Sabine Zehnder: Master of Desaster

Wieder mal läuft nichts nach Plan. Schon wieder! Das kennen wir vermutlich alle. Aber wir gehen unterschiedlich damit um. Sabine Zehnder teilt mit uns ihre persönlichen Tricks, Niederlagen in Erfahrungen für die Zukunft umzuwandeln. Ganz ohne erhobenen Zeigefinger!

Master of DesasterSabine Zehnder ist Diplom-Informatikerin und Coach. Und noch einiges mehr, was sie auf ihrem Weg durchs Leben “mitgenommen” hat. Dieser Weg war, wie bei so vielen von uns, alles andere als gerade. Oft musste sie die Richtung neu justieren. Prüfen, ob das, was ihr Ziel war, immer noch zu ihr passt.

Das “schlaue Buch” weiß den Weg

Ihr wichtigstes Utensil dabei ist das “schlaue Buch”. Hier werden alle Gedanken, Ideen, Unsicherheiten, Bedenken festgehalten und der Kopf bleibt frei für die wichtigen Dinge des Alltags. Trotzdem geht nichts verloren.

Deshalb empfiehlt Sabine Zehnder auch, sich ein solches Buch, sei es eine Kladde, ein Spiralblock, ein Ringbuch, zusammen mit Master of Desaster zur Hand zu nehmen und gleich alles zu notieren, was einem zu den jeweiligen Punkten einfällt. Ja, sie meint wirklich Papier und Stift und von Hand notieren. Und ich kann es nachvollziehen. Bei mir bleiben Dinge, die ich von Hand auf Papier notiere, besser hängen als die getippten. Obwohl ich am Bildschirm arbeite.

Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitermachen

Ich hasse diese klassischen Ratgeber, die mir sagen:

  • Mach dies, dann wird das passieren.
  • Lass dies und du wirst das erreichen.
  • Mir standardisierte Listen präsentieren.
  • Die vorgeben, die Weisheit gepachtet zu haben

All das macht Sabine Zehnder nicht. Sie erklärt einfach, wie sie vorgeht. Wie sie ihre Probleme und Unzufriedenheiten analysiert und so ihr Leben immer wieder neu justiert. Und zu justieren gab es bei ihr genug. Doch statt sich treiben zu lassen, hat die Autorin beschlossen, die Zügel in die Hand zunehmen und Liste um Liste erstellt. Was stört sie? Was kann sie kurzfristig ändern? Woran muss langfristig gearbeitet werden?

Manche Listen werden durch die Vergabe von Punkten ausgewertet – das Leben lässt sich berechnen, ist Sabine Zehnders Credo – andere dienen dazu, Überlegungen festzuhalten ohne dass sie untergehen.

Danke für dieses Buch

Ich bin begeistert und, liebe Sabine Zehnder, ich werde das Buch wohl tatsächlich ein zweites Mal lesen. Mit einem schönen Notizbuch bewaffnet, das zu meinem ständiger Begleiter wird. Denn ich gehöre zu den menschen, die ihre Pläne sehr lange im Kopf hin und her schieben, bis sie wirklich rund sind. Und das kostet eben Speicherplatz und sorgt ab und an für unruhige Nächte.

Danke für den tiefen Einblick, den du (ich hoffe, das Du ist in Ordnung, Sie würde sich so falsch anfühlen) deinen Leserinnen und Lesern mit Master of Desaster in dein Leben gestattest. Und für die Denkanstöße, die allen eine Hilfe sein werden, die die schnellen Veränderungen unserer Zeit schätzen und für ihre eigenen Pläne zu nutzen wissen.

Danke dafür.

Sabine Zehnder

Sabine Zehnder ist der Master of Desaster. Die Diplom-Informatikerin ist Spezialistin dafür, schwierige Projekte aufzuräumen – in der IT-Branche. Doch schnell erkannte sie, dass das, was bei Bits und Bytes funktioniert, auch im wirklichen Leben hilfreich ist. Und so ist die IT-Beraterin auch noch zum Coach geworden und zeigt, wie man das tägliche Chaos – das Leben – eigenständig und unkonventionell managt.

Buchinfo: Master of Desaster von Sabine Zehnder, erschienen bei BusinessVillage, November 2018, 208 Seiten, € 19,95, ISBN 978-3-86980-440-8

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Michael Tsokos: Abgeschlagen

In einem Kieler Park werden zwei bizarr inszenierte Leichen gefunden. Bei der Obduktion kommt es zum Eklat zwischen Rechtsmediziner Paul Herzfeld und seinem Vorgesetzten Professor Schneider. Dass der Fall eine viel größere Tragweite hat, als ursprünglich vermutet, erfährt Herzfeld wenig später am eigenen Leib.

AbgeschlagenKiel im Winter. Es ist ein eiskalter Morgen, als Rechtsmediziner Paul Herzfeld in den Brook, einen Kieler Park, gerufen wird. Was sich ihm bietet, ist mehr als bizarr. In einem Zelt umklammert eine nackte männliche Leiche einen Arm. Vor dem Zelt stehen zwei große Rollkoffer. In ihnen weitere Leichenteile.Von einer Tatwaffe keine Spur. Die Obduktion soll schnellstmöglich Licht ins Dunkel bringen.

Getötet und postmortal zerstückelt

Stunden später im Sektionssaal der Rechtsmedizin. Dottore Lucia Tattoli, eine Rechtsmedizinerin aus Italien, die gerade bei Paul Herzfeld hospitiert, unterstützt ihn bei der Arbeit. Schnell ist klar, dass die Leiche aus den beiden Koffern, eine junge Frau, postmortal zerstückelt wurde. Aber woran ist sie gestorben?

Gleiches gilt für den Mann aus dem Zelt. Auch bei ihm lässt sich nach der Leichenschau keine eindeutigen Angaben machen. Herzfeld hofft auf die Toxikologie und gerät prompt mit seinem Vorgesetzten in Konfrontation. Denn Professor Schneider ist sich sicher, sowohl den Toten als auch die Tatwaffe zu kennen.

Als besagte Waffe tatsächlich plötzlich unweit des Leichenfundortes auftaucht, kann Paul Herzfeld sein Misstrauen nicht mehr zur Seite wischen. Gemeinsam mit Dottore Tattoli ermittelt er auf eigene Faust.

Michael Tsokos gehört zu den Besten!

Ich liebe Thriller. Und ja, es darf dabei auch ruhig blutig zugehen. Und es darf bizarr sein. Naheliegend also, dass ich Bücher von Michael Tsokos mag. Egal ob als alleiniger Autor oder in Kombination mit zum Beispiel Sebastian Fitzek. Zusammen übrigens auch bei Lesungen ein geniales Duo. Es lohnt sich, mal eine zu genießen. Zwei Verrückte auf einer Bühne. 😉 Aber sorry, Sebastian Fitzek, ich persönlich finde Michael Tsokos noch etwas cooler.

Doch zurück zu Abgeschlagen von Michael Tsokos. Ich habe das Buch quasi eingesaugt und die Fachkompetenz des Autors genossen. Sie ist meist Garant für temporeiche Storys, nicht nur im Thriller-Bereich. Indem er zwei weitere Morde aus seinem Arbeitsleben in die Geschichte integrierte, hat er mich ins Grübeln gebracht, wie denn die Zusammenhänge zur Hauptstory aussehen könnten.

Die Art und Weise, wie perfide und skrupellos der wirkliche Mörder sein Vorgehen plant, hat mich sprachlos gemacht und mich wieder mal vor die Frage gestellt: Was geht eigentlich in Menschen vor, die solche Storys erfinden?! 🙂

Abgeschlagen von Michael Tsokos ist einfach geil. Kaufen, lesen, staunen. Und dann nach Abgeschnitten von Fitzek/Tsokos greifen. Lohnt sich auch. Habe ich schon vor längerer Zeit für euch getestet.

So und jetzt muss ich mir die andere true-crime-Reihe von Dr. Tsokos, die Fred Abel Reihe, näher ansehen. Vielleicht berichte ich ja. Mal sehen.

Michael Tsokos

Michael Tsokos, 1967 geboren, ist Professor für Rechtsmedizin und international anerkannter Experte auf dem Gebiet der Forensik. Seit 2007 leitet er das Institut für Rechtsmedizin der Charité. Seine Bücher über spektakuläre Fälle aus der Rechtsmedizin sind allesamt Bestseller.

Buchinfo: Abgeschlagen von Michael Tsokos, erschienen bei KNAUR, 1. März 2019, 416 Seiten, Klappenbroschur, € 14,99, ISBN: 978-3-426-52438-1. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Flurinda Raschèr-Janett / Lothar Teckemeyer: Freischwimmen

Wie haben sich die Rechte und Möglichkeiten der Frauen in den letzten etwa 100 Jahre geändert? Freischwimmen von Flurinda Raschèr-Janett gibt einen Einblick in die Entwicklungen in der abgeschiedenen Bergwelt des Engadin.

FreischwimmenFlurinda Raschèr-Janett ist Jahrgang 1938 geboren. Die Eltern betreiben ein Fuhrunternehmen und obwohl es Frauen verboten ist, Unternehmen zu gründen, ist es Elisabeth, Flurindas Mutter, die im Unternehmen die Zügel fest in der Hand hält. Mit sicherem Gespür nutzt sie jede Chance, um die Firma voranzubringen. Schließlich macht sie, entgegen aller Konventionen, den Führerschein und übernimmt auch Personentransporte.

Bei dieser starken Mutter sollte man meinen, dass Flurinda alle Wege offen gestanden hätten, aber das Gegenteil war der Fall. So wurde Flurindas Wunsch nach einem Sprachkurs in London rundweg abgelehnt. Für die Tochter gäbe es zu viel Arbeit im Haushalt, der Arbeitsbereich, auf den Elisabeth so gar keine Lust hat.

Hauptsache Mann, Fachkenntnis egal

Durch eine Ausbildung zur Postgehilfin erhofft sich Flurinda eine gewisse Selbstständigkeit. Nach ihrem Abschluss “tingelt” sie zwei Jahre durch die Schweiz, wo sie in unterschiedlichen Filialen eingesetzt wird. Einige Jahre später, Flurinda ist bereits verheiratet, kann sie eine eigene Postfiliale übernehmen, beziehungsweise ihr Mann kann es. Denn Frauen ist es in den 50er Jahren immer noch nicht gestattet, Geschäfte zu führen. So kommt es zu der bizarren Situation, dass ihr Mann den Vertrag und die Abrechnungen unterzeichnen darf, obwohl er keinerlei Ahnung von dieser Arbeit hat, während Flurinda den Laden führt.

Die Liebe zur Musik ist das, was bleibt

Von ihrem Großvater hat Flurinda die Liebe zur Musik geerbt. Voller Begeisterung stürzt sie sich als Sechsjährige in den Klavierunterricht, den ihr ihre Mutter zugesteht. Auch wenn sie nicht das größte Talent ist, bremst das den Eifer des jungen Mädchens nicht.

Fortan spielt die Musik eine große Rolle in ihrem Leben. Flurinda spielt die Orgel in der Kirche, leitet die neu gegründete Musikschule. Immer stärker spürt sie, dass sie für das beschauliche “Strickliesel-Dasein” nicht gemacht ist. Sie leidet zunehmend unter der fehlenden Rückendeckung ihres Mannes, der nicht verstehen kann, dass sie einfach mehr will. Die letzte Konsequenz ist die Trennung.

Spannende Rollenbilder

Flurinda ist nur wenig jünger als meine Mutter. Nicht nur deshalb fand ich es spannend, die Rollenbilder ihrer Familie kennenzulernen. Ich kenne es, wenn die scheinbar Schwächere Person die ist, die im Hintergrund die Fäden zieht und die Zügel fest in der Hand hält. Ein Phänomen, was es vermutlich in allen Ländern und Kulturen gab und gibt, in denen Frauen nicht die gleichen Rechte haben. Der äußere Anschein entspricht nicht unbedingt den innerfamiliären Machtverhältnissen.

Spannend an Flurindas Geschichte fand ich vor allem die Figur der Mutter. Sie war für ihre Zeit absolut selbstständig, schwamm gegen den Strom und hatte auch keine Probleme damit, gegen die “guten Sitten” zu verstoßen. Eigentlich müsste doch gerade sie Verständnis für die Eigenständigkeit ihrer Tochter haben. Doch Flurinda muss kämpfen. Um jede Freiheit, um ihre Liebe zur Musik, um ihre Eigenständigkeit.

Sie flüchtet in die Hilfe und Unterstützung für andere und trennt sich letztlich auch von ihrem Mann. Zur damaligen Zeit im und gerade im “rückständigen” Engadiner Hinterland, nicht selbstverständlich. Wen wundert es, dass Flurinda lange Zeit Angst vor diesem Schritt hat, letztendlich ihr Leben aber doch fest in die eigene Hand nimmt.

Mehr von Flurinda

Freischwimmen von Flurinda Raschèr-Janett war eine kurze Lebensgeschichte einer spannenden Frau. Ich hätte gerne einen tieferen Einblick in ihr Leben erhalten. Sie hat so viel zu erzählen und musste es auf so wenigen Seiten unterbringen. Aber wer weiß, vielleicht legt sie ja bei gutem Feedback noch nach.

Die Besonderheit des Buches: Wer es auf den Kopf stellt, kann Flurindas Geschichte auf Rätoromanisch lesen. Sofern er oder sie dieser Sprache mächtig ist.

|| Ich würde mich übrigens freuen, wenn ihr euch – bei Interesse – dieses Buch im regionalen Buchhandel bei euch vor Ort bestellt. Damit steigen die Chancen, dass wir Buchfans auch in Zukunft noch gelegentlich dort bummeln und stöbern können.||

Flurinda Raschèr-Janett

Flurinda Raschèr-Janett, Jahrgang 1938, engagierte sich in zahlreichen Ämtern. So war sie unter anderem Leiterin einer lokalen Musikschule und Kirchenrätin der Evangelisch-Reformierten Landeskirche Graubünden. Nach einer beruflichen Neuorientierung in den 1990er-Jahren war sie zudem als Erwachsenenbildnerin tätig. Nach ihrer Pensionierung im Jahr 2000 arbeitete sie mehrere Jahre ehrenamtlich für das Kirchenprojekt „Oase“.

Lothar Teckemeyer

Lothar Teckemeyer ist evangelischer Pfarrer i. R. und lebt in Detmold.

Buchinfo: Freischwimmen von Flurinda Raschèr-Jamett, erschienen bei Agentur Alte Post 2015, 01.02.2019, 208 Seiten, Hardcover, € 20,00, ISBN 978-3981752885. Deutsch und Rätoromanisch. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Carla Freieck: So viele Jahre

Thea ist Anfang Fünfzig, als ihr Leben vollends aus den Fugen gerät. Seit Jahren plagen sie Alpträume und Migräneattacken und werfen Schatten auf ihr glückliches Familienleben. Als sie beschließt, ihr Situation zu ändern, ahnt sie nicht, worauf sie sich einlässt.

So viele JahreThea Brandner ist eine glücklich, eine erfolgreiche Frau. Seit dreißig Jahren ist sie mit Andreas, ihrem attraktiven und fürsorglichen Traummann, verheiratet. Ihr beiden Kinder, Nora und Ben, stehen mehr oder weniger auf eigenen Beinen und leben ihr eigenes Leben. Frida, Noras Tochter und die bislang einzige Enkelin, ist ein Sonnenschein. Mindestens zweimal wöchentlich telefoniert sie mit ihrer Mutter, besucht sie regelmäßig. Die kreative Ader, die Thea von ihrem Vater geerbt hat, lebt sie halbtags in einem Architekturbüro aus.

Die perfekte, praktische und organisierte Thea, das ist das Bild, das ihre Familie, ihre Freunde und Bekannten, ihre Kollegen und die Nachbarschaft sehen. Das Bild, das sie selbst so gerne von sich gesehen hat und auf das sie stolz war. Dabei ahnt sie schon seit langem, dass sie längst nicht so stark ist, dass etwas in ihr gärt. Greifbarer Beleg dafür sind die immer häufiger wiederkehrenden Alpträume, die ihr den Schlaf rauben, und die zunehmenden Migräneattacken.

Plötzlich ist der Kontakt zu dir selbst weg

Von Tag zu Tag fühlt Thea sich leerer, reagiert unzufrieden und aggressiv, um sich dann wieder Vorwürfe zu machen, dass sie nicht mehr perfekt funktioniert, Dinge vergisst, unkonzentriert ist. Ein Teufelskreis, in dem sie feststeckt.

Als Johann in ihr Leben tritt und ihr eindeutige Avancen macht, scheint sich das Blatt zu wenden. Thea blüht auf, findet wieder Freude am Leben. Auch wenn sie permanent gegen ihr schlechtes Gewissen kämpfen muss, lässt sie sich auf eine prickelnde Affäre ein. Sie ahnt nicht, dass es die gestohlenen, leidenschaftlichen Stunden mit Johann sein werden, die sie an den Rand des Abgrundes bringen werden. Und dass es gleichzeitig diese Stunden sein werden, die Licht in die Geheimnisse ihrer Kindheit bringen.

So viele Jahre von Carla Freieck hat mich sehr bewegt. Lange Zeit hat Thea das gelebt, was immer noch als Idealbild der Frau gilt: Familie, Haus, Hof und Job fest im Griff. Dabei selbst anspruchslos und aufopfernd. Egal, was im Hintergrund passiert, wie leer sie sich selbst fühlt.

Depression, die (zu oft) totgeschwiegene Krankheit

Und Carla Freieck zeigt auch, dass der Weg zur psychologischen Hilfe längst noch nicht so selbstverständlich ist, wie er sein sollte. Wer sich ein Bein bricht, lässt es ganz selbstverständlich eingipsen und präsentiert seine Einschränkung. Bei psychischen Belastungen ist es anders. Sie werden immer noch totgeschwiegen, als Makel oder Schwäche empfunden. Dabei handelt es sich meist um schwerwiegende Erkrankungen, deren Ursachen nicht selten schon sehr sehr lange zurück liegen.

Auch damals war es die Angst vor der Meinung der anderen, das Ansehen nach außen, das unsere Eltern und Großeltern die Ereignisse unter den Teppich kehren ließen. Weil sie selbst es nicht anders kennenlernten. Weil sie selbst in ihrer Rolle gefangen waren, die Augen vor dem Schlimmsten verschließen mussten, um zu überleben. Trauma und Depression, das waren noch keine gängigen Begriffe.

Leider hat sich das bis heute nur bedingt geändert. Die Hilfe der Psychiatrie oder Psychotherapie zu suchen, wird noch immer viel zu oft als Schwäche gewertet. Dabei ist es der härteste Weg, den man gehen kann. Sich der Vergangenheit zu stellen, in Verletzungen nochmals ganz tief einzutauchen, das ist kein Spaziergang. Das ist harte Arbeit. Und es ist der einzige Weg, der wirklich final hilft.

Am Beispiel der Thea Brandner schildert Carla Freieck diesen Weg sehr eindringlich und ehrlich. Wir brauchen viel mehr dieser offenen Schilderungen. So lange, bis eine Depression so akzeptiert ist wie ein gebrochenes Bein!

Von mir eine entschiedene Leseempfehlung.

|| Ich würde mich übrigens freuen, wenn ihr euch – bei Interesse – dieses Buch im regionalen Buchhandel bei euch vor Ort bestellt. Damit steigen die Chancen, dass wir Buchfans auch in Zukunft noch gelegentlich dort bummeln und stöbern können.||

Carla Freieck

Carla Freieck ist vielseitig. Bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete, war sie unter anderem als Sekretärin eines Bürgermeisters und im journalistischen Bereich tätig. Sie liebt Pferde, hat ein Faible für italienische Weine und interessiert sich für Architektur. In ihrer Freizeit ist sie mit Anfang fünfzig außerdem begeisterte Oma und Hobbygärtnerin. Mit ihrem Mann lebt Carla Freieck seit vielen Jahren in der Nähe von Limburg.

Buchinfo: So viele Jahre von Carla Freieck, erschienen bei DIANA, 12.11.2018, 368 Seiten, € 9,99, ISBN 978-3-453-35941-3. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Hanna Caspian: Gut Greifenau – Morgenröte

1918 in Deutschland. Endlich ist der Frieden in Sicht. Doch auf Gut Greifenau folgt ein Schicksalsschlag dem nächsten. Wird Konstantin das Gut retten können? Oder ist der Verkauf und damit das Ende der von Auwitz-Aarhayns unausweichlich?

Gut Greifenau MorgenröteJanuar 1918. Auf Greifenau glaubt außer Gräfin Feodora niemand mehr an einen deutschen Sieg im ersten Weltkrieg. Umsturzmeldungen machen die Runde. In Russland wurde der Zar getötet, die Adligen enteignet. Ihr Land soll ans Volk verteilt werden. Während der Adel in Deutschland bangt, hofft das Volk auf ähnliche Veränderungen. Auf mehr Freiheit, auf eigenes Land für die Pächter.

Doch noch ist es nicht so weit. Unverändert werden junge Männer in den Krieg geschickt. Die Listen der Gefallenen werden länger und länger. Längst schützt eine körperliche Einschränkung nicht mehr vor der Einberufung. Auch Alexander, der jüngste Sohn der Grafenfamilie muss an die Front.

Katharina auf der Flucht

Einzig Katharina bleibt von den ehemals fünf Kindern im Schloss. Dabei ist sie die Einzige, die sich sehnlichst möglichst weit weg wünscht. Doch nach ihrem ersten Fluchtversuch lässt Gräfin Feodora sie nicht mehr aus den Augen. Schließlich ist ihre Verheiratung mit Ludwig von Preußen, dem Neffen des Kaisers, die einzige Hoffnung, das hoch verschuldete Gut noch vor dem Ruin retten zu können. Mit einer sorgfältig geplanten List gelingt es Katharina, ihrem Kerker zu entkommen. Voller Hoffnung auf ein besseres Leben macht sie sich alleine auf den Weg nach Potsdam. Zu Julius, ihrer großen Liebe. Einem bürgerlichen Industriellensohn.

Hätte mir jemand auf den ersten Seiten von Band eins der Greifenau Trilogie gesagt, dass ich für Band drei alles stehen und liegen lassen würde, hätte ich ihm oder ihr den Vogel gezeigt.

Liebe Autorin, ich hab‘ da einen Wunsch

Jetzt sage ich: Hanna Caspian, ich warte auf “Gut Greifenau – The next Generation”! Ein derart glattes Happy End kann nicht der Schlusspunkt sein. Zumal der nächste Krieg ja schon seine Schatten voraus wirft. Und wir in diesem Jahr 70 Jahre Bundesrepublik Deutschland feiern. Stehen die Manuskripte für die nächsten Bände schon? Für wann soll ich Lesezeit einplanen? 🙂

Ich denke, dass ich die Greifenau Trilogie empfehle, brauche ich jetzt nicht mehr extra zu betonen. Die drei Bücher geben kurzweilige Geschichtsnachhilfe, falls jemand Kaufsargumente braucht. Hat also nichts mit reiner Unterhaltung zu tun, die haben zu wollen. Lässt sich prima mit Fortbildung argumentieren. 😉

Wie auch schon bei Band zwei betont, gilt auch hier: Die Story ist schwer zu verstehen, wenn man die Vorgänger nicht gelesen hat. Eine Zusammenfassung zu Beginn ist nicht inklusive.

Hanna Caspian

Hanna Caspian ist das Pseudonym einer erfolgreichen deutschen Autorin. Mit ihren gefühlvollen und spannungsgeladenen Familiensagas beleuchtet sie bevorzugt fast vergessene Themen deutscher Geschichte.

Hanna Caspian studierte Literaturwissenschaften, Sprachen und Politikwissenschaft in Aachen und arbeitete danach lange Jahre im PR- und Marketingbereich. Zuletzt war sie Anzeigenleiterin und Projektmanagerin in einem Fachverlag. Mit ihrem Mann lebt sie heute als freie Autorin in Köln, wenn sie nicht gerade durch die Weltgeschichte reist.

Buchinfo: Gut Greifenau – Morgenröte von Hanna Caspian, erschienen bei KNAUR, 01.03.2019, Band 3 der Gut Greifenau Trilogie, 576 Seiten, € 9,99, ISBN 978-3-426-52152-6. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Alex Pohl: Eisige Tage

Leipzig im Winter. Kommissarin Hanna Seiler und ihr Kollege Milo Novic werden zu einem Mordfall gerufen. Was auf den ersten Blick wenig spektakulär aussieht, zieht das Ermittlerteam tief in die Abgründe von Menschenhandel und Pädophilie.

Eisige TageAm Elster-Saale-Kanal wird ein Mann erschossen in seinem Auto aufgefunden. Die Waffe: eine alte, russische Makarow. Der Tote war in der Vergangenheit als Anwalt für die Russenmafia aktiv. Ist er hier in Ungnade gefallen? Aber was hat es dann mit den Fotos leichtbekleideter, minderjähriger Mädchen in eindeutigen Posen auf sich, die in seinem Nachlass gefunden werden? Eines der Mädchen wurde erst wenigen Tagen zuvor vermisst gemeldet.

Kann die Russenmafia helfen?

Hanna Seiler beschließt, ihre Kontakte zu Iwanow, dem Chef der Russenmafia, zu nutzen, um schnellstmöglich Licht ins Dunkel zu bringen. Doch was sie erfahren, macht den Fall nur noch komplizierter. Und verwirrt Milo Novic, der spürt, dass Iwanow und Seiler ein ganz besonderes Verhältnis zueinander haben.

Eisige Tage von Alex Pohl ist ein klug konstruierter Krimi, der die Aufmerksamkeit seiner Leserinnen und Leser fordert. Im Wechsel zwischen Rückblick und Gegenwart erzählt er nicht nur eine Geschichte, sondern mindestens zwei. Denn nicht nur der Mord bleibt bis kurz vor Schluss mysteriös, auch im Leben von Milo Novic scheint es dunkle Geheimnisse zu geben, von denen seine Kollegin nichts weiß.

Mich haben diese Wechsel in den beiden Erzählsträngen nur ganz zu Beginn kurz irritiert.

Auch die Ermittlungen im eigentlichen Mordfall verlaufen nicht streng chronologisch. Ab und an musste ich kurz zurückblättern und nach dem Datum schauen, mit dem jeder neue Gedankengang startet. Das fand ich aber nicht schlimm.

Verstörend emotionslos

Schlimm sind die Hintergründe der Geschichte. Auf welche perfide Art und Weise das Vertrauen junger Mädchen oder kleiner Jungs erschlichen wird, um sie dann an reiche, skrupellose Russen zu verschachern, ist erschreckend. Wie aussichtslos muss die Lage der Menschen sein, die sowas unterstützen und sich daran beteiligen? Oder wie emotionslos müssen sie sein?

Egal, wie oft ich Krimis, Thriller oder Sachbücher zu dieser Thematik lese, ich bin immer wieder fassungslos. Fassungslos, wie viele Menschen wegschauen und schweigen. Fassungslos, wie sehr viele Kinder leiden müssen.

Eisige Tage von Alex Pohl hat mich gefesselt aber nicht verschlungen. Von mir gibt es dennoch eine Leseempfehlung für die komplexe Story.

Alex Pohl

Alex Pohl hatte jede Menge Jobs, bevor er mit seinen Bestsellern das große Publikum eroberte. Heute erreichen seine unter dem Pseudonym L.C. Frey verfassten Thriller regelmäßig Auflagen in sechsstelliger Höhe. Nun tritt Alex Pohl zum ersten Mal unter seinem Klarnamen als Autor in Erscheinung: »Eisige Tage« ist der Auftakt einer neuen Krimireihe rund um den Tatort Leipzig – seiner Heimatstadt.

Buchinfo: Eisige Tage von Alex Pohl, erschienen bei Penguin, 11. Februar 2019, Taschenbuch mit Klappenbroschur, 432 Seiten, € 10,00, ISBN: 978-3-328-10323-3

Kristine Bilkau: Eine Liebe, in Gedanken

Hamburg, 1964. Für Antonia und Edgar ist es Liebe auf den ersten Blick. Sie wollen gemeinsam in die Zukunft gehen. Doch die entwickelt sich für das Paar anders als erwartet. Fünfzig Jahre später löst Antonias Tochter den Nachlass ihrer Mutter auf und stellt fest, wie wenig sie über diese Frau wusste.

Hamburg in den frühen Sechzigern. Der Krieg ist vorbei, im Land geht es aufwärts. Die jungen Leute wollen leben, ihre Zukunft gestalten, frei sein. Als sich Antonia und Edgar zufällig begegnen, spüren sie sofort die besondere Magie, die zwischen ihnen herrscht. Schnell ist klar, sie wollen den weiteren Weg gemeinsam gehen.

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Doch ihre Generation ist auch ein Sicherheitsdenken tief verhaftet. Antonia plant ihre berufliche Karriere, was endlich auch Frauen möglich ist. Edgar ist in seinem Beruf unzufrieden, will sich weiterentwickeln, seiner Frau etwas bieten können. Ein Auslandsaufenthalt scheint da genau das Richtige zu sein. In Hongkong soll er eine neue Niederlassung der Firma aufbauen. Was wie die Chance ihres Lebens aussieht, entwickelt sich für Antonia und Edgar zum Fiasko.

Fünfzig Jahre später, nach dem plötzlichen Tod ihrer Mutter, beschließt ihre Tochter, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Wann und warum genau haben sich Antonia und Edgar verloren? Weiß Edgar, wie sich das Leben ihrer Mutter entwickelt hat. Weiß er, dass sie tot ist? Hat er sie gar längst vergessen? Sie wird ihn mit all diesen Fragen konfrontieren.

Ein unglaublich liebevolles Buch

Es gibt Bücher, die eigentlich traurig sind, zum Beispiel weil zwei Liebende ihr Leben nicht miteinander verbringen können. Und es gibt solche, die Mut machen, gerade weil zwei Menschen ihre Liebe nicht leben können. Zu letzteren gehört für mich Eine Liebe, in Gedanken.

Ohne jeden Kitsch erzählt Kristina Bilkau die Geschichte von Antonia und Edgar. Lässt uns teilhaben an dem Bangen und Hoffen. Und an der liebevollen Aufarbeitung der Vergangenheit durch Antonias Tochter.

Mich beeindrucken die Geschichten junger Frauen aus den Fünfzigern oder Sechzigern des letzten Jahrhunderts. Frauen, die stark sein mussten, weil ihnen noch unzählige Hindernisse in den Weg gelegt wurden. Sich diesen zu stellen und ihren eigenen Weg zu gehen, war mutig und nicht sehr angesehen, entsprachen sie damit doch nicht dem gängigen Familienmodell der damaligen Zeit.

Eine Liebe, in Gedanken von Kristina Bilkau ist ein wunderschönes Buch, das ich allen ans Herz lege, die sich für die Nachkriegszeit und der Rolle der Frau darin interessieren.

Kristina Bilkau

Kristine Bilkau, 1974 geboren, studierte Geschichte und Amerikanistik. Ihr erster Roman „Die Glücklichen“ fand ein begeistertes Medienecho, wurde mit dem Franz-Tumler-Preis, dem Klaus-Michael-Kühne-Preis und dem Hamburger Förderpreis für Literatur ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt. Sie lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

Buchinfo: Eine Liebe, in Gedanken von Kristine Bilkau, erschienen bei Luchterhand, März 2018, 256 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, € 20,00, ISBN: 978-3-630-87518-7