Wir leben mitten in einem massiven Rechtsruck. Weltweit und gesteuert von einem Oligarchen-Netzwerk, dessen Hauptziel es ist, die Demokratie zu schwächen und damit ihre Macht zu stärken. Die Folgen bekommen Minderheiten zuerst zu spüren.

Sieht man sich den wachsenden Zuspruch für rechtsextreme und populistische, rückwärts gewandte Parteien an, wird offensichtlich: Die Mehrheit unserer Gesellschaft ist sich der Gefahr, die dadurch für uns alle ausgeht, nicht bewusst. Zu lange konnte man sich in Sicherheit wiegen, konnte sich nicht vorstellen, dass sich Zustände wie unter dem Nazi-Regime widerholen könnten.Doch inzwischen müsste auch den Optimistischsten unter uns klar sein, dass es sich dabei um Wunschdenken handelt.
Viel früher haben Menschen mit Migrationshintergrund – egal, wie lange sie schon in Deutschland lebten – und Geflüchtete die Veränderungen gespürt. Die Anfeindungen wurden von Jahr zu Jahr unverhohlener und haben dazu geführt, dass vorher Unsagbares plötzlich wieder im allgemeinen Sprachgebrauch “etabliert” wurde. Unterstützt wurde und wird das durch viele Medien und durch “konservative” Politiker und Politikerinnen.
Man muss naiv sein, um die Zeichen zu übersehen
Inzwischen können selbst die größten Optimist:innen die Augen vor dem Rechtsruck und dem rasanten Sozialabbau nicht mehr verschließen. Gerade diese Woche wurde offen über die Abschaffung der Pflegestufe eins diskutiert, ein Schlag ins Gesicht für Menschen mit Pflegebedarf und die, die sie betreuen. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner faselt was von “Neutralität”, wenn es darum geht, die Rechte der LGBTIQ+ Community zu verteidigen. Paraden zum Christopher Street Day müssen polizeilich vor rechtsextremen Randalierer:innen geschützt werden. Bürgergeldempfänger:innen sollen härter sanktioniert werden, weil so angeblich Milliarden eingespart werden können. Dabei ist längst nachgewiesen, dass nur ein Bruchteil der Bezieher:innen tatsächlich nicht arbeiten will. Die Einzigen, die sich entspannt zurücklegen können, sind die Überreichen im Land. Ach ja, und die Fossil-Lobby.
Zusammengefasst: Unser Sozialstaat und unsere freiheitlich demokratische Grundordnung erodieren aktuell in einem Tempo, dass es einem schlecht wird.
Werde zum Sand im Getriebe der Populisten
Umso wichtiger ist es, nicht klein beizugeben. Wir werden nicht verschwinden! Weder die Minderheiten, noch die sozial denkenden und handelnden Menschen, die verstanden haben, dass Demokratie bedeutet, möglichst viele mitzunehmen. Gerade marginalisierte Gruppen unserer Gesellschaft.
Wir müssen uns zusammentun, über alle unterschiedlichen Blickwinkel hinweg. Wir dürfen uns nicht an Einzelnen abarbeiten und wir müssen unseren Widerstand ins analoge Leben bringen. Dahin, wo die Erosion vorangetrieben wird:
- geh in offene Sprechstunden von Gemeinderats- oder Stadtratssitzungen und sag deine Meinung
- wenn in einem Bundesland Landtagswahlen anstehen, geh in die Sprechstunden der Kandidat:innen und kommuniziere deine Forderungen
- geh auf deine Landtagsabgeordnete zu und sag ihnen, was du willst
- engagier dich politisch – in deiner Gemeinde, deinem Landkreis
- werde Parteimitglied und bring deine Meinung ein, egal bei welcher Partei
- schreib Leserbriefe an deine Zeitung, das geht meist auch digital
- und geh auf die Straße, wenn sich in deiner Nähe die Gelegenheit bietet
Sei der Sand im Getriebe derer, die gerade denken, sie können alles mit Minderheiten und Mehrheiten machen!
Wir werden nicht verschwinden von Michael Hunklinger analysiert die Situation ausführlich und geht gezielt auf die individuellen Erfahrungen der einzelnen Gruppen ein. Denn je klarer der “Mehrheitsgesellschaft” ist, was den Minderheiten tagtäglich zugemutet wird, desto eher realisiert sie, wie ernst die Situation bereits ist.
Danke für diese Analyse.
Michael Hunklinger
Michael Hunklinger, geboren 1989, ist Politikwissenschaftler und Autor. Derzeit forscht und lehrt er zu den Themen Diversität und Ungleichheit an der Universität Amsterdam, zudem arbeitet er in diversen internationalen Projekten, die sich vor allem mit Fragen von politischer Partizipation und Repräsentation von LGBTQ+ Personen beschäftigen. Neben zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen analysiert und kommentiert er regelmäßig LGBTQ+ Themen, u. a. in der ZiB, im Standard oder in der Washington Post.
Buchinfo: Wir werden nicht verschwinden von Michael Hunklinger, erschienen bei Kremayr & Scheriau, 28. Mai 2025, 160 Seiten, gebunden, € 25,00, ISBN 978-3-218-01464-9. Danke für das Leseexemplar.

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