Stephan Bartels: Vatertage

Simon soll 697,69 Euro Pflegebeteiligung für seinen Vater Michael Petersen bezahlen. Der Haken daran: Mit diesem Mann hat er in 39 Jahren kein einziges Wort gesprochen. Wutentbrannt fährt er zum Amt und erfährt, dass die knapp 700 Euro, die er künftig aufbringen soll, nur die Spitze des Eisberges ist.

Vatertage von Stephan BartelsWas entscheidet eigentlich darüber, wem man sich verwandt fühlt? Wem man sich zugehörig fehlt? Reicht es, dass sich im Stammbaum eine Verbindung herstellen lässt oder muss da mehr passieren?

Vor diesen Fragen steht Simon, als ihm ein offizieller Zahlungsbescheid ins Haus flattert. 697,69 Euro soll er künftig für die Pflege seines Vaters zahlen. Einen Vater, von dem er gerade mal den Namen kennt, den er dreimal im Leben für wenige Minuten gesehen und mit dem er nie ein Wort gewechselt hat.

700 Euro für einen Fremden?

697,69 Euro, die er sich überhaupt nicht leisten kann. Nicht jetzt, wo sich die Familie gerade ein Stadthaus in Hamburg gekauft hat und er sich die Elternzeit für die beiden Töchter mit seiner Frau teilt.

Der Familienrat tagt und Simon beschließt, direkt beim Amt Einspruch zu erheben. Warum muss er für einen Menschen zahlen, der Zeit seines Lebens keinen Cent für ihn bezahlt hat. Doch bei Sachbearbeiter Krusenbaum beißt er auf Granit. Vater ist Vater und bei den Geschwistern ist nun mal nichts zu holen. Geschwister? Welche Geschwister? Simon hat keine Geschwister…

Locker-flockig mit Einladung zum Tiefgang

Auf den ersten Blick kommt Vatertage von Stephan Bartels so locker leicht und flockig daher, doch kaum lässt man sich darauf ein, gerät man ins Grübeln. Wie würde ich selbst in so einem Fall reagieren? Und hätte ich den Mut, mich diesem Menschen, der mein Erzeuger ist, in seinen letzten Tagen oder Wochen zu stellen? Würde ich zähneknirschend zahlen, um mich der Situation nicht stellen zu müssen? Auch wenn ich in genau diese Situation nicht kommen kann, bei mir sind die Familienverhältnisse, zumindest was meinen Vater betrifft, klar, hat mich Stephan Bartels zum Nachdenken gebracht. Ist mein Verhältnis zu älteren Verwandten ok, so wie es ist? Werde ich vielleicht nach ihrem Tod bereuen, es nicht intensiviert zu haben?

Doch stopp, ich möchte ein wirklich unterhaltsames und charmant geschriebenes nicht unnötig tiefsinnig reden. Vatertage ist sehr gelungene Unterhaltung und ein wirklich tolles Buch für den Sommerurlaub oder entspannte Stunden auf dem Balkon oder am See.

Kauft es, lest es und wundert euch, welche Kapriolen das Leben schlagen kann!

Stephan Bartels

Stephan Bartels, geboren 1967, freier Journalist, hat sich mit Texten für Stern, Die Zeit, Brigitte und Barbara einen Namen gemacht. Er ist Vater eines erwachsenen Sohnes und lebt in Hamburg.

Buchinfo: Vatertage von Stephan Bartels, erschienen bei Heyne, 10.04.2018, 368 Seiten, € 12,99, ISBN: 978-3-453-43898-9. Danke für das Leseexemplar.

Advertisements

„Guten Morgen, wer sind Sie denn?“ oder Alltag im Pflegeheim

Ralph Skuban leitete mehr als zwei Jahrzehnte eine Einrichtung für Demenzkranke. Mit seinem Buch “ Guten Morgen, wer sind Sie denn?” bricht er eine Lanze für das Recht auf Selbstbestimmung der Bewohner und für die Arbeit der Pflegekräfte. Dabei ist er nicht von Sensationslust und Auflagenzahlen getrieben, sondern von der Notwendigkeit, endlich gegen die vorhandenen Missstände anzukämpfen.

Ralph Skuban hat viele Menschen sterben sehen. Sein Beruf ist es, überwiegend schwerst pflegebedürftige Menschen, meist Demenzkranke, bis zum Tod zu betreuen. Täglich begegnet er dabei der Vergänglichkeit des Körpers und des Geistes. Er sieht das damit verbundene Leid der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen und gelangt mehr als einmal an seine Grenzen.

Demenz, Pflege, Heim, Sterbehilfe, Würde
(Cover: dtv premium)

Nach einem “Pflegesystem” soll er sie betreuen, einem System, das sich nicht um den Einzelnen schert und mit unvorstellbarer Fremdbestimmung über alles Individuelle hinweg geht. “Gepflegt” wird nach Punkten, unendlich viel Zeit geht in die Dokumentation, in das Ausfüllen von Fragebögen und Protokollen. Zeit, die viel besser in die Bewohner des Heimes investiert wäre. Aber wer sich mehr um die Menschen kümmert statt um die Bürokratie, bekommt “schlechte Noten”. Denn bewertet werden die Pflegeeinrichtungen über die Anzahl der brav ausgefüllten Fragebögen, nicht nach der Zufriedenheit der Bewohner und ihrer Angehörigen. Und schon gleich gar nicht nach der Zufriedenheit der Mitarbeiter.

Menschen, die miese Arbeitszeiten, noch miesere Bezahlung und enorme Belastung durch Zeitdruck und auch durch das Sterben auf sich nehmen, um anderen Menschen ein Sterben in Würde ermöglichen zu können. Doch genau hier greift die Gesetzgebung ein und verhindert, was Menschen leisten wollen. Sie verhindert, dass Menschen sterben dürfen, für die keinerlei Hoffnung mehr besteht. Können sie sich wegen ihrer Demenz nicht mehr wehren und haben keine entsprechenden Vorkehrungen (z.B. Patientenverfügung) getroffen, werden sie zwangsernährt, zwangsbehandelt, zwangstherapiert. Und wer ab und an noch lichte Momente hat und seiner Situation bewusst ein Ende setzen will, darf das nicht. Zumindest nicht in Deutschland.

Ist ein dementer Mensch philosophisch betrachtet noch ein Mensch?

Dem Schritt, den Ralph Skuban dann macht, stehe ich zugegebenermaßen gespalten gegenüber. Er beleuchtet die Frage “Was ist ein Mensch?” aus philosophischer Sicht. Demnach sind Bewusstsein und die Fähigkeit der Selbstreflexion unabdingbar für das Menschsein. Für mich durchaus nachvollziehbar leiteter dann die Frage ab: Sind Menschen, die tief in ihrer Demenz versunken sind und keine “hellen” Momente mehr haben, nach dieser Definition eigentlich noch Menschen? Sie sind nicht mehr in der Lage, bewusst Entscheidungen zu treffen, von Selbstreflexion ganz zu schweigen.

So weit, so gut. Doch dann führt Ralph Skuban das tägliche Töten von Tieren ins Feld. Tieren, die sich ihrer Situation stärker bewusst sind, als zutiefst demente Menschen. Was gibt uns das Recht, diese zu töten, aber Menschen mit viel geringerer Selbstwahrnehmung einen gnädigen Tod zu verweigern?,fragt er. Wobei er dabei nicht die Menschen anspricht, die “völlig durch den Tunnel gegangen sind” – also jenen, die keine klaren Momente mehr haben – und mit dieser Situation entspannt und schmerzfrei leben, sondern jene, die in dieser Lage ganz offensichtlich körperliche Schmerzen und Qualen leiden.

Ich gehöre ebenfalls zu den Verfechterinnen des “Sterbendürfens”. Wer sich dazu entscheidet, weil er nicht leiden möchte, sollte dies in seinem gewohnten Umfeld umsetzen dürfen. Der letzte Weg sollte dabei nicht in eine fremde Umgebung führen müssen. Und ich spreche mich auch entschieden gegen eine Gerätemedizin aus, die auf Teufel komm raus den Sieg über das Sterben erringen will.

Missionieren auf Kosten dementer Menschen?

Allerdings hat mich der Vergleich mit dem Schlachten von Tieren erheblich gestört. Nicht, weil ich Ralph Skubans Bewusstseins-Argumentation nicht teilen kann, sondern weil ich den Eindruck hatte, hier wird für den Verzicht auf Fleisch statt für das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben und Lebensende kranker Menschen plädiert. Ich respektiere Vegetarier, setze mich ziemlich intensiv mit veganem Leben auseinander, möchte aber nicht auf eine solche Art “missioniert” werden. Egal, ob ich diese Intention richtig interpretiert habe oder nicht, bei mir ist es so angekommen. Deshalb habe ich mich mit dem letzten Drittel des Buches nicht mehr wohl gefühlt.

Dennoch gibt es für “Guten Morgen, wer sind Sie denn?” von mir eine klare Leseempfehlung. Es wird höchste Zeit, dass wir uns mit dem Pflege-GAU, in dem wir uns längst befinden, aufräumen. Wer sich um verwirrte und pflegebedürftige Menschen kümmert, soll dafür angemessen bezahlt werden und ausreichend Zeit dafür bekommen. Pflege muss wieder menschlich werden und darf nicht länger bürokratischer Verwaltungsakt sein.

Und wir müssen endlich weg von unserem “höher, schneller, weiter” in der Medizin. Es gilt zu akzeptieren, dass Leben endlich ist und dass eine Verlängerung auf Teufel komm raus – nur weil die Maschinen es können – unmenschlich ist.

Insofern, Ralph Skuban, Danke für dieses Buch!

Ralph Skuban

Ralph Skuban, geboren 1965, ist promovierter Politikwissenschaftler und leitet seit mehr als zwei Jahrzehnten in der Nähe von München eine Einrichtung für Demenzkranke. Skuban ist ein ausgewiesener Kenner der Philosophie und Mystik des Ostens, er praktiziert sie auch, hält Seminare und hat Bücher zum Thema publiziert. Er lebt in der Nähe von München.

Buchinfo: Guten Morgen, wer sind Sie denn von Ralph Skuban, erschienen bei dtv premium, Mai 2014, 160 Seiten, € 13,90, ISBN 978-3-423-26034-3, Danke für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.