Lana Lux: Kukolka

Samira wächst im ukrainischen Kinderheim auf. Entbehrungen und Strafen sind an der Tagesordnung. Als ihre beste Freundin Marina von einem deutschen Paar adoptiert wird, beschließt Samira zu fliehen. Nach Deutschland will sie. Zu Marina. Und landet in der Hölle.

KukolkaSowjetunion in den Neunziger Jahren. Das gemeine Volk leidet und vielen Entbehrungen durch das zusammenbrechende Regime. Besonders hart trifft die Waisenkinder. Wer nicht adoptiert wird, lernt früh Hunger und Schläge kennen. Für Samira ist es noch schlimmer als für viele andere Kinder im Heim. Schuld daran sind ihr dunkles Haar und ihre dunklere Haut. Eine Zigeunerin sei sie. Samira weiß nicht, was das ist. Aber dass es nichts Gutes ist, spürt sie schon als kleines Kind.

Blauäugig in die ungewisse Zukunft

Als Samira sieben ist, wird ihre bester Freundin Marina von einem deutschen Paar adoptiert. Die Situation für Samira verschärft sich. Niemand hält mehr zu ihr, keinem kann sie sich anvertrauen. Samira beschließt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und flieht aus der Trostlosigkeit des Heims. Sie will nach Deutschland zu Marina. Sie will endlich auch in Frieden und Freiheit leben.

Schnell merkt sie, dass dieses Vorhaben ohne Hilfe nicht umzusetzen ist. Dankbar lässt sie sich deshalb auf den smarten Rocky ein, der sie am Bahnhof aufsammelt, ihr ein Dach über dem Kopf und Arbeit verspricht. Rocky soll ihr die Fahrkarte nach Deutschland sichern. Doch die Realität sieht anders aus.

Kukolka reist nach Deutschland

Kukolka, Püppchen, nennt Rocky “seine” Samira. Weil sie so hübsch ist mit dem dunklen Haar, der dunkleren Haut und den strahlend blauen Augen. Und wie eine Puppe benutzt er sie auch. Damit setzt die Abwärtspirale in Gang, die Samira zwar letztendlich nach Deutschland bringt, aber in eine ganz andere Situation als sie sich jahrelang erträumt hat.

Mit Kukolka hat Lana Lux ein beeindruckendes Buch geschrieben. Ein realistisches Buch. Denn Samira wird nicht das erste und nicht das letzte Mädchen sein, das auf der Suche nach Liebe und Anerkennung in die Fänge skrupelloser Menschen fällt. Menschen, die keine Hemmungen haben, ein Kind zu benutzen, zu zerbrechen und dann wie nutzlosen Abfall wegzuwerfen, wenn sie nicht mehr genug einbringen.

Mir war nämlich klar, dass ich die Einzige war, die das hier überleben konnte. Ich war nicht so eine gefallene Püppi. Ich war schon immer hier unten. — Samira in Kukolka von Lana Lux

Wenn das Leben hässlich wird, wird es auch die Sprache

Lana Lux beschönigt in ihrem Buch nichts. Wo es nötig ist, die Situation für die Leserinnen und Leser so real wie möglich zu schildern, greift sie zur ungeschminkten Sprache der Szene. Das mag für empfindliche Gemüter nicht ganz einfach sein. Ich hingegen fand es der Story absolut angemessen, zumal die Autorin wirklich sparsam Akzente setzt.

Ich habe dieses Buch verschlungen. So oft ich bereits Storys über junge Mädchen gelesen habe, die wie Gegenstände vermietet und verkauft, an Drogen gebracht und dann in die Gosse geworfen wurden, selten ist mir ein Schicksal so nahe gegangen. Vermutlich liegt das an der Fähigkeit der Autorin, Samiras Sehnsucht zu eindringlich zu beschreiben, dass man sie förmlich am eigenen Leib spürt.

Kukolka gehört ab sofort zu den Büchern, die ich nicht missen möchte.

Lana Lux

Lana Lux, geboren 1986 in Dnipropetrowsk/Ukraine, wanderte im Alter von zehn Jahren mit ihren Eltern als Kontingentflüchtling nach Deutschland aus. Sie machte Abitur und studierte zunächst Ernährungswissenschaften in Mönchengladbach. Später absolvierte sie eine Schauspielausbildung am Michael Tschechow Studio in Berlin. Seit 2010 lebt und arbeitet sie als Schauspielerin und Autorin in Berlin.

Buchinfo: Kukolka von Lana Lux, erschienen bei aufbau, August 2017, 375 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-351-03693-5, € 22,00. Vielen Dank für das Leseexemplar.

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Benjamin Bidder: Generation Putin

Wie sieht eigentlich die Generation Putin aus? Also die Generation, die mit Putin aufgewachsen ist? Gibt es sie überhaupt, oder ist sie überhaupt oder ist nur ebenso ein verzweifelter Versuch, einer ganzen Generation einen Stempel aufzudrücken, wie wir es zum Beispiel mit der Generation Y tun? Benjamin Bidder hat mit jungen Russinnen und Russen gesprochen.

Generation Putin von Benjamin Bidder
Generation Putin von Benjamin Bidder

Wie vielen “Generationen” wurden bereits Bücher gewidmet? Teils ironische, teils wissenschaftliche Betrachtungen. Spontan fallen mir ein:

  • Generation Golf
  • Generation Doof
  • Generation Beziehungsunfähig
  • Generation Y
  • Generation Z
  • Generation What

Und bei allen, die ich bislang gelesen habe, war ich spätestens anschließend der Meinung: Diese Generation gibt es nicht. Sie ist genauso heterogen wie alle anderen Generationen. Entsprechend habe ich Benjamin Bidders Generation Putin mit einem gewissen Vorbehalt in die Hand genommen und es dann mit von Seite zu Seite wachsendem Interesse zu verschlingen.

DIE Generation gibt es nicht

Eines vorweg: Auch Bidder beweist: DIE Generation gibt es nicht. Trotzdem sind die

Gespräche mit den unterschiedlichsten Charakteren spannend und für mich sehr aufschlussreich.

  • Da ist Marat, den ein unstillbares Fernweh hat und sich nur über den Dächern Moskaus frei fühlt.
  • Diana ist Patriotin. Die WM In Sotschi ist ihre große Hoffnung, der Welt ein Russland zu präsentieren, wie sie es sieht.
  • Alexander sitzt im Rollstuhl. Stück für Stück erkämpft er sich seine Freiheit, in einem Land, in dem Menschen mit Behinderung bisher möglichst unsichtbar bleiben sollten.
  • Lena, die Patriotin aus Smolensk, hat für mehr Freiheit kein Verständnis. Sie findet, dass zu viel Einmischung durch das Volk schlecht ist: “Es gibt Präsidenten und es gibt Hausmeister.”
  • Ganz anders denkt Wera, die Oppositionelle. Sie hofft auf eine Revolution, weiß aber auch, dass das nicht einfach werden wird.
  • Tschetschenin Taissa aus Grosny sucht nach ihrer Bestimmung, nach einem Ort, an dem ihr niemand sagt, was sie darf oder nicht.

Je nach Sozialisierung und Region, ob Stadt- oder Landbewohner, ob politisch interessiert oder nicht, junge Russen und Russinnen sind genauso wenig homogen wie in anderen Nationen. Gemeinsam ist ihnen allen, dass Putin sie politisch auf ihrem bisherigen Werdegang begleitet hat. Und gemeinsam ist ihnen auch, dass sich ihre Welt Stück für Stück verändert, öffnet. Einigen macht das Angst, vielen bereitet das große Hoffnung. Sie hoffen auf die Anerkennung anderer Länder für ihr Russland. Auf freie Entfaltung, Offenheit und Transparenz.

Menschen mit Behinderung werden sichtbar

Und darauf, sich nicht mehr verstecken zu müssen, wie Alexander, der Rollstuhlfahrer. Menschen mit Behinderung waren in der russischen Gesellschaft lange Zeit nicht vorgesehen. Sie wurden weggesperrt, am Stadtrand hinter dicken Mauern verborgen. Auch Alexander wohnt in einer solchen “Bewahranstalt”, doch er will raus, will seine eigene Wohnung, will selbst entscheiden, was er einkauft und was er isst. Und tatsächlich wird er inzwischen gehört. Eine Ministerin hat es gewagt, sich für Menschen mit Behinderung stark zu machen. Alexander kann hoffen.

Spannende Einblicke

Generation Putin ist ein spannendes Buch. Ausgesucht habe ich es mir, weil ich beruflich immer wieder mit Themen aus und um Russland zu tun habe. Und weil ich das Bedürfnis nach einem tieferen Einblick in das aktuelle Geschehen haben möchte. Den habe ich nur bedingt bekommen, so zumindest mein Gefühl. Mehr Platz für die Stimmen der jungen Leute beziehungsweise eine stärkere Trennung zwischen deren Meinung und der des Autors hätte dem Buch vermutlich gut getan. Aber das ist mein persönlicher Eindruck.

Insgesamt war Generation Putin von Benjamin Bidder für mich eine Bereicherung und ich empfehle das Buch deshalb gerne weiter.

Benjamin Bidder

Benjamin Bidder, geboren 1981, hat Volkswirtschaftslehre in Bonn, Mannheim und Sankt Petersburg studiert. Er ist Absolvent der studienbegleitenden Journalistenausbildung des Institutes zur Förderung publizistischen Nachwuchses (ifp), u.a. mit Stationen bei der Märkischen Oderzeitung und der Financial Times Deutschland. Benjamin Bidder ist seit 2009 beim SPIEGEL, zunächst als Redakteur im Politik-Ressort von SPIEGEL ONLINE. Von 2009 bis 2016 war er Moskau-Korrespondent. Im September 2016 kehrte er in die Redaktion von SPIEGEL ONLINE zurück. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Hamburg.

Buchinfo: Generation Putin von Benjamin Bidder, erschienen bei DVA, September 2016, 336 Seiten, Klappenbroschur, € 16,99, ISBN: 978-3-421-04744-1