Corinna Mell: Marienfelde

Berlin Anfang der Fünfziger Jahre. Die 16-jährige Sonja profitiert vom Wirtschaftswunder im Westen der Stadt und hat klare Pläne für ihre Zukunft. Sie will nicht nur Ehefrau und Mutter sein, sondern auch ihr eigenes Geschäft führen. Als die DDR ihre Grenzen schließt, gerät ihr Leben ins Wanken.

MarienfeldeSonja kommt nach ihrer Großmutter, einer starken, unabhängigen Frau. Nach ihrem Tod scheint Sonjas Plänen nichts mehr im Wege zu stehen. Die alte Dame hat ihr einen beträchtlichen Geldbetrag vermacht, den sie für ihre beruflichen Pläne nutzen soll. Eine kaufmännische Ausbildung möchte sie machen und dann ihre Eltern im heimischen Fahrbetrieb unterstützen.

Willkommen auf der Bräuteschule

Als ihr Vater seine Chance nutzt, gemeinsam mit einem renommierten Autobauer ein florierendes Autohaus aufzubauen, muss Sonja ihr Pläne vorerst aufschieben. Weil von der Tochter eines erfolgreichen Autohändlers tadellose Manieren erwartet werden, soll sie nach der mittleren Reife auf eine angesehene “Bräuteschule” wechseln. Zähneknirschend fügt sich Sonja. Sie will den Eltern keine Steine in den Weg legen. Dass sie ausgerechnet hier zwei Menschen kennenlernt, die ihr Leben wesentlich beeinflussen werden, ahnt sie noch nicht.

17. Juni 1953. Von ihrem Onkel, einem überzeugten Anhänger Walter Ulbrichts, der im Osten der geteilten Stadt lebt, hat Sonja viel über soziale Gerechtigkeit und Ausbeutung gehört. Spontan beschließt sie, sich den Demonstrationen in der DDR anzuschließen. Tausende gehen für die Rechte der Arbeiter auf die Straße und werden von der Regierung Ulbricht brutal niedergeschlagen. Er schreckt auch nicht davor zurück, mit Panzern auf das eigene Volk zu zielen. Schockiert flüchtet Sonja zurück in den Westen.

So viel und doch so wenig hat sich getan

Corinna Mells Marienfelde hat mich von der ersten Seite an begeistert. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie wenig Möglichkeiten Frauen in den 50er Jahren noch hatten und welche Möglichkeiten uns heute offen stehen. Aber auch, wie viel noch zu tun ist. Gleicher Lohn für gleich Arbeit. Vereinbarkeit von Familie und beruflicher Entwicklung. Gute Versorgung und Ausbildung von Kindern, gerade auch für Alleinerziehende.

Mit den ersten Jahren der geteilten Stadt Berlin habe ich mich tatsächlich auch noch nie intensiver auseinander gesetzt. Als ich zur Welt kam, war die Mauer bereits der Status Quo. Klar wusste ich um die Repressalien und Bespitzelungen. Aber wie das Leben der Berliner vor dem Mauerbau aussah, war mir nicht präsent. Zum 70. Jahrestag der Bundesrepublik Deutschland die perfekte Lektüre.

Corinna Mell hat mit Marienfelde ein kluges und gleichzeitig emotionales Buch geschrieben, Das ich nur empfehlen kann.

Corinna Mell

Corinna Mell wurde Ende der fünfziger Jahre in der Nähe von Osnabrück geboren.

Ihre berufliche Laufbahn begann im Einzelhandel, und ihre ersten Versuche im kreativen Schreiben machte sie mit knapp 30 Jahren während der Schwangerschaft mit ihrer Tochter.

Corinna Mell lebt als freie Autorin in Berlin und in der Nähe von Köln. Ihre Begeisterung für Geschichte und Soziologie hat sie zu diesem Roman inspiriert.

Buchinfo: Marienfelde von Corinna Mell, erschienen bei Droemer, 27.12.2018, 480 Seiten, € 9,99, ISBN 978-3-426-30641-3. Vielen Dank für das Leseexemplar.

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Delphine de Vigan: Loyalitäten

Der zwölfjährige Théo ist selbstständig, fürsorglich und ein guter Schüler. Also alles prima? Nicht ganz. Denn Théo ist durch sein Bestreben, perfekt zu funktionieren, permanent überfordert. Entspannung sucht er im Alkohol.

LoyalitätenThéos Eltern sind geschieden, seine Mutter ist mit der Situation unglücklich und überfordert. Der Zwölfjährige hat früh gelernt, nicht aufzufallen, die Mutter nicht noch zusätzlich zu belasten. Im Gegenteil.

Fürsorglich achtet er darauf, keinen Anlass zum Streit zu geben. Selbst dann nicht, wenn er nach dem Wochenende von seinem Vater zurück kommt und die Mutter seinen Geruch nicht ertragen kann, so sehr ist sie verletzt.

Der Vater hat sich aufgegeben. Geht nicht mehr aus dem Haus, trinkt. Théo bemüht sich um Normalität, kauft ein, wäscht, macht die Betten.

Théo zahlt einen hohen Preis

Auch in der Schule verhält er sich still, ist ein guter Schüler. Doch nach und nach verändert er sich. Wird verschlossener, abwesender. Seine Lehrerin Hélène macht sich Sorgen um den Jungen stößt aber auf taube Ohren.

Nur Mathis, Théos einziger Freund, kennt sein Geheimnis. Théo trinkt und versucht so, seine innere Leere zu füllen. Doch wem soll sich Mathis anvertrauen? Kann er überhaupt seinen einzigen Freund verraten?

Schaut genau hin. Bitte!

Loyalitäten von Delphine de Vigan hat mich sehr bewegt. Viel zu oft verlangen wir unseren Kindern so viel ab, drängen sie in die Rolle Erwachsener. Vor allem dann, wenn der Partner oder die Partnerin stirbt, eine Beziehung zerbricht und wir den Streit vor den Kindern austragen. Sie wollen uns gefallen und alles richtig machen und gehen dabei selbst zugrunde. Häufig leise, still und so lange unbemerkt, bis es zu spät ist. Bis sie sich selbst verletzen, Zuflucht in Alkohol oder Drogen nehmen oder, als finale Lösung, ihrem Leben ein Ende setzen.

Delphine de Vigan zeigt aber auch, wie schwer es ist, Zugang zu leidenden Kindern und Jugendlichen zu finden und welche Hürden überwunden werden müssen. Sei es das Nicht-sehen-sollen oder Nicht-sehen-können der Angehörigen oder der juristische Dschungel. Und wie viele grundsätzlich hilfsbereite und aufmerksame Menschen aufgeben, weil sie am Ende ihrer eigenen Kraft ankommen.

Loyalitäten von Delphine de Vigan bekommt von mir ein großes Plus und eine klare Leseempfehlung. Egal, ob der Leser oder die Leserin mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, oder nicht.

Delphine de Vigan

Delphine de Vigan, geboren 1966, erreichte ihren endgültigen Durchbruch als Schriftstellerin mit dem Roman ›No & ich‹ (2007), für den sie mit dem Prix des Libraires und dem Prix Rotary International 2008 ausgezeichnet wurde. Ihr Roman ›Nach einer wahren Geschichte‹ (DuMont 2016) stand wochenlang auf der Bestsellerliste in Frankreich und erhielt 2015 den Prix Renaudot. Bei DuMont erschien 2017 ihr Debütroman ›Tage ohne Hunger‹. Die Autorin lebt mit ihren Kindern in Paris.

Übersetzung: Doris Heinemann

Buchinfo: Loyalitäten von Delphine de Vigan, erschienen bei DUMONT, 13.09.2018, 176 Seiten, gebunden mit Lesebändchen, € 20,00, ISBN 978-3-8321-8359-2. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Silke Knäpper: Das Lieben der anderen

Eine Nacht im März. Helen ist auf dem Heimweg, als ihr vor dem Nachbarhaus eine Frau vor die Füße fällt. Unfähig die Polizei zu informieren, eilt sie heim und beobachtet vom Fenster aus einen Mann, der aus dem Nachbarhaus läuft, auf die Tote zugeht und dann davoneilt. In Helen reift ein grausamer Plan.

COV_KNAEPPER_ANDEREN_LHelen ist zutiefst unzufrieden mit ihrem Leben. Sie mag weder ihren hageren, flachbrüstigen Körper, noch ihr Leben ohne Höhen und Tiefen.

Nicht einmal das heiß ersehnte Baby hatte sich in diesem Körper einnisten und heranwachsen wollen. Robert, ihr Freund, hatte sie deshalb auch verlassen.

Sie hat alles, was ich nicht habe

Und dann lag da diese Frau. Auf den ersten Blick hat Helen erkannt, dass die Fremde alles hatte, wonach sie sich ihr Leben lang sehnte. Ein erfülltes und aufregendes Leben. Einen Mann, elegant und mit geschmeidigen Bewegungen, den sie mit Sicherheit sofort wiedererkennen würde.

In Helen reift ein Plan. Sie würde diesem Mann seine Frau ersetzen. Sie würde in ihr altes Leben schlüpfen und dafür sorgen, dass er ohne sie nicht mehr sein wollte und konnte. Minutiös organisiert sie ihr weiteres Vorgehen und wird zum ganz persönlichen Albtraum ihres Opfers.

Zweifellos im Wahn

Die Liebe der anderen von Silke Knäpper ist ein sehr besonderes Buch, das weit tiefer geht, als alles, was ich bislang zum Thema Stalking gelesen habe. Silke Knäpper lässt uns tief in die Seele einer Frau schauen, die unendlich unzufrieden und einsam ist. Sie nimmt uns mit auf die Reise dieses Menschen in den Wahn, eine andere werden zu wollen. Das Leben und die Position eines toten Menschen einnehmen zu wollen. Ohne Rücksicht auf Verluste und ohne die geringsten Zweifel, dass der Partner dieser Toten diesen Rollentausch akzeptieren wird. In der sicheren Überzeugung, dass dann alle Probleme gelöst sind. Dass ihr Leben endlich erfüllt und glücklich sein wird.

Als Außenstehende blickt man fassungslos auf den Verlauf, den Helens Plan nimmt. Mit welcher Nüchternheit sie Schritt für Schritt plant. Wie alles in ihren Augen völlig logisch aussieht. Und schüttelt dann den Kopf, weil man sich vergegenwärtigen muss, dass Helen die Menschen in ihrer Umgebung als Marionetten sehen muss, die ganz selbstverständlich ihrer Logik folgen müssen. Was sie natürlich nicht tun. Schließlich handelt es sich um eigenständig denkende Menschen mit ihren ganz eigenen Plänen und Vorstellungen.

Zwischen Krimi und Wahnsinn

Als Helen realisiert, dass sich die Dinge nicht so entwickeln werden, wie sie es in ihrer kranken Seele plant, wird sie zur Gefahr.

Die Liebe der anderen von Silke Knäpper ist ein wirklich wirklich tolles Buch. Ein bisschen Krimi aber ganz viel Psychologie und Wahnsinn. Dabei ganz leise, ohne große Erschütterungen und mit umso mehr Tiefgang. Von mir eine klare Leseempfehlung.

Silke Knäpper

1967 in Ulm geboren, studierte Romanistik, Germanistik und Anglistik in Wien, Freiburg und Köln.

Nach Lehrtätigkeiten in Saint-Cloud bei Paris und in London kehrte sie 2001 nach Neu-Ulm zurück, wo sie heute als Lehrerin an einem Gymnasium unterrichtet. Für eine Passage aus der Erzählung »Egal, wo man aufwacht« erhielt sie eine erste Auszeichnung beim Irseer Pegasus.

Bei Klöpfer & Meyer erschien 2012 ihr Roman »Im November blüht kein Raps«: »Ein eigen-sinniger Roman«, so Karl-Heinz Ott, »ein Debüt, das heraussticht«.

Buchinfo: Das Lieben der anderen von Silke Knäpper, erschienen bei Klöpfer&Meyer, August 2018, 236 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, € 22,00, ISBN 978-3-86351-474-7. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Klaas Huizing: Zu Dritt

Karl Barth gilt als der “Kirchenvater des 20. Jahrhunderts” und als Kopf der “Bekennenden Kirche” im Kampf gegen Hitler. Sein Bild schaffte es auf die Cover von Spiegel und New York Times Magazine. Doch wie lebte Karl Barth privat? Mit Zu Dritt gewährt Klaas Huizing seinen Lesern Einblick in eine ganz besondere Familienkonstellation.

COV_HUIZING_ZUDRITT_LAm 10. Mai 1886 wurde Karl Barth in Basel geboren. Offensichtlich hat das “Erbe” seines Vaters, er war Theologieprofessort, die Familie stark geprägt. Neben Karl wendet sich auch sein Bruder Peter der Theologie zu.

Sein Studium der Evangelischen Theologie führt den jungen Karl Barth nach Bern, Berlin, Tübingen und Marburg. In Genf wird er schließlich Hilfsprediger der deutschsprachigen Gemeinde. Hier lernt er auch Nelly Hoffmann kennen und lieben. Beide heiraten und bekommen fünf Kinder. Die Rollen sind dabei klar verteilt: Karl ist der Intellektuelle, der Wissenschaftler und Ernährer, Nelly die “Haushaltsministerin”, wie er sie später nennt. Ihr obliegt es, ihrem Gatten Rücken und Geist frei zu halten, die Kinder zu erziehen und im Haus nach dem Rechten zu sehen.

Muss man dieses Opfer für die Wissenschaft bringen?

Das Familienleben gerät aus den Fugen, als Karl Barth Charlotte von Kirschbaum, eine 13 Jahre jüngere Deutsche, kennenlernt. Ihr scharfer Verstand und ihre Diskussionsfreude faszinieren den Theologen so sehr, dass er auf ihre Unterstützung nicht mehr verzichten will. Immer mehr Zeit verbringen sie gemeinsam, bis Karl seiner Frau Nelly vorschlägt, eine “Notgemeinschaft” zu gründen. Charlotte soll zu der Familie ins Haus ziehen, damit er, Karl, jederzeit mit ihr diskutiere und ihre gemeinsame Arbeit voranbringen kann.

Nach langem Widerstand fügen sich beide Frauen in dieses Schicksal und leben 35 Jahre eine Ménage à trois. Stecken ihr eigenen Bedürfnisse zurück für einen Mann, der das selbstverständlich findet, geht es doch um sein großes Werk Die kirchliche Dogmatik, dem er alles unterordnet.

Wie speziell dieses Zusammenleben war, zeigt bis heute die Grabplatte am Familiengrab der Barths in Basel. Nach Karls Tod hat Nelly zugestimmt, dass auch Charlotte im Familiengrab beigesetzt wird.

Faszinierend und irritierend

Zu Dritt von Klaas Huizing hat mich gleichzeitig fasziniert und irritiert. Mit welchem Selbstverständnis Karl Barth von zwei Frauen erwartet, dass sie ihr eigenes Leben komplett seiner Karriere unterordnen, macht mich fassungslos. Da sehe ich nichts von dem offenen Menschen, der seiner Zeit voraus sein wollte, der gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit eintrat. Für ihn muss man den Spruch “Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau” abwandeln. Hinter Barth standen zwei starke Frauen, sonst hätte er vielleicht nie die Bedeutung für die Evangelische Kirche erlangt, die ihm heute zugestanden wird.

Gleichzeitig muss ich gestehen, dass der Theologe offenbar ein ganz besonderes Charisma hatte. Als Charlotte von Kirschbaum an Demenz erkrankt und im Pflegeheim versorgt werden muss. wendet Karl Barth sich wieder seiner Frau Nelly zu. Und tatsächlich stimmt diese, nach Jahrzehnten auf dem intellektuellen und emotionalen Abstellgleis, dieser Annäherung zu und unterstützt ihn in seinen letzten Jahren.

Zu Dritt ist ein sehr bewegendes, intelligentes Buch, das mir tiefe Einblicke in eine ganz besondere Familie gewährt hat. Auch wenn ich immer wieder den Kopf über so viel “machohaftes” Selbstverständnis schütteln musste und es traurig fand, wie weit Nelly und Charlotte ihr eigenes Leben zurück gesteckt haben, war das Aufbäumen der beiden zwischendurch immer wieder faszinierend. Nelly, die irgendwann begonnen hat, innerhalb dieses Konstrukts ihr eigenes Leben zu führen. Charlotte, der nach und nach bewusst wurde, was sie alles aufgegeben hat und wie viel von ihr selbst Karls Werken zugeschrieben wird.

Ich fand das Buch wirklich toll und empfehle es gern weiter.

Klaas Huizing

1958 geboren, Niederländer, studierte in Münster, Hamburg, Kampen (NL), Heidelberg und München Philosophie und Theologie. Promotion, Habilitation, lehrt seit 1998 als Professor für Ästhetische Theologie und Ethik an der Universität Würzburg. Seit 1993 Mitglied im PEN. Von 2007 bis 2015 Chefredakteur des Kulturmagazins OPUS, seitdem Herausgeber. Er lebt u. a. in Berlin. Mehrere Auszeichnungen und Preise.

Zahlreiche theologische Publikationen, ein Theaterstück und zwölf Romane. Mit seinem in mehrere Sprachen übersetzten Bestseller »Der Buchtrinker«, dem Kant-Roman »Das Ding an sich« und »Mein Süßkind. Ein Jesus-Roman« wurde er einem größeren Publikum bekannt. Mit seinem Familienroman »Bruderland« war er 2015 für die »Hotlist«, den Preis der unabhängigen Verlage nominiert.

Zeitgleich mit dem Roman »Zu Dritt« erscheint im Kreuz Verlag (Herder) von Klaas Huizing »Gottes Genosse. Eine Annäherung an Karl Barth«.

Buchinfo: Zu Dritt von Klaas Huizing, erschienen bei Klöpfer&Meyer, 30.08.2018, 400 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 25,00 €, ISBN 978-3-86351-475-4

Sara Paborn: Beim Morden bitte langsam vorgehen

Irene hat die Nase voll von Horst. Seit 39 Jahren meckert und mäkelt er an ihr rum, nimmt sie ansonsten kaum wahr. Als ihr der Zufall eine Schachtel mit alten Vorhang-Bleibändern in die Hände spielt, reift in Irene ein Plan.

Beim Morden bitte langsam vorgehen von Sara PabornIrene ist leidenschaftliche Bibliothekarin. Bücher sind ihr Leben. In ihrer ruhigen Dachkammer, die sie sich als Minibibliothek eingerichtet hat, kann sie die Umwelt vergessen. Die Modernisierungen, die der neue Chef der Bibliothek einführen will und die Irene so überhaupt nicht passen. Ihren Mann Horst, der sie kaum noch wahrnimmt. Es sei denn, er hat mal wieder was zu meckern. Der unfähig und unwillig ist, an seinem Leben etwas zu ändern.

Im Keller liegt die Lösung

Als Horst sie aus ihrem Exil unter dem Dach in den Heizungskeller vertreibt, damit er in der Dachkammer seinem eigenen Hobby frönen, resigniert Irene endgültig. Schweren Herzens beginnt sie, sich den Keller irgendwie gemütlich zu machen, ihren Büchern wieder den würdigen Platz zu geben, der ihnen zukommt. Dabei fällt ihr eine kleine Schachtel mit merkwürdigen Bleiklümpchen in die Hand. Ihre Mutter hat sie in die Säume der Vorhänge genäht, damit diese glatt hängen. Heute werden sie wegen ihrer Giftigkeit nicht mehr eingesetzt.

Irene beschließt, dafür zu sorgen, dass die Chemie zwischen ihr und Horst wieder stimmen muss. Sie beginnt, ihn gastronomisch besonders zu verwöhnen. Liebe geht schließlich durch den Magen, sagt der Volksmund.

Herrlich, einfach nur herrlich schwarz

Sara Paborn hat mich mit Beim Morden bitte langsam vorgehen im Sturm erobert. Mir fiel spontan so manche Story aus langjährigen Ehen ein. Ehen, die im besten Falle noch Zweckgemeinschaften, im schlechtesten Kriegsschauplätze sind. Keine Chance zum Seitenhieb wird ausgelassen. Ansonsten geht man sich aus dem Weg, traut sich aber nicht, eigene Wege zu gehen. Hätte aber auch nichts dagegen, wenn die oder der andere plötzlich nicht mehr da wäre.

Ein super böses Buch, das sich genussvoll mit einem Schmunzeln lesen lässt. Nicht nur von unzufriedenen Eheleuten. Beim Morden bitte langsam vorgehen von Sara Paborn ist einfach Zucker!

Von mir ein klares: Kaufen, lesen, lachen. Oder wundern. Je nachdem, wie man gepolt ist und wie schwarz die Lektüre sein darf.

Sara Paborn

Sara Paborn, 1972 in Sölvesborg geboren, war früher in der Werbebranche tätig und lebt heute als Autorin in Stockholm. 2009 veröffentlichte sie ihr Debüt. Ihr Überraschungsbestseller Beim Morden bitte langsam vorgehen ist ihr vierter Roman; damit ist Sara Paborn erstmals auf Deutsch zu entdecken.

Aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn.

Buchinfo: Beim Morden bitte langsam vorgehen von Sara Paborn, erschienen bei DVA, 16. April 2018, 272 Seiten, gebunden, € 18,00, ISBN: 978-3-421-04802-8. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Alyson Richman: Abschied in Prag

Lenka und Josef treffen sich in den 1930-er Jahren in Prag zum ersten Mal. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Als die Kriegsgefahr steigt, beschließen sie zu heiraten. Nichts soll sie trennen. Doch es kommt anders. Der Krieg nimmt auf ihre Liebe keine Rücksicht. Erst sechzig Jahre später sehen sie sich wieder.

Abschied in Prag von Alyson RichmanLenka studiert in Prag an der Kunstakademie. Als sie Josef, den Bruder ihrer Studienkollegin Veruska, kennenlernt, verliebt sie sich Hals über Kopf. Doch die Repressalien gegen jüdische Familien, Josef und Lenka sind Juden, nehmen von Tag zu Tag zu und machen Lenkas Herz schwer.

1939. Die Nazi-Herrschaft lässt sich auch in Prag nicht mehr leugnen. Trotz oder gerade wegen des nahenden Krieges beschließen Lenka und Josef, der Welt zu zeigen, dass sie für immer zusammengehören. Sie heiraten.

Zur gleichen Zeit. Josefs Vater sucht auf dem Schwarzmarkt Visa für Amerika. Er will sich und seine Familie vor den Nazis in Sicherheit bringen. Verzweifelt versucht Josef, ihn zu überzeugen, auch Lenkas Familie mit den entsprechenden Papieren zu versorgen. Vergebens.

Der Krieg trennt das junge Paar. Während Josef sich in Amerika als Arzt niederlässt, überlebt Lenka nur knapp das Lager Theresienstadt. Jeder denkt, der andere sei tot.

Nach sechzig Jahren treffen Sie sich per Zufall in New York wieder.

Eine bezaubernde, eine brutale Liebesgeschichte

Abschied in Prag von Alyson Richman ist ein bezauberndes Buch. Durch die konsequente Trennung der Erzählperspektiven von Lenka und Josef hat mich das Schicksal der beiden Menschen tief berührt. Aber es hat mir auch gezeigt, dass man die Hoffnung niemals aufgeben sollte. Dass es sich immer lohnt, für das zu kämpfen, was einem wirklich wichtig ist.

Alyson Richman kommt bei ihrem Buch völlig ohne Schuldzuweisungen und übertriebene Rührseligkeit aus. Genau das macht Abschied von Prag so authentisch.

Meine Empfehlung: Kaufen, lesen und mit Lenka und Josef von der großen Liebe träumen.

Alyson Richman

Die amerikanische Bestsellerautorin Alyson Richman hat bereits mehrere Romane verfasst, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Zuletzt erschien Ein italienischer Garten im Diana Verlag. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern auf Long Island, New York.

Buchinfo: Abschied in Prag von Alyson Richman, erschienen bei Diana, 11.12.2017, 384 Seiten, €10,99, ISBN: 978-3-453-35959-8

Stephan Bartels: Vatertage

Simon soll 697,69 Euro Pflegebeteiligung für seinen Vater Michael Petersen bezahlen. Der Haken daran: Mit diesem Mann hat er in 39 Jahren kein einziges Wort gesprochen. Wutentbrannt fährt er zum Amt und erfährt, dass die knapp 700 Euro, die er künftig aufbringen soll, nur die Spitze des Eisberges ist.

Vatertage von Stephan BartelsWas entscheidet eigentlich darüber, wem man sich verwandt fühlt? Wem man sich zugehörig fehlt? Reicht es, dass sich im Stammbaum eine Verbindung herstellen lässt oder muss da mehr passieren?

Vor diesen Fragen steht Simon, als ihm ein offizieller Zahlungsbescheid ins Haus flattert. 697,69 Euro soll er künftig für die Pflege seines Vaters zahlen. Einen Vater, von dem er gerade mal den Namen kennt, den er dreimal im Leben für wenige Minuten gesehen und mit dem er nie ein Wort gewechselt hat.

700 Euro für einen Fremden?

697,69 Euro, die er sich überhaupt nicht leisten kann. Nicht jetzt, wo sich die Familie gerade ein Stadthaus in Hamburg gekauft hat und er sich die Elternzeit für die beiden Töchter mit seiner Frau teilt.

Der Familienrat tagt und Simon beschließt, direkt beim Amt Einspruch zu erheben. Warum muss er für einen Menschen zahlen, der Zeit seines Lebens keinen Cent für ihn bezahlt hat. Doch bei Sachbearbeiter Krusenbaum beißt er auf Granit. Vater ist Vater und bei den Geschwistern ist nun mal nichts zu holen. Geschwister? Welche Geschwister? Simon hat keine Geschwister…

Locker-flockig mit Einladung zum Tiefgang

Auf den ersten Blick kommt Vatertage von Stephan Bartels so locker leicht und flockig daher, doch kaum lässt man sich darauf ein, gerät man ins Grübeln. Wie würde ich selbst in so einem Fall reagieren? Und hätte ich den Mut, mich diesem Menschen, der mein Erzeuger ist, in seinen letzten Tagen oder Wochen zu stellen? Würde ich zähneknirschend zahlen, um mich der Situation nicht stellen zu müssen? Auch wenn ich in genau diese Situation nicht kommen kann, bei mir sind die Familienverhältnisse, zumindest was meinen Vater betrifft, klar, hat mich Stephan Bartels zum Nachdenken gebracht. Ist mein Verhältnis zu älteren Verwandten ok, so wie es ist? Werde ich vielleicht nach ihrem Tod bereuen, es nicht intensiviert zu haben?

Doch stopp, ich möchte ein wirklich unterhaltsames und charmant geschriebenes nicht unnötig tiefsinnig reden. Vatertage ist sehr gelungene Unterhaltung und ein wirklich tolles Buch für den Sommerurlaub oder entspannte Stunden auf dem Balkon oder am See.

Kauft es, lest es und wundert euch, welche Kapriolen das Leben schlagen kann!

Stephan Bartels

Stephan Bartels, geboren 1967, freier Journalist, hat sich mit Texten für Stern, Die Zeit, Brigitte und Barbara einen Namen gemacht. Er ist Vater eines erwachsenen Sohnes und lebt in Hamburg.

Buchinfo: Vatertage von Stephan Bartels, erschienen bei Heyne, 10.04.2018, 368 Seiten, € 12,99, ISBN: 978-3-453-43898-9. Danke für das Leseexemplar.