Susanne Saygin: Feinde

Köln. Can und Simone von der Mordkommission werden zu einem mysteriösen Leichenfund gerufen. Die Spur führt ins Roma-Milieu. Zumindest auf den ersten Blick. Aber die Drahtzieher haben noch viel mehr Leichen im Keller. Ein politisch brisanter Wettlauf mit der Zeit beginnt.

9783453438897_CoverDer Tag fängt für die Polizisten Can und Simone gut an. Vor dem Wertstoffhof wurden zwei Tote gefunden, mit Paketband zu einer obszönen Inszenierung verbunden.

Schnell führen die Ermittlungen zum bulgarischen “Arbeiterstrich”, Menschen, die – häufig mit unklarem Bleibestatus – händeringend nach jeder Arbeit greifen. Tag für Tag.

Lohndumping, Zwangsprostitution, Gewalt

In der Stadt ist längst eine Dumpinglohn-Szene entstanden. Rumänen, Bulgaren, viele Sinti und Roma, die in Köln auf eine bessere Zukunft für sich und ihre Familien hoffen und dafür Armut, Verachtung und Einschüchterung erdulden. In Zusammenhang mit dieser Szene fallen immer wieder die gleichen Namen prominenter Kölner. Anhaben konnte man ihnen bisher nichts. Offensichtlich haben sie in der Stadt einflussreiche Freunde.

Doch Can lässt sich nicht abschütteln. Entgegen aller Anweisungen und Drohungen macht er sich auf die Suche nach Beweisen und geht damit ein hohes Risiko ein, das ihn nicht nur seinen Job sondern auch sein Leben kosten kann.

Ein tiefer Blick in menschenverachtende Netzwerke

Vermutlich hat jede und jeder von uns schon mal etwas vom sogenannten Arbeitsstrich gehört oder eine Reportage dazu gesehen. Gleiches gilt für die Zwangsprostitution von Kindern und Erwachsenen. Auch die Tatsache, dass die Opfer dieser Ausbeutung in den ärmsten Ländern rekrutiert, dass ihre Hoffnungen auf ein besseres Leben gnadenlos ausgenutzt werden, dürfte nicht neu sein.

Susanne Saygin hat all diese Informationsbrocken nach mehrjähriger Recherche zu einem beeindruckenden und beängstigenden Bild verwoben. Zwar betont Susanne Saygin, dass Handlungen und Personen frei erfunden sind und dass sie kein Sachbuch geschrieben hat, aber vieles aus Feinde kann ich mir erschreckend problemlos genau so vorstellen. Auch, dass prominente Verbrecher politisch gedeckt werden.

Diese Realität macht Angst

Feinde von Susanne Saygin hat mich abwechselnd traurig und wütend gemacht. Die Story hat mich frustriert und mir Angst gemacht. Weil sie so realistisch ist, weil sie Abgründe zeigt, für die ich mich im Alltag blind stellen kann, wenn ich es möchte. In diesem Buch werden sie so grell ausgeleuchtet, dass die Leserinnen und Leser sich ihnen stellen müssen. Was ich sehr gut und sehr wichtig finde, was aber empfindsame Gemüter vielleicht überfordern könnte.

Dafür bekommt Feinde von Susanne Saygin eine absolute Leseempfehlung von mir, auch wenn ich gegen Ende etwas irritiert war. Die Beziehung zwischen Can und Isa, seiner Mitbewohnerin wird erst sehr spät aufgerollt und das an einer Stelle, wo es den “Lauf” der Story für mein Empfinden unterbrochen hat.

Susanne Saygin

Susanne Saygin, geboren 1967, aufgewachsen im Rheinland, Geschichtsstudium in Köln und Cambridge, Promotion in Oxford. Danach Tätigkeit im akademischen Projektmanagement und in der freien Wirtschaft (u.a. im Umfeld der ersten deutschen Bundesliga). Die Autorin mit deutsch-türkischen Wurzeln hatte ihren Lebensmittelpunkt knapp zwanzig Jahre lang in Köln. Seit 2010 lebt und arbeitet sie in Berlin. Für ihren Debütroman »Feinde« hat die Autorin über fünf Jahre lang recherchiert.

Buchinfo: Feinde von Susanne Saygin, erschienen bei Heyne, 10.09.2018, 352 Seiten, € 12,99, ISBN: 978-3-453-43889-7. Vielen Dank für das Leseexemplar.

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Lana Lux: Kukolka

Samira wächst im ukrainischen Kinderheim auf. Entbehrungen und Strafen sind an der Tagesordnung. Als ihre beste Freundin Marina von einem deutschen Paar adoptiert wird, beschließt Samira zu fliehen. Nach Deutschland will sie. Zu Marina. Und landet in der Hölle.

KukolkaSowjetunion in den Neunziger Jahren. Das gemeine Volk leidet und vielen Entbehrungen durch das zusammenbrechende Regime. Besonders hart trifft die Waisenkinder. Wer nicht adoptiert wird, lernt früh Hunger und Schläge kennen. Für Samira ist es noch schlimmer als für viele andere Kinder im Heim. Schuld daran sind ihr dunkles Haar und ihre dunklere Haut. Eine Zigeunerin sei sie. Samira weiß nicht, was das ist. Aber dass es nichts Gutes ist, spürt sie schon als kleines Kind.

Blauäugig in die ungewisse Zukunft

Als Samira sieben ist, wird ihre bester Freundin Marina von einem deutschen Paar adoptiert. Die Situation für Samira verschärft sich. Niemand hält mehr zu ihr, keinem kann sie sich anvertrauen. Samira beschließt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und flieht aus der Trostlosigkeit des Heims. Sie will nach Deutschland zu Marina. Sie will endlich auch in Frieden und Freiheit leben.

Schnell merkt sie, dass dieses Vorhaben ohne Hilfe nicht umzusetzen ist. Dankbar lässt sie sich deshalb auf den smarten Rocky ein, der sie am Bahnhof aufsammelt, ihr ein Dach über dem Kopf und Arbeit verspricht. Rocky soll ihr die Fahrkarte nach Deutschland sichern. Doch die Realität sieht anders aus.

Kukolka reist nach Deutschland

Kukolka, Püppchen, nennt Rocky “seine” Samira. Weil sie so hübsch ist mit dem dunklen Haar, der dunkleren Haut und den strahlend blauen Augen. Und wie eine Puppe benutzt er sie auch. Damit setzt die Abwärtspirale in Gang, die Samira zwar letztendlich nach Deutschland bringt, aber in eine ganz andere Situation als sie sich jahrelang erträumt hat.

Mit Kukolka hat Lana Lux ein beeindruckendes Buch geschrieben. Ein realistisches Buch. Denn Samira wird nicht das erste und nicht das letzte Mädchen sein, das auf der Suche nach Liebe und Anerkennung in die Fänge skrupelloser Menschen fällt. Menschen, die keine Hemmungen haben, ein Kind zu benutzen, zu zerbrechen und dann wie nutzlosen Abfall wegzuwerfen, wenn sie nicht mehr genug einbringen.

Mir war nämlich klar, dass ich die Einzige war, die das hier überleben konnte. Ich war nicht so eine gefallene Püppi. Ich war schon immer hier unten. — Samira in Kukolka von Lana Lux

Wenn das Leben hässlich wird, wird es auch die Sprache

Lana Lux beschönigt in ihrem Buch nichts. Wo es nötig ist, die Situation für die Leserinnen und Leser so real wie möglich zu schildern, greift sie zur ungeschminkten Sprache der Szene. Das mag für empfindliche Gemüter nicht ganz einfach sein. Ich hingegen fand es der Story absolut angemessen, zumal die Autorin wirklich sparsam Akzente setzt.

Ich habe dieses Buch verschlungen. So oft ich bereits Storys über junge Mädchen gelesen habe, die wie Gegenstände vermietet und verkauft, an Drogen gebracht und dann in die Gosse geworfen wurden, selten ist mir ein Schicksal so nahe gegangen. Vermutlich liegt das an der Fähigkeit der Autorin, Samiras Sehnsucht zu eindringlich zu beschreiben, dass man sie förmlich am eigenen Leib spürt.

Kukolka gehört ab sofort zu den Büchern, die ich nicht missen möchte.

Lana Lux

Lana Lux, geboren 1986 in Dnipropetrowsk/Ukraine, wanderte im Alter von zehn Jahren mit ihren Eltern als Kontingentflüchtling nach Deutschland aus. Sie machte Abitur und studierte zunächst Ernährungswissenschaften in Mönchengladbach. Später absolvierte sie eine Schauspielausbildung am Michael Tschechow Studio in Berlin. Seit 2010 lebt und arbeitet sie als Schauspielerin und Autorin in Berlin.

Buchinfo: Kukolka von Lana Lux, erschienen bei aufbau, August 2017, 375 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-351-03693-5, € 22,00. Vielen Dank für das Leseexemplar.