Carla Freieck: So viele Jahre

Thea ist Anfang Fünfzig, als ihr Leben vollends aus den Fugen gerät. Seit Jahren plagen sie Alpträume und Migräneattacken und werfen Schatten auf ihr glückliches Familienleben. Als sie beschließt, ihr Situation zu ändern, ahnt sie nicht, worauf sie sich einlässt.

So viele JahreThea Brandner ist eine glücklich, eine erfolgreiche Frau. Seit dreißig Jahren ist sie mit Andreas, ihrem attraktiven und fürsorglichen Traummann, verheiratet. Ihr beiden Kinder, Nora und Ben, stehen mehr oder weniger auf eigenen Beinen und leben ihr eigenes Leben. Frida, Noras Tochter und die bislang einzige Enkelin, ist ein Sonnenschein. Mindestens zweimal wöchentlich telefoniert sie mit ihrer Mutter, besucht sie regelmäßig. Die kreative Ader, die Thea von ihrem Vater geerbt hat, lebt sie halbtags in einem Architekturbüro aus.

Die perfekte, praktische und organisierte Thea, das ist das Bild, das ihre Familie, ihre Freunde und Bekannten, ihre Kollegen und die Nachbarschaft sehen. Das Bild, das sie selbst so gerne von sich gesehen hat und auf das sie stolz war. Dabei ahnt sie schon seit langem, dass sie längst nicht so stark ist, dass etwas in ihr gärt. Greifbarer Beleg dafür sind die immer häufiger wiederkehrenden Alpträume, die ihr den Schlaf rauben, und die zunehmenden Migräneattacken.

Plötzlich ist der Kontakt zu dir selbst weg

Von Tag zu Tag fühlt Thea sich leerer, reagiert unzufrieden und aggressiv, um sich dann wieder Vorwürfe zu machen, dass sie nicht mehr perfekt funktioniert, Dinge vergisst, unkonzentriert ist. Ein Teufelskreis, in dem sie feststeckt.

Als Johann in ihr Leben tritt und ihr eindeutige Avancen macht, scheint sich das Blatt zu wenden. Thea blüht auf, findet wieder Freude am Leben. Auch wenn sie permanent gegen ihr schlechtes Gewissen kämpfen muss, lässt sie sich auf eine prickelnde Affäre ein. Sie ahnt nicht, dass es die gestohlenen, leidenschaftlichen Stunden mit Johann sein werden, die sie an den Rand des Abgrundes bringen werden. Und dass es gleichzeitig diese Stunden sein werden, die Licht in die Geheimnisse ihrer Kindheit bringen.

So viele Jahre von Carla Freieck hat mich sehr bewegt. Lange Zeit hat Thea das gelebt, was immer noch als Idealbild der Frau gilt: Familie, Haus, Hof und Job fest im Griff. Dabei selbst anspruchslos und aufopfernd. Egal, was im Hintergrund passiert, wie leer sie sich selbst fühlt.

Depression, die (zu oft) totgeschwiegene Krankheit

Und Carla Freieck zeigt auch, dass der Weg zur psychologischen Hilfe längst noch nicht so selbstverständlich ist, wie er sein sollte. Wer sich ein Bein bricht, lässt es ganz selbstverständlich eingipsen und präsentiert seine Einschränkung. Bei psychischen Belastungen ist es anders. Sie werden immer noch totgeschwiegen, als Makel oder Schwäche empfunden. Dabei handelt es sich meist um schwerwiegende Erkrankungen, deren Ursachen nicht selten schon sehr sehr lange zurück liegen.

Auch damals war es die Angst vor der Meinung der anderen, das Ansehen nach außen, das unsere Eltern und Großeltern die Ereignisse unter den Teppich kehren ließen. Weil sie selbst es nicht anders kennenlernten. Weil sie selbst in ihrer Rolle gefangen waren, die Augen vor dem Schlimmsten verschließen mussten, um zu überleben. Trauma und Depression, das waren noch keine gängigen Begriffe.

Leider hat sich das bis heute nur bedingt geändert. Die Hilfe der Psychiatrie oder Psychotherapie zu suchen, wird noch immer viel zu oft als Schwäche gewertet. Dabei ist es der härteste Weg, den man gehen kann. Sich der Vergangenheit zu stellen, in Verletzungen nochmals ganz tief einzutauchen, das ist kein Spaziergang. Das ist harte Arbeit. Und es ist der einzige Weg, der wirklich final hilft.

Am Beispiel der Thea Brandner schildert Carla Freieck diesen Weg sehr eindringlich und ehrlich. Wir brauchen viel mehr dieser offenen Schilderungen. So lange, bis eine Depression so akzeptiert ist wie ein gebrochenes Bein!

Von mir eine entschiedene Leseempfehlung.

|| Ich würde mich übrigens freuen, wenn ihr euch – bei Interesse – dieses Buch im regionalen Buchhandel bei euch vor Ort bestellt. Damit steigen die Chancen, dass wir Buchfans auch in Zukunft noch gelegentlich dort bummeln und stöbern können.||

Carla Freieck

Carla Freieck ist vielseitig. Bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete, war sie unter anderem als Sekretärin eines Bürgermeisters und im journalistischen Bereich tätig. Sie liebt Pferde, hat ein Faible für italienische Weine und interessiert sich für Architektur. In ihrer Freizeit ist sie mit Anfang fünfzig außerdem begeisterte Oma und Hobbygärtnerin. Mit ihrem Mann lebt Carla Freieck seit vielen Jahren in der Nähe von Limburg.

Buchinfo: So viele Jahre von Carla Freieck, erschienen bei DIANA, 12.11.2018, 368 Seiten, € 9,99, ISBN 978-3-453-35941-3. Vielen Dank für das Leseexemplar.

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Hanna Caspian: Gut Greifenau – Morgenröte

1918 in Deutschland. Endlich ist der Frieden in Sicht. Doch auf Gut Greifenau folgt ein Schicksalsschlag dem nächsten. Wird Konstantin das Gut retten können? Oder ist der Verkauf und damit das Ende der von Auwitz-Aarhayns unausweichlich?

Gut Greifenau MorgenröteJanuar 1918. Auf Greifenau glaubt außer Gräfin Feodora niemand mehr an einen deutschen Sieg im ersten Weltkrieg. Umsturzmeldungen machen die Runde. In Russland wurde der Zar getötet, die Adligen enteignet. Ihr Land soll ans Volk verteilt werden. Während der Adel in Deutschland bangt, hofft das Volk auf ähnliche Veränderungen. Auf mehr Freiheit, auf eigenes Land für die Pächter.

Doch noch ist es nicht so weit. Unverändert werden junge Männer in den Krieg geschickt. Die Listen der Gefallenen werden länger und länger. Längst schützt eine körperliche Einschränkung nicht mehr vor der Einberufung. Auch Alexander, der jüngste Sohn der Grafenfamilie muss an die Front.

Katharina auf der Flucht

Einzig Katharina bleibt von den ehemals fünf Kindern im Schloss. Dabei ist sie die Einzige, die sich sehnlichst möglichst weit weg wünscht. Doch nach ihrem ersten Fluchtversuch lässt Gräfin Feodora sie nicht mehr aus den Augen. Schließlich ist ihre Verheiratung mit Ludwig von Preußen, dem Neffen des Kaisers, die einzige Hoffnung, das hoch verschuldete Gut noch vor dem Ruin retten zu können. Mit einer sorgfältig geplanten List gelingt es Katharina, ihrem Kerker zu entkommen. Voller Hoffnung auf ein besseres Leben macht sie sich alleine auf den Weg nach Potsdam. Zu Julius, ihrer großen Liebe. Einem bürgerlichen Industriellensohn.

Hätte mir jemand auf den ersten Seiten von Band eins der Greifenau Trilogie gesagt, dass ich für Band drei alles stehen und liegen lassen würde, hätte ich ihm oder ihr den Vogel gezeigt.

Liebe Autorin, ich hab‘ da einen Wunsch

Jetzt sage ich: Hanna Caspian, ich warte auf “Gut Greifenau – The next Generation”! Ein derart glattes Happy End kann nicht der Schlusspunkt sein. Zumal der nächste Krieg ja schon seine Schatten voraus wirft. Und wir in diesem Jahr 70 Jahre Bundesrepublik Deutschland feiern. Stehen die Manuskripte für die nächsten Bände schon? Für wann soll ich Lesezeit einplanen? 🙂

Ich denke, dass ich die Greifenau Trilogie empfehle, brauche ich jetzt nicht mehr extra zu betonen. Die drei Bücher geben kurzweilige Geschichtsnachhilfe, falls jemand Kaufsargumente braucht. Hat also nichts mit reiner Unterhaltung zu tun, die haben zu wollen. Lässt sich prima mit Fortbildung argumentieren. 😉

Wie auch schon bei Band zwei betont, gilt auch hier: Die Story ist schwer zu verstehen, wenn man die Vorgänger nicht gelesen hat. Eine Zusammenfassung zu Beginn ist nicht inklusive.

Hanna Caspian

Hanna Caspian ist das Pseudonym einer erfolgreichen deutschen Autorin. Mit ihren gefühlvollen und spannungsgeladenen Familiensagas beleuchtet sie bevorzugt fast vergessene Themen deutscher Geschichte.

Hanna Caspian studierte Literaturwissenschaften, Sprachen und Politikwissenschaft in Aachen und arbeitete danach lange Jahre im PR- und Marketingbereich. Zuletzt war sie Anzeigenleiterin und Projektmanagerin in einem Fachverlag. Mit ihrem Mann lebt sie heute als freie Autorin in Köln, wenn sie nicht gerade durch die Weltgeschichte reist.

Buchinfo: Gut Greifenau – Morgenröte von Hanna Caspian, erschienen bei KNAUR, 01.03.2019, Band 3 der Gut Greifenau Trilogie, 576 Seiten, € 9,99, ISBN 978-3-426-52152-6. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Kristine Bilkau: Eine Liebe, in Gedanken

Hamburg, 1964. Für Antonia und Edgar ist es Liebe auf den ersten Blick. Sie wollen gemeinsam in die Zukunft gehen. Doch die entwickelt sich für das Paar anders als erwartet. Fünfzig Jahre später löst Antonias Tochter den Nachlass ihrer Mutter auf und stellt fest, wie wenig sie über diese Frau wusste.

Hamburg in den frühen Sechzigern. Der Krieg ist vorbei, im Land geht es aufwärts. Die jungen Leute wollen leben, ihre Zukunft gestalten, frei sein. Als sich Antonia und Edgar zufällig begegnen, spüren sie sofort die besondere Magie, die zwischen ihnen herrscht. Schnell ist klar, sie wollen den weiteren Weg gemeinsam gehen.

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Doch ihre Generation ist auch ein Sicherheitsdenken tief verhaftet. Antonia plant ihre berufliche Karriere, was endlich auch Frauen möglich ist. Edgar ist in seinem Beruf unzufrieden, will sich weiterentwickeln, seiner Frau etwas bieten können. Ein Auslandsaufenthalt scheint da genau das Richtige zu sein. In Hongkong soll er eine neue Niederlassung der Firma aufbauen. Was wie die Chance ihres Lebens aussieht, entwickelt sich für Antonia und Edgar zum Fiasko.

Fünfzig Jahre später, nach dem plötzlichen Tod ihrer Mutter, beschließt ihre Tochter, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Wann und warum genau haben sich Antonia und Edgar verloren? Weiß Edgar, wie sich das Leben ihrer Mutter entwickelt hat. Weiß er, dass sie tot ist? Hat er sie gar längst vergessen? Sie wird ihn mit all diesen Fragen konfrontieren.

Ein unglaublich liebevolles Buch

Es gibt Bücher, die eigentlich traurig sind, zum Beispiel weil zwei Liebende ihr Leben nicht miteinander verbringen können. Und es gibt solche, die Mut machen, gerade weil zwei Menschen ihre Liebe nicht leben können. Zu letzteren gehört für mich Eine Liebe, in Gedanken.

Ohne jeden Kitsch erzählt Kristina Bilkau die Geschichte von Antonia und Edgar. Lässt uns teilhaben an dem Bangen und Hoffen. Und an der liebevollen Aufarbeitung der Vergangenheit durch Antonias Tochter.

Mich beeindrucken die Geschichten junger Frauen aus den Fünfzigern oder Sechzigern des letzten Jahrhunderts. Frauen, die stark sein mussten, weil ihnen noch unzählige Hindernisse in den Weg gelegt wurden. Sich diesen zu stellen und ihren eigenen Weg zu gehen, war mutig und nicht sehr angesehen, entsprachen sie damit doch nicht dem gängigen Familienmodell der damaligen Zeit.

Eine Liebe, in Gedanken von Kristina Bilkau ist ein wunderschönes Buch, das ich allen ans Herz lege, die sich für die Nachkriegszeit und der Rolle der Frau darin interessieren.

Kristina Bilkau

Kristine Bilkau, 1974 geboren, studierte Geschichte und Amerikanistik. Ihr erster Roman „Die Glücklichen“ fand ein begeistertes Medienecho, wurde mit dem Franz-Tumler-Preis, dem Klaus-Michael-Kühne-Preis und dem Hamburger Förderpreis für Literatur ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt. Sie lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

Buchinfo: Eine Liebe, in Gedanken von Kristine Bilkau, erschienen bei Luchterhand, März 2018, 256 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, € 20,00, ISBN: 978-3-630-87518-7

Corinna Mell: Marienfelde

Berlin Anfang der Fünfziger Jahre. Die 16-jährige Sonja profitiert vom Wirtschaftswunder im Westen der Stadt und hat klare Pläne für ihre Zukunft. Sie will nicht nur Ehefrau und Mutter sein, sondern auch ihr eigenes Geschäft führen. Als die DDR ihre Grenzen schließt, gerät ihr Leben ins Wanken.

MarienfeldeSonja kommt nach ihrer Großmutter, einer starken, unabhängigen Frau. Nach ihrem Tod scheint Sonjas Plänen nichts mehr im Wege zu stehen. Die alte Dame hat ihr einen beträchtlichen Geldbetrag vermacht, den sie für ihre beruflichen Pläne nutzen soll. Eine kaufmännische Ausbildung möchte sie machen und dann ihre Eltern im heimischen Fahrbetrieb unterstützen.

Willkommen auf der Bräuteschule

Als ihr Vater seine Chance nutzt, gemeinsam mit einem renommierten Autobauer ein florierendes Autohaus aufzubauen, muss Sonja ihr Pläne vorerst aufschieben. Weil von der Tochter eines erfolgreichen Autohändlers tadellose Manieren erwartet werden, soll sie nach der mittleren Reife auf eine angesehene “Bräuteschule” wechseln. Zähneknirschend fügt sich Sonja. Sie will den Eltern keine Steine in den Weg legen. Dass sie ausgerechnet hier zwei Menschen kennenlernt, die ihr Leben wesentlich beeinflussen werden, ahnt sie noch nicht.

17. Juni 1953. Von ihrem Onkel, einem überzeugten Anhänger Walter Ulbrichts, der im Osten der geteilten Stadt lebt, hat Sonja viel über soziale Gerechtigkeit und Ausbeutung gehört. Spontan beschließt sie, sich den Demonstrationen in der DDR anzuschließen. Tausende gehen für die Rechte der Arbeiter auf die Straße und werden von der Regierung Ulbricht brutal niedergeschlagen. Er schreckt auch nicht davor zurück, mit Panzern auf das eigene Volk zu zielen. Schockiert flüchtet Sonja zurück in den Westen.

So viel und doch so wenig hat sich getan

Corinna Mells Marienfelde hat mich von der ersten Seite an begeistert. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie wenig Möglichkeiten Frauen in den 50er Jahren noch hatten und welche Möglichkeiten uns heute offen stehen. Aber auch, wie viel noch zu tun ist. Gleicher Lohn für gleich Arbeit. Vereinbarkeit von Familie und beruflicher Entwicklung. Gute Versorgung und Ausbildung von Kindern, gerade auch für Alleinerziehende.

Mit den ersten Jahren der geteilten Stadt Berlin habe ich mich tatsächlich auch noch nie intensiver auseinander gesetzt. Als ich zur Welt kam, war die Mauer bereits der Status Quo. Klar wusste ich um die Repressalien und Bespitzelungen. Aber wie das Leben der Berliner vor dem Mauerbau aussah, war mir nicht präsent. Zum 70. Jahrestag der Bundesrepublik Deutschland die perfekte Lektüre.

Corinna Mell hat mit Marienfelde ein kluges und gleichzeitig emotionales Buch geschrieben, Das ich nur empfehlen kann.

Corinna Mell

Corinna Mell wurde Ende der fünfziger Jahre in der Nähe von Osnabrück geboren.

Ihre berufliche Laufbahn begann im Einzelhandel, und ihre ersten Versuche im kreativen Schreiben machte sie mit knapp 30 Jahren während der Schwangerschaft mit ihrer Tochter.

Corinna Mell lebt als freie Autorin in Berlin und in der Nähe von Köln. Ihre Begeisterung für Geschichte und Soziologie hat sie zu diesem Roman inspiriert.

Buchinfo: Marienfelde von Corinna Mell, erschienen bei Droemer, 27.12.2018, 480 Seiten, € 9,99, ISBN 978-3-426-30641-3. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Delphine de Vigan: Loyalitäten

Der zwölfjährige Théo ist selbstständig, fürsorglich und ein guter Schüler. Also alles prima? Nicht ganz. Denn Théo ist durch sein Bestreben, perfekt zu funktionieren, permanent überfordert. Entspannung sucht er im Alkohol.

LoyalitätenThéos Eltern sind geschieden, seine Mutter ist mit der Situation unglücklich und überfordert. Der Zwölfjährige hat früh gelernt, nicht aufzufallen, die Mutter nicht noch zusätzlich zu belasten. Im Gegenteil.

Fürsorglich achtet er darauf, keinen Anlass zum Streit zu geben. Selbst dann nicht, wenn er nach dem Wochenende von seinem Vater zurück kommt und die Mutter seinen Geruch nicht ertragen kann, so sehr ist sie verletzt.

Der Vater hat sich aufgegeben. Geht nicht mehr aus dem Haus, trinkt. Théo bemüht sich um Normalität, kauft ein, wäscht, macht die Betten.

Théo zahlt einen hohen Preis

Auch in der Schule verhält er sich still, ist ein guter Schüler. Doch nach und nach verändert er sich. Wird verschlossener, abwesender. Seine Lehrerin Hélène macht sich Sorgen um den Jungen stößt aber auf taube Ohren.

Nur Mathis, Théos einziger Freund, kennt sein Geheimnis. Théo trinkt und versucht so, seine innere Leere zu füllen. Doch wem soll sich Mathis anvertrauen? Kann er überhaupt seinen einzigen Freund verraten?

Schaut genau hin. Bitte!

Loyalitäten von Delphine de Vigan hat mich sehr bewegt. Viel zu oft verlangen wir unseren Kindern so viel ab, drängen sie in die Rolle Erwachsener. Vor allem dann, wenn der Partner oder die Partnerin stirbt, eine Beziehung zerbricht und wir den Streit vor den Kindern austragen. Sie wollen uns gefallen und alles richtig machen und gehen dabei selbst zugrunde. Häufig leise, still und so lange unbemerkt, bis es zu spät ist. Bis sie sich selbst verletzen, Zuflucht in Alkohol oder Drogen nehmen oder, als finale Lösung, ihrem Leben ein Ende setzen.

Delphine de Vigan zeigt aber auch, wie schwer es ist, Zugang zu leidenden Kindern und Jugendlichen zu finden und welche Hürden überwunden werden müssen. Sei es das Nicht-sehen-sollen oder Nicht-sehen-können der Angehörigen oder der juristische Dschungel. Und wie viele grundsätzlich hilfsbereite und aufmerksame Menschen aufgeben, weil sie am Ende ihrer eigenen Kraft ankommen.

Loyalitäten von Delphine de Vigan bekommt von mir ein großes Plus und eine klare Leseempfehlung. Egal, ob der Leser oder die Leserin mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, oder nicht.

Delphine de Vigan

Delphine de Vigan, geboren 1966, erreichte ihren endgültigen Durchbruch als Schriftstellerin mit dem Roman ›No & ich‹ (2007), für den sie mit dem Prix des Libraires und dem Prix Rotary International 2008 ausgezeichnet wurde. Ihr Roman ›Nach einer wahren Geschichte‹ (DuMont 2016) stand wochenlang auf der Bestsellerliste in Frankreich und erhielt 2015 den Prix Renaudot. Bei DuMont erschien 2017 ihr Debütroman ›Tage ohne Hunger‹. Die Autorin lebt mit ihren Kindern in Paris.

Übersetzung: Doris Heinemann

Buchinfo: Loyalitäten von Delphine de Vigan, erschienen bei DUMONT, 13.09.2018, 176 Seiten, gebunden mit Lesebändchen, € 20,00, ISBN 978-3-8321-8359-2. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Silke Knäpper: Das Lieben der anderen

Eine Nacht im März. Helen ist auf dem Heimweg, als ihr vor dem Nachbarhaus eine Frau vor die Füße fällt. Unfähig die Polizei zu informieren, eilt sie heim und beobachtet vom Fenster aus einen Mann, der aus dem Nachbarhaus läuft, auf die Tote zugeht und dann davoneilt. In Helen reift ein grausamer Plan.

COV_KNAEPPER_ANDEREN_LHelen ist zutiefst unzufrieden mit ihrem Leben. Sie mag weder ihren hageren, flachbrüstigen Körper, noch ihr Leben ohne Höhen und Tiefen.

Nicht einmal das heiß ersehnte Baby hatte sich in diesem Körper einnisten und heranwachsen wollen. Robert, ihr Freund, hatte sie deshalb auch verlassen.

Sie hat alles, was ich nicht habe

Und dann lag da diese Frau. Auf den ersten Blick hat Helen erkannt, dass die Fremde alles hatte, wonach sie sich ihr Leben lang sehnte. Ein erfülltes und aufregendes Leben. Einen Mann, elegant und mit geschmeidigen Bewegungen, den sie mit Sicherheit sofort wiedererkennen würde.

In Helen reift ein Plan. Sie würde diesem Mann seine Frau ersetzen. Sie würde in ihr altes Leben schlüpfen und dafür sorgen, dass er ohne sie nicht mehr sein wollte und konnte. Minutiös organisiert sie ihr weiteres Vorgehen und wird zum ganz persönlichen Albtraum ihres Opfers.

Zweifellos im Wahn

Die Liebe der anderen von Silke Knäpper ist ein sehr besonderes Buch, das weit tiefer geht, als alles, was ich bislang zum Thema Stalking gelesen habe. Silke Knäpper lässt uns tief in die Seele einer Frau schauen, die unendlich unzufrieden und einsam ist. Sie nimmt uns mit auf die Reise dieses Menschen in den Wahn, eine andere werden zu wollen. Das Leben und die Position eines toten Menschen einnehmen zu wollen. Ohne Rücksicht auf Verluste und ohne die geringsten Zweifel, dass der Partner dieser Toten diesen Rollentausch akzeptieren wird. In der sicheren Überzeugung, dass dann alle Probleme gelöst sind. Dass ihr Leben endlich erfüllt und glücklich sein wird.

Als Außenstehende blickt man fassungslos auf den Verlauf, den Helens Plan nimmt. Mit welcher Nüchternheit sie Schritt für Schritt plant. Wie alles in ihren Augen völlig logisch aussieht. Und schüttelt dann den Kopf, weil man sich vergegenwärtigen muss, dass Helen die Menschen in ihrer Umgebung als Marionetten sehen muss, die ganz selbstverständlich ihrer Logik folgen müssen. Was sie natürlich nicht tun. Schließlich handelt es sich um eigenständig denkende Menschen mit ihren ganz eigenen Plänen und Vorstellungen.

Zwischen Krimi und Wahnsinn

Als Helen realisiert, dass sich die Dinge nicht so entwickeln werden, wie sie es in ihrer kranken Seele plant, wird sie zur Gefahr.

Die Liebe der anderen von Silke Knäpper ist ein wirklich wirklich tolles Buch. Ein bisschen Krimi aber ganz viel Psychologie und Wahnsinn. Dabei ganz leise, ohne große Erschütterungen und mit umso mehr Tiefgang. Von mir eine klare Leseempfehlung.

Silke Knäpper

1967 in Ulm geboren, studierte Romanistik, Germanistik und Anglistik in Wien, Freiburg und Köln.

Nach Lehrtätigkeiten in Saint-Cloud bei Paris und in London kehrte sie 2001 nach Neu-Ulm zurück, wo sie heute als Lehrerin an einem Gymnasium unterrichtet. Für eine Passage aus der Erzählung »Egal, wo man aufwacht« erhielt sie eine erste Auszeichnung beim Irseer Pegasus.

Bei Klöpfer & Meyer erschien 2012 ihr Roman »Im November blüht kein Raps«: »Ein eigen-sinniger Roman«, so Karl-Heinz Ott, »ein Debüt, das heraussticht«.

Buchinfo: Das Lieben der anderen von Silke Knäpper, erschienen bei Klöpfer&Meyer, August 2018, 236 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, € 22,00, ISBN 978-3-86351-474-7. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Klaas Huizing: Zu Dritt

Karl Barth gilt als der “Kirchenvater des 20. Jahrhunderts” und als Kopf der “Bekennenden Kirche” im Kampf gegen Hitler. Sein Bild schaffte es auf die Cover von Spiegel und New York Times Magazine. Doch wie lebte Karl Barth privat? Mit Zu Dritt gewährt Klaas Huizing seinen Lesern Einblick in eine ganz besondere Familienkonstellation.

COV_HUIZING_ZUDRITT_LAm 10. Mai 1886 wurde Karl Barth in Basel geboren. Offensichtlich hat das “Erbe” seines Vaters, er war Theologieprofessort, die Familie stark geprägt. Neben Karl wendet sich auch sein Bruder Peter der Theologie zu.

Sein Studium der Evangelischen Theologie führt den jungen Karl Barth nach Bern, Berlin, Tübingen und Marburg. In Genf wird er schließlich Hilfsprediger der deutschsprachigen Gemeinde. Hier lernt er auch Nelly Hoffmann kennen und lieben. Beide heiraten und bekommen fünf Kinder. Die Rollen sind dabei klar verteilt: Karl ist der Intellektuelle, der Wissenschaftler und Ernährer, Nelly die “Haushaltsministerin”, wie er sie später nennt. Ihr obliegt es, ihrem Gatten Rücken und Geist frei zu halten, die Kinder zu erziehen und im Haus nach dem Rechten zu sehen.

Muss man dieses Opfer für die Wissenschaft bringen?

Das Familienleben gerät aus den Fugen, als Karl Barth Charlotte von Kirschbaum, eine 13 Jahre jüngere Deutsche, kennenlernt. Ihr scharfer Verstand und ihre Diskussionsfreude faszinieren den Theologen so sehr, dass er auf ihre Unterstützung nicht mehr verzichten will. Immer mehr Zeit verbringen sie gemeinsam, bis Karl seiner Frau Nelly vorschlägt, eine “Notgemeinschaft” zu gründen. Charlotte soll zu der Familie ins Haus ziehen, damit er, Karl, jederzeit mit ihr diskutiere und ihre gemeinsame Arbeit voranbringen kann.

Nach langem Widerstand fügen sich beide Frauen in dieses Schicksal und leben 35 Jahre eine Ménage à trois. Stecken ihr eigenen Bedürfnisse zurück für einen Mann, der das selbstverständlich findet, geht es doch um sein großes Werk Die kirchliche Dogmatik, dem er alles unterordnet.

Wie speziell dieses Zusammenleben war, zeigt bis heute die Grabplatte am Familiengrab der Barths in Basel. Nach Karls Tod hat Nelly zugestimmt, dass auch Charlotte im Familiengrab beigesetzt wird.

Faszinierend und irritierend

Zu Dritt von Klaas Huizing hat mich gleichzeitig fasziniert und irritiert. Mit welchem Selbstverständnis Karl Barth von zwei Frauen erwartet, dass sie ihr eigenes Leben komplett seiner Karriere unterordnen, macht mich fassungslos. Da sehe ich nichts von dem offenen Menschen, der seiner Zeit voraus sein wollte, der gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit eintrat. Für ihn muss man den Spruch “Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau” abwandeln. Hinter Barth standen zwei starke Frauen, sonst hätte er vielleicht nie die Bedeutung für die Evangelische Kirche erlangt, die ihm heute zugestanden wird.

Gleichzeitig muss ich gestehen, dass der Theologe offenbar ein ganz besonderes Charisma hatte. Als Charlotte von Kirschbaum an Demenz erkrankt und im Pflegeheim versorgt werden muss. wendet Karl Barth sich wieder seiner Frau Nelly zu. Und tatsächlich stimmt diese, nach Jahrzehnten auf dem intellektuellen und emotionalen Abstellgleis, dieser Annäherung zu und unterstützt ihn in seinen letzten Jahren.

Zu Dritt ist ein sehr bewegendes, intelligentes Buch, das mir tiefe Einblicke in eine ganz besondere Familie gewährt hat. Auch wenn ich immer wieder den Kopf über so viel “machohaftes” Selbstverständnis schütteln musste und es traurig fand, wie weit Nelly und Charlotte ihr eigenes Leben zurück gesteckt haben, war das Aufbäumen der beiden zwischendurch immer wieder faszinierend. Nelly, die irgendwann begonnen hat, innerhalb dieses Konstrukts ihr eigenes Leben zu führen. Charlotte, der nach und nach bewusst wurde, was sie alles aufgegeben hat und wie viel von ihr selbst Karls Werken zugeschrieben wird.

Ich fand das Buch wirklich toll und empfehle es gern weiter.

Klaas Huizing

1958 geboren, Niederländer, studierte in Münster, Hamburg, Kampen (NL), Heidelberg und München Philosophie und Theologie. Promotion, Habilitation, lehrt seit 1998 als Professor für Ästhetische Theologie und Ethik an der Universität Würzburg. Seit 1993 Mitglied im PEN. Von 2007 bis 2015 Chefredakteur des Kulturmagazins OPUS, seitdem Herausgeber. Er lebt u. a. in Berlin. Mehrere Auszeichnungen und Preise.

Zahlreiche theologische Publikationen, ein Theaterstück und zwölf Romane. Mit seinem in mehrere Sprachen übersetzten Bestseller »Der Buchtrinker«, dem Kant-Roman »Das Ding an sich« und »Mein Süßkind. Ein Jesus-Roman« wurde er einem größeren Publikum bekannt. Mit seinem Familienroman »Bruderland« war er 2015 für die »Hotlist«, den Preis der unabhängigen Verlage nominiert.

Zeitgleich mit dem Roman »Zu Dritt« erscheint im Kreuz Verlag (Herder) von Klaas Huizing »Gottes Genosse. Eine Annäherung an Karl Barth«.

Buchinfo: Zu Dritt von Klaas Huizing, erschienen bei Klöpfer&Meyer, 30.08.2018, 400 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 25,00 €, ISBN 978-3-86351-475-4