Prof. Dr. Achim Gruber: Das Kuscheltierdrama

Dackellähme, Bandscheibenvorfall, Atemnot, Blindheit, dauerhaft entzündetes Augen und stark verkürzte Lebensdauer, um den Menschen zu gefallen, müssen Haustiere viel Leid ertragen. Professor Dr. Achim Gruber, Tierpathologe an der Freien Universität in Berlin, gibt uns einen Einblick in das stille Leiden unserer Haustiere.

Eines der ersten Bilder, das sich mir im Bezug auf angezüchtetes Tierleid eingeprägt hat, war der Schäferhund. Schön war die stark abfallende Hinterhand. Dass damit ein hohes Risiko für Arthrose und Bandscheibenvorfälle einher ging, sickerte nur langsam durch. Inzwischen hat man zum Glück auf das Problem reagiert und in vielen Ländern gegengesteuert. Leider noch nicht in allen, was es einer speziellen Klientel ermöglicht, sich ihre Qualzuchten im Ausland zu besorgen.

Der Todeskuss für Chinchilla und Kaninchen

Als Tierpathologe sieht Professor Gruber noch mehr. Da ist das Chinchilla-Mädchen, das sterben musste, weil seine Besitzerin ihm den Todeskuss gab. Sie litt akut an Lippenherpes, den sie ahnungslos auf das kleine Tier übertrug. Ein Erreger, der für Chinchillas und auch für Kaninchen tödlich ist.

Neu war mir zum Beispiel auch das Merlesyndrom, eine Fellfärbung, die aktuell sehr in Mode ist und mit Fehlentwicklungen von Augen und Ohren einher geht. Und mit einer stark verkürzten Lebensdauer.

Zwischenzeitlich haben sich sogar Spezialpraxen etabliert, die die angezüchteten Probleme für viel Geld soweit beheben, dass die Tiere überhaupt lebensfähig sind. Häufige Kunden sind hier die Brachyzephalen, also die kurznasigen Hunde und Katzen wie Mops, Bulldogge, Perserkatzen. Diese Tiere haben in der Regel nicht nur massive Atemprobleme, durch die unverhältnismäßig großen Köpfe sind auch normale Geburten oft ein Risiko.

Zum Glück steuern auch hier die ersten Länder gegen. Gerade erst hat Niederlande die Mopszucht verboten. Hoffen wir, dass das auch bei uns zum Umdenken führt.

Tauben zur Hochzeit? Bitte nicht!

Es müssen aber nicht immer Zuchtperversionen sein, die unsere tierischen Mitbewohner quälen. Oft reicht auch der Wunsch der Halter nach Anerkennung. Ein gute Beispiel dafür sind Taubenzüchter, die mit ihren Tieren an Flug-Wettbewerben teilnehmen oder Tiere für Hochzeiten “vermieten”. Hier wird die Monogamie und Treue der Tiere hemmungslos ausgenutzt. Tauben gehen lebenslange Partnerschaften ein. Trennt man die Paare, zum Beispiel weil ein Partner einen Preis als schnellste “Langstreckenfliegerin” gewinnen soll, macht man sich den Instinkt der Tiere zunutze, schnellstmöglich wieder vereint zu sein. Die Tiere verausgaben sich rücksichtslos, um heim zu kommen. Übrigens auch zu ihrem Nachwuchs, denn auch der Mutter- bzw. Elterninstinkt wird hemmungslos für solche Ziele ausgenutzt.

Bücher wie Das Kuscheltierdrama von Professor Dr. Achim Gruber sollte es sehr viel mehr geben. Vielleicht sollten sie auch Bestandteil des Lehrplans in Schulen sein, denn ich denke, manch ein Halter oder eine Halterin macht sich überhaupt nicht bewusst, was sie ihrem tierischen Mitbewohner antun.

Auch wenn man dem Schreibstil anmerkt, dass Schreiben für Professor Gruber nicht die erste Priorität hat, hat mich das Buch sehr berührt und gleichzeitig informiert. Ich denke, er könnte noch sehr viel mehr berichten und Tier und Halter vor Leid bewahren.

|| Ich würde mich übrigens freuen, wenn ihr euch – bei Interesse – dieses Buch im regionalen Buchhandel bei euch vor Ort bestellt. Damit steigen die Chancen, dass wir Buchfans auch in Zukunft noch gelegentlich dort bummeln und stöbern können.||

Achim Gruber

Prof. Dr. Achim Gruber, Jahrgang 1966, leitet das Institut für Tierpathologie, ist Forschungsdekan des Fachbereichs Veterinärmedizin an der Freien Universität Berlin und der einzige aktive Tiermediziner der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Er hat mehr als 300 Fachpublikationen veröffentlicht und ist Mitherausgeber der beiden Standardwerke zur Haustierpathologie. »Das Kuscheltierdrama« ist sein erstes populäres Sachbuch. Achim Gruber ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Zur Familie gehört auch ein Mischlingshund aus dem Tierheim.

Buchinfo: Das Kuscheltierdrama von Achim Gruber, erschienen bei Droemer, März 2019, 312 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, € 19,99, ISBN: 978-3-426-27781-2. Vielen Dank für das Leseexemplar.

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Sylvia Schaab: Es geht auch ohne Plastik

Plastik ist praktisch. Keine Frage. Aber es ist eben leider auch sehr langlebig und zerfällt unter Witterungseinflüssen langsam aber sicher bis zu seinem kleinsten Baustein, der uns dann als Mikroplastik ewig erhalten bleibt. Es liegt an uns, dies zu ändern. Sylvia Schaab zeigt in Es geht auch ohne Plastik wie es an vielen Stellen ganz einfach anders geht.

Praktische Tipps statt erhobenem Zeigefinger

Seien wir ehrlich, wir haben es an vielen Stellen in der Hand, wie viel Abfall wir produzieren und was davon dauerhaft unsere Umwelt belasten wird. Wir müssen uns nur beim Einkauf überall da, wo es geht, ganz bewusst gegen langlebige, schwer oder nicht recyclebare und gesundheitlich problematische Stoffe entscheiden. Auch wenn die in der Vergangenheit das Allheilmittel im Alltag zu sein schienen.

Das bedeutet natürlich nicht, alles, was Kunststoff im Haus ist, wegzuwerfen. Das wäre sinnlose Verschwendung. Aber wir sollten beim Neukauf darauf achten, was wir uns ins Haus holen:

  • Messer gibt es auch mit Holz- oder Metallgriff
  • Schneidbretter aus Holz sind weniger anfällig für Bakterien als Kunststoffbretter
  • Putzeimer und Kehrgarnituren gibt es auch aus emailliertem Blech, ist schwerer aber auch schöner
  • Brotdosen aus Edelstahl sind leicht und stabil

um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Zum Einkauf den Korb oder die eigene Tasche mitzunehmen, wurde vor wenigen Jahren noch als Zumutung empfunden. Seit die Plastiktüten Geld kosten, sehe ich überwiegend Menschen, die ihre eigenen Behältnisse mitbringen.

Tausendsassa Wäschenetz

In vielen Läden gibt es inzwischen einigermaßen transparente Beutel, in die ich Obst, Gemüse, Brot, Brötchen packen kann. Leider fehlen vielerorts noch die offenen Paprika, Tomaten, Orangen dazu. Die sind dann in Folie oder Netze gezwängt. Oder ihr nehmt Wäschenetze, wie ich das teilweise mache. Das wandert sowieso regelmäßig in die Wäsche. Wer nähtechnisch geschickt ist, kann sich die Beutel auch selbst nähen, zum Beispiel aus alten Gardinen. Auch das eine Anregung von Sylvia Schaab.

Generell ist die Autorin nicht dogmatisch. Sie will nicht bekehren sondern informieren. Deshalb startet sie mit einer ausführlichen Beschreibung der unterschiedlichsten Kunststoffe, erläutert ihre Vor- und Nachteile und gegebenenfalls die gesundheitliche Bedenklichkeit.

Für alle Situationen rund um Haus und Garten zeigt sie Alternativen auf. Dabei unterscheidet sie zwischen Lösungen für:

  • Eilige
  • Motivierte
  • Selbermacher

Die Eiligen verweist sie zum Beispiel auf Milchprodukte aus Gläsern, die Motivierten auf Abfüllstationen beim Bauern und den Selbermacherinnen gibt sie Rezepte an die Hand, wie aus Sahne, Joghurt beziehungsweise Zitrone mit einem Schraubglas und etwas Zeit Sauerrahm oder Crème fraîche wird. Zusätzlich gibt es noch Upcycling-Tipps.

Jetzt in die 30-Tage-Challenge starten

Und zum Abschluss wartet die 30-Tage-Challenge auf die ganze Familie. Für folgende Bereiche hat Sylvia Schaab Listen für mehr Nachhaltigkeit im Alltag vorbereitet:

  1. Bewusstsein schärfen – Dinge besorgen
  2. Küche / Haushalt
  3. Bad / Kosmetik
  4. Wohnung / Kinderzimmer / Büro
  5. Kleidung / Abschluss

Es geht auch ohne Plastik von Sylvia Schaab ist ein tolles Buch mit vielen sofort umsetzbaren Praxistipps statt erhobenem Zeigefinger. Die Sorte Ratgeber, die ich mag. Hier habe ich auch endlich die Lösung für feste Seife in meinem Bad gefunden. Bislang habe ich mich ja immer an der Seifenbrühe gestört, die ich früher, als das Seifenstück Alltag war, schon gehasst habe. Man lege die Seife auf die Borsten einer Holz- oder Kokosbürste. Ist die Seife trocken, kann man die eingeseifte Bürste gleich nutzen, um Waschbecken, Badewanne oder was auch immer zu reinigen.

|| Ich würde mich übrigens freuen, wenn ihr euch – bei Interesse – dieses Buch im regionalen Buchhandel bei euch vor Ort bestellt. Damit steigen die Chancen, dass wir Buchfans auch in Zukunft noch gelegentlich dort bummeln und stöbern können.||

Sylvia Schaab

Sylvia Schaab, Autorin und Journalistin für nachhaltige Verbraucherthemen, lebt mit Mann und drei Kindern in Augsburg – und seit mehr als drei Jahren nahezu plastikfrei. Darüber schreibt sie in ihrem Blog „Grüner wird’s (n)immer“. Sie engagiert sich in diversen Netzwerken und Vereinen für umweltpolitische Themen, hält Vorträge und gibt Workshops. Außerdem verhilft sie zukunftsweisenden, regional verwurzelten Unternehmen und Organisationen zu mehr Öffentlichkeit.

Buchinfo: Es geht auch ohne Plastik von Sylvia Schaab, erschienen bei Goldmann, 20. Mai 2019, 288 Seiten, Paperback, Klappenbroschur, € 12,00, ISBN: 978-3-442-22280-3. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Grätz/Kupfer: Die fabelhafte Welt der Ameisen

Ameisen sind arbeitssam, sozial, organisiert. Wie ausgeprägt diese Fähigkeiten sind, erklärt Ameisenumsiedlerin Christina Grätz in ihrem Buch Die fabelhafte Welt der Ameisen. Mich hat sie damit überrascht und begeistert.

Vor zwei oder drei Jahren hatte ich Ameisen auf meinem Balkon im dritten Stock. Winzig kleine aber extrem lästige Tierchen, die es vor allem auf die arme Katze abgesehen hatten. Ich war angemessen genervt, habe versucht, die Ursache für ihren Einzug auf meinem Balkon zu finden und zu entfernen. Habe ihnen gut zugesprochen, dass wir uns doch am besten im Guten trennen sollten. Alles umsonst. Erst die Köderdose hat geholfen, so ungern ich das sage. Hätte ich damals bereits Die fabelhafte Welt der Ameisen von Christina Grätz gelesen, hätte ich mir die Tierchen und ihre Aktivitäten vermutlich mit anderen Augen angesehen.

Mit Ameisen habe ich mich bislang nie wirklich befasst. Wenn sie mich in Ruhe lassen, lasse ich sie in Ruhe. Sehe ich irgendwo ein Ameisenstraße, wie zum Beispiel vor Jahren bei meinen Vermietern in der Wohnung, als sie im Urlaub waren, suche ich das Ziel, in diesem Fall eine Dose mit Bonbons, und bringe es in den Garten. Spätestens nach zwei Tagen waren die Ameisen aus der Wohnung. Eben weil sie so prima organisiert sind und sich gegenseitig informieren, dass die leckere Futterstelle verschwunden ist.

Berufswunsch: Ameisenumsiedlerin

Ob ich allerdings auf die Idee gekommen wäre, eine Ameisenumsiedlerin wie Christina Grätz zu rufen, wenn ich im Garten ein Ameisennest gefunden hätte, bezweifele ich. Bis ich Die fabelhafte Welt der Ameisen gelesen habe, wusste ich nicht mal, dass es sowas gibt. Mit ihrer Arbeit hat mir Christina Grätz einen neuen Blick auf die Tierchen eröffnet.

Die Vielfalt, die individuellen Besonderheiten jeder einzelnen Art, alles beschreibt Christina Grätz liebevoll und kompetent.

  • Da gibt es die Stämme, die einem Käfer Unterschlupf in ihrem Nest gewähren, weil der Sekrete absondert, die die Ameisen süchtig machen. Droht dem Nest Gefahr, werden die “Drogendealer” noch vor der Königin gerettet.
  • Andere Stämme haben “Ambulanzen”, die nach einem Gefecht mit einem anderen Stamm ausziehen, die eigenen Verletzten im Sinne der Triage sichten und leicht bis mittelschwer verletzte Schwestern ins Nest tragen. Dort werden sie gesund gepflegt. Mit überzeugendem Erfolg, wie die Wissenschaft inzwischen gezeigt hat. Die Opferzahlen sinken drastisch im Vergleich zu anderen Stämmen, die dieses Verhalten nicht zeigen.

Christina Grätz hat mich mit Die fabelhafte Welt der Ameisen berührt und begeistert. Auf jeder Seite spürt man die Leidenschaft, mit der sie ihren Traumberuf ausübt. Gleichzeitig vermittelt sie wissenschaftlich fundiertes Wissen aus der Welt der Ameisen. Die entsprechenden Abschnitte sind besonders gekennzeichnet.

Danke für dieses Buch, Frau Grätz. Ich finde es toll!

Christina Grätz

Christina Grätz, geboren 1974, ist Diplom-Biologin und dreifache Mutter. Sie lebt in einem kleinen Dorf in der Niederlausitz, ist Unternehmerin und hat bereits über 1.300 Ameisennester in ihrer Laufbahn als Ameisenhegerin umgesiedelt, eines davon sogar auf ihren Hof. Ihre Tätigkeit als Ameisenumsiedlerin erregte im Jahr 2017 besondere mediale Aufmerksamkeit. Beiträge über die Umsiedlung von fast 200 Nestern am Berliner Ring waren deutschlandweit in den Printmedien und im Radio, aber auch in großen Fernsehsendern (ARD-Morgenmagazin, ZDF-Mittagsmagazin, ProSieben Galileo, RTL Aktuell) vertreten.

Manuela Kupfer

Manuela Kupfer, geboren 1968, ist Diplom-Biologin. Sie studierte an den Universitäten Würzburg und Marburg und arbeitet seit 20 Jahren freiberuflich als Lektorin und Fachredakteurin im Bereich Naturwissenschaften und Gesundheit. Ihr Interesse an sozialen Insekten hat sprunghaft zugenommen, seit sie selber Honigbienen hält. Und nachdem sie mehrere Ameisenumsiedlungen begleiten konnte, haben es ihr die emsigen Krabbeltiere ebenfalls angetan.

Buchinfo: Die fabelhafte Welt der Ameisen von Christina Grätz und Manuela Kupfer, erschienen bei Gütersloher Verlagshaus, 20. März 2019, 288 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 20,00 Euro, ISBN 978-3579087283. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Nariman Hammouti-Reinke: Ich diene Deutschland

In den letzten Monaten machte die Bundeswehr überwiegend durch Skandale auf sich aufmerksam. Neonazis und unnötige Quälereien in der Truppe, nicht funktionierendes Material. Nariman Hammouti-Reinke nimmt dazu Stellung und schildert als Soldatin ihre Sicht der Dinge.

Ich diene DeutschlandNariman Hammouti-Reinke ist Berufssoldatin und kämpft mit aller Entschlossenheit gegen Rassismus und für die Vielfalt unserer Gesellschaft. Sie will dieses Land und seine Demokratie gegen Angriffe von außen verteidigen. Wenn es sein muss, auch mit ihrem Leben. Für sie ist das selbstverständlich. Für viele Beobachter noch lange nicht. Denn Nariman Hammouti-Reinke ist Muslima mit marokkanischen Wurzeln.

Eigentlich scheint sie prädestiniert um über die Missstände, mit denen die Bundeswehr in den letzten Monaten in die Schlagzeilen geraten ist, zu berichten. Genau deshalb hat mich “Ich diene Deutschland” angesprochen.

Nariman Hammouti-Reinke liebt ihr Heimatland

Was ich bekommen habe, ist leider etwas völlig anderes. Nariman Hammouti-Reinke liebt ihr Heimatland. Sie ist stolz, ihm zu dienen. Auch wenn dazu gehört, nicht immer alles hinterfragen zu können, einfach den Anweisungen zu folgen. Auch wenn man sie nicht richtig findet.

Als geborene „warum-Fragerin“ könnte ich mich schon alleine wegen des letzten Grundes nicht in der Bundeswehr zurechtfinden. Und stolz auf mein Land? Ich lebe gerne in Deutschland und finde, dass es uns hier sehr gut geht. Aber ich weiß nicht, ob ich gut damit umgehen könnte, wenn jemand sein Leben verlieren würde, um meinen Wohlstand zu schützen. Deshalb kann ich selbst mit diesem “stolz auf mein Land” wenig anfangen. Und ja, es ist mir klar, dass sich das aus der Sicherheit heraus gut sagen lässt.

Es gibt zwar Missstände, aber…

Zwar geht Nariman Hammouti-Reinke auf die Missstände in der Bundeswehr ein, Rassismus, übertriebene Brutalität gegenüber Soldatinnen und Soldaten, marode Ausrüstung und ein Verwaltungsüberhang, und beschönigt die auch nicht. Und sie hat recht, das ist nicht der Alltag, das sind Ausnahmen. Für meinen Geschmack aber zu viele Ausnahmen, denen man ganz entschieden entgegenwirken muss. Die ich nicht tolerieren kann und die durch die von Nariman Hammouti-Reinke beschworene Kameradschaft noch verstärkt werden können. Wenn es darauf ankommt, schützt jeder den anderen oder die andere. Im Guten wie im Schlechten.

Viel Zeit widmet Nariman Hammouti-Reinke den religiösen Minderheiten in der Bundeswehr und hier hat sie meine volle Unterstützung. Für mich ist es nicht nachvollziehbar, warum man Essen nicht so zubereiten kann, dass es alle essen können. Egal ob Allesesserin oder Veganer, Muslima, Jude oder Katholik. Zumindest im Alltag sollte es da keinerlei Probleme geben. Selbst im Einsatz müsste das möglich sein.

Wo bleibt die Seelsorge für alle?

Schwierig scheint auch die religiöse Versorgung zu sein. Katholische und evangelische Seelsorger sind selbstverständlich. Wie ich kürzlich im Radio hörte, sollen sich Soldaten und Soldatinnen jüdischen Glaubens künftig auch an einen Rabbiner wenden können. Nicht versorgt sind jedoch Muslime.

Ich selbst bin nicht religiös und schon vor vielen Jahren aus der Kirche ausgetreten. Aber ich kann mir vorstellen, dass sich viele mit ähnlicher Einstellung anders entscheiden, wenn es um gefährliche Einsätze oder schlimme Erlebnisse geht. Da kann ein Seelsorger der passenden Religion sicher Erleichterung bringen.

Nicht überzeugt

Mir fällt es sehr schwer, für dieses Buch ein finales Urteil abzugeben. Einerseits ist es wichtig, sich näher über der Bundeswehr zu beschäftigen, wenn man die Missstände beurteilen will. Andererseits war meine Erwartungshaltung eine völlig andere und mir ging die ständige Forderung nach Toleranz und Verständnis der Autorin für ihre Leistungen für Deutschland gewaltig auf die Nerven. Ich kann auch mit dem ausgeprägten Obrigkeitsdenken nichts anfangen. Aber jeder wie er will. Meins ist es nicht.

Der einzige Aspekt, den ich völlig nachvollziehen konnte, war die Bereitstellung von Freiräumen für alle Glaubensrichtungen. In meinen Augen ein berechtigter Anspruch dem mehr Öffentlichkeit zuteil werden sollte. Aber dafür müsste der Titel anders lauten, klarer auf dieses Ziel hinweisen.

Wer sich wirklich für das Innenleben der Bundeswehr interessiert, findet vielleicht auch andere Bücher, die den Schwerpunkt anders legen.

Nariman Hammouti-Reinke

Nariman Hammouti-Reinke wurde 1979 als Kind marokkanischer Eltern bei Hannover geboren. Sie ist seit 2005 bei der Bundeswehr, war zwei Mal im Afghanistan-Einsatz und ist heute Leutnant zur See. Als Vorsitzende des Vereins Deutscher.Soldat.e.V in der «Kommission für Migration und Teilhabe des Niedersächsischen Landtags» engagiert sie sich sehr aktiv für eine moderne Integrationspolitik in Deutschland.

Buchinfo: Ich diene Deutschland von Nariman Hammouti-Reinke, erschienen bei rororo, 22.01.2019, 256 Seiten, Paperback, ISBN 978-3-499-63396-6, € 14,99

Sabine Zehnder: Master of Desaster

Wieder mal läuft nichts nach Plan. Schon wieder! Das kennen wir vermutlich alle. Aber wir gehen unterschiedlich damit um. Sabine Zehnder teilt mit uns ihre persönlichen Tricks, Niederlagen in Erfahrungen für die Zukunft umzuwandeln. Ganz ohne erhobenen Zeigefinger!

Master of DesasterSabine Zehnder ist Diplom-Informatikerin und Coach. Und noch einiges mehr, was sie auf ihrem Weg durchs Leben “mitgenommen” hat. Dieser Weg war, wie bei so vielen von uns, alles andere als gerade. Oft musste sie die Richtung neu justieren. Prüfen, ob das, was ihr Ziel war, immer noch zu ihr passt.

Das “schlaue Buch” weiß den Weg

Ihr wichtigstes Utensil dabei ist das “schlaue Buch”. Hier werden alle Gedanken, Ideen, Unsicherheiten, Bedenken festgehalten und der Kopf bleibt frei für die wichtigen Dinge des Alltags. Trotzdem geht nichts verloren.

Deshalb empfiehlt Sabine Zehnder auch, sich ein solches Buch, sei es eine Kladde, ein Spiralblock, ein Ringbuch, zusammen mit Master of Desaster zur Hand zu nehmen und gleich alles zu notieren, was einem zu den jeweiligen Punkten einfällt. Ja, sie meint wirklich Papier und Stift und von Hand notieren. Und ich kann es nachvollziehen. Bei mir bleiben Dinge, die ich von Hand auf Papier notiere, besser hängen als die getippten. Obwohl ich am Bildschirm arbeite.

Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitermachen

Ich hasse diese klassischen Ratgeber, die mir sagen:

  • Mach dies, dann wird das passieren.
  • Lass dies und du wirst das erreichen.
  • Mir standardisierte Listen präsentieren.
  • Die vorgeben, die Weisheit gepachtet zu haben

All das macht Sabine Zehnder nicht. Sie erklärt einfach, wie sie vorgeht. Wie sie ihre Probleme und Unzufriedenheiten analysiert und so ihr Leben immer wieder neu justiert. Und zu justieren gab es bei ihr genug. Doch statt sich treiben zu lassen, hat die Autorin beschlossen, die Zügel in die Hand zunehmen und Liste um Liste erstellt. Was stört sie? Was kann sie kurzfristig ändern? Woran muss langfristig gearbeitet werden?

Manche Listen werden durch die Vergabe von Punkten ausgewertet – das Leben lässt sich berechnen, ist Sabine Zehnders Credo – andere dienen dazu, Überlegungen festzuhalten ohne dass sie untergehen.

Danke für dieses Buch

Ich bin begeistert und, liebe Sabine Zehnder, ich werde das Buch wohl tatsächlich ein zweites Mal lesen. Mit einem schönen Notizbuch bewaffnet, das zu meinem ständiger Begleiter wird. Denn ich gehöre zu den Menschen, die ihre Pläne sehr lange im Kopf hin und her schieben, bis sie wirklich rund sind. Und das kostet eben Speicherplatz und sorgt ab und an für unruhige Nächte.

Danke für den tiefen Einblick, den du (ich hoffe, das Du ist in Ordnung, Sie würde sich so falsch anfühlen) deinen Leserinnen und Lesern mit Master of Desaster in dein Leben gestattest. Und für die Denkanstöße, die allen eine Hilfe sein werden, die die schnellen Veränderungen unserer Zeit schätzen und für ihre eigenen Pläne zu nutzen wissen.

Danke dafür.

Sabine Zehnder

Sabine Zehnder ist der Master of Desaster. Die Diplom-Informatikerin ist Spezialistin dafür, schwierige Projekte aufzuräumen – in der IT-Branche. Doch schnell erkannte sie, dass das, was bei Bits und Bytes funktioniert, auch im wirklichen Leben hilfreich ist. Und so ist die IT-Beraterin auch noch zum Coach geworden und zeigt, wie man das tägliche Chaos – das Leben – eigenständig und unkonventionell managt.

Buchinfo: Master of Desaster von Sabine Zehnder, erschienen bei BusinessVillage, November 2018, 208 Seiten, € 19,95, ISBN 978-3-86980-440-8