechts die Hintergründe sorgfältig rekonstruiert. Eine wertvolle Hilfe für alle, die durch die Flüchtlingspolitik im Land verunsichert sind.

Anschlag von rechts von Reiner Engelmann
Anschlag von rechts von Reiner Engelmann

Feierabend in einer deutschen Kleinstadt. Drei Freunde, zwei Männer und eine Frau, treffen sich zum Feierabendbier. Zu vielen Feierabendbieren. Die Veränderungen in “ihrem” Land gefallen Ihnen nicht. Überall diese Flüchtlinge. Und die Deutschen müssen zurückstecken. Ihrem Unmut darüber haben sie auch schon in sozialen Netzwerken Luft gemacht. Zwischen einem der Männer und der Frau läuft ein Wettbewerb, wessen Kleinkind mehr neue Wörter lernt. Zum Wortschatz gehören Hitler und weiteres Vokabular der NS-Zeit. Als ausländerfeindlich würden sie selbst sich nicht bezeichnen.

Wie immer bei ihren Treffen läuft lautstark Musik. Bands wie Störkraft, Kategorie C oder Landser geben den Ton an. Bei “Hurra, das Asylheim brennt” grölen sie lauthals mit. Bis einer der Männer plötzlich innehält, sein Handy greift und Molotow-Cocktail in die Suchmaschine eingibt.

Eine Flasche, Benzin, ein Lappen – fertig ist der Cocktail

Ehe den anderen beiden klar ist, was er tut, sucht er in der zum Club 18 umfunktionierten Werkstatt eine Flasche, Sägespäne, einen vollen Benzinkanister und einen Lappen zusammen. Die Flasche füllt er mit Sägespänen und gießt sie mit Benzin auf. Mit dem Lappen verschließt er den Flaschenhals. Dann fahren sie in den Nachbarort.

Im Nachbarort, wenige Kilometer weiter. Die alte Schule ist zu einer Unterkunft für Asylsuchende umgebaut worden. Menschen aus Afghanistan, Somalia, Syrien, Pakistan und Simbabwe leben friedlich unter einem Dach. Darunter auch einige Kinder. Sie alle sind froh, Krieg, Verfolgung und Gewalt entkommen zu sein. Endlich können die Kinder wieder draußen spielen. Wie schnell sie die fremde Sprach lernen und neue Freunde finden! Die Eltern macht das glücklich. Ihre Entscheidung, alles zurück zu lassen war richtig.

Reiner Engelmann rekonstruiert einen hinterhältigen Anschlag

“Unbekannte haben … einen Brandsatz in einen Raum eines ehemaligen Schulgebäudes geworfen, das als Unterkunft für Flüchtlinge dient.” heißt es am 28. August 2015, dem Tag nach dem vorerst letzten Feierabendbier im Club 18, in den Medien. Weitere Ermittlungen ergeben, dass einer der drei “Club-Besucher” Mitglied der freiwilligen Feuerwehr ist und nach dem Anschlag bei den Löscharbeiten half, als sei nichts geschehen. Anschließend geht er noch mit dem Hund Gassi und legt sich dann ins Bett.

Reiner Engelmann hat in Anschlag von rechts ausführlich recherchiert und viele Gespräche geführt. Detailliert rekonstruiert er den Abend vor dem Anschlag und die anschließende Verhandlung.

Ich habe die Attentäter nur gefahren, ich bin unschuldig!

Kopfschüttelnd habe ich die Argumentationen der drei Attentäter gelesen:

  • Wie kann es sein, dass sie ernsthaft meinen, sie seien nicht ausländerfeindlich? Dass nur der Alkohol schuld gewesen sei.
  • Wie kann es sein, dass sich die Frau, die keinen Alkohol getrunken hat, nicht schuldig fühlt, obwohl sie die beiden Männer zum Tatort gebracht hat?
  • Was ist in den Köpfen dieser Menschen los? Und was bedeutet das für unsere Gesellschaft?

So eindringlich Reiner Engelmann den Abend und die nachfolgende Zeit auch schildert, zwischendurch dachte ich immer wieder: “Wem sagt er das? Wen will er erreichen?” Denn seien wir ehrlich, wer tickt wie die drei Attentäter, der wird dieses Buch nicht lesen und auch nicht verstehen. Und wer sich näher mit der Thematik befasst hat, weiß es.

Eine Empfehlung für besorgte und verunsicherte Menschen

Aber das ist wohl mein Filterblasendenken. Beruflich bin ich fast täglich mit der Flüchtlingsthematik befasst, privat war ich hier in meiner Gemeinde aktiv. Und zwischen mir und den klassischen Hetzern gibt es eben noch eine große Masse an verunsicherten Menschen und natürlich auch viele Jugendliche, die nicht so recht wissen, wie sie die Geschehen der vergangenen beiden Jahre bewerten sollen. Die nicht wissen, wem sie glauben und vertrauen können. Ihnen kann ein “Blick” in die Köpfe von Geflüchteten und Attentätern helfen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Auch wenn die Vita der zitierten Menschen aus Afghanistan, Somalia, Syrien, Pakistan und Simbabwe nicht stellvertretend für die Mehrzahl derjenigen ist, die bei uns auf ein Leben in Frieden und Freiheit hoffen.

Ich empfehle deshalb Anschlag von rechts von Reiner Engelmann allen, die sich noch unsicher sind, wo sie sich positionieren sollen. Und das quer durch alle Altersklassen. Nicht nur aber gerade auch im aktuellen Wahlkampfgeschehen.

Reiner Engelmann

Reiner Engelmann wurde 1952 in Völkenroth geboren. Nach dem Studium der Sozialpädagogik war er im Schuldienst tätig, wo er sich besonders in den Bereichen der Leseförderung, der Gewaltprävention und der Kinder- und Menschenrechtsbildung starkmachte. Er ist Autor und Herausgeber zahlreicher Anthologien zu gesellschaftlichen Brennpunktthemen. Für Schulklassen und Erwachsene organisiert Reiner Engelmann regelmäßig Studienfahrten nach Auschwitz. Bei cbj sind bereits erschienen: „Der Fotograf von Auschwitz“ und „Wir haben das KZ überlebt“.

Buchinfo: Anschlag von rechts von Reiner Engelmann, erschienen bei cbj, 22.05.2017, 192 Seiten, € 14,99, ISBN: 978-3-570-17437-1

B. C. Schiller – Targa

Eine eiskalte Winternacht. Auf den Stufen einer Klinik werden zwei Babys abgelegt. Nur eines der Mädchen überlebt. Dreißig Jahre später. Targa Hendricks wird als Undercover-Ermittlerin auf einen Serienkiller angesetzt. Kann sie ihn überzeugen, dass sie seine kranken Träume teilt?

Targa Der Moment bevor du stirbst von BC SchillerSie hat keine Freunde, keine richtige Familie, keinen Partner und vor allem keine Angst. Dazu war Targas Start ins Leben zu brutal. So brutal, dass Ihre Gefühlswelt zu Eis erstarrt ist. Ein Zustand, der sie zur unerbittlichen Jägerin werden lässt.

Hochschuldozent Falk Sandman ist clever, hat Charisma und einen tödlichen Fetisch: Er ist besessen von den letzten Worten Sterbender. Und er verfällt der geheimnisvollen Targa. Der Frau, die so ganz anders ist als alle anderen.

Ein gefährliches Spiel beginnt. Kann Targa es gewinnen?

Spannende Charaktere, hohes Tempo

Targa war ein Buch so richtig nach meinem Geschmack. Dunkel, böse, schwer einzuschätzen. Ich habe es inhaliert.

Fasziniert hat mich Targas Charakter. Die unterkühlte Schönheit, die mit menschlichen Emotionen nichts anfangen kann, ihren Hund aber bis aufs Blut verteidigen würde. Die den Dingen auf den Grund gehen muss, um sie wirklich zu verstehen und damit ihre Umgebung zutiefst irritiert.

Gleichzeitig habe ich mitgelitten, wenn sie durch ihren fehlende Angst sehenden Auges in gefährliche Fallen getappt ist. Ein Hoch an dieser Stelle auf unsere Schutzreflexe! Ich möchte nicht sehen, wie unsere Welt wäre, gäbe es sie nicht.

Fortsetzung folgt! Fortsetzung folgt??

Frustriert hat mich der abrupte Schluss. Ok, Fortsetzung folgt. Aber das war nicht das, was ich lesen wollte. Ich wollte gleich wissen, wie es weiter geht. Jetzt! Sofort!

Das spricht für B. C. Schillers packenden Thriller. Ich wollte ihn nicht aus der Hand legen und warte gespannt auf die Fortsetzung.

B.C. Schiller

B.C. Schiller sind Barbara und Christian Schiller, die zu den erfolgreichsten Selfpublishing-Autoren im deutschsprachigen Raum gehören. Ihre Thriller – darunter mehrere Nr.1-E-Book-Bestseller – haben sich bereits mehr als eine Million Mal verkauft und viele Hunderttausend Leser begeistert. Bevor Barbara und Christian Schiller sich ganz dem Schreiben widmeten, betrieben sie gemeinsam eine Werbeagentur. Sie leben auf Mallorca und in Wien.

Buchinfo: Targa von B. C. Schiller, erschienen bei Penguin, 10.07.2017, 400 Seiten, 10,00 €, ISBN: 978-3-328-10151-2

Superheldin 21 – Mein Leben mit Down-Syndrom.

Verena Turin möchte mit Vorurteilen aufräumen. Selbstbewusst erzählt sie uns von ihrem Leben mit Down-Syndrom, denn sie fühlt sich ganz normal. Anders ist sie nur für die Anderen. Verena träumt davon, Superheldin zu sein. Oder Sängerin. Oder Schauspielerin. Träume, die wir alle schon mal geträumt haben.

978-3-499-63269-3 (1)Als der Rowohlt-Newsletter mit der Ankündigung von Superheldin 21 – Mein Leben mit Down-Sydrom kam, war für mich sofort klar: Dieses Buch muss ich haben!

Die Gründe dafür sind vielfältig:

  • Bücher über Down-Syndrom gibt es viele, mir war aber bislang bewusst noch keines untergekommen, dass von einem Menschen mit Down-Syndrom geschrieben wurde. Wobei ich nicht abstreiten will, dass es die gibt.
  • Down-Syndrom und Journalistin, wie geht das zusammen?
  • Den Ohrenkuss, ein Magazin für Menschen mit Down-Syndrom, kannte ich nicht, er hat mich neugierig gemacht.
  • Und schließlich gibt es da noch die Tochter von Freunden. Auch sie wurde mit einem zusätzlichen Chromosom geboren und mit sehr starken Auswirkungen auf ihre Selbstständigkeit.

Ich war also neugierig und nach der Einleitung kurz etwas enttäuscht: Verena Turin hat auf Fragen geantwortet, die man ihr gestellt hat! Aber die Enttäuschung hielt nur sehr kurz an, denn erklärt ausführlich, wie die Zusammenarbeit abgelaufen war. Superheldin 21 ist ganz eindeutig IHR Buch.

Schicht und einfach gut

Gewöhnungsbedürftig war anfangs auch der Schreibstil. Als Vielleserin und Medienschaffende musste ich mich an den schlichten Stil gewöhnen. Doch wieder wurde ich nach wenigen Seiten überrascht. Schnell fand ich es sehr entspannend, Superheldin 21 zu lesen. Alles war echt. Keine aufwändige Story mit Tausend mehr oder weniger gelungenen Schlenkern. Kein Egoshooting sondern ein tiefer offener Einblick in Verenas Herz.

Dieser Einblick hat mich tief beeindruckt. Verena Turin nimmt uns mit in ihren Alltag. Erzählt von ihrer Arbeit im Seniorenheim, von den schönen und den weniger schönen Momenten dabei. Von ihrer Freude an Musik, ihre Liebe zu ihrer Familie. Sie nimmt uns mit auf Ausflüge und erzählt von ihrem Freund. Offen, ehrlich und immer freundlich. Selbst dann, wenn sie klare Grenzen setzt, weil ihr ein Thema zu persönlich wird.

LIebe Verena Turin,

Ihr Buch hat mich sehr berührt. Es ist schön, Menschen zu begegnen, die anderen Menschen nichts Böses wollen. Die mit offenem Herz und reiner Seele auf ihre Mitmenschen zugehen, ihnen positiv begegnen, egal wer sie sind und was sie tun. An dieser Unvoreingenommenheit kann ich mir ein Beispiel nehmen.

Und ich kann von Ihnen lernen, weniger streng mit mir selbst und meinen persönlichen Schwächen zu sein, denn sie haben Recht. Wenn man mit einer Sache nicht so gut klar kommt, bei Ihnen sind es die Zahlen, gibt es viele andere, auf die man stolz sein kann. Ich wünsche mir mehr Menschen, die so unvoreingenommen auf andere zugehen, wie Sie das tun.

Danke für dieses Buch! Sie haben mir damit eine große Freude gemacht.

Wer sich jetzt noch fragt, ob das Buch von mir eine Leseempfehlung bekommt, sollte vielleicht einfach nochmal von vorne anfangen zu lesen. 😉

Verena Elisabeth Turin

Verena Elisabeth Turin, geboren 1979 in Tirol, arbeitet in einem Pflegeheim und als Journalistin für den Ohrenkuss, Magazin von Menschen mit Down Syndrom. Turin ist fasziniert von Mischpulten, macht auch selbst Musik in einer Band, liebt Wasser, Schwimmen, Himbeersaft und Filme von Walt Disney. Negative Gedanken und Diskriminierung hingegen kann sie nicht ausstehen. Verena Turin hat zwei Nichten und wohnt bei ihren Eltern.

Daniela Chmelik

Daniela Chmelik, geboren 1980 in Hamburg, studierte Literaturwissenschaften und leitet derzeit bei barner 16 (inklusives Netzwerk von Künstlern mit und ohne Handicaps) das Labor für Literarische Experimente. Seit 2008 arbeitet sie als Schreibassistentin und Koordinatorin der Hamburger Redaktion für den Ohrenkuss.

Buchinfo: Superheldin 21 – Mein Leben mit Down-Syndrom von Verena Turin, Daniela Chmelik, erschienen bei rororo, 21.07.2017, 160 Seiten, € 9,99, ISBN 978-3-499-63269-3

Uwe Wilhelm: Die 7 Farben des Blutes

Berlin. Drei Frauen werden in drei Monaten grausam ermordet. Nach jedem Mord veröffentlicht der Mörder über seine “Heilungen”, wie er es nennt, berichtet. Dabei zitiert er aus dem Buch eines bekannten und umstrittenen Berliner Professors. Die Polizei arbeitet gehen die Zeit. Kann sie die Morde stoppen?

Die sieben Farben des Blutes von Uwe WilhelmDrei Morde in drei Monaten. Dann ist plötzlich Ruhe. Doch Staatsanwältin Helena Faber glaubt nicht, dass der Mörder die Lust am Töten verloren hat. Für sie ist es nur eine Frage der Zeit, bis er wieder zuschlägt.

Aller Bedenken zum Trotz stellt ihr Vorgesetzter die Suche ein. Eine Entscheidung, die sich rächen wird.

Was hat die Geschichte des Frauenhasses mit den Morden zu tun?

Ein Jahr später. Wieder stehen Polizei und Staatsanwaltschaft vor einem Opfer, das eindeutig die Handschrift von Dionysos, wie der Serienmörder sich nennt, trägt. Mit unfassbarer Perversion inszeniert er seine Morde und wieder führt der Weg zu Professor Gibran. Sein Fachbereich: Die Geschichte des Frauenhasses.

Als sich Helena Faber näher mit Gibrans Buch beschäftigt, ist sie sicher: Es wird weitere Tote geben und eine davon heißt Helena.

Spannung am laufenden Band für Thrillerfans wie mich

Die 7 Farben des Blutes haben mein Wochenende komplett durcheinander gewirbelt. Bereits nach den ersten Seiten war alle Planung vergessen und Uwe Wilhelm hatte mich im Griff. Er hat ein schnelles, fesselndes Buch abgeliefert, das nichts für zarte Gemüter ist. Dazu sind die Schilderungen der Opfer zu detailliert. Aber für mich war es perfekt.

Dafür hat nicht nur das durchgehend hohe Tempo gesorgt sondern vor allem die spannenden psychologischen Hintergründe. Auch wenn mir ziemlich früh klar war, wer der Mörder sein könnte, hat es noch lange gedauert, bis mir die Zusammenhänge klar waren. Bis ich den ganzen Wahnsinn erfassen konnte.

Mit Helena Faber mitgelitten

Wer jetzt denkt: Ach ja, Serienmörder, Psychopathen, usw., das kennt man doch zur Genüge, irrt. Uwe Wilhelm hat für seine Leserinnen und Leser noch mehr in Petto. Ich habe mit Helena mitgelitten. Habe in den heikelsten Situationen gehofft, dass sie ihre Amnesie (Details im Buch, denn spoilern ist doof) nur vorspielt und im nächsten Moment gnadenlos zuschlagen wird. Vergebens.

Um es kurz zu machen: Ich war begeistert und nur ganz kurz über das abrupte Ende enttäuscht. Sagt es mir doch, dass ich noch mehr über Staatsanwältin Helena Faber lesen werde. Ich freue mich jetzt schon darauf!

Uwe Wilhelm

Uwe Wilhelm, geboren 1957 in Hanau, hat Germanistik und Schauspiel studiert. Seit 1987 arbeitet er als Autor für Drehbücher, Theaterstücke und Sachbücher. Er hat mehr als 120 Drehbücher u.a. für Bernd Eichinger, Katja von Garnier und Til Schweiger verfasst. Uwe Wilhelm ist verheiratet und lebt mit seiner Familie in Berlin.

Buchinfo: Die 7 Farben des Blutes von Uwe Wilhelm, erschienen bei blanvalet, 17.07.2017, 480 Seiten, Klappenbroschur, € 9,99, ISBN: 978-3-7341-0344-5.

Jonas Winter: Murder Park

Zodiac Island vor der Ostküste der USA ist oder richtiger war ein beliebter Freizeitpark. Das ändert sich schlagartig, als ein Serienmörder drei junge Frauen grausam ermordet. Zwanzig Jahre später soll dieses Grauen erneut zahlreiche Gäste auf die Insel locken. Aus Zodiac Island wird Murder Park, eine skrupelloses Freizeitangebot, das mit den Ängsten der Besucher spielt.

Zwanzig Jahre ist es her, dass Jeffrey Bohner auf Zodiac Island sein Unwesen trieb. Drei bestialische Morde an jungen Frauen machen aus dem beliebten Freizeitpark einen Ort des Grauens.

Du kannst nicht entkommen

Murder Park von Jonas WinnerPassend zum Jubiläum soll Zodiac Island jetzt wieder zur Besucherattraktion sorgen. Doch für das Prickeln im Bauch sorgen dieses Mal weder Geisterbahn noch Riesenrad. Zahlungskräftige Kunden sollen auf Murder Park am eigenen Leib erfahren, was echtes Grauen ist. Denn auf der Insel wütet wieder ein Killer. Keiner kann dem anderen trauen und die nächste Fähre kommt erst in drei Tagen.

Zwischen Fassungslosigkeit und wohligem Grusel

Wie kommt man auf die Idee, in seinem Kopf ein Szenario wie Murder Park entstehen zu lassen? Ein Spiel mit dem archaischsten aller Gefühle, der nackten Todesangst? Jonas Winner wird es uns nicht verraten, aber er hat es so gut durchdacht, dass es mich schnell in seinen Bann gezogen hat. Hin und her gerissen zwischen Fassungslosigkeit und wohligem Grusel habe ich mitgefiebert. Habe mich auf falsche Fährten locken lassen, war mir sicher, den Mörder zu kennen und musste dann doch wieder feststellen: Das war die falsche Fährte!

Terror, Bomben, Murder Park?

Was mich aber am meisten überrascht hat, war, dass ich mir den Erfolg eines solchen Konzeptes vorstellen kann. In Zeiten wo auch in unserer westlichen Welt Terror und Bomben wieder an der Tagesordnung sind, stumpfen Menschen so schnell ab, dass sie den immer neuen Kick brauchen. Was vor wenigen Monaten noch tagelang die Kommentarspalten der Medien gefüllt hat, ist fast schon zur Randnotiz verkommen.

Der Tod ist überwältigend nah

Eine Umgebung, in der durch die entsprechenden Exponate gleich mehrere Serienkiller omnipräsent zu sein scheinen, in der man nicht ausweichen kann und nicht weiß, wem man noch vertrauen kann, kann sich der Thrill wieder einstellen, den manche Menschen brauchen. Der besondere Kick gegen die Langeweile des Alltags. Egal was es kostet.

Das Grauen als Geschäftsmodell? Kann funktionieren.

Murder Park hat mich fasziniert. Eben weil mich die Story dazu gebracht hat, nachzudenken ob ein solcher “Freizeitpark” seine Liebhaber finden könnte. Aber noch mehr, weil ich zu dem Schluss gekommen bin: Ja, das könnte er.

Fasziniert haben mich auch die vielen Wendungen. Ich war mir so oft sicher, die Lösung gefunden zu haben und jedes Mal lag ich wieder falsch. Geschwächelt hat dabei nur der Schluss. Im Vergleich zum Thriller insgesamt war der recht schwach. Aber vielleicht geht das auch nicht anders, wenn man gedanklich so lange so “perverse” Spielchen spielt. Die Rückkehr in den Alltag ist dann vermutlich einfach ernüchternd.

Jonas Winter

Jonas Winner wuchs in Berlin, Rom und den USA auf, Studium in Deutschland und Frankreich. Nach seiner Promotion über Spieltheorie arbeitete er zehn Jahre lang als Fernsehjournalist, danach folgten Drehbücher fürs deutsche Fernsehen und Romane. Mit dem Self-Publishing-Erfolg »Berlin Gothic« gelang Winner der Durchbruch als Spannungsautor.

Buchinfo: Murder Park von Jonas Winter, erschienen bei Heyne, 13.06.2017, 416 Seiten, Paperback, Klappenbroschur, € 12,99, ISBN: 978-3-453-42176-9

Andrea von Treuenfeld: Erben des Holocaust

Welche Auswirkungen hat es für Kinder, wenn die Eltern den Holocaust überlebt haben? Wie sehr haben Flucht, Konzentrationslager und niedergemetzelte Familien den Umgang mit dem eigenen Nachwuchs geprägt? Andreas von Treuenfeld hat prominente “Kinder” befragt und aus den Antworten ein berührendes Buch zusammengestellt.

9783579086705_CoverMeine Mutter ist 1935 geboren. Als meine Großmutter starb, war ich Ende 20. Eigentlich hatte ich noch viel Zeit, mit einer Generation zu reden, die einen, im Fall meiner Großmutter sogar zwei, Weltkriege erlebt hat. Wenn sie denn darüber geredet hätten.

Zwar weiß ich, dass die Frauen zweimal fliehen und alles zurücklassen mussten. Ich weiß auch, dass das Haus bei der Rückkehr niedergebrannt war. Was ich nicht weiß, ist der Fluchtgrund, wenn ich mir das jetzt so richtig überlege.

Es wäre so wichtig, zu reden

Jüdische Wurzeln gibt es in der Familie nicht, dieser Grund scheidet also aus. Wenn meine Mutter sich noch an die Flucht erinnern kann, muss diese auch ziemlich zu Kriegsende stattgefunden haben. Das würde auch erklären, warum meine Großmutter so entsetzt war, als der örtliche Musikverein in den 70ern eine Städtepartnerschaft mit USA einging und der erste Austausch stattfand. Sie wollte es einfach nicht wahrhaben, dass man “die Amerikaner wieder ins Land hole, die alles kaputt geschlagen und sich an den Frauen vergangen hätten”. Ob das der Grund war? Ich weiß es nicht. Es wurde ja nicht darüber gesprochen und die Chancen, dass sich daran noch etwas ändern wird, sind sehr gering.

Was das mit Erben des Holocaust von Andrea von Treuenfeld zu tun hat? Sehr viel. Denn die Schilderungen von Nina Ruge, Ilja, Richter, Marcel Reif, Andrew Ranicki und einigen mehr, hatten so viel Wiedererkennungswert:

  • Die Unfähigkeit, das Erlebte beim Namen zu nennen.
  • Die ständige Verdrängung.
  • Das Unvermögen, Nähe zuzulassen und zu vermitteln.
  • Die Zerrissenheit in den Familien.
  • Die unerbittliche Härte sich selbst gegenüber.

Darunter haben nicht nur die Kinder derer gelitten, die direkte Holocaust-Opfer waren, darunter hat eine ganze Generation gelitten. Eine Erblast, die an die nächste Generation weitergegeben wurde und die meiner Meinung nach nur durch offene Kommunikation getilgt werden kann.

Dieses Buch ist wirklich wichtig

Für mich ist deshalb Erben des Holocaust von Andrea von Treuenfeld ein überaus wichtiges Buch. Und zwar nicht, weil über die Grauen des Krieges noch nie geschrieben worden wäre oder weil Andrea von Treuenfeld spektakuläre Neuigkeiten parat hätte, sondern weil es (mindestens) einer ganzen Generation helfen kann, die eigene Vergangenheit zu verstehen. Sich klar zu machen, dass die Distanziertheit der Eltern nichts mit einem selbst zu tun hatte, sondern Folgen “vererbter” Traumata waren.

Danke an die Interviewpartner, die uns einen Blick in ihre “Altlasten” gestattet haben. Wie schwer das einigen gefallen ist, ist nicht zu überlesen. Aber das ist der einzige Weg, mit der Vergangenheit wirklich abzuschließen.

Andrea von Treuenfeld

Andrea von Treuenfeld hat Publizistik und Germanistik studiert und als Kolumnistin, Korrespondentin und Leitende Redakteurin u.a. bei der Welt am Sonntag gearbeitet. Heute lebt sie in Berlin und schreibt als freie Journalistin Porträts und Biografien.

Buchinfo: Erben des Holocaust von Andrea von Treuenfeld, erschienen bei Gütersloher Verlagshaus, Februar 2017, 224 Seiten, gebunden, 38 s/w Abbildungen, € 19,99, ISBN: 978-3-579-08670-5

Candice Fox: Fall

In Sydney ist Jagdsaison. Den Opfern, durchtrainierte, attraktive Joggerinnen, ist eines gemeinsam: Ihr Gesicht wurde brutal zertrümmert. Während alle Welt nach dem ominösen Parkmörder sucht, glaubt Eden Archer von der Mordkommission an eine Frau als Täterin und macht sich auf ihre Art an die Arbeit.

FallWas habe ich ihn herbeigesehnt, Band drei der Trilogie um Eden Archer und Frank Bennett. Band eins, Hades, hat mich sofort gefesselt. Klar, dass ich Teil zwei, Eden, lesen musste. Und wieder war ich begeistert. Unglaublich wie selbstverständlich Candice Fox das Böse skizziert und dafür sorgt, dass man Mörder verstehen und ihr Taten nachvollziehen kann.

Gegen den Keim des Bösen kommst du nicht an

Mit Fall, dem letzten Band der Trilogie, geht Candice Fox einen Schritt weiter. Widerfährt einem jungen Menschen wirklich Schlimmes, geht etwas in ihm unwiederbringlich kaputt. Die Hemmschwelle, andere Menschen sich in den Abgrund zu ziehen, sinkt. Das Leuchten in den Augen erlischt, wie Hades Archer es beschreibt.

So geht es Tara, die von ihrer coolen, attraktiven Mutter so lange gedemütigt wurde, bis sie ihr Leben in die eigene Hand genommen hat. Mit verhängnisvollen Konsequenzen. So ging es Amy, die mit ansehen musste, wie ihre Schwester die Eltern tötete. Doch während Amy einen Beschützer findet, der sie vor dem letzten Schritt bewahrt, zahlt Tara ihre dunkle Vergangenheit mit dem Leben und reißt dabei noch weitere Unschuldige mit sich.

Und kaum denkst du, das war’s jetzt, hat Candice Fox die nächste Überraschung parat

Auch wenn ich Fall als schwächsten der drei Thriller um Eden Archer und Frank Bennett empfunden habe, ist er immer noch hervorragend. Spannend bis zur letzten Seite auch wenn sich ziemlich früh abzeichnet, wer die Joggerinnen auf dem Gewissen hat. Candice Fox’ Gespür für unerwartete Wendungen an der exakt passenden Stelle tut das keinen Abbruch. Sie hat es wieder geschafft, mich so tief in ihren Bann zu ziehen, dass ich froh über das lange Wochenende war, an dem ich das Buch nicht so schnell aus der Hand legen musste.

Liebe Candice Fox, sag, dass das nicht das Ende war!

Im Gegensatz zu Hades und Eden war mir das Ende von Fall aber zu abrupt. Zu viele neue Wege wurden angedeutet, die nach Fortsetzung schreien und ich möchte wetten, dass Candice Fox sie wieder aufgreifen wird. Und seid euch sicher: Ich werde jeden Band davon lesen!

Fall bekommt also von mir eine ganz klare Leseempfehlung! Allerdings würde ich allen Interessierten die gesamte Trilogie ans Herz legen. Aber Vorsicht! Sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt, dass ihr ab Band eins angefixt sein werdet!

Candice Fox

Candice Fox stammt aus einer eher exzentrischen Familie, die sie zu manchen ihrer literarischen Figuren inspirierte. Nach einer nicht so braven Jugend und einem kurzen Zwischenspiel bei der Royal Australian Navy widmet sie sich jetzt der Literatur, mit akademischen Weihen und sehr unakademischen Romanen. Für den ersten und zweiten Teil ihrer Trilogie, Hades und Eden, wurde sie 2014 und 2015 mit dem Ned Kelly Award ausgezeichnet.

Buchinfo: Fall von Candice Eden, erschienen bei Suhrkamp, 10.04.2017, 470 Seiten, Klappenbroschur, 15,95, ISBN: 978-3-518-46765-7