Kristin Harmel: Das Verschwinden der Sterne

Inge ist zwei, als sie aus ihrem Kinderzimmer entführt wird. Fortan lebt sie unter dem Namen Jona mit ihrer Entführerin abgeschieden im Wald. Die alte Frau lehrt sie, wie sie in der Natur überlebt. Und sie warnt sie vor den Menschen.

Für Jona ist es ganz normal, sich mit einfachsten Mitteln ihr Bett im Freien zu bauen, den Winter in unterirdischen Höhlen zu verbringen, zu fischen oder zu jagen und Beeren und Waldfrüchte zu sammeln. All das hat sie von Jerusza gelernt, die dieses Leben schon seit Jahren lebt und Jona mit der Entführung angeblich vor einem bösen Schicksal bewahren wollte.

Die seltsame alte Frau legt einerseits großen Wert darauf, Jona eine gute, breit aufgestellte Bildung zu vermitteln. Aber sie lehrt sie auch, sich selbst zu verteidigen. Zur Not auch Menschen zu töten. Denn ihr Misstrauen anderen Menschen gegenüber ist unendlich tief. Trotz ihrer Fragen erfährt das Mädchen nie, was der Auslöser für die extreme Vorsicht ist. Der Zweite Weltkrieg treibt Jeruszas Vorsicht in neue Dimensionen. Als Jona auf geflüchtete Juden stößt, die sich im Wald vor den deutschen Nazis in Sicherheit bringen, ist ihre Ziehmutter außer sich. Doch Jona lässt sich nicht davon abbringen, den Verfolgten zu helfen.

Einige Monate später. Jerusza ist im hohen Alter verstorben. Seither schlägt sich Jona alleine durch. Doch so sehr sie Menschen auch meidet, stolpert sie immer öfter über Flüchtlinge. Und jetzt kann sie sich nicht mehr zurückhalten. Sie muss helfen, damit diese Menschen den harten Winter im Wald überstehen.

Emotional und liebevoll

Wer den Holocaust immer noch bezweifelt, den sollte man zwingen, dieses Buch zu lesen. Denn die Nazis haben “nicht nur” sechs Millionen Juden getötet, sie haben auch den Überlebenden eine nicht zu tilgende Hypothek hinterlassen. Viele von ihnen haben nie überwunden, dass sie selbst überlebt haben, ihre Liebsten aber nicht. Sie haben sich Zeit ihres Lebens schuldig gefühlt. Schuldig und unvollständig.

Auch wenn ich mich mit dem Thema schon lange und oft befasst habe, fand ich die Argumentation von Jonas Vater, einem strammen Nazi, wieder unglaublich. Es ist für Menschen, die normal denken, nicht nachvollziehbar, welche verqueeren Konstrukte diese Gruppe sich zurechtgelegt hat, um ihre Morde und Gräueltaten zu rechtfertigen. Und heute höre ich immer noch – oder sollte ich sagen, schon wieder – ähnliche Aussagen. Es ist einfach krank!

Doch zurück zu Das Verschwinden der Sterne von Kristin Harmel. So grausam der Hintergrund der Story auch ist, so voller Liebe, Verständnis und Vertrauen ist das Buch. Es zeigt uns, wie wichtig Zivilcourage ist und wie sehr wir belohnt werden, wenn wir unsere liebevolle Zuwendung an die weitergeben, denen es schlechter geht als uns. Von mir eine eindeutige Empfehlung. Lest es!

Kristin Harmel

Kristin Harmel arbeitet als Autorin und Journalistin. Mit ihrem Debüt Solange am Himmel Sterne stehen landete sie einen weltweiten Bestseller.

Übersetzung: Veronika Dünninger.

Sie lebt mit ihrem Mann in Orlando, Florida. Buchinfo: Das Verschwinden der Sterne von Kristin Harmel, erschienen bei KNAUR, 1. Oktober 2022, 400 Seiten, Klappenbroschur, € 16,99, ISBN: 978-3-426-22771-8. Danke für das Leseexemplar.


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