Peggy Patzschke: Bis ans Meer

Januar 1945: Völlig überstürzt muss Frieda mit ihrer Tochter mitten im Winter vor der russischen Besatzung fliehen. Ihr Weg ist gepflastert mit Toten – Kinder, Frauen, alte Menschen. Nur die Hoffnung, ihren Mann und ihren Sohn nach dem Krieg wiederzusehen, gibt ihr die Kraft, irgendwie zu überstehen.

Friedas Leben in Braig in Schlesien scheint perfekt. Karl, ihre große Liebe, trägt sie auf Händen und vergöttert sie. Ihr Sohn Horst und ihre Tochter Erika sind klug, freundlich und genauso kreativ wie ihre Mutter. Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, fühlen sie sich sicher. Karl ist als Flugzeugingenieur systemrelevant und auf dem nahe gelegenen Flugplatz unabkömmlich. Horst ist dort in Ausbildung und auch Frieda arbeitet Teilzeit im Hangar.. Doch der Schein trügt. Kurz vor Kriegsende werden Karl und sein Sohn doch noch eingezogen. Frieda bleibt mit Erika zurück.Sie schwören sich, sich nach Kriegsende entweder in Brieg oder bei Friedas Bruder im Glatzer Schneegebirge wiederzutreffen.

Heute: Friedas Enkelin lebt in einer On-Off-Beziehung mit Bruno. Eigentlich liebt sie ihn, aber immer, wenn er Nägel mit Köpfen machen und ihr gemeinsames Leben planen will, stößt sie ihm vor den Kopf. So lange, bis Bruno endgültig die Nase voll hat. Ausgerechnet als sie ihm beichten will, dass sie von ihm schwanger ist und das Kind bekommen möchte, zieht er einen entschiedenen Trennstrich. Er will nichts mehr mit ihr zu tun haben.

Wie lange kann Hoffnung überleben?

Nachkriegsjahre: Frieda hat sich wieder eine Existenz aufgebaut. Bescheiden zwar, aber doch so, dass sie sich und ihre Kinder durchbringen kann. Ihr Glück wäre vollkommen, wenn endlich Karl wieder bei der Familie wäre. Über den Suchdienst des Roten Kreuzes hat sie ihn ausfindig gemacht. Er lebt im westdeutschen Hamburg, Frieda und die Kinder in der sogenannten Ostzone, der späteren DDR. Anfangs hat sie noch Verständnis, dass sie sich noch nicht sehen können. Die Situation an der deutsch-deutschen Grenze ist gefährlich, Zuzüge sind in Hamburg noch nicht erlaubt und überhaupt ist das Zimmer, das Karl in der Stadt bewohnt, zu klein für sie alle. Und zu ihnen zu ziehen, kann sich Karl nicht vorstellen. Er will auf keinen Fall in die russisch besetzte Zone.

Friedas Welt bricht zusammen, als Karl ihr schreibt, dass er schon länger mit einer anderen Frau zusammenlebt. Sie hat ihm geholfen, eine schwere Typhus-Erkrankung zu überstehen. Anfangs fühlte er sich verpflichtet, dann kam die Gewohnheit dazu und beide haben sich ein neues Leben aufgebaut. Karl möchte deshalb die Scheidung. Mühsam schafft es Frieda, den Kindern weiter eine heile Welt vorzuspielen, aber nach und nach bröckelt die Fassade. Frieda bricht zusammen und wird zur Gefahr für sich selbst und andere. Horst und Erika müssen sie schweren Herzens in die Psychiatrie einweisen lassen.

Das Erbe unserer Generationen

Wie weit nehmen die Verletzungen unserer Eltern- und Großelterngenerationen Einfluss auf unser eigenes Leben? Selbst dann, wenn wir uns zum Beispiel an die Großeltern nicht mal mehr erinnern? Friedas Enkelin spürt, dass sie ihre Vergangenheit aufarbeiten muss, um die Ursache für ihre Bindungsunfähigkeit zu finden. Von Erika, ihrer Mutter, erhält sie wenig Unterstützung. Sie leidet selbst noch zu sehr an ihren Erlebnissen während des Krieges und in der Nachkriegszeit. Wer noch Eltern und/oder Großeltern erlebt hat, die den Krieg miterlebt haben, kennt das vielleicht. Die Ablenkversuche, die Verweigerung, das Unverständnis, warum man selbst die Geschichte aufarbeiten möchte. Weil man das Gefühl hat, dass man genau das tun muss, um gut leben zu können. Und dass man es tun muss, ehe die letzten Zeitzeugen verstorben sind.

Eine schwierige Situation. Hat man wirklich das Recht, zu drängen? Eigentlich schon, oder? Inzwischen gibt es ja so viele Bücher über die Enkelgeneration und alle klingen ähnlich. Fehlendes Grundvertrauen, ein Mangel, Nähe zuzulassen oder zu geben, das Gefühl, ohne die eigene Geschichte nicht vollständig zu sein. Andererseits haben unsere Vorfahren so viel Brutalität und Grausamkeit erlebt, dass uns das Drängen vielleicht doch nicht zusteht?!

Peggy Patzschke greift dieses Thema in Bis ans Meer ohne zu werten auf. Ein wichtiges Buch, von dem ich mir allerdings etwas mehr Tempo “beim Warten auf Karl” gewünscht hätte. Aber wir können gerade heute die Grausamkeiten der Nazis und ihre Konsequenzen für Frauen, Männer und Kinder nicht oft genug und ausführlich genug thematisieren.

Peggy Patzschke

Peggy Patzschke war über ein Jahrzehnt die Radiostimme Mitteldeutschlands. Heute arbeitet sie als Redakteurin und Moderatorin vor und hinter der Kamera für ARD, MDR und 3sat und hat einen Podcast. Sie lebt in Leipzig. “Bis ans Meer” ist ihr erster Roman.

Buchinfo: Bis ans Meer von Peggy Patzschke, erschienen bei Rütten und Loening, 12.02.2025, 445 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, € 22,00, ISBN 978-3-352-01009-5. Danke für das Leseexemplar.


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