Nila: Auf den Straßen Teherans – Irans mutige Frauen

“Bestialität ist unserer Nation nicht fremd. Sie ist so alt wie unsere Geschichte, eine Verletzung, mit der wir auf die Straße gehen, manchmal sogar sterben.” So beginnt eines der Kapitel in Nilas Auf den Straßen von Teheran. Alleine das, was Nila schildert, überzeugt mich davon. Und es überzeugt mich, dass es vor allem die Frauen sind, die seit Generationen der Bestialität fanatischer, meist religiöser Männer ausgesetzt sind.

Das jüngste Beispiel war das bestialische Abschlachten Tausender (Laut Mena Watch Zehntausender) Menschen im Januar 2026. Neben den Frauen waren hier auch Männer auf der Straße, Junge und Alte, Arme und Reiche. Durch die Sanktionen gegen das Terrorregime der Mullahs hat sich die Lebenssituation aller Iraner dramatisch verändert. Viele Menschen hatten am Abend keine Ahnung, ob und was sie am nächsten Tag essen sollten. Den Mullahs und ihrer Gefolgschaft war und ist das egal.

Aber Auslöser der Proteste im Januar waren nicht nur die Lebensbedingungen. Sie sind unverändert Folgen der Frau. Leben. Freiheit.-Bewegung, die seit 2022 trotz massiver Einschränkungen der Kommunikation nach außen weltweite Aufmerksamkeit erlangt haben. Am 16. September 2022 wurde Jina Mahsa Amini in Teheran getötet. Die kurdische Iranerin wurde von der iranischen Sittenpolizei wegen eines angeblichen Verstoßes gegen das staatliche Hidschab-Gesetz inhaftiert und in der Haft vermutlich tödlich verletzt. Die Folge waren landesweite Proteste der unterdrückten Frauen und eine weltweite Öffentlichkeit. Die Konsequenz im Iran: Viele Frauen tragen keinen Hidschab mehr auf der Straße. Oft unbehelligt von der Sittenpolizei.

Warum die Unterdrückung so gut funktioniert

Wer verstehen will, warum die Unterdrückung der Frauen und Andersdenkender allgemein so gut funktioniert, muss tiefer in die Strukturen des Terrors eintauchen. Die Polizisten auf der Straße werden unter anderem nach “Erfolg” bezahlt. Maximale Brutalität sichert das Überleben ihrer eigenen Familien. Ein perfides System.

Wie pervers diese religiösen Fanatiker sind, zeigt sich auch an einem weiteren Beispiel. Eine “Idee”, die so bestialisch ist, dass ich sie als normal denkende Frau kaum glauben kann. Aber sie ist wahr. Wollen Angehörige oder Freunde die Leichen ihrer Töchter oder Söhne abholen, müssen sie dafür zahlen. Und zwar einen bestimmten Betrag für jede Kugel, die das Opfer getroffen hat. Als ich das bei Mena Watch gelesen habe, habe ich gezweifelt. Aber auch Nila beschreibt genau das in ihrem Buch und dass Nachbarn und Freund zusammenlegen, um die Summen zahlen zu können.

Und lässt ihre Leser tiefer in die Geschichte eines faszinierenden Landes eintauchen. Für vieles, worüber sie schreibt, sollten Leserinnen und Leser mehr Zeit einplanen. Das Buch enthält auch eine ausführliche Quellenliste für alle, die sich näher mit der Vergangenheit des Landes befassen wollen.

Lass mal bombardieren, egal, was dann passiert

Vor zwei Wochen haben Trump und Netanjahu den Iran bombardiert und die führenden Köpfe des Regimes getötet. Die zweite, dritte und wer weiß wievielte Riege hat umgehend reagiert und mehrere Staaten im Nahen Osten bombardiert, unter anderem auch Israel. Überall sind Opfer zu verzeichnen. Und die anfängliche Euphorie der Befürwortenden dieses Angriffs der USA und Israels hat sich größtenteils schnell gelegt. Auch deshalb, weil dieser Krieg durch die Blockade der Straße von Hormus für uns in Deutschland sehr schnell “greifbar” wurde. Wie auch immer man zur “Initiative” von Trump und Netanjahu stehen mag, mein Eindruck ist, dass dieser Angriff vollkommen unüberlegt gestartet wurde. Ohne Plan, wie es nach Khameneis Tod im Iran weitergehen soll. In den ersten Tagen wurde laut nach dem Sohn von Shah Reza Pahlavi gerufen, der in Großbritannien im Exil lebt. Und dessen Vater genauso brutal gegen Frauen vorging, die den Hidschab auf der Straße tragen wollten, wie das Mullah-Regime gegen die Frauen, die ihn nicht tragen wollten.

Wie auch immer es weitergehen mag, ich bezweifle, dass die Frauen im Iran je in Freiheit leben werden, solange fanatische alte Männer das Schicksal des Landes bestimmen. Egal aus welchem Land sie kommen.

Wer das Geschehen im Iran besser verstehen will, sollte auf jeden Fall Auf den Straßen Teherans von Nila lesen und sich davon hoffentlich inspirieren lassen, tiefer in die Geschichte des Landes einzutauchen.

Nila

Nila ist eine junge iranische Autorin, die anonym über ihre Erfahrung auf den Straßen Teherans während der Frau. Leben. Freiheit.-Bewegung schreibt. Ihr bewegendes Zeugnis ist bereits in England, Frankreich und Italien erschienen.

Übersetzt von Asal Dardan

Asal Dardan, geboren 1978 in Teheran, wuchs in Köln, Bonn und Aberdeen auf. Sie studierte Kulturwissenschaften in Hildesheim und Nahoststudien in Lund und lebt heute in Berlin. Ihr Essayband Betrachtungen einer Barbarin (2021) war für den Deutschen Sachbuchpreis und den Clemens-Brentano-Preis nominiert.

Mit einem Vorwort von Natalie Amiri.

Buchinfo: Auf den Straßen Teherans von Nila, erschienen bei Pfaueninsel, 02. Februar 2026, 144 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, € 20,00, ISBN 978-3691310085. Auch erhältlich als eBook (epub, € 17,99 und Hörbuch (€ 17,99). Danke für das Leseexemplar.


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Eine Antwort zu „Nila: Auf den Straßen Teherans – Irans mutige Frauen“

  1. Avatar von Holzi@Holzi-Freiburg.de
    Holzi@Holzi-Freiburg.de

    Hey im Link (Browser) ist Strassen mit einem s geschrieben – falls du das noch ändern möchtest 😉

    LG!

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