1964. Nach dem Krieg ist die Welt endlich wieder bereit für Mode. Mit ihren Bademoden für die reife Frau will Lilo Kowatz den großen Coup landen. Doch daraus wird nichts. Ihre Vergangenheit holt sie zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt ein..

Lilo und Harry Kowatz haben es ins Wirtschaftswunder geschafft. Mit Harrys Flüchtlingsgeld als Heimatvertriebene hat Lilo ihr eigenes Modestudio eröffnet. Während Harry Kriegswitwen und Angehörige gefallener Soldaten zu den Kriegsgräberfeldern in Frankreich und Belgien fährt, hat Lilo mit ihrem “Kleinen Schwarzen” den Durchbruch geschafft. Das Kleid wird ihr aus den Händen gerissen. Die Nachfrage war so groß, dass sie von der Maßanfertigung auf die Konfektionsfertigung umstellen musste. Geholfen hat ihr dabei die Ungarin Ilona, die ebenfalls vor dem Krieg fliehen musste. Sie hat eine Lohnnäherei aufgebaut und sich auf die Fertigung von Kopien berühmter Designer:innen spezialisiert.
Jetzt hat Lilo einen neuen Plan. Sie will eine Bademoden Linie für reife Frauen entwerfen. Durch die vielen elastischen Fasern, die die Textilindustrie in den letzten Jahren entwickelt hat, soll sich jede Frau – egal ob klein oder groß, dick oder dünn, mit viel oder wenig Busen oder Hüfte – gut eingepackt fühlen und dabei hinreißend aussehen. Die Muster sind bereits genäht. Modell dafür standen Ilonas Mitarbeiterinnen.
Erfolgreich im Dienst der Nazis
Doch Lilo und Harry haben eine dunkle Vergangenheit. Beide waren schon während des Krieges im Mode-Sektor tätig. Allerdings unter sehr unschönen Voraussetzungen. Erfolgreiche Nazis konnten sich aus beschlagnahmten Textilien ihren Lieblingsstoff aussuchen und sich daraus Kleidung maßschneidern lassen. Von Häftlingen.
Dazu kommt, dass die attraktive Lilo mit ranghohen Nazis ausging und dabei mit ihrer Gunst recht großzügig umging, wenn ihr Galan wichtig genug war. Bei einer wilden Party wird sie (vermutlich) mehrfach vergewaltigt. Die Konsequenz: Lilo ist schwanger. Sie entbindet anonym in einem Lebensborn-Heim ein Mädchen, Reni. Einer der Offiziere erkennt die Vaterschaft an und der Verein überweist monatlich Unterhalt. Harry stört sich daran nicht. Er heiratet Lilo. Reni ist “sein Mädchen”.
Als Lilo die Präsentation ihre Bademoden organisiert, werden die Hintergründe ihrer Vergangenheit publik. Ein Schrei der Entrüstung geht durch die Modeszene und zerstört ihre Pläne nachhaltig. Gleichzeitig schließt sich Reni einer Bewegung an, die genau diese Hintergründe aufdecken will. Nicht nur bei kleinen Unternehmen wie Lilos, sondern auch – oder gerade – bei den Großen. Neckermann, Karstadt, Quelle, sie alle haben von den Nazis profitiert. Und sie machen schon wieder schmutzige Geschäfte. Setzen ihre bisherigen Lieferanten unter Druck, um Verträge zu lösen und künftig billig in der DDR produzieren und teuer im Westen verkaufen zu können.
Nie richtig aufgearbeitet
Frühjahrskollektion ist in kurzer Zeit das dritte Buch, das ich zu den Verflechtungen der Wirtschaft in der Nazizeit gelesen habe. Fast alle haben von den menschenverachtenden Machenschaften der Nazis profitiert, sei es durch “billige” Zwangsarbeiter:innen, durch den “billigen” Erwerb der Unternehmen von Vertriebenen oder Inhaftierten/Ermordeten, durch die “billige” Nutzung von Gütern Enteigneter. Und nach dem Krieg war niemand daran Schuld. Die Unternehmen hätten nicht anders handeln können, die Nazis hätten sie gezwungen, Zwangsarbeiter:innen für sich arbeiten zu lassen. Auch wenn man das nie wollte. Aber Entschädigungen wurden auch nur in seltenen Fällen gezahlt.
Dieses Thema greift Christine Koschmieder auf vielfältige Weise auf. Nicht nur am Beispiel von Lilo, auch mit gut recherchierten Hintergründen aus heute noch existierenden Großunternehmen. In Frühjahrskollektion verwebt sie virtuos Fakten aus der deutschen Geschichte zu einem vielschichtigen Roman. Es ist wichtiger denn je, die Nazivergangenheit laut und deutlich zu thematisieren. Unter anderem in den USA sehen wir, wie schnell ein solches Terrorregime wieder installiert werden kann.
Übrigens, eigentlich gehe ich selten auf die Cover von Büchern ein, aber bei Frühjahrskollektion ist es einfach perfekt gelungen. In Farb- und Formspiel perfekt für die 60er Jahre.
Christine Koschmieder
Christine Koschmieder, geboren 1972 in Heidelberg, betrieb nach ihrem Studium der Theaterwissenschaft in Leipzig die Literaturagentur Partner + Propaganda und arbeitet als Fundraiserin. Ihr Debüt »Schweinesystem« war 2014 für den Aspekte Literaturpreis nominiert. Ihr autofiktionaler Roman »DRY«, in dem sie über ihr Leben als hochfunktionale Alkoholikerin, Mutter und Witwe erzählt, wurde im Literarischen Quartett besprochen. Im Oktober 2023 ist ihr erzählendes Sachbuch »Schambereich. Über Sex sprechen« erschienen. Christine Koschmieder lebt in Aken an der Elbe.
Buchinfo: Frühjahrskollektion von Christine Koschmieder, erschienen beim Kanon Verlag, 27. Februar 2025, 288 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, € 24,00, ISBN 978-3-98568-159-4. Danke für das Leseexemplar.

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