Alex Pohl: Eisige Tage

Leipzig im Winter. Kommissarin Hanna Seiler und ihr Kollege Milo Novic werden zu einem Mordfall gerufen. Was auf den ersten Blick wenig spektakulär aussieht, zieht das Ermittlerteam tief in die Abgründe von Menschenhandel und Pädophilie.

Eisige TageAm Elster-Saale-Kanal wird ein Mann erschossen in seinem Auto aufgefunden. Die Waffe: eine alte, russische Makarow. Der Tote war in der Vergangenheit als Anwalt für die Russenmafia aktiv. Ist er hier in Ungnade gefallen? Aber was hat es dann mit den Fotos leichtbekleideter, minderjähriger Mädchen in eindeutigen Posen auf sich, die in seinem Nachlass gefunden werden? Eines der Mädchen wurde erst wenigen Tagen zuvor vermisst gemeldet.

Kann die Russenmafia helfen?

Hanna Seiler beschließt, ihre Kontakte zu Iwanow, dem Chef der Russenmafia, zu nutzen, um schnellstmöglich Licht ins Dunkel zu bringen. Doch was sie erfahren, macht den Fall nur noch komplizierter. Und verwirrt Milo Novic, der spürt, dass Iwanow und Seiler ein ganz besonderes Verhältnis zueinander haben.

Eisige Tage von Alex Pohl ist ein klug konstruierter Krimi, der die Aufmerksamkeit seiner Leserinnen und Leser fordert. Im Wechsel zwischen Rückblick und Gegenwart erzählt er nicht nur eine Geschichte, sondern mindestens zwei. Denn nicht nur der Mord bleibt bis kurz vor Schluss mysteriös, auch im Leben von Milo Novic scheint es dunkle Geheimnisse zu geben, von denen seine Kollegin nichts weiß.

Mich haben diese Wechsel in den beiden Erzählsträngen nur ganz zu Beginn kurz irritiert.

Auch die Ermittlungen im eigentlichen Mordfall verlaufen nicht streng chronologisch. Ab und an musste ich kurz zurückblättern und nach dem Datum schauen, mit dem jeder neue Gedankengang startet. Das fand ich aber nicht schlimm.

Verstörend emotionslos

Schlimm sind die Hintergründe der Geschichte. Auf welche perfide Art und Weise das Vertrauen junger Mädchen oder kleiner Jungs erschlichen wird, um sie dann an reiche, skrupellose Russen zu verschachern, ist erschreckend. Wie aussichtslos muss die Lage der Menschen sein, die sowas unterstützen und sich daran beteiligen? Oder wie emotionslos müssen sie sein?

Egal, wie oft ich Krimis, Thriller oder Sachbücher zu dieser Thematik lese, ich bin immer wieder fassungslos. Fassungslos, wie viele Menschen wegschauen und schweigen. Fassungslos, wie sehr viele Kinder leiden müssen.

Eisige Tage von Alex Pohl hat mich gefesselt aber nicht verschlungen. Von mir gibt es dennoch eine Leseempfehlung für die komplexe Story.

Alex Pohl

Alex Pohl hatte jede Menge Jobs, bevor er mit seinen Bestsellern das große Publikum eroberte. Heute erreichen seine unter dem Pseudonym L.C. Frey verfassten Thriller regelmäßig Auflagen in sechsstelliger Höhe. Nun tritt Alex Pohl zum ersten Mal unter seinem Klarnamen als Autor in Erscheinung: »Eisige Tage« ist der Auftakt einer neuen Krimireihe rund um den Tatort Leipzig – seiner Heimatstadt.

Buchinfo: Eisige Tage von Alex Pohl, erschienen bei Penguin, 11. Februar 2019, Taschenbuch mit Klappenbroschur, 432 Seiten, € 10,00, ISBN: 978-3-328-10323-3

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Kristine Bilkau: Eine Liebe, in Gedanken

Hamburg, 1964. Für Antonia und Edgar ist es Liebe auf den ersten Blick. Sie wollen gemeinsam in die Zukunft gehen. Doch die entwickelt sich für das Paar anders als erwartet. Fünfzig Jahre später löst Antonias Tochter den Nachlass ihrer Mutter auf und stellt fest, wie wenig sie über diese Frau wusste.

Hamburg in den frühen Sechzigern. Der Krieg ist vorbei, im Land geht es aufwärts. Die jungen Leute wollen leben, ihre Zukunft gestalten, frei sein. Als sich Antonia und Edgar zufällig begegnen, spüren sie sofort die besondere Magie, die zwischen ihnen herrscht. Schnell ist klar, sie wollen den weiteren Weg gemeinsam gehen.

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Doch ihre Generation ist auch ein Sicherheitsdenken tief verhaftet. Antonia plant ihre berufliche Karriere, was endlich auch Frauen möglich ist. Edgar ist in seinem Beruf unzufrieden, will sich weiterentwickeln, seiner Frau etwas bieten können. Ein Auslandsaufenthalt scheint da genau das Richtige zu sein. In Hongkong soll er eine neue Niederlassung der Firma aufbauen. Was wie die Chance ihres Lebens aussieht, entwickelt sich für Antonia und Edgar zum Fiasko.

Fünfzig Jahre später, nach dem plötzlichen Tod ihrer Mutter, beschließt ihre Tochter, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Wann und warum genau haben sich Antonia und Edgar verloren? Weiß Edgar, wie sich das Leben ihrer Mutter entwickelt hat. Weiß er, dass sie tot ist? Hat er sie gar längst vergessen? Sie wird ihn mit all diesen Fragen konfrontieren.

Ein unglaublich liebevolles Buch

Es gibt Bücher, die eigentlich traurig sind, zum Beispiel weil zwei Liebende ihr Leben nicht miteinander verbringen können. Und es gibt solche, die Mut machen, gerade weil zwei Menschen ihre Liebe nicht leben können. Zu letzteren gehört für mich Eine Liebe, in Gedanken.

Ohne jeden Kitsch erzählt Kristina Bilkau die Geschichte von Antonia und Edgar. Lässt uns teilhaben an dem Bangen und Hoffen. Und an der liebevollen Aufarbeitung der Vergangenheit durch Antonias Tochter.

Mich beeindrucken die Geschichten junger Frauen aus den Fünfzigern oder Sechzigern des letzten Jahrhunderts. Frauen, die stark sein mussten, weil ihnen noch unzählige Hindernisse in den Weg gelegt wurden. Sich diesen zu stellen und ihren eigenen Weg zu gehen, war mutig und nicht sehr angesehen, entsprachen sie damit doch nicht dem gängigen Familienmodell der damaligen Zeit.

Eine Liebe, in Gedanken von Kristina Bilkau ist ein wunderschönes Buch, das ich allen ans Herz lege, die sich für die Nachkriegszeit und der Rolle der Frau darin interessieren.

Kristina Bilkau

Kristine Bilkau, 1974 geboren, studierte Geschichte und Amerikanistik. Ihr erster Roman „Die Glücklichen“ fand ein begeistertes Medienecho, wurde mit dem Franz-Tumler-Preis, dem Klaus-Michael-Kühne-Preis und dem Hamburger Förderpreis für Literatur ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt. Sie lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

Buchinfo: Eine Liebe, in Gedanken von Kristine Bilkau, erschienen bei Luchterhand, März 2018, 256 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, € 20,00, ISBN: 978-3-630-87518-7

Lorenz Stassen: Blutacker

Für Nicholas Meller entwickelt sich alles nach Wunsch. Nachdem der junge Anwalt in einem spektakulären Prozess um den sogenannten Angstmörder viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, kann er sich vor Aufträgen solventer Kunden kaum noch retten. Doch schnell lernt er auch die Schattenseiten seiner Karriere kennen.

blutackerNicholas Meller ist mit seinem Leben rundum zufrieden. Noch vor wenigen Monaten musste der junge Anwalt um jeden Mandanten ringen, jetzt laufen sie ihm die Tür seiner schicken neuen Kanzlei ein. Dem Medienrummel um seinen letzten Fall sei Dank.

Auch privat hat sich viel getan. Mit Nina, seiner ehemaligen Referentin lebt er jetzt in einer luxuriösen Wohnung. Nina kann ohne finanzielle Sorgen ihr Studium vorantreiben, die gemeinsame Zeit genießen beide.

Mit dem Geld kommt die Gefahr

Das alles ändert sich schlagartig, als Hauptkommissar Rongen plötzlich vor der Tür steht. Ein Paketbote wurde brutal ermordet, ein einziges Paket entwendet. Der Empfänger: Rechtsanwalt Nicholas Meller. Im Gegensatz zur Polizei nimmt Nicholas die Sache vorerst auf die leichte Schulter. Doch das ändert sich bald. So langsam dämmern ihm die Risiken, die mit seiner neuen Popularität einher gehen. Kann er für Nina und sich rechtzeitig die Reißleine ziehen?

Blutacker – wie im wahren Leben

Lorenz Stassen verschafft seinen Lesern mit Blutacker einen spannenden Einblick in die Welt von Macht, Gier und Korruption. Und wie leicht man sich davon gefangen nehmen lässt, wenn man sich neu und arglos in diesem Umfeld bewegt.

Erst nach und nach wird klar, wie schnell dieses Geflecht aus Skrupellosigkeit und Egoismus zur Lebensgefahr werden kann. Ein Geflecht, das sehr realistisch geschildert wird und in unserer Gesellschaft weit verbreitet ist und viele Entscheidungen, die uns alle betreffen, beeinflusst. Eine traurige aber wohl realistische Wahrheit.

Von mir bekommt Blutacker von Lorenz Stassen deshalb eine Leseempfehlung.

Lorenz Stassen

Lorenz Stassen, geboren 1969, wuchs in Solingen auf und wurde zunächst Chemielaborant. Er wechselte ins Film- und Fernsehgeschäft und arbeitet seit 1997 als freischaffender Drehbuchautor, u. a. für »Alarm für Cobra 11« und »Soko Köln / Soko Stuttgart«. »Angstmörder« ist sein erster Roman. Lorenz Stassen lebt in Köln.

Buchinfo: Blutacker von Lorenz Stassen, erschienen bei Heyne, 12.11.2018, 352 Seiten, Klappenbroschur, € 12,99, ISBN 978-3-453-43944-3. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Lincoln Child: Der Luna-Effekt

Ein scharrendes Geräusch, ein fauliger Geruch. Das ist das Letzte, was David Palmer in der hellen Vollmondnacht wahrnimmt. Wenig später wird seine brutal zerfetzte Leiche am Fuß des Desolation Mountain gefunden. Und sie bleibe nicht die letzte. Ein Fall für den Enigmatologen Jeremy Logan?

luna-effektJeremy Logan hat es in die abgelegenen Wälder der kanadischen Provinz verschlagen. Hier erhofft er sich die nötige Ruhe, um sein Buch zu Ende bringen zu können. Doch sein Ruf als Experte für Enigmatologie, der Erforschung unerklärlicher Phänomene eilt ihm voraus.

Als nach einer Vollmondnacht die völlig zerfetzte Leiche eines Wanderers in den Wäldern gefunden wird, hofft man auf Logans Hilfe. Denn der Mann ist nicht das einzige Opfer. Und alle wurden bei Vollmond getötet. Widerstrebend stimmt Jeremy Logan zu, eine kurze Einschätzung der Situation aus seiner Sicht abzugeben. In die weiteren Ermittlungen will er sich nicht hineinziehen lassen.

Was fremd ist, macht Angst

Vorsichtig hört er sich im Dorf um. Dort sind die Schuldigen bereits gefunden: Ein Familienclan, der seit Jahrzehnten völlig zurückgezogen im Wald lebt und nach Möglichkeiten jeden Kontakt zu den Dorfbewohnern vermeidet. Doch Logan ist nicht überzeugt. Was hat es mit dem Forschungsinstitut auf der versteckten Waldlichtung auf sich?

Beim nächsten Vollmond wird ein weiterer Mensch bestialisch ermordet. Ein Mensch, den Jeremy Logan gekannt und geschätzt hat. Jetzt kann er sich den Nachforschungen nicht mehr entziehen. Er muss dem Gefühl unsäglicher Gewalt, das er im Wald hatte, nachgehen und bringt sich dabei selbst in Lebensgefahr.

Ob das was für mich ist?

Zugegeben, ich habe gezweifelt, ob Der Luna-Effekt das richtige Buch für mich ist. Beschrieben wird es als Science-Mystery-Thriller. Science ist definitiv meins, aber Mystery? Eher nicht. Mit entsprechenden Vorbehalten begann ich zu lesen. Und war sehr sehr angetan! Ein wirklich spannender Thriller. Etwas spooky aber das wiederum so gut wissenschaftlich verpackt, dass es für mich als, ursprünglich mal, Biochemikerin durchaus irgendwie vorstellbar.

Spannend fand ich auch die Herangehensweise von Jeremy Logan an die Ermittlungen. Als Empath hat er immer wieder seine Fähigkeit, Gefühle anderer intensiv aufgreifen zu können, betont und genutzt. Ich selbst halte viel von “Bauchgefühl” und konnte deshalb auch hier gut mitgehen.

Und die Story als solche ist eindeutig spannend und stellenweise etwas gruselig.

Von mit gibt es deshalb eine Empfehlung für Der Luna-Effekt von Lincoln Child.

Lincoln Child

Lincoln Child studierte Literatur und arbeitete viele Jahre als Lektor bei St. Martin’s Press. Gemeinsam mit seinem Freund Douglas Preston schrieb er mehrere Romane, die ein Millionenpublikum begeisterten. Auch mit seinen Soloprojekten „Wächter der Tiefe“, „Nullpunkt“, „Hüter des Todes“ und „Frequenz“ feierte Child große Erfolge. Er lebt mit Frau und Tochter in New Jersey.

Übersetzung: Axel Merz

Buchinfo: Der Luna-Effekt von Lincoln Child, erschienen bei Wunderlich, 18.12.2018, 320 Seiten, gebunden, € 19,95, ISBN: 978-3-8052-0018-9. Danke für das Leseexemplar.

Hanna Caspian: Gut Greifenau – Nachtfeuer

Pommern, August 1914. Der erste Weltkrieg beginnt. Auch für die von Auwitz-Aarhayns auf Gut Greifenau ändert sich vieles. Wie werden sich die zarten Bande zwischen dem jungen Graf Konstantin und der Dorflehrerin Rebecca entwickeln? Und kann Katharina von Auwitz-Aarhayn der Ehe mit dem verhassten Ludwig von Preußen entgehen? Band zwei der Gut Greifenau Reihe von Hanna Caspian lässt uns hinter die Kulissen blicken.

gut greifenau nachtfeuerLangsam aber sicher machen sich die Vorboten des ersten Weltkrieges auch im pommerschen Hinterland bemerkbar. Züge fahren nicht mehr planmäßig, weil sie für den Truppentransport gebraucht werden. Luxusgüter sind nur schwer zu beschaffen. Aber noch leidet niemand Hunger. Alle glauben sie der Propaganda, dass im Herbst schon wieder alles vorbei sei, der Sieg sicher.

Das Märchen vom Blitzkrieg

Doch der Herbst wird zum Winter, der Winter zum Frühjahr. Immer mehr junge Männer aus dem Dorf werden eingezogen. Auch Konstantin, der älteste Sohn der Grafenfamilie muss die Kontrolle über das Gut an seinen Vater abgeben und zum Einsatz an die Front. Nur mit viel Glück überlebt er einen Bombenangriff und wird schwer verletzt ins Lazarett gebracht.

Dorflehrerin Rebecca versucht derweil, die Ernährung im Dorf zu sichern. Im Gutspark und der Orangerie will sie Gemüse anbauen, unterstützt unter anderem von Katharina, der jüngsten Tochter der von Auwitz-Aarhayns. Sehr zum Missfallen der Gräfin, die das Ende des Krieges herbeisehnt, damit sie endlich Katharinas Hochzeit mit Ludwig von Preußen organisieren kann. Egal, ob Katharina das möchte oder nicht. Doch das Mädchen schmiedet längst Pläne, wie sie diesem Schicksal entkommen will.

Ob sie aufgehen? Das wird uns Band drei sagen.

Es bleibt spannend

Wie im Krieg üblich, gehen auch in Band zwei der Greifenau Reihe die Uhren langsamer. Hanna Caspian beschreibt dramatische Kriegsszenen und die zunehmenden Probleme bei der Versorgung der Landbevölkerung ziemlich ausführlich. Für mich hätte dieser Teil etwas straffer sein können. Dafür hätte ich mir mehr über die Veränderungen, die diese Zeit für die Frauen brachte, gewünscht. Um ihre Kinder zu ernähren, während die Männer im Krieg sind, müssen viele in den Fabriken arbeiten. Eine Situation, die noch wenige Monate zuvor unvorstellbar war.

Aber im Fokus der Story steht nun mal das Leben auf dem Gut und in dem Dorf Greifenau. Und hier finden sich reichlich bewegende Schicksale, die mich als Leserin mitfiebern lassen. Wird Rebecca ihrem Glück trauen? Kann Katharina das Leben führen, von dem sie träumt? Wie werden sich die Dinge für Albert Sonntag entwickeln?

Ich bin sehr gespannt und freue mich auf Band drei.

Hinweis: Ich kann nicht empfehlen, die Gut Greifenau Reihe mit Band zwei zu starten. Nur sehr wenige Erzählstränge werden aus Band eins kurz rekapituliert und erst dann weiterentwickelt. Damit fehlt viel Vorwissen, das der Story ihre Intensität verleiht.

Hanna Caspian

Hanna Caspian ist das Pseudonym einer erfolgreichen deutschen Autorin. Mit ihren gefühlvollen und spannungsgeladenen Familiensagas beleuchtet sie bevorzugt fast vergessene Themen deutscher Geschichte.

Hanna Caspian studierte Literaturwissenschaften, Sprachen und Politikwissenschaft in Aachen und arbeitete danach lange Jahre im PR- und Marketingbereich. Zuletzt war sie Anzeigenleiterin und Projektmanagerin in einem Fachverlag. Mit ihrem Mann lebt sie heute als freie Autorin in Köln, wenn sie nicht gerade durch die Weltgeschichte reist.

Buchinfo: Gut Greifenau – Nachtfeuer von Hanna Caspian, Band 2 der Gut Greifenau Saga, erschienen bei KNAUR, 27.12.2018, 560 Seiten, € 9,99, ISBN: 978-3-426-52151-9, vielen Dank für das Leseexemplar.

Johanna Trommer: Karl Kessel – Der Schneewittchen-Fall

Karl Kessel aus Stuttgart ist ein begeisterter Kriminalist. Gerade erst hat er mit seiner Partnerin Marlene ein Detektivbüro gegründet, schon stolpern sie über die erste Leiche. Der Haken daran: Karl und Marlene gehen noch zur Schule. Eigentlich dürfen sie nicht ermitteln. Eigentlich.

karl kessel schneewittchenEin Leben ohne Leiche ist uninteressant. Das denkt zumindest Karl Kessel. Der nerdige Schüler kriminalisiert für sein junges Leben gern und hat auch tatsächlich bereits bei zwei Fällen zu den Ermittlungen der Polizei beigetragen. In Marlene Monroe, die kürzlich mit ihren Eltern nach Bad Cannstatt gezogen ist, findet er eine verwandte Seele.

Schneewittchen in der Kiste

Da ihre Eltern zudem sehr großzügig sind, dürfen sich die beiden Jugendlichen auf dem Speicher ihr erstes Detektivbüro einrichten. Mit überraschenden Konsequenzen. In einer alten Truhe finden Sie eine Leiche, wunderschön erhalten wie Schneewittchen in ihrem Sarg.

Die Polizei nimmt die Ermittlungen auf. Aber nicht ohne Karl und Marlene, die ihre eigenen Schlüsse ziehen und damit, wie Kommissar Schockenried zähneknirschend gestehen muss, gar nicht so falsch liegen. Als Marlene plötzlich verschwindet, spitzt sich die Situation zu. Schnelles Handeln ist gefragt.

Cooler Stuttgart-Krimi für Jugendliche

Auch wenn ich längst nicht mehr als Jugendliche durchgehe, lese ich ab und zu ganz gerne ein Jugendbuch. Als mir Der Schneewittchen-Fall angeboten wurde, fiel mir die Zusagen besonders leicht. Ein Stuttgart-Krimi für junge Leute, wie cool!

Und tatsächlich erleben Karl und Marlene unglaubliche Dinge. Nicht jeder findet schließlich eine Leiche auf dem Speicher und noch weniger Jugendliche dürfen, wenn auch inoffiziell, bei den Ermittlungen der Polizei mitmischen. Dass Karl Kessel ganz nebenbei auch noch ein Computerprofi ist, hilft natürlich nicht unwesentlich in dieser Situation.

Johanna Trommer hat mit Karl Kessel – Der Schneewittchen-Fall ein spannendes Jugendbuch abgeliefert, das sicherlich viele junge Freunde finden wird. Aber, liebe Eltern, wenn eure Kinder nach der Lektüre auf dem Dachboden ein Detektivbüro gründen wollen, schaut erst in alle Kisten, die da noch rumstehen. Nicht dass der Start ins detektivische Berufsleben turbulenter wird, als geplant. 😉

Hinweis: Karl Kessel ist für Kinder ab 10 gedacht. Ich vermute aber, dass auch 13- oder 14-Jährige die Reihe (Nerds und Drohnen und so) spannend finden.

Johanna Trommer

Johanna Trommer, geboren 1981, wuchs in Stuttgart auf und absolvierte dort nach einjährigem USA-Aufenthalt ihr Abitur an einem humanistischen Gymnasium. Nach Beendigung ihres interdisziplinären Design-Studiums an der staatlichen Hochschule in Köln begann ihre berufliche Laufbahn als Redakteurin und Kinder- und Jugendbuch-Autorin. Aus der Idee, eine Kriminalgeschichte für Jugendliche in Stuttgart spielen zu lassen, entstand ihr erster Roman um den Computer-Nerd und Hobbydetektiv Karl Kessel – „Mord im Opernhaus“. Mit “Karl Kessel-Eine Leiche für die Katz” ging es für den beliebten Stuttgarter Meisterdetektiv im März 2017 in die zweite Runde, ehe im November 2018 der dritte Fall “Karl Kessel-Der Schneewittchen-Fall” erscheint. Johanna Trommer lebt zusammen mit ihrer Familie in ihrer Heimatstadt Stuttgart.

Buchinfo: Karl Kessel – Der Schneewittchen-Fall von Johanna Trommer, erschienen beim Neckarufer-Verlag, 10. November 2018, 220 Seiten, € 9,95, ISBN 978-3-9818170-1-0.

Claire Askew: Todesschweigen

Edinburgh im Mai. Ein Blutbad am Three Rivers College erschüttert die Stadt. Detective Inspector Helen Birch versucht, die Hintergründe der Tat aufzuklären und kämpft dabei gegen öffentliche Hetze und Spekulationen.

todesschweigenAlles sieht aus, wie ein ganz normaler Morgen am Three Rivers College. Der Gänge füllen sich langsam mit Studierenden, als plötzlich Schüsse durch das Gebäude hallen. Schreie gellen durch die Flure, Schüler und Lehrkräfte versuchen, sich in abschließbaren Räumen in Sicherheit zu bringen oder rennen auf den Hof. Bloß nicht dem Schützen in die Quere kommen.

Detective Inspector Helen Birch ist als eine der ersten am Einsatzort, wo sie nur zwei völlig überforderte Streifenpolizisten vorfindet. Während sie auf das Sondereinsatzkommando warten, dröhnen weitere Schüsse durch das Gebäude, gefolgt von Schreien und Rennen auf den Gängen. Dann ist Ruhe.

Als das SEK das Gebäude stürmt, sind dreizehn junge Frauen tot. Der Amokschütze hat sich mit seiner letzten Kugel selbst gerichtet.

2009 – Amoklauf in Winnenden

Todesschweigen hat mich auf ganz besondere Weise gepackt. Im März 2009 habe ich als Social Media Managerin einer großen süddeutschen Online-Community den Amoklauf in Winnenden hautnah miterlebt. Sowohl Opfer als auch Täter waren Mitglieder der Community.

In kürzester Zeit stürmte die Boulevardpresse die Plattform und bot öffentlich Geld für Bilder der Toten und Hintergründe zum Täter. Fotos der Opfer wurden ungehemmt verbreitet und schockten die Eltern der Getöteten am nächsten Morgen. Boulevardzeitungen hatten keine Hemmung, mit diesen Bildern aufzumachen.

In den Folgetagen wurden Gerüchte in die Welt gesetzt und eine Hexenjagd auf die Eltern des Amokläufers eröffnet. Selbst bei der nichtöffentlichen Beisetzung schreckte die Journaille vor nichts zurück. Menschen, von deren Häusern man freie Sicht auf den Friedhof hatte, wurde viel Geld geboten, wenn die Boulevardpresse während der Beerdigung von dort aus berichten und fotografieren durfte.

Die Polizei musste also nicht nur versuchen, die Hintergründe der Tat aufzudecken, um solche Situationen künftig besser vermeiden zu können. Sie musste dazu auch noch trauernde und schwer traumatisierte Schüler und Angehörige vor der Hemmungslosigkeit der Boulevardpresse schützen und so wertvolle Zeit und Energie “verschwenden”, die besser hätte verwendet werden können.

Todesschweigen ist harte Kost

Claire Askew lässt uns in Todesschweigen die Polizistin Helen Birch bei den Ermittlungen zu dem Amoklauf an dem Edinburgher College “begleiten”. Sie schildert die Ängste der Angehörigen, aber auch die Vorwürfe und Zweifel, die sie plagen. Hätten sie irgendwas tun können was ihren Kindern das Leben gerettet hätte? Diese Frage stellt sich nicht nur die Mutter des Täters. Und nicht alle übersteht eine solche Zeit. Ehen zerbrechen, Menschen sehen keinen Sinn mehr im Leben, weil sie ihre Kinder nicht schützen konnten.

Todesschweigen ist keine leichte Kost und gerade deswegen empfehle ich sie allen Leserinnen und Lesern. Denn dieses Buch kann dabei helfen, nichts zu bereuen, was man nicht getan oder gesagt hat, sollte ein Kind oder ein Elternteil plötzlich versterben.

Claire Askew hat mit Todesschweigen einen ganz besonderen Krimi abgeliefert.

Claire Askew

Claire Askew studierte an der University of Edinburgh Kreatives Schreiben und arbeitet neben der Schriftstellerei im Bildungsbereich. Sie wurde u.a. mit dem New Writers Award des Scottish Book Trust ausgezeichnet und für ihren Debütroman »Todesschweigen« mit dem Lucy Cavendish Prize. Claire Askew lebt in Edinburgh.

Buchinfo: Todesschweigen von Claire Askew, erschienen bei Goldmann, 19.11.2018, 528 Seiten, € 10,00, ISBN: 978-3-442-48842-1