Klaas Huizing: Zu Dritt

Karl Barth gilt als der “Kirchenvater des 20. Jahrhunderts” und als Kopf der “Bekennenden Kirche” im Kampf gegen Hitler. Sein Bild schaffte es auf die Cover von Spiegel und New York Times Magazine. Doch wie lebte Karl Barth privat? Mit Zu Dritt gewährt Klaas Huizing seinen Lesern Einblick in eine ganz besondere Familienkonstellation.

COV_HUIZING_ZUDRITT_LAm 10. Mai 1886 wurde Karl Barth in Basel geboren. Offensichtlich hat das “Erbe” seines Vaters, er war Theologieprofessort, die Familie stark geprägt. Neben Karl wendet sich auch sein Bruder Peter der Theologie zu.

Sein Studium der Evangelischen Theologie führt den jungen Karl Barth nach Bern, Berlin, Tübingen und Marburg. In Genf wird er schließlich Hilfsprediger der deutschsprachigen Gemeinde. Hier lernt er auch Nelly Hoffmann kennen und lieben. Beide heiraten und bekommen fünf Kinder. Die Rollen sind dabei klar verteilt: Karl ist der Intellektuelle, der Wissenschaftler und Ernährer, Nelly die “Haushaltsministerin”, wie er sie später nennt. Ihr obliegt es, ihrem Gatten Rücken und Geist frei zu halten, die Kinder zu erziehen und im Haus nach dem Rechten zu sehen.

Muss man dieses Opfer für die Wissenschaft bringen?

Das Familienleben gerät aus den Fugen, als Karl Barth Charlotte von Kirschbaum, eine 13 Jahre jüngere Deutsche, kennenlernt. Ihr scharfer Verstand und ihre Diskussionsfreude faszinieren den Theologen so sehr, dass er auf ihre Unterstützung nicht mehr verzichten will. Immer mehr Zeit verbringen sie gemeinsam, bis Karl seiner Frau Nelly vorschlägt, eine “Notgemeinschaft” zu gründen. Charlotte soll zu der Familie ins Haus ziehen, damit er, Karl, jederzeit mit ihr diskutiere und ihre gemeinsame Arbeit voranbringen kann.

Nach langem Widerstand fügen sich beide Frauen in dieses Schicksal und leben 35 Jahre eine Ménage à trois. Stecken ihr eigenen Bedürfnisse zurück für einen Mann, der das selbstverständlich findet, geht es doch um sein großes Werk Die kirchliche Dogmatik, dem er alles unterordnet.

Wie speziell dieses Zusammenleben war, zeigt bis heute die Grabplatte am Familiengrab der Barths in Basel. Nach Karls Tod hat Nelly zugestimmt, dass auch Charlotte im Familiengrab beigesetzt wird.

Faszinierend und irritierend

Zu Dritt von Klaas Huizing hat mich gleichzeitig fasziniert und irritiert. Mit welchem Selbstverständnis Karl Barth von zwei Frauen erwartet, dass sie ihr eigenes Leben komplett seiner Karriere unterordnen, macht mich fassungslos. Da sehe ich nichts von dem offenen Menschen, der seiner Zeit voraus sein wollte, der gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit eintrat. Für ihn muss man den Spruch “Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau” abwandeln. Hinter Barth standen zwei starke Frauen, sonst hätte er vielleicht nie die Bedeutung für die Evangelische Kirche erlangt, die ihm heute zugestanden wird.

Gleichzeitig muss ich gestehen, dass der Theologe offenbar ein ganz besonderes Charisma hatte. Als Charlotte von Kirschbaum an Demenz erkrankt und im Pflegeheim versorgt werden muss. wendet Karl Barth sich wieder seiner Frau Nelly zu. Und tatsächlich stimmt diese, nach Jahrzehnten auf dem intellektuellen und emotionalen Abstellgleis, dieser Annäherung zu und unterstützt ihn in seinen letzten Jahren.

Zu Dritt ist ein sehr bewegendes, intelligentes Buch, das mir tiefe Einblicke in eine ganz besondere Familie gewährt hat. Auch wenn ich immer wieder den Kopf über so viel “machohaftes” Selbstverständnis schütteln musste und es traurig fand, wie weit Nelly und Charlotte ihr eigenes Leben zurück gesteckt haben, war das Aufbäumen der beiden zwischendurch immer wieder faszinierend. Nelly, die irgendwann begonnen hat, innerhalb dieses Konstrukts ihr eigenes Leben zu führen. Charlotte, der nach und nach bewusst wurde, was sie alles aufgegeben hat und wie viel von ihr selbst Karls Werken zugeschrieben wird.

Ich fand das Buch wirklich toll und empfehle es gern weiter.

Klaas Huizing

1958 geboren, Niederländer, studierte in Münster, Hamburg, Kampen (NL), Heidelberg und München Philosophie und Theologie. Promotion, Habilitation, lehrt seit 1998 als Professor für Ästhetische Theologie und Ethik an der Universität Würzburg. Seit 1993 Mitglied im PEN. Von 2007 bis 2015 Chefredakteur des Kulturmagazins OPUS, seitdem Herausgeber. Er lebt u. a. in Berlin. Mehrere Auszeichnungen und Preise.

Zahlreiche theologische Publikationen, ein Theaterstück und zwölf Romane. Mit seinem in mehrere Sprachen übersetzten Bestseller »Der Buchtrinker«, dem Kant-Roman »Das Ding an sich« und »Mein Süßkind. Ein Jesus-Roman« wurde er einem größeren Publikum bekannt. Mit seinem Familienroman »Bruderland« war er 2015 für die »Hotlist«, den Preis der unabhängigen Verlage nominiert.

Zeitgleich mit dem Roman »Zu Dritt« erscheint im Kreuz Verlag (Herder) von Klaas Huizing »Gottes Genosse. Eine Annäherung an Karl Barth«.

Buchinfo: Zu Dritt von Klaas Huizing, erschienen bei Klöpfer&Meyer, 30.08.2018, 400 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 25,00 €, ISBN 978-3-86351-475-4

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Sara Paborn: Beim Morden bitte langsam vorgehen

Irene hat die Nase voll von Horst. Seit 39 Jahren meckert und mäkelt er an ihr rum, nimmt sie ansonsten kaum wahr. Als ihr der Zufall eine Schachtel mit alten Vorhang-Bleibändern in die Hände spielt, reift in Irene ein Plan.

Beim Morden bitte langsam vorgehen von Sara PabornIrene ist leidenschaftliche Bibliothekarin. Bücher sind ihr Leben. In ihrer ruhigen Dachkammer, die sie sich als Minibibliothek eingerichtet hat, kann sie die Umwelt vergessen. Die Modernisierungen, die der neue Chef der Bibliothek einführen will und die Irene so überhaupt nicht passen. Ihren Mann Horst, der sie kaum noch wahrnimmt. Es sei denn, er hat mal wieder was zu meckern. Der unfähig und unwillig ist, an seinem Leben etwas zu ändern.

Im Keller liegt die Lösung

Als Horst sie aus ihrem Exil unter dem Dach in den Heizungskeller vertreibt, damit er in der Dachkammer seinem eigenen Hobby frönen, resigniert Irene endgültig. Schweren Herzens beginnt sie, sich den Keller irgendwie gemütlich zu machen, ihren Büchern wieder den würdigen Platz zu geben, der ihnen zukommt. Dabei fällt ihr eine kleine Schachtel mit merkwürdigen Bleiklümpchen in die Hand. Ihre Mutter hat sie in die Säume der Vorhänge genäht, damit diese glatt hängen. Heute werden sie wegen ihrer Giftigkeit nicht mehr eingesetzt.

Irene beschließt, dafür zu sorgen, dass die Chemie zwischen ihr und Horst wieder stimmen muss. Sie beginnt, ihn gastronomisch besonders zu verwöhnen. Liebe geht schließlich durch den Magen, sagt der Volksmund.

Herrlich, einfach nur herrlich schwarz

Sara Paborn hat mich mit Beim Morden bitte langsam vorgehen im Sturm erobert. Mir fiel spontan so manche Story aus langjährigen Ehen ein. Ehen, die im besten Falle noch Zweckgemeinschaften, im schlechtesten Kriegsschauplätze sind. Keine Chance zum Seitenhieb wird ausgelassen. Ansonsten geht man sich aus dem Weg, traut sich aber nicht, eigene Wege zu gehen. Hätte aber auch nichts dagegen, wenn die oder der andere plötzlich nicht mehr da wäre.

Ein super böses Buch, das sich genussvoll mit einem Schmunzeln lesen lässt. Nicht nur von unzufriedenen Eheleuten. Beim Morden bitte langsam vorgehen von Sara Paborn ist einfach Zucker!

Von mir ein klares: Kaufen, lesen, lachen. Oder wundern. Je nachdem, wie man gepolt ist und wie schwarz die Lektüre sein darf.

Sara Paborn

Sara Paborn, 1972 in Sölvesborg geboren, war früher in der Werbebranche tätig und lebt heute als Autorin in Stockholm. 2009 veröffentlichte sie ihr Debüt. Ihr Überraschungsbestseller Beim Morden bitte langsam vorgehen ist ihr vierter Roman; damit ist Sara Paborn erstmals auf Deutsch zu entdecken.

Aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn.

Buchinfo: Beim Morden bitte langsam vorgehen von Sara Paborn, erschienen bei DVA, 16. April 2018, 272 Seiten, gebunden, € 18,00, ISBN: 978-3-421-04802-8. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Alyson Richman: Abschied in Prag

Lenka und Josef treffen sich in den 1930-er Jahren in Prag zum ersten Mal. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Als die Kriegsgefahr steigt, beschließen sie zu heiraten. Nichts soll sie trennen. Doch es kommt anders. Der Krieg nimmt auf ihre Liebe keine Rücksicht. Erst sechzig Jahre später sehen sie sich wieder.

Abschied in Prag von Alyson RichmanLenka studiert in Prag an der Kunstakademie. Als sie Josef, den Bruder ihrer Studienkollegin Veruska, kennenlernt, verliebt sie sich Hals über Kopf. Doch die Repressalien gegen jüdische Familien, Josef und Lenka sind Juden, nehmen von Tag zu Tag zu und machen Lenkas Herz schwer.

1939. Die Nazi-Herrschaft lässt sich auch in Prag nicht mehr leugnen. Trotz oder gerade wegen des nahenden Krieges beschließen Lenka und Josef, der Welt zu zeigen, dass sie für immer zusammengehören. Sie heiraten.

Zur gleichen Zeit. Josefs Vater sucht auf dem Schwarzmarkt Visa für Amerika. Er will sich und seine Familie vor den Nazis in Sicherheit bringen. Verzweifelt versucht Josef, ihn zu überzeugen, auch Lenkas Familie mit den entsprechenden Papieren zu versorgen. Vergebens.

Der Krieg trennt das junge Paar. Während Josef sich in Amerika als Arzt niederlässt, überlebt Lenka nur knapp das Lager Theresienstadt. Jeder denkt, der andere sei tot.

Nach sechzig Jahren treffen Sie sich per Zufall in New York wieder.

Eine bezaubernde, eine brutale Liebesgeschichte

Abschied in Prag von Alyson Richman ist ein bezauberndes Buch. Durch die konsequente Trennung der Erzählperspektiven von Lenka und Josef hat mich das Schicksal der beiden Menschen tief berührt. Aber es hat mir auch gezeigt, dass man die Hoffnung niemals aufgeben sollte. Dass es sich immer lohnt, für das zu kämpfen, was einem wirklich wichtig ist.

Alyson Richman kommt bei ihrem Buch völlig ohne Schuldzuweisungen und übertriebene Rührseligkeit aus. Genau das macht Abschied von Prag so authentisch.

Meine Empfehlung: Kaufen, lesen und mit Lenka und Josef von der großen Liebe träumen.

Alyson Richman

Die amerikanische Bestsellerautorin Alyson Richman hat bereits mehrere Romane verfasst, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Zuletzt erschien Ein italienischer Garten im Diana Verlag. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern auf Long Island, New York.

Buchinfo: Abschied in Prag von Alyson Richman, erschienen bei Diana, 11.12.2017, 384 Seiten, €10,99, ISBN: 978-3-453-35959-8

Stephan Bartels: Vatertage

Simon soll 697,69 Euro Pflegebeteiligung für seinen Vater Michael Petersen bezahlen. Der Haken daran: Mit diesem Mann hat er in 39 Jahren kein einziges Wort gesprochen. Wutentbrannt fährt er zum Amt und erfährt, dass die knapp 700 Euro, die er künftig aufbringen soll, nur die Spitze des Eisberges ist.

Vatertage von Stephan BartelsWas entscheidet eigentlich darüber, wem man sich verwandt fühlt? Wem man sich zugehörig fehlt? Reicht es, dass sich im Stammbaum eine Verbindung herstellen lässt oder muss da mehr passieren?

Vor diesen Fragen steht Simon, als ihm ein offizieller Zahlungsbescheid ins Haus flattert. 697,69 Euro soll er künftig für die Pflege seines Vaters zahlen. Einen Vater, von dem er gerade mal den Namen kennt, den er dreimal im Leben für wenige Minuten gesehen und mit dem er nie ein Wort gewechselt hat.

700 Euro für einen Fremden?

697,69 Euro, die er sich überhaupt nicht leisten kann. Nicht jetzt, wo sich die Familie gerade ein Stadthaus in Hamburg gekauft hat und er sich die Elternzeit für die beiden Töchter mit seiner Frau teilt.

Der Familienrat tagt und Simon beschließt, direkt beim Amt Einspruch zu erheben. Warum muss er für einen Menschen zahlen, der Zeit seines Lebens keinen Cent für ihn bezahlt hat. Doch bei Sachbearbeiter Krusenbaum beißt er auf Granit. Vater ist Vater und bei den Geschwistern ist nun mal nichts zu holen. Geschwister? Welche Geschwister? Simon hat keine Geschwister…

Locker-flockig mit Einladung zum Tiefgang

Auf den ersten Blick kommt Vatertage von Stephan Bartels so locker leicht und flockig daher, doch kaum lässt man sich darauf ein, gerät man ins Grübeln. Wie würde ich selbst in so einem Fall reagieren? Und hätte ich den Mut, mich diesem Menschen, der mein Erzeuger ist, in seinen letzten Tagen oder Wochen zu stellen? Würde ich zähneknirschend zahlen, um mich der Situation nicht stellen zu müssen? Auch wenn ich in genau diese Situation nicht kommen kann, bei mir sind die Familienverhältnisse, zumindest was meinen Vater betrifft, klar, hat mich Stephan Bartels zum Nachdenken gebracht. Ist mein Verhältnis zu älteren Verwandten ok, so wie es ist? Werde ich vielleicht nach ihrem Tod bereuen, es nicht intensiviert zu haben?

Doch stopp, ich möchte ein wirklich unterhaltsames und charmant geschriebenes nicht unnötig tiefsinnig reden. Vatertage ist sehr gelungene Unterhaltung und ein wirklich tolles Buch für den Sommerurlaub oder entspannte Stunden auf dem Balkon oder am See.

Kauft es, lest es und wundert euch, welche Kapriolen das Leben schlagen kann!

Stephan Bartels

Stephan Bartels, geboren 1967, freier Journalist, hat sich mit Texten für Stern, Die Zeit, Brigitte und Barbara einen Namen gemacht. Er ist Vater eines erwachsenen Sohnes und lebt in Hamburg.

Buchinfo: Vatertage von Stephan Bartels, erschienen bei Heyne, 10.04.2018, 368 Seiten, € 12,99, ISBN: 978-3-453-43898-9. Danke für das Leseexemplar.

Petra Hammesfahr: Als Luca verschwand

Stell dir vor, du lässt dein schlafendes, winterlich warm eingepacktes Kleinkind im Kinderwagen nur ganz kurz vor dem Laden stehen. Weil es drinnen immer so warm ist. Und du auch schnell zurück sein wirst. Doch wenn du zurück kommst, ist der Wagen leer, dein Kind verschwunden. Wie reagierst du?

Als Luca verschwand von Petra HammesfahrDie junge Mel will nur kurz in den Drogeriemarkt. Doch was soll sie mit Baby Luca machen? Endlich ist Kleine eingeschlafen. Und im Laden ist es immer so heiß. Wenn sie ihm seine Mütze und die warme Winterjacke auszieht, wird er aufwachen und quengeln. Wie schon den ganzen Vormittag. Was soll schon passieren, wenn sie den Wagen kurz in die schwer einsehbare Nische stellt und mit ihrem älteren Sohn, dem dreijährigen Max, schnell im Laden verschwindet?

Luca ist mein Sohn!

Anni Erzig hat harte Zeiten hinter sich. Erst starb ihr Mann, ein Jahr später dann auch ihr über alles geliebter kleiner Sohn. Dass er für immer verschwunden sein soll, will sie nicht wahrhaben. Anni glaubt an seine Wiedergeburt in einem anderen Körper, wie es der Buddhismus lehrt. Das gibt ihr Halt. Doch wie soll sie erkennen, welches “ihr” Kind ist? Und wie soll sie sich ihm nähern?

Wenig überraschend verdächtigt die Polizei die überall als verschroben aber harmlos bekannte Anni als Erste, als der kleine Luca spurlos verschwindet. Sie war eindeutig in der Nähe des Kinderwagens. Das beweisen die Traubenzucker-Lollies, die sie gerne an kleine Kinder verteilt. Aber hat sie auch Luca entführt? So recht vorstellen kann es sich niemand, denn auch die Familie des Jungen verstrickt sich immer tiefer in Widersprüche.

Ein Blick in den Abgrund kranker Hirne

Petra Hammesfahr, immer für Spannung und besondere Themen gut

Schon seit Jahren lese ich Petra Hammesfahr sehr gerne, einiges von ihr habe ich auch in meinem Blog besprochen. Ich mag es, dass ihre Bücher nicht immer dem Mainstream folgen und thematisch überraschen. Und ich liebe ihre Fähigkeit, die Spannung hoch zu halten.

Auch Als Luca verschwand habe ich gerne gelesen. Allerdings war es mir an manchen Stellen zu langatmig und die persönliche Verstrickung von Kommissar Klinkhammer in den Fall hat mir nicht so gut gefallen. Trotzdem empfehle ich Als Luca verschwand von Petra Hammesfahr gerne weiter. Das Thema ist einfach besonders und die Auflösung wirklich sehr speziell. Wieder einmal lässt die Autorin ihre Leserinnen und Leser in die Abgründe kranker Hirne schauen und zeigt sehr eindringlich, dass immer in alle Richtungen ermittelt werden muss.

Tolles Buch!

Petra Hammesfahr

Petra Hammesfahr wurde mit ihrem Bestseller “Der stille Herr Genardy” bekannt. Seitdem erobern ihre Spannungsromane die Bestsellerlisten, werden mit Preisen ausgezeichnet und erfolgreich verfilmt, wie aktuell “Die Sünderin”. Der Roman wurde unter dem Titel “The Sinner” mit Jessica Biel in der Hauptrolle als erfolgreiche Netflix-Serie produziert.

Buchinfo: Als Luca verschwand von Petra Hammesfahr, erschienen bei DIANA, 13.03.2018, 496 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 20,00 €, ISBN: 978-3-453-29209-3

Karosh Taha: Beschreibung einer Krabbenwanderung

Sanaa ist zweiundzwanzig. Sie studiert, hat einen Freund, raucht heimlich. Ein ganz durchschnittliches junges Mädchen in Deutschland also. Wären da nicht ihre Familie und die Altlasten, die sie als Kurden aus dem Irak mitgebracht haben.

RZ_U1_KTaha_Krabbenwanderung.inddSanaa war noch klein, als sie mit ihren kurdischen Eltern vom Irak nach Deutschland kam. Europa war immer der große Traum ihres Vater Nasser und er hat ihn wahr gemacht. Doch was hat sich wirklich für ihn geändert? In Deutschland lebt er in einem Viertel, das fast ausschließlich von Kurden bewohnt wird. Die Männer gehen zur Moschee, ins Café oder die Spielothek.

Währenddessen bleiben die Frauen weitestgehend unter sich. Gemeinsam gehen sie zum Einkaufen, sitzen auf dem Balkon oder im Wohnzimmer, trinken Chai, rauchen und schwelgen in Erinnerungen an die Sonne im Irak. Deutsch lernen sie dabei nicht. Glücklich sind sie aber auch nicht.

Gezwungen in ein Doppelleben

Zwischen allen Stühlen sitzen ihre Kinder. Sie sind in Deutschland angekommen, sprechen die Sprache, möchten mitten drin stehen, nicht nur am Rand. Aber sie tragen die Bürde ihrer Familie, das Stigma der “Fremden”.

So geht es auch Sanaa. Sie studiert, hat einen Freund, hat Sex, raucht heimlich, lebt ihr Leben. Meistens. Denn da gibt es auch die andere Seite. Die Träume, die sie nachts verfolgen. Die Verantwortung für ihre depressive Mutter, die sie nicht abschütteln kann. Die Kontrolle durch die “Tanten” im Haus. Alles zwingt Sanaa in ein Doppelleben.

Die Situation eskaliert, als die “Tanten” Sanaa nach kurdischer Sitte mit einem ihrer Söhne verheiraten wollen.

Lasst die Kinder doch ankommen

Siedlungen wie die, in der Sanaa lebt, gibt es überall auf der Welt, auch in Deutschland. Siedlungen, in denen man sich von der Umgebung komplett abschotten kann. Wenn man das will.

Problematisch wird es, wenn man das nicht will. Vor allem für Mädchen und Frauen. Denn dann werden sie in ein Doppelleben gezwungen. Außerhalb ihrer Siedlung sind sie angekommen, leben das Leben ihrer neuen Heimat. Zumindest versuchen sie es. Ganz abschütteln können sie die Verantwortung für die entwurzelte Familie aber nie.

Das Thema ist mir so oft begegnet. In der Schule, ein Mädchen immer so viel entspannter war, wenn sie bei uns zu Besuch war und so völlig anders, wenn wir bei ihr daheim waren. Im Studium, wenn wir bei Freunden feierten und die Nacht durchmachen wollten. Wieder gab es eine junge Frau von 22 oder 23, die heim musste, weil es sonst Stress mit den Eltern gegeben hätte. Wenn man das Alibi für eine junge Frau war, die gerne etwas mit ihrem Freund, von dem die Eltern natürlich nichts wussten, allein unternehmen wollte.

Können wir den emotionalen Zwiespalt überhaupt nachvollziehen?

Für mich war es damals unverständlich, wieso man seinen Eltern nicht erklären kann, dass man mit Anfang 20 eine Nacht außer Haus schlafen wollte. Dass man als Mädchen von den Eltern oder Brüdern der Freundin völlig anders behandelt wurde als die eigene gleichaltrige Tochter.

Sanaas Geschichte hätte mir damals geholfen, zu verstehen, was da passiert. Karosh Taha hat sie in einer perfekten Mischung aus Frustration und Zärtlichkeit, Empfindsamkeit und Wut erzählt. Sie gestattet ihren Lesern damit einen tiefen Einblick in das Schicksal von Menschen, die zwischen den Welten leben.

Von mir ein klares Daumen hoch!

Karosh Taha

Karosh Taha wurde 1987 in der Kleinstadt Zaxo im Nordirak geboren. Seit 1997 lebt Karosh Taha mit ihrer Familie im Ruhrgebiet und hat an der Universität Duisburg-Essen sowie in Kansas/USA Anglistik und Geschichte auf Lehramt studiert. Für ihre Leistungen und ihr soziales Engagement erhielt sie mehrere Stipendien, darunter das Studienstipendium der Heinrich-Böll-Stiftung. “Beschreibung einer Krabbenwanderung” ist ihr erster Roman.

Buchinfo: Beschreibung einer Krabbenwanderung von Karosh Taha, erschienen bei Dumont, 12.03.2018, 250 Seiten, gebunden mit Lesebändchen, € 22,00, ISBN 978-3-8321-9880-0. Auch als eBook erhältlich. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Petra Hammesfahr: Fremdes Leben

Stell dir vor, du erwachst nach zwei Jahren aus dem Koma und kannst dich an nichts erinnern. Nur die Worte “Mach sie tot, mach sie tot!” geistern durch deinen Kopf. Was bedeuten sie? Hast du jemanden umgebracht? Oder solltest du getötet werden. Und musst du den Rest deines Lebens damit verbringen, ohne die Frage beantworten zu müssen?

Fremdes Leben von Petra HammesfahrIn dieser Situation befindet sich eine stark abgemagerte Frau mittleren Alters auf der Intensivstation. Gesicht und Körper sind voller Narben.

Fast zwei Jahre soll sie im Koma gelegen haben, zuletzt total vernachlässigt und mit Medikamenten vollgepumpt in einer privaten Pflegestelle. Um sich die Arbeit zu sparen, hat man dort die „privaten Pflegegäste“ im Halbschlaf vor sich hindämmern lassen. Einem „Unfall“ ist es zu verdanken, dass sie im Krankenhaus gelandet ist.

Wenn du Mann und Kind nicht mehr kennst

Der Mann, der sie mit Claudia anspricht, behauptet, ihr Ehemann zu sein. Aber sie kann sich nicht an ihn erinnern. Auch nicht an den jungen Mann, der ihr Sohn sein soll. Und den sie angeblich nicht sehr fürsorglich behandelt hat.

Immer wieder zucken Erinnerungsblitze durch ihr von Medikamenten umnebeltes Hirn. Die wenigsten davon kann sie festhalten. Doch was hängen bleibt, ergibt keinen Sinn, egal wie sie die Puzzlesteine kombiniert.

As sie das Krankenhaus verlässt und in die kleine, von ihrem “Mann” organisierte Wohnung zieht, beginnt sie sofort, auf eigene Faust Recherchen anzustellen. Und wirklich verschwinden immer mehr dunkle Wolken. Doch was sich ihr offenbart, lässt einen entsetzlichen Verdacht in ihr keimen.

Es kommt darauf an, wie du die Perlen auffädelst

Aufzuwachen und nicht mehr zu wissen, wer du bist, muss eine grausame Erfahrung sein. Wirst du dann noch von Erinnerungsfetzen geplagt, die dich glauben lassen, eine Straftat begangen zu haben, überlegst du dir sehr genau, wem du dich anvertraust.

Petra Hammesfahr hat diese Gefühlswelt sehr eindringlich geschildert. An manchen Stellen hätte ich mir zwar eine etwas straffere Story gewünscht, aber die hätte sich die Protagonistin vermutlich auch gewünscht.

Sehr spannend fand ich, wie vielfältig man die Erinnerungsperlen auffädeln kann. Immer ergibt es ein schönes Gesamtbild, aber welches davon ist das richtige? Und wer nimmt Einfluss auf die Anordnung? Vertraut man den falschen Menschen, wird man der Wahrheit vielleicht nie auf die Spur kommen und den Rest seines Lebens mit der falschen Erinnerung leben müssen.

Fremdes Leben ist wieder ein sehr spezielles Buch von Petra Hammesfahr. Und eine klare Leseempfehlung von mir.

Petra Hammesfahr

Petra Hammesfahr wurde mit ihrem Bestseller »Der stille Herr Genardy« bekannt. Seitdem erobern ihre Spannungsromane die Bestsellerlisten, werden mit Preisen ausgezeichnet und erfolgreich verfilmt, wie aktuell »Die Sünderin«. Der Roman wurde unter dem Titel »The Sinner« mit Jessica Biel in der Hauptrolle als erfolgreiche Netflix-Serie produziert.

Buchinfo: Fremdes Leben von Petra Hammesfahr, erschienen bei DIANA, März 2016, 496 Seiten, ISBN: 978-3-453-35893-5, € 19,99. Danke für das Leseexemplar.