Claire Askew: Todesschweigen

Edinburgh im Mai. Ein Blutbad am Three Rivers College erschüttert die Stadt. Detective Inspector Helen Birch versucht, die Hintergründe der Tat aufzuklären und kämpft dabei gegen öffentliche Hetze und Spekulationen.

todesschweigenAlles sieht aus, wie ein ganz normaler Morgen am Three Rivers College. Der Gänge füllen sich langsam mit Studierenden, als plötzlich Schüsse durch das Gebäude hallen. Schreie gellen durch die Flure, Schüler und Lehrkräfte versuchen, sich in abschließbaren Räumen in Sicherheit zu bringen oder rennen auf den Hof. Bloß nicht dem Schützen in die Quere kommen.

Detective Inspector Helen Birch ist als eine der ersten am Einsatzort, wo sie nur zwei völlig überforderte Streifenpolizisten vorfindet. Während sie auf das Sondereinsatzkommando warten, dröhnen weitere Schüsse durch das Gebäude, gefolgt von Schreien und Rennen auf den Gängen. Dann ist Ruhe.

Als das SEK das Gebäude stürmt, sind dreizehn junge Frauen tot. Der Amokschütze hat sich mit seiner letzten Kugel selbst gerichtet.

2009 – Amoklauf in Winnenden

Todesschweigen hat mich auf ganz besondere Weise gepackt. Im März 2009 habe ich als Social Media Managerin einer großen süddeutschen Online-Community den Amoklauf in Winnenden hautnah miterlebt. Sowohl Opfer als auch Täter waren Mitglieder der Community.

In kürzester Zeit stürmte die Boulevardpresse die Plattform und bot öffentlich Geld für Bilder der Toten und Hintergründe zum Täter. Fotos der Opfer wurden ungehemmt verbreitet und schockten die Eltern der Getöteten am nächsten Morgen. Boulevardzeitungen hatten keine Hemmung, mit diesen Bildern aufzumachen.

In den Folgetagen wurden Gerüchte in die Welt gesetzt und eine Hexenjagd auf die Eltern des Amokläufers eröffnet. Selbst bei der nichtöffentlichen Beisetzung schreckte die Journaille vor nichts zurück. Menschen, von deren Häusern man freie Sicht auf den Friedhof hatte, wurde viel Geld geboten, wenn die Boulevardpresse während der Beerdigung von dort aus berichten und fotografieren durfte.

Die Polizei musste also nicht nur versuchen, die Hintergründe der Tat aufzudecken, um solche Situationen künftig besser vermeiden zu können. Sie musste dazu auch noch trauernde und schwer traumatisierte Schüler und Angehörige vor der Hemmungslosigkeit der Boulevardpresse schützen und so wertvolle Zeit und Energie “verschwenden”, die besser hätte verwendet werden können.

Todesschweigen ist harte Kost

Claire Askew lässt uns in Todesschweigen die Polizistin Helen Birch bei den Ermittlungen zu dem Amoklauf an dem Edinburgher College “begleiten”. Sie schildert die Ängste der Angehörigen, aber auch die Vorwürfe und Zweifel, die sie plagen. Hätten sie irgendwas tun können was ihren Kindern das Leben gerettet hätte? Diese Frage stellt sich nicht nur die Mutter des Täters. Und nicht alle übersteht eine solche Zeit. Ehen zerbrechen, Menschen sehen keinen Sinn mehr im Leben, weil sie ihre Kinder nicht schützen konnten.

Todesschweigen ist keine leichte Kost und gerade deswegen empfehle ich sie allen Leserinnen und Lesern. Denn dieses Buch kann dabei helfen, nichts zu bereuen, was man nicht getan oder gesagt hat, sollte ein Kind oder ein Elternteil plötzlich versterben.

Claire Askew hat mit Todesschweigen einen ganz besonderen Krimi abgeliefert.

Claire Askew

Claire Askew studierte an der University of Edinburgh Kreatives Schreiben und arbeitet neben der Schriftstellerei im Bildungsbereich. Sie wurde u.a. mit dem New Writers Award des Scottish Book Trust ausgezeichnet und für ihren Debütroman »Todesschweigen« mit dem Lucy Cavendish Prize. Claire Askew lebt in Edinburgh.

Buchinfo: Todesschweigen von Claire Askew, erschienen bei Goldmann, 19.11.2018, 528 Seiten, € 10,00, ISBN: 978-3-442-48842-1

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Corinna Mell: Marienfelde

Berlin Anfang der Fünfziger Jahre. Die 16-jährige Sonja profitiert vom Wirtschaftswunder im Westen der Stadt und hat klare Pläne für ihre Zukunft. Sie will nicht nur Ehefrau und Mutter sein, sondern auch ihr eigenes Geschäft führen. Als die DDR ihre Grenzen schließt, gerät ihr Leben ins Wanken.

MarienfeldeSonja kommt nach ihrer Großmutter, einer starken, unabhängigen Frau. Nach ihrem Tod scheint Sonjas Plänen nichts mehr im Wege zu stehen. Die alte Dame hat ihr einen beträchtlichen Geldbetrag vermacht, den sie für ihre beruflichen Pläne nutzen soll. Eine kaufmännische Ausbildung möchte sie machen und dann ihre Eltern im heimischen Fahrbetrieb unterstützen.

Willkommen auf der Bräuteschule

Als ihr Vater seine Chance nutzt, gemeinsam mit einem renommierten Autobauer ein florierendes Autohaus aufzubauen, muss Sonja ihr Pläne vorerst aufschieben. Weil von der Tochter eines erfolgreichen Autohändlers tadellose Manieren erwartet werden, soll sie nach der mittleren Reife auf eine angesehene “Bräuteschule” wechseln. Zähneknirschend fügt sich Sonja. Sie will den Eltern keine Steine in den Weg legen. Dass sie ausgerechnet hier zwei Menschen kennenlernt, die ihr Leben wesentlich beeinflussen werden, ahnt sie noch nicht.

17. Juni 1953. Von ihrem Onkel, einem überzeugten Anhänger Walter Ulbrichts, der im Osten der geteilten Stadt lebt, hat Sonja viel über soziale Gerechtigkeit und Ausbeutung gehört. Spontan beschließt sie, sich den Demonstrationen in der DDR anzuschließen. Tausende gehen für die Rechte der Arbeiter auf die Straße und werden von der Regierung Ulbricht brutal niedergeschlagen. Er schreckt auch nicht davor zurück, mit Panzern auf das eigene Volk zu zielen. Schockiert flüchtet Sonja zurück in den Westen.

So viel und doch so wenig hat sich getan

Corinna Mells Marienfelde hat mich von der ersten Seite an begeistert. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie wenig Möglichkeiten Frauen in den 50er Jahren noch hatten und welche Möglichkeiten uns heute offen stehen. Aber auch, wie viel noch zu tun ist. Gleicher Lohn für gleich Arbeit. Vereinbarkeit von Familie und beruflicher Entwicklung. Gute Versorgung und Ausbildung von Kindern, gerade auch für Alleinerziehende.

Mit den ersten Jahren der geteilten Stadt Berlin habe ich mich tatsächlich auch noch nie intensiver auseinander gesetzt. Als ich zur Welt kam, war die Mauer bereits der Status Quo. Klar wusste ich um die Repressalien und Bespitzelungen. Aber wie das Leben der Berliner vor dem Mauerbau aussah, war mir nicht präsent. Zum 70. Jahrestag der Bundesrepublik Deutschland die perfekte Lektüre.

Corinna Mell hat mit Marienfelde ein kluges und gleichzeitig emotionales Buch geschrieben, Das ich nur empfehlen kann.

Corinna Mell

Corinna Mell wurde Ende der fünfziger Jahre in der Nähe von Osnabrück geboren.

Ihre berufliche Laufbahn begann im Einzelhandel, und ihre ersten Versuche im kreativen Schreiben machte sie mit knapp 30 Jahren während der Schwangerschaft mit ihrer Tochter.

Corinna Mell lebt als freie Autorin in Berlin und in der Nähe von Köln. Ihre Begeisterung für Geschichte und Soziologie hat sie zu diesem Roman inspiriert.

Buchinfo: Marienfelde von Corinna Mell, erschienen bei Droemer, 27.12.2018, 480 Seiten, € 9,99, ISBN 978-3-426-30641-3. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Susanne Saygin: Feinde

Köln. Can und Simone von der Mordkommission werden zu einem mysteriösen Leichenfund gerufen. Die Spur führt ins Roma-Milieu. Zumindest auf den ersten Blick. Aber die Drahtzieher haben noch viel mehr Leichen im Keller. Ein politisch brisanter Wettlauf mit der Zeit beginnt.

9783453438897_CoverDer Tag fängt für die Polizisten Can und Simone gut an. Vor dem Wertstoffhof wurden zwei Tote gefunden, mit Paketband zu einer obszönen Inszenierung verbunden.

Schnell führen die Ermittlungen zum bulgarischen “Arbeiterstrich”, Menschen, die – häufig mit unklarem Bleibestatus – händeringend nach jeder Arbeit greifen. Tag für Tag.

Lohndumping, Zwangsprostitution, Gewalt

In der Stadt ist längst eine Dumpinglohn-Szene entstanden. Rumänen, Bulgaren, viele Sinti und Roma, die in Köln auf eine bessere Zukunft für sich und ihre Familien hoffen und dafür Armut, Verachtung und Einschüchterung erdulden. In Zusammenhang mit dieser Szene fallen immer wieder die gleichen Namen prominenter Kölner. Anhaben konnte man ihnen bisher nichts. Offensichtlich haben sie in der Stadt einflussreiche Freunde.

Doch Can lässt sich nicht abschütteln. Entgegen aller Anweisungen und Drohungen macht er sich auf die Suche nach Beweisen und geht damit ein hohes Risiko ein, das ihn nicht nur seinen Job sondern auch sein Leben kosten kann.

Ein tiefer Blick in menschenverachtende Netzwerke

Vermutlich hat jede und jeder von uns schon mal etwas vom sogenannten Arbeitsstrich gehört oder eine Reportage dazu gesehen. Gleiches gilt für die Zwangsprostitution von Kindern und Erwachsenen. Auch die Tatsache, dass die Opfer dieser Ausbeutung in den ärmsten Ländern rekrutiert, dass ihre Hoffnungen auf ein besseres Leben gnadenlos ausgenutzt werden, dürfte nicht neu sein.

Susanne Saygin hat all diese Informationsbrocken nach mehrjähriger Recherche zu einem beeindruckenden und beängstigenden Bild verwoben. Zwar betont Susanne Saygin, dass Handlungen und Personen frei erfunden sind und dass sie kein Sachbuch geschrieben hat, aber vieles aus Feinde kann ich mir erschreckend problemlos genau so vorstellen. Auch, dass prominente Verbrecher politisch gedeckt werden.

Diese Realität macht Angst

Feinde von Susanne Saygin hat mich abwechselnd traurig und wütend gemacht. Die Story hat mich frustriert und mir Angst gemacht. Weil sie so realistisch ist, weil sie Abgründe zeigt, für die ich mich im Alltag blind stellen kann, wenn ich es möchte. In diesem Buch werden sie so grell ausgeleuchtet, dass die Leserinnen und Leser sich ihnen stellen müssen. Was ich sehr gut und sehr wichtig finde, was aber empfindsame Gemüter vielleicht überfordern könnte.

Dafür bekommt Feinde von Susanne Saygin eine absolute Leseempfehlung von mir, auch wenn ich gegen Ende etwas irritiert war. Die Beziehung zwischen Can und Isa, seiner Mitbewohnerin wird erst sehr spät aufgerollt und das an einer Stelle, wo es den “Lauf” der Story für mein Empfinden unterbrochen hat.

Susanne Saygin

Susanne Saygin, geboren 1967, aufgewachsen im Rheinland, Geschichtsstudium in Köln und Cambridge, Promotion in Oxford. Danach Tätigkeit im akademischen Projektmanagement und in der freien Wirtschaft (u.a. im Umfeld der ersten deutschen Bundesliga). Die Autorin mit deutsch-türkischen Wurzeln hatte ihren Lebensmittelpunkt knapp zwanzig Jahre lang in Köln. Seit 2010 lebt und arbeitet sie in Berlin. Für ihren Debütroman »Feinde« hat die Autorin über fünf Jahre lang recherchiert.

Buchinfo: Feinde von Susanne Saygin, erschienen bei Heyne, 10.09.2018, 352 Seiten, € 12,99, ISBN: 978-3-453-43889-7. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Delphine de Vigan: Loyalitäten

Der zwölfjährige Théo ist selbstständig, fürsorglich und ein guter Schüler. Also alles prima? Nicht ganz. Denn Théo ist durch sein Bestreben, perfekt zu funktionieren, permanent überfordert. Entspannung sucht er im Alkohol.

LoyalitätenThéos Eltern sind geschieden, seine Mutter ist mit der Situation unglücklich und überfordert. Der Zwölfjährige hat früh gelernt, nicht aufzufallen, die Mutter nicht noch zusätzlich zu belasten. Im Gegenteil.

Fürsorglich achtet er darauf, keinen Anlass zum Streit zu geben. Selbst dann nicht, wenn er nach dem Wochenende von seinem Vater zurück kommt und die Mutter seinen Geruch nicht ertragen kann, so sehr ist sie verletzt.

Der Vater hat sich aufgegeben. Geht nicht mehr aus dem Haus, trinkt. Théo bemüht sich um Normalität, kauft ein, wäscht, macht die Betten.

Théo zahlt einen hohen Preis

Auch in der Schule verhält er sich still, ist ein guter Schüler. Doch nach und nach verändert er sich. Wird verschlossener, abwesender. Seine Lehrerin Hélène macht sich Sorgen um den Jungen stößt aber auf taube Ohren.

Nur Mathis, Théos einziger Freund, kennt sein Geheimnis. Théo trinkt und versucht so, seine innere Leere zu füllen. Doch wem soll sich Mathis anvertrauen? Kann er überhaupt seinen einzigen Freund verraten?

Schaut genau hin. Bitte!

Loyalitäten von Delphine de Vigan hat mich sehr bewegt. Viel zu oft verlangen wir unseren Kindern so viel ab, drängen sie in die Rolle Erwachsener. Vor allem dann, wenn der Partner oder die Partnerin stirbt, eine Beziehung zerbricht und wir den Streit vor den Kindern austragen. Sie wollen uns gefallen und alles richtig machen und gehen dabei selbst zugrunde. Häufig leise, still und so lange unbemerkt, bis es zu spät ist. Bis sie sich selbst verletzen, Zuflucht in Alkohol oder Drogen nehmen oder, als finale Lösung, ihrem Leben ein Ende setzen.

Delphine de Vigan zeigt aber auch, wie schwer es ist, Zugang zu leidenden Kindern und Jugendlichen zu finden und welche Hürden überwunden werden müssen. Sei es das Nicht-sehen-sollen oder Nicht-sehen-können der Angehörigen oder der juristische Dschungel. Und wie viele grundsätzlich hilfsbereite und aufmerksame Menschen aufgeben, weil sie am Ende ihrer eigenen Kraft ankommen.

Loyalitäten von Delphine de Vigan bekommt von mir ein großes Plus und eine klare Leseempfehlung. Egal, ob der Leser oder die Leserin mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, oder nicht.

Delphine de Vigan

Delphine de Vigan, geboren 1966, erreichte ihren endgültigen Durchbruch als Schriftstellerin mit dem Roman ›No & ich‹ (2007), für den sie mit dem Prix des Libraires und dem Prix Rotary International 2008 ausgezeichnet wurde. Ihr Roman ›Nach einer wahren Geschichte‹ (DuMont 2016) stand wochenlang auf der Bestsellerliste in Frankreich und erhielt 2015 den Prix Renaudot. Bei DuMont erschien 2017 ihr Debütroman ›Tage ohne Hunger‹. Die Autorin lebt mit ihren Kindern in Paris.

Übersetzung: Doris Heinemann

Buchinfo: Loyalitäten von Delphine de Vigan, erschienen bei DUMONT, 13.09.2018, 176 Seiten, gebunden mit Lesebändchen, € 20,00, ISBN 978-3-8321-8359-2. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Hanna Caspian: Gut Greifenau – Abendglanz

Hinterpommern im Mai 2013. Gut Greifenau steckt mitten im Umbruch. Der alte Patron ist tot, sein Sohn übernimmt formal die Verantwortung für Land und Leute. In Wahrheit verwaltet jedoch Konstantin, sein ältester Sohn, das Gut. Und Konstantin ist offen für Veränderungen. In vielerlei Hinsicht.

Gut GreifenauMai 2013. Konstantin, ältester Sohn des Grafen von Adolphis von Auwitz-Aarhayn, sieht endlich seine Chance gekommen, das Gut zu reformieren. Er will Maschinen anschaffen, um die schwere Feldarbeit zu erleichtern und vorzubeugen, sollte es wirklich zu dem viel diskutierten Krieg kommen. Denn dann würden viele der Pächter zu den Waffen gerufen und niemand könnte die Felder bewirtschaften.

Wie in adeligen Kreisen zu dieser Zeit üblich, stößt jede Änderung auf Unverständnis und Abwehr, egal ob im wirtschaftlichen oder im gesellschaftlichen Umfeld. Als sich Konstantin in die junge Lehrerin Rebecca Kurscheidt verliebt, ist ihm klar, dass er bei seiner Familie auf Widerstand stoßen wird. Seine Eltern werden der Verbindung mit einer Bürgerlichen niemals zustimmen. Zu sehr ist man dem alten Standesdünkel verhaftet. Kann Konstantin seine Liebe leben, oder machen ihm die gesellschaftlichen Regeln und der Krieg einen Strich durch die Rechnung?

Bin ich hier richtig?

Die ersten Seiten von Gut Greifenau – Abendglanz ließen mich zweifeln, ob ich mich für das richtige Buch entschieden habe. Der Auftakt der dreiteiligen Familiensaga fängt für mein Empfinden etwas behäbig an und ich war kurz davor, das Buch zur Seite zu legen.

Aber dann kam Rebecca Kurscheidt ins Spiel, eine junge, moderne Berlinerin, die hochmotiviert als Dorflehrerin ins pommersche Hinterland zieht. Rebecca ist überzeugte Sozialdemokratin und merkt sehr schnell, dass sie diese Überzeugung in der “Dorf-Idylle” nur sehr vorsichtig ausleben kann.

Es gibt immer noch viel zu tun

Immer wieder musste ich mir bewusst machen, dass das Gesellschaftsportrait eine Zeit beschreibt, die gerade mal gut 100 Jahre zurückliegt. Unvorstellbar, was Frauen vor drei bis vier Generationen noch alles verwehrt war, wie ungleich die Behandlung von Jungen und Mädchen war. Und dass immer noch viel Arbeit vor uns liegt.

Ich bin gespannt, wie es mit der Liebe der Kinder von Gut Greifenau weitergeht und freue mich auf Band zwei der Familiensaga Gut Greifenau – Nachtfeuer, der im Dezember 2018 erscheint.

Hanna Caspian

Hanna Caspian ist das Pseudonym einer erfolgreichen deutschen Autorin. Mit ihren gefühlvollen und spannungsgeladenen Familiensagas beleuchtet sie bevorzugt fast vergessene Themen deutscher Geschichte.

Hanna Caspian studierte Literaturwissenschaften, Sprachen und Politikwissenschaft in Aachen und arbeitete danach lange Jahre im PR- und Marketingbereich. Zuletzt war sie Anzeigenleiterin und Projektmanagerin in einem Fachverlag. Mit ihrem Mann lebt sie heute als freie Autorin in Köln, wenn sie nicht gerade durch die Weltgeschichte reist.

Buchinfo: Gut Greifenau – Abendglanz von Hanna Caspian, erschienen bei Knaur, 02.11.2018, 560 Seiten, € 9,99, ISBN: 978-3-426-52150-2. Danke für das Leseexemplar.

Nicole Neubauer: Scherbennacht

Brütend heißer Sommer in München. Ein Polizistenmord erschüttert die Münchner Mordkommission. Der erfahrene Drogenfahnder Leo Thalhammer wurde mit seiner eigenen Dienstwaffe erschossen. Die Kommissare Waechter und Brandl ermitteln und stoßen auf eine Mauer des Schweigens innerhalb der eigenen Reihen. War Thalhammer wirklich einem großen Skandal auf der Spur?

Scherbennacht von Nicole NeubauerErmittlungen in den eigenen Reihen sind für Polizisten immer eine besondere Herausforderung. Ausgerechnet Kommissar Waechters Team wird mit den Ermittlungen zum Mord an Drogenfahnder Leo Thalhammer gerufen. Er wurde tot in seinem Wagen aufgefunden. Erschossen mit seiner eigenen Dienstwaffe. War Thalhammer in der Drogenszene jemandem auf die Füße getreten und wurde dafür bestraft?

Wurde Thalhammer hingerichtet?

Oder gibt es andere Motive. Hinter vorgehaltener Hand wird gemunkelt, der Drogenfahnder sei einem großen Skandal auf der Spur gewesen. Und tatsächlich scheint er ein Doppelleben geführt zu haben. Waechter und sein Team nehmen die Fährte auf und geraten damit selbst ins Visier der Täter. Die Spuren führen immer wieder in die eigenen Reihen und stellen die Ermittler damit vor die Frage, wem sie überhaupt noch trauen können.

Eines vorweg, Scherbennacht ist der dritte Teil der Kommissar Waechter Reihe. Man muss die vorherigen Bände nicht gelesen haben, um sich schnell die aktuelle Story einzufinden. Allerdings hilft es, um den ein oder anderen Hinweis und die Eigenheiten der Charaktere Waechter und Brandl zu verstehen.

Skurrile Charaktere, ungewöhnliche Methoden

Diese sind alles andere als glatt gebügelt. Hier ermitteln richtige Originale mit reichlich Ecken und Kanten. Dass sie sich dabei nicht immer an den Dienstweg halten, versteht sich bei der Beschreibung eigentlich von selbst. Vermutlich gelingt es ihnen genau deshalb, den Fall aufzuklären, denn so kann ihnen innerhalb der eigenen Reihen niemand dazwischenfunken.

Und natürlich sorgen solche Charaktere für den nötigen Spaß beim Lesen. Durch ein Schmunzeln zwischendurch wird kein Krimi weniger spannend.

Von mir bekommt Scherbennacht von Nicole Neubauer deshalb eine Leseempfehlung!

Nicole Neubauer

Nicole Neubauer ist 1972 in Ingolstadt geboren und studierte englische Literaturwissenschaft und Jura in München und London. Nach zehn Jahren in einer Wirtschaftskanzlei arbeitet sie freiberuflich als Autorin, Rechtsanwältin und Lektorin. Sie ist Mitglied der »Mörderischen Schwestern e.V.« und der »Autorinnenvereinigung e.V.«.

Nicole Neubauer lebt mit ihrer Familie in München im Herzen Schwabings.

Buchinfo: Scherbennacht von Nicole Neubauer, erschienen bei blanvalet, 18.09.2018, 384 Seiten, € 9,99, ISBN: 978-3-7341-0451-0. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Silke Knäpper: Das Lieben der anderen

Eine Nacht im März. Helen ist auf dem Heimweg, als ihr vor dem Nachbarhaus eine Frau vor die Füße fällt. Unfähig die Polizei zu informieren, eilt sie heim und beobachtet vom Fenster aus einen Mann, der aus dem Nachbarhaus läuft, auf die Tote zugeht und dann davoneilt. In Helen reift ein grausamer Plan.

COV_KNAEPPER_ANDEREN_LHelen ist zutiefst unzufrieden mit ihrem Leben. Sie mag weder ihren hageren, flachbrüstigen Körper, noch ihr Leben ohne Höhen und Tiefen.

Nicht einmal das heiß ersehnte Baby hatte sich in diesem Körper einnisten und heranwachsen wollen. Robert, ihr Freund, hatte sie deshalb auch verlassen.

Sie hat alles, was ich nicht habe

Und dann lag da diese Frau. Auf den ersten Blick hat Helen erkannt, dass die Fremde alles hatte, wonach sie sich ihr Leben lang sehnte. Ein erfülltes und aufregendes Leben. Einen Mann, elegant und mit geschmeidigen Bewegungen, den sie mit Sicherheit sofort wiedererkennen würde.

In Helen reift ein Plan. Sie würde diesem Mann seine Frau ersetzen. Sie würde in ihr altes Leben schlüpfen und dafür sorgen, dass er ohne sie nicht mehr sein wollte und konnte. Minutiös organisiert sie ihr weiteres Vorgehen und wird zum ganz persönlichen Albtraum ihres Opfers.

Zweifellos im Wahn

Die Liebe der anderen von Silke Knäpper ist ein sehr besonderes Buch, das weit tiefer geht, als alles, was ich bislang zum Thema Stalking gelesen habe. Silke Knäpper lässt uns tief in die Seele einer Frau schauen, die unendlich unzufrieden und einsam ist. Sie nimmt uns mit auf die Reise dieses Menschen in den Wahn, eine andere werden zu wollen. Das Leben und die Position eines toten Menschen einnehmen zu wollen. Ohne Rücksicht auf Verluste und ohne die geringsten Zweifel, dass der Partner dieser Toten diesen Rollentausch akzeptieren wird. In der sicheren Überzeugung, dass dann alle Probleme gelöst sind. Dass ihr Leben endlich erfüllt und glücklich sein wird.

Als Außenstehende blickt man fassungslos auf den Verlauf, den Helens Plan nimmt. Mit welcher Nüchternheit sie Schritt für Schritt plant. Wie alles in ihren Augen völlig logisch aussieht. Und schüttelt dann den Kopf, weil man sich vergegenwärtigen muss, dass Helen die Menschen in ihrer Umgebung als Marionetten sehen muss, die ganz selbstverständlich ihrer Logik folgen müssen. Was sie natürlich nicht tun. Schließlich handelt es sich um eigenständig denkende Menschen mit ihren ganz eigenen Plänen und Vorstellungen.

Zwischen Krimi und Wahnsinn

Als Helen realisiert, dass sich die Dinge nicht so entwickeln werden, wie sie es in ihrer kranken Seele plant, wird sie zur Gefahr.

Die Liebe der anderen von Silke Knäpper ist ein wirklich wirklich tolles Buch. Ein bisschen Krimi aber ganz viel Psychologie und Wahnsinn. Dabei ganz leise, ohne große Erschütterungen und mit umso mehr Tiefgang. Von mir eine klare Leseempfehlung.

Silke Knäpper

1967 in Ulm geboren, studierte Romanistik, Germanistik und Anglistik in Wien, Freiburg und Köln.

Nach Lehrtätigkeiten in Saint-Cloud bei Paris und in London kehrte sie 2001 nach Neu-Ulm zurück, wo sie heute als Lehrerin an einem Gymnasium unterrichtet. Für eine Passage aus der Erzählung »Egal, wo man aufwacht« erhielt sie eine erste Auszeichnung beim Irseer Pegasus.

Bei Klöpfer & Meyer erschien 2012 ihr Roman »Im November blüht kein Raps«: »Ein eigen-sinniger Roman«, so Karl-Heinz Ott, »ein Debüt, das heraussticht«.

Buchinfo: Das Lieben der anderen von Silke Knäpper, erschienen bei Klöpfer&Meyer, August 2018, 236 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, € 22,00, ISBN 978-3-86351-474-7. Vielen Dank für das Leseexemplar.