Susanne Saygin: Feinde

Köln. Can und Simone von der Mordkommission werden zu einem mysteriösen Leichenfund gerufen. Die Spur führt ins Roma-Milieu. Zumindest auf den ersten Blick. Aber die Drahtzieher haben noch viel mehr Leichen im Keller. Ein politisch brisanter Wettlauf mit der Zeit beginnt.

9783453438897_CoverDer Tag fängt für die Polizisten Can und Simone gut an. Vor dem Wertstoffhof wurden zwei Tote gefunden, mit Paketband zu einer obszönen Inszenierung verbunden.

Schnell führen die Ermittlungen zum bulgarischen “Arbeiterstrich”, Menschen, die – häufig mit unklarem Bleibestatus – händeringend nach jeder Arbeit greifen. Tag für Tag.

Lohndumping, Zwangsprostitution, Gewalt

In der Stadt ist längst eine Dumpinglohn-Szene entstanden. Rumänen, Bulgaren, viele Sinti und Roma, die in Köln auf eine bessere Zukunft für sich und ihre Familien hoffen und dafür Armut, Verachtung und Einschüchterung erdulden. In Zusammenhang mit dieser Szene fallen immer wieder die gleichen Namen prominenter Kölner. Anhaben konnte man ihnen bisher nichts. Offensichtlich haben sie in der Stadt einflussreiche Freunde.

Doch Can lässt sich nicht abschütteln. Entgegen aller Anweisungen und Drohungen macht er sich auf die Suche nach Beweisen und geht damit ein hohes Risiko ein, das ihn nicht nur seinen Job sondern auch sein Leben kosten kann.

Ein tiefer Blick in menschenverachtende Netzwerke

Vermutlich hat jede und jeder von uns schon mal etwas vom sogenannten Arbeitsstrich gehört oder eine Reportage dazu gesehen. Gleiches gilt für die Zwangsprostitution von Kindern und Erwachsenen. Auch die Tatsache, dass die Opfer dieser Ausbeutung in den ärmsten Ländern rekrutiert, dass ihre Hoffnungen auf ein besseres Leben gnadenlos ausgenutzt werden, dürfte nicht neu sein.

Susanne Saygin hat all diese Informationsbrocken nach mehrjähriger Recherche zu einem beeindruckenden und beängstigenden Bild verwoben. Zwar betont Susanne Saygin, dass Handlungen und Personen frei erfunden sind und dass sie kein Sachbuch geschrieben hat, aber vieles aus Feinde kann ich mir erschreckend problemlos genau so vorstellen. Auch, dass prominente Verbrecher politisch gedeckt werden.

Diese Realität macht Angst

Feinde von Susanne Saygin hat mich abwechselnd traurig und wütend gemacht. Die Story hat mich frustriert und mir Angst gemacht. Weil sie so realistisch ist, weil sie Abgründe zeigt, für die ich mich im Alltag blind stellen kann, wenn ich es möchte. In diesem Buch werden sie so grell ausgeleuchtet, dass die Leserinnen und Leser sich ihnen stellen müssen. Was ich sehr gut und sehr wichtig finde, was aber empfindsame Gemüter vielleicht überfordern könnte.

Dafür bekommt Feinde von Susanne Saygin eine absolute Leseempfehlung von mir, auch wenn ich gegen Ende etwas irritiert war. Die Beziehung zwischen Can und Isa, seiner Mitbewohnerin wird erst sehr spät aufgerollt und das an einer Stelle, wo es den “Lauf” der Story für mein Empfinden unterbrochen hat.

Susanne Saygin

Susanne Saygin, geboren 1967, aufgewachsen im Rheinland, Geschichtsstudium in Köln und Cambridge, Promotion in Oxford. Danach Tätigkeit im akademischen Projektmanagement und in der freien Wirtschaft (u.a. im Umfeld der ersten deutschen Bundesliga). Die Autorin mit deutsch-türkischen Wurzeln hatte ihren Lebensmittelpunkt knapp zwanzig Jahre lang in Köln. Seit 2010 lebt und arbeitet sie in Berlin. Für ihren Debütroman »Feinde« hat die Autorin über fünf Jahre lang recherchiert.

Buchinfo: Feinde von Susanne Saygin, erschienen bei Heyne, 10.09.2018, 352 Seiten, € 12,99, ISBN: 978-3-453-43889-7. Vielen Dank für das Leseexemplar.

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Ule Hansen: Neuntöter

Berlin, Potsdamer Platz. Beim Klettern in einem Baugerüst macht ein Junge einen grausamen Fund. An den Gerüststangen hängen drei silbrig glänzende Kokons. Drei Menschen, von Kopf bis Fuß in Panzertape gewickelt. Emma Carow macht sich auf die Jagd nach dem Täter.

Neuntoeter von Ule HansenWas ist das für ein Mensch, der so kaltschnäuzig ist, seine Opfer an einem der belebtesten Plätze Berlins aufwendig zu installieren?

Diese Frage muss sich Emma Carow, Fallanalystin stellen. Ihr Aufgabe ist es, in den Kopf des Täters zu kriechen und ein möglichst genaues Profil seiner Beweggründe zu erstellen.

Schnell ahnt sie, dass es sich unmöglich um einen Einzeltäter handeln kann.

Morde als Gruppen-Event

Aber wie bringt man eine Gruppe dazu, Menschen einzufangen, in lebende Mumien zu verwandeln, um sie dann irgendwo aufzuhängen und elendig verhungern zu lassen? Welche Macht, welche Druckmittel muss der Anführer haben, damit das funktioniert? Ist das wirklich vorstellbar? Selbst in ihrem eigenen Team stößt sie mit ihrer Analyse auf Zweifler. Also ermittelt sie auf eigene Faust und bringt sich damit in Lebensgefahr.

Neuntöter ist mein zweites Buch von Ule Hansen. Nachdem ich Blutbuche, ein weiterer Thriller des Autorenduos, gelesen hatte, war ich von Emma Carow begeistert. Eine eigenbrötlerische, verschlossene, junge Frau, die so viel Schweres hat erleben müssen, gefällt mir. Schweres, das Fluch und Segen zugleich ist.

Einerseits haben ihre eigenen Erfahrungen sie zur perfekten Fallanalystin werden lassen, sie kann den Tätern förmlich in die Köpfe kriechen. Andererseits haben sie Emma misstrauisch gegen alle Zuwendung werden lassen und ihren Instinkt, wem sie vertrauen soll und wem nicht, empfindlich gestört. In Neuntöter bezahlt sie ihre Neugier deshalb beinahe mit dem Leben.

Emma Carow, eine schräge Heldin

Neuntöter, nach Blutbuche der zweite Thriller von Ule Hansen, den ich der Hand hatte, wird sicher nicht das letzte Buch des Autorenduos sein, das ich lese.

Falls ich euch jetzt angesteckt habe und ihr neugierig auf Emma Carow seid, fangt mit Neuntöter an. Dann wisst ihr, worum es geht, wenn in Blutbuche zurück geblickt wird. Kein Muss, aber auch kein Fehler.

Astrid Ule und Eric T. Hansen

Ule Hansen ist das Pseudonym eines Berliner Autorenduos. Astrid Ule ist zudem Lektorin, Eric T. Hansen freier Journalist. Gemeinsam haben Sie bereits mehrere Dreh- und Sachbücher verfasst. Sie teilen eine Leidenschaft für nächtliche Gespräche bei gutem Whisky, exzentrische Halloweenpartys und ziellose Streifzüge durch die vergessenen Ecken der Stadt.

Buchinfo: Neuntöter von Ule Hansen, erschienen bei HEYNE, 12.02.2018, 496 Seiten, € 9,99, ISBN: 978-3-453-42185-1

Ule Hansen: Blutbuche

Bei der polnischen Polizei gehen verstörende Briefe ein: “Bitte helft mir! Er sagt, er reißt mich in Stücke.”, heißt es da in deutscher Sprache. Alle Schreiben sind verbunden mit der Aufforderung, sie umgehend auf der Polizei-Website zu veröffentlichen, wenn die Absenderinnen nicht sterben sollen. Ein Gutachten der Berliner Fallanalystin Emma Carow sorgt für eine überraschende Wendung. Können die Frauen rechtzeitig gerettet werden?

Blutbuche von Ule Hansen
Blutbuche von Ule Hansen

Emma Carow ist Fallanalystin bei der Berliner Polizei. Ihre Spezialität sind Serientäter. Niemand versetzt sich so schnell in das Denken und Handeln dieser Monster wie Emma. Aus gutem Grund, wurde sie doch selbst bereits zum Opfer eines solchen Psychopathen. Ein Trauma, das sie bis in die Gegenwart verfolgt. Das ihr Vertrauen in Menschen nachhaltig zerstört und sie zur eigenbrötlerischen Einzelgängerin hat werden lassen.

Ausgerechnet als sie im Begriff ist, sich von ihren Altlasten zu befreien, soll Emma der polnischen Kripo dabei helfen, einen Kidnapper zu stellen, der offensichtlich deutsche Prostituierte aus Berlin nach Polen verschleppt und sie dort unter erniedrigenden Bedingungen in einem Hundekäfig gefangen hält. Zumindest lassen die Briefe, die er der Polizei zukommen lässt, das vermuten. Emma Carow soll im Rahmen einer Amtshilfe ihre Einschätzung zu diesen Schriftstücken abgeben. Sind sie echt, sind die Frauen wirklich in Gefahr? Und warum lässt der Entführer es zu, dass die Briefe die Polizei erreichen?

Fesselndes Katz- und Maus-Spiel

Blutbuche von Ule Hansen hat mich von der ersten Seite an gefesselt. Ich mag Charaktere wie Emma Carow. Scheue, introvertierte und dabei hochintelligente, sensible und mutige Menschen. Auch das psychologische Katz- und Maus-Spiel zwischen Täter und Ermittlerin ist faszinierend. Zwar hatte ich recht früh eine Ahnung, wer die Frauen verschleppt haben könnte, aber die kluge Dramaturgie der Story hat mich immer wieder auf jede neue Spur mitgenommen. Astrid Ule und Eric T. Hansen verstehen ihr Handwerk.

Vielleicht ist das verstörende, perverse Vorgehen des Entführers ja einer der exzentrischen Halloweenpartys (siehe Vita) geschuldet, jedenfalls wundere ich mich immer wieder, wie man sich in so kranke Hirne wie das des Täters hineindenken kann. Und ich bin froh, dass es Menschen gibt, die das können, sonst hätte ich nicht so viel geniales Thrillervergnügen!

Blutbuche bekommt von mir eine klare Leseempfehlung. Aber Vorsicht, nichts für Zartbesaitete! Man braucht übrigens Neuntöter, Band eins der Emma Carow Reihe, nicht gelesen zu haben, um sich in Band zwei einzufinden. Mir hat es aber Lust auf mehr gemacht.

Ule Hansen

Ule Hansen ist das Pseudonym eines Berliner Autorenduos. Astrid Ule ist zudem Lektorin, Eric T. Hansen freier Journalist. Gemeinsam haben Sie bereits mehrere Dreh- und Sachbücher verfasst. Sie teilen eine Leidenschaft für nächtliche Gespräche bei gutem Whisky, exzentrische Halloweenpartys und ziellose Streifzüge durch die vergessenen Ecken der Stadt.

Buchinfo: Blutbuche von Ule Hansen, erschienen bei Heyne, 21.05.2018, 480 Seiten, Klappenbroschur, 17,00 €, ISBN: 978-3-453-43805-7. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Oliver Kern: Eiskalter Hund

Im China-Restaurant hängt ein toter Hund Haken! Grund genug für Hobby-Ermittler Fellinger, hauptberuflich Lebensmittelkontrolleur, eine große Verschwörung zu vermuten. Umgehend nimmt er die Fährte auf und nervt nicht nur die Polizei mit seiner Beharrlichkeit.

Eiskalter Hund von Oliver KernDie Story ist schnell erzählt. Der Fellinger wäre für sein Leben gern Polizist geworden. Ging aber nicht, weil sein Knie kaputt ist. Dafür ist er jetzt Lebensmittelkontrolleur und mischt sich ab und an in die Ermittlungen der Polizei ein. Als er im Kühlhaus eines chinesischen Restaurants einen toten Hund am Haken findet, sieht er seine große Stunde gekommen. Wem Beaver, so heißt beziehungsweise so hieß der Hund, gehört, ist schnell ermittelt. Steht ja auf dem Halsband. Aber wieso war das Tier alleine unterwegs, wo er doch sonst nur gemeinsam mit seinem Frauchen gesehen wurde. Ist ihr etwa auch etwas zugestoßen? Fellinger nimmt die Fährte auf.

Regionale Krimis sind seit einigen Jahren stark im Aufwind. Besonders oft vertreten: Bajuwarische Hauptdarsteller. Entsprechend häufig treffen wir deshalb eher derbe, poltrige Charaktere.

Der schmale Grad zwischen noch witzig und schon peinlich

Und genau hier liegt das Risiko. Überschreitet ein Autor den schmalen Grad zwischen noch witzigem Lokalkolorit und schon peinlichen Klischees, macht mir das Lesen keine rechte Freude mehr. Egal wie witzig oder charmant die Story ist.

Mit Eiskalter Hund von Oliver Kern ist mir genau das passiert. Kein Stereotyp wird ausgelassen. Ob Chinese, Polizist, Tscheche oder Frau, alle bekommen den Klischeestempel aufgedrückt. Mein Lesevergnügen wurde dadurch beträchtlich eingeschränkt.

Da mir auch die vielen Andeutungen, Verwicklungen und Verschwörungstheorien irgendwann den Durchblick genommen habe, war mein Gesamteindruck von Eiskalter Hund eher schwach. Mich persönlich hat das Fellinger-Debüt nicht überzeugt. Ich schließe aber nicht aus, dass andere Leser hier weniger empfindlich sind als ich und sich bereits auf den zweiten Band der Serie freuen, der für 2019 angekündigt ist.

Oliver Kern

Oliver Kern, 1968 in Esslingen am Neckar geboren, wuchs in der beschaulichen Idylle des Bayerischen Waldes auf. Er liebt gutes Essen, hält sich bei schwarzer Soße aber zurück. Kern lebt mit seiner Familie in der Region Stuttgart.

Buchinfo: Eiskalter Hund von Oliver Kern, erschienen bei Heyne, 12.03.2018, 304 Seiten, € 9,99, ISBN: 978-3-453-43869-9

Stephan Bartels: Vatertage

Simon soll 697,69 Euro Pflegebeteiligung für seinen Vater Michael Petersen bezahlen. Der Haken daran: Mit diesem Mann hat er in 39 Jahren kein einziges Wort gesprochen. Wutentbrannt fährt er zum Amt und erfährt, dass die knapp 700 Euro, die er künftig aufbringen soll, nur die Spitze des Eisberges ist.

Vatertage von Stephan BartelsWas entscheidet eigentlich darüber, wem man sich verwandt fühlt? Wem man sich zugehörig fehlt? Reicht es, dass sich im Stammbaum eine Verbindung herstellen lässt oder muss da mehr passieren?

Vor diesen Fragen steht Simon, als ihm ein offizieller Zahlungsbescheid ins Haus flattert. 697,69 Euro soll er künftig für die Pflege seines Vaters zahlen. Einen Vater, von dem er gerade mal den Namen kennt, den er dreimal im Leben für wenige Minuten gesehen und mit dem er nie ein Wort gewechselt hat.

700 Euro für einen Fremden?

697,69 Euro, die er sich überhaupt nicht leisten kann. Nicht jetzt, wo sich die Familie gerade ein Stadthaus in Hamburg gekauft hat und er sich die Elternzeit für die beiden Töchter mit seiner Frau teilt.

Der Familienrat tagt und Simon beschließt, direkt beim Amt Einspruch zu erheben. Warum muss er für einen Menschen zahlen, der Zeit seines Lebens keinen Cent für ihn bezahlt hat. Doch bei Sachbearbeiter Krusenbaum beißt er auf Granit. Vater ist Vater und bei den Geschwistern ist nun mal nichts zu holen. Geschwister? Welche Geschwister? Simon hat keine Geschwister…

Locker-flockig mit Einladung zum Tiefgang

Auf den ersten Blick kommt Vatertage von Stephan Bartels so locker leicht und flockig daher, doch kaum lässt man sich darauf ein, gerät man ins Grübeln. Wie würde ich selbst in so einem Fall reagieren? Und hätte ich den Mut, mich diesem Menschen, der mein Erzeuger ist, in seinen letzten Tagen oder Wochen zu stellen? Würde ich zähneknirschend zahlen, um mich der Situation nicht stellen zu müssen? Auch wenn ich in genau diese Situation nicht kommen kann, bei mir sind die Familienverhältnisse, zumindest was meinen Vater betrifft, klar, hat mich Stephan Bartels zum Nachdenken gebracht. Ist mein Verhältnis zu älteren Verwandten ok, so wie es ist? Werde ich vielleicht nach ihrem Tod bereuen, es nicht intensiviert zu haben?

Doch stopp, ich möchte ein wirklich unterhaltsames und charmant geschriebenes nicht unnötig tiefsinnig reden. Vatertage ist sehr gelungene Unterhaltung und ein wirklich tolles Buch für den Sommerurlaub oder entspannte Stunden auf dem Balkon oder am See.

Kauft es, lest es und wundert euch, welche Kapriolen das Leben schlagen kann!

Stephan Bartels

Stephan Bartels, geboren 1967, freier Journalist, hat sich mit Texten für Stern, Die Zeit, Brigitte und Barbara einen Namen gemacht. Er ist Vater eines erwachsenen Sohnes und lebt in Hamburg.

Buchinfo: Vatertage von Stephan Bartels, erschienen bei Heyne, 10.04.2018, 368 Seiten, € 12,99, ISBN: 978-3-453-43898-9. Danke für das Leseexemplar.

Wulf Dorn: Die Kinder

Ein Unfall. Eine Verletzte. Eine grausam entstellte Tote im Kofferraum. So weit sieht alles nach einem brutalen aber nicht ungewöhnlichen Mord aus. Wären da nicht unzählige weitere Menschen, die plötzlich spurlos verschwinden. Und natürlich die unglaubliche Geschichte der verletzten Frau.

9783453270947_CoverAufgeschreckt durch einen wirren Anruf seiner Exfrau Su, ist Kinderarzt Patrick Landers auf dem Weg in ein abgelegenes Dorf. Dort hofft Su die nötige Ruhe für ihre Tochter Mia zu finden, deren Verhalten in letzter Zeit zunehmend auffällig ist. Stundenlang schaut sie nur vor sich hin, spricht keine Wort und folgt keiner Anweisung. Sind andere Kinder in ihrer Nähe, starren sie sich unverwandt an und scheinen auf eine nur für sie wahrnehmbare Art und Weise zu kommunizieren. Irgendetwas geht in Mia vor. Etwas, das ihrer Mutter Angst macht.

Mehr Respekt. Weltweit!

Mit Die Kinder von Wulf Dorn habe ich wieder einen dieser tollen Thriller deutscher Autorenn in der Hand, die nicht nur Spannung versprechen sondern auch zum Nachdenken anregen. Gleichzeitig ist es sehr schwierig, diese Gedanken niederzuschreiben ohne gleich zu spoilern.

Aber was wäre, wenn sich die Kinder der Welt zusammenschlössen und uns Erwachsenen das zurückgäben, was wir ihnen aus Egoismus, Geldgier oder einfach nur Gedankenlosigkeit Tag für Tag zumuten und antun? Ist so etwas vorstellbar und wenn ja, wie können wir es verhindern?

Macht Platz für die Jugend

Ich denke, wir müssen wieder einen respektvolleren Umgang lernen. Miteinander. Mit unserer näheren Umgebung. Mit der Welt. Uns Gedanken machen, wer für den Luxus in unserem Leben zahlt und ob dieser Luxus einen solchen Preis wert ist. Und wir müssen schnellstens die Jugend in alle Entscheidungen über die Welt von morgen einbinden. Diese Entscheidungen dürfen nicht nur von “uns Alten” getroffen werden, denn vielen von uns fehlt die Weitsicht und das Interesse an den langfristigen Konsequenzen dieser Entscheidungen.

Und wir müssen dringend beginnen, global zu denken. Nicht mehr nur für unsere Region, für unser Land, für unseren Kontinent. Wir haben keine Zeit für alte Rivalitäten, Erbsenzählereien und permanenter Nabelschau.

Genau dabei kann die Jugend uns helfen. Sie haben alte, verhärtete Strukturen nicht erlebt. Ihre Hemmschwelle, mit Menschen anderer Nationalitäten Kontakt aufzunehmen und zusammenzuarbeiten, ist gering. Gemeinsam mit ihnen können wir eine Welt schaffen, die von Respekt und Nachhaltigkeit geprägt ist.

Lesen, gruseln, grübeln

Von mir bekommt Die Kinder von Wulf Dorn eine Leseempfehlung. Wie bereits erwähnt schätze ich die Kombination aus Spannung und Denkanstoß.

Allerdings sehe ich auch Schwächen, vor allem am Ende des Buches. Wenn niemand mehr da ist, der weiß, wie Zuckerstangen produziert werden, kann man auch keine mehr essen. Und dann ist da noch die Sache mit dem Nachwuchs, Herr Dorn. Wie wollen sie die denn lösen? Erfahren wir das womöglich in Band zwei? Ich würde mich freuen.

Wulf Dorn

Wulf Dorn, Jahrgang 1969, arbeitete zwanzig Jahre in einer psychiatrischen Klinik, ehe er sich ganz dem Schreiben widmete. Mit seinem 2009 erschienenen Debütroman »Trigger« gelang ihm ein Sensationserfolg. Seitdem stehen seine Bücher auf internationalen Bestsellerlisten und haben zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter den französischen »Prix Polar«.

Buchinfo: Die Kinder von Wulf Dorn, erschienen bei Heyne, September 2017, 320 Seiten, € 16,99, ISBN 978-3-453-27094-7

Jonas Winter: Murder Park

Zodiac Island vor der Ostküste der USA ist oder richtiger war ein beliebter Freizeitpark. Das ändert sich schlagartig, als ein Serienmörder drei junge Frauen grausam ermordet. Zwanzig Jahre später soll dieses Grauen erneut zahlreiche Gäste auf die Insel locken. Aus Zodiac Island wird Murder Park, eine skrupelloses Freizeitangebot, das mit den Ängsten der Besucher spielt.

Zwanzig Jahre ist es her, dass Jeffrey Bohner auf Zodiac Island sein Unwesen trieb. Drei bestialische Morde an jungen Frauen machen aus dem beliebten Freizeitpark einen Ort des Grauens.

Du kannst nicht entkommen

Murder Park von Jonas WinnerPassend zum Jubiläum soll Zodiac Island jetzt wieder zur Besucherattraktion sorgen. Doch für das Prickeln im Bauch sorgen dieses Mal weder Geisterbahn noch Riesenrad. Zahlungskräftige Kunden sollen auf Murder Park am eigenen Leib erfahren, was echtes Grauen ist. Denn auf der Insel wütet wieder ein Killer. Keiner kann dem anderen trauen und die nächste Fähre kommt erst in drei Tagen.

Zwischen Fassungslosigkeit und wohligem Grusel

Wie kommt man auf die Idee, in seinem Kopf ein Szenario wie Murder Park entstehen zu lassen? Ein Spiel mit dem archaischsten aller Gefühle, der nackten Todesangst? Jonas Winner wird es uns nicht verraten, aber er hat es so gut durchdacht, dass es mich schnell in seinen Bann gezogen hat. Hin und her gerissen zwischen Fassungslosigkeit und wohligem Grusel habe ich mitgefiebert. Habe mich auf falsche Fährten locken lassen, war mir sicher, den Mörder zu kennen und musste dann doch wieder feststellen: Das war die falsche Fährte!

Terror, Bomben, Murder Park?

Was mich aber am meisten überrascht hat, war, dass ich mir den Erfolg eines solchen Konzeptes vorstellen kann. In Zeiten wo auch in unserer westlichen Welt Terror und Bomben wieder an der Tagesordnung sind, stumpfen Menschen so schnell ab, dass sie den immer neuen Kick brauchen. Was vor wenigen Monaten noch tagelang die Kommentarspalten der Medien gefüllt hat, ist fast schon zur Randnotiz verkommen.

Der Tod ist überwältigend nah

Eine Umgebung, in der durch die entsprechenden Exponate gleich mehrere Serienkiller omnipräsent zu sein scheinen, in der man nicht ausweichen kann und nicht weiß, wem man noch vertrauen kann, kann sich der Thrill wieder einstellen, den manche Menschen brauchen. Der besondere Kick gegen die Langeweile des Alltags. Egal was es kostet.

Das Grauen als Geschäftsmodell? Kann funktionieren.

Murder Park hat mich fasziniert. Eben weil mich die Story dazu gebracht hat, nachzudenken ob ein solcher “Freizeitpark” seine Liebhaber finden könnte. Aber noch mehr, weil ich zu dem Schluss gekommen bin: Ja, das könnte er.

Fasziniert haben mich auch die vielen Wendungen. Ich war mir so oft sicher, die Lösung gefunden zu haben und jedes Mal lag ich wieder falsch. Geschwächelt hat dabei nur der Schluss. Im Vergleich zum Thriller insgesamt war der recht schwach. Aber vielleicht geht das auch nicht anders, wenn man gedanklich so lange so “perverse” Spielchen spielt. Die Rückkehr in den Alltag ist dann vermutlich einfach ernüchternd.

Jonas Winter

Jonas Winner wuchs in Berlin, Rom und den USA auf, Studium in Deutschland und Frankreich. Nach seiner Promotion über Spieltheorie arbeitete er zehn Jahre lang als Fernsehjournalist, danach folgten Drehbücher fürs deutsche Fernsehen und Romane. Mit dem Self-Publishing-Erfolg »Berlin Gothic« gelang Winner der Durchbruch als Spannungsautor.

Buchinfo: Murder Park von Jonas Winter, erschienen bei Heyne, 13.06.2017, 416 Seiten, Paperback, Klappenbroschur, € 12,99, ISBN: 978-3-453-42176-9