1851: Charlotte Morrison ist mit ihrem Bruder und seiner Familie unterwegs auf einer Rheinreise. Mit dem Schaufelraddampfer fahren Sie von Baden-Baden das Rheintal hinunter. Mit an Bord: Eine weitere englische Familie. Der Familienvater kommt Charlotte merkwürdig vertraut vor und er hat ein Geheimnis.

Charlotte Morrison aus England war viele Jahre Haushälterin bei Mister Ransome. Nach seinem Tod erbt sie eine beachtliche Summe, die ihr selbst als unverheiratete Frau ein bescheidenes aber sorgenfreies Leben ermöglichen würde. Sie könnte ein Cottage mieten, sich einfach einrichten und entspannt ihr Leben leben. Sehr untypische Pläne für eine Frau im späten 19. Jahrhundert für ihre Zeit.
Als ihr Bruder, Referent Morrison, ihr anbietet, bei ihm, seiner Frau und seiner Tochter zu leben, gerät Charlotte ins Grübeln. Einerseits verlockt sie die Sicherheit, der Schutz vor unangenehmen Fragen oder vor Respektlosigkeit. Andererseits ahnt sie, dass sie in dieser konservativen Umgebung auf viele Freiheiten wird verzichten müssen.
Weiblich, ledig, wertlos?
Eine Reise nach Deutschland mit der Familie kommt daher genau passend. Während der gemeinsamen Tage will sie sich Klarheit verschaffen, ob das Zusammenleben wirklich die Lösung für sie ist. Und tatsächlich kommen ihr Zweifel. Charlotte mag ihre halbwüchsige Nichte Elli. Und sie ist ihrem Bruder auch dankbar, dass er sich kümmern will.
Aber da ist auch noch Marion, ihre Schwägerin, die unter einer angeschlagenen Gesundheit leidet und damit die Familie fest im Griff hat. Rücksichtnahme auf Marion hat oberste Priorität in der Familie. Und Marion lässt keinen Zweifel daran, was sie von Charlotte erwartet: Sie soll sich bedingungslos anpassen, den Freunden der Familie gefallen und jederzeit verfügbar sein. Kurz gesagt: Charlotte soll als Persönlichkeit unsichtbar werden.
Mit jedem neuen Reisetag wird klarer: Charlotte will diese Abhängigkeit nicht akzeptieren, nur weil sie eine Frau ist. Von Tag zu Tag wächst ihr innerer Widerstand, auch wenn sie – noch – äußerlich angepasst bleibt.
Dieses Frauenbild brauchen wir nie wieder
Die aktuellen politischen Entwicklungen bedeuten schon jetzt Rückschritte für Frauen in der Gesellschaft. Geht es nach den Vorstellungen konservativer, populistischer oder gar rechtsextremer Politiker, sollen Frauen sich wieder vorrangig der Familie widmen. Ob sie wollen oder nicht.
Umso wichtiger sind Bücher über starke und von starken Frauen, die sich schon vor fast 150 Jahren gegen die ihnen von Männern zugedachte Rolle zur Wehr gesetzt haben.
Sehr gut hat mir der Schreibstil von Ann Schlee gefallen. Und trotzdem bin ich mit der Rheinreise nicht so richtig warm geworden. Für die erste Hälfte des Buches habe ich mindestens drei Anläufe gebraucht. Da hätte ich mir etwas mehr Tempo gewünscht, auch wenn ich ruhige Bücher ebenso zu schätzen weiß wie temporeiche Thriller. Dafür lief es dann mit der zweiten Hälfte wesentlich besser.
Lest selbst.
Ann Schlee
Ann Schlee wurde 1934 in Connecticut geboren und verbrachte Teile ihrer Kindheit in Ägypten, Eritrea und im Sudan. Sie schrieb Kinderbücher, ehe 1980 mit “Die Rheinreise” ihr erster Roman für Erwachsene erschien. Der Roman stand im Jahr darauf auf der Shortlist des Booker Prize. 2023 verstarb Schlee im Alter von 89 Jahren.
Buchinfo: Die Rheinreise von Ann Schlee, erschienen bei Dumont, 12. August 2025, 240 Seiten, gebunden mit Lesebändchen, € 24,00, ISBN 978-3-7558-0047-7. Danke für das Leseexemplar.

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