Stephan Bartels: Vatertage

Simon soll 697,69 Euro Pflegebeteiligung für seinen Vater Michael Petersen bezahlen. Der Haken daran: Mit diesem Mann hat er in 39 Jahren kein einziges Wort gesprochen. Wutentbrannt fährt er zum Amt und erfährt, dass die knapp 700 Euro, die er künftig aufbringen soll, nur die Spitze des Eisberges ist.

Vatertage von Stephan BartelsWas entscheidet eigentlich darüber, wem man sich verwandt fühlt? Wem man sich zugehörig fehlt? Reicht es, dass sich im Stammbaum eine Verbindung herstellen lässt oder muss da mehr passieren?

Vor diesen Fragen steht Simon, als ihm ein offizieller Zahlungsbescheid ins Haus flattert. 697,69 Euro soll er künftig für die Pflege seines Vaters zahlen. Einen Vater, von dem er gerade mal den Namen kennt, den er dreimal im Leben für wenige Minuten gesehen und mit dem er nie ein Wort gewechselt hat.

700 Euro für einen Fremden?

697,69 Euro, die er sich überhaupt nicht leisten kann. Nicht jetzt, wo sich die Familie gerade ein Stadthaus in Hamburg gekauft hat und er sich die Elternzeit für die beiden Töchter mit seiner Frau teilt.

Der Familienrat tagt und Simon beschließt, direkt beim Amt Einspruch zu erheben. Warum muss er für einen Menschen zahlen, der Zeit seines Lebens keinen Cent für ihn bezahlt hat. Doch bei Sachbearbeiter Krusenbaum beißt er auf Granit. Vater ist Vater und bei den Geschwistern ist nun mal nichts zu holen. Geschwister? Welche Geschwister? Simon hat keine Geschwister…

Locker-flockig mit Einladung zum Tiefgang

Auf den ersten Blick kommt Vatertage von Stephan Bartels so locker leicht und flockig daher, doch kaum lässt man sich darauf ein, gerät man ins Grübeln. Wie würde ich selbst in so einem Fall reagieren? Und hätte ich den Mut, mich diesem Menschen, der mein Erzeuger ist, in seinen letzten Tagen oder Wochen zu stellen? Würde ich zähneknirschend zahlen, um mich der Situation nicht stellen zu müssen? Auch wenn ich in genau diese Situation nicht kommen kann, bei mir sind die Familienverhältnisse, zumindest was meinen Vater betrifft, klar, hat mich Stephan Bartels zum Nachdenken gebracht. Ist mein Verhältnis zu älteren Verwandten ok, so wie es ist? Werde ich vielleicht nach ihrem Tod bereuen, es nicht intensiviert zu haben?

Doch stopp, ich möchte ein wirklich unterhaltsames und charmant geschriebenes nicht unnötig tiefsinnig reden. Vatertage ist sehr gelungene Unterhaltung und ein wirklich tolles Buch für den Sommerurlaub oder entspannte Stunden auf dem Balkon oder am See.

Kauft es, lest es und wundert euch, welche Kapriolen das Leben schlagen kann!

Stephan Bartels

Stephan Bartels, geboren 1967, freier Journalist, hat sich mit Texten für Stern, Die Zeit, Brigitte und Barbara einen Namen gemacht. Er ist Vater eines erwachsenen Sohnes und lebt in Hamburg.

Buchinfo: Vatertage von Stephan Bartels, erschienen bei Heyne, 10.04.2018, 368 Seiten, € 12,99, ISBN: 978-3-453-43898-9. Danke für das Leseexemplar.

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Wandern mit Hund – 40 Routen rund um Stuttgart

Wandern mit dem Hund setzt einiges an Planung voraus. Im Großraum Stuttgart hat Martin Kuhnle wanderfreudigen Hunderbesitzern viel Arbeit abgenommen. 40 Touren hat er auf Praxistauglichkeit für Mensch und Hund getestet und dabei auch Notfalladressen wie die nächste Tierarztpraxis nicht vergessen.

Rother Wanderbuch_Wandern mit Hund Stuttgart_CoverWarum empfehle ich als ausgewiesene Katzenfrau ein Hundebuch? Ganz einfach, weil ich es toll finde. Martin Kuhnle hat 40 Routen rund um Stuttgart mit seinem eigenen Vierbeiner getestet und für gut befunden. “Rund um Stuttgart” hat er dabei ziemlich weit gefasst:

  • Es geht von Welzheim nach Reichenbach/Fils.
  • Vom Hohenneuffen in den Schönbuch.
  • Von Mühlacker ins Zabergäu.
Blauer Fuß und blaue Pfote – easy going!

Fuß- und Pfotenabdrücke geben den Schweregrad jeder Tour an. Blau ist leicht, rot anspruchsvoll und schwarz für die Profis. Auch das eine wertvolle Hilfe, denn nicht jede Strecke ist für Mensch und Hund gleich gut geeignet.

Höhenprofile und Rundenlänge erleichtern die Wahl der passenden Strecke. Auch für mich ohne Hund habe ich mindestens zwei Strecken gefunden, die ich mir demnächst näher ansehe.

Essen und Trinken und so

Wandern macht hungrig und durstig, nicht nur den Menschen. Deshalb fehlt auch der Hinweis auf Wasserstellen, Einkehrmöglichkeiten und Übernachtungen nicht. An dieser Stelle hätte ich mir die Information gewünscht, ob in den Hotels oder Pensionen Hunde erlaubt sind. Wobei sich das mit Pächterwechsel ja wieder ändern kann. Vielleicht hat Martin Kuhnle deshalb “nur” darauf hingewiesen, dass man vorher anrufen soll.

Wenn es mal nicht rund läuft

Auch an den Dorn in der Pfote oder die vergessene Decke für den Hund hat der Autor gedacht und die Adresse der nächstgelegenen Tierarztpraxis und des Tierbedarfsladens recherchiert.

Wandern mit Hund – Rund um Stuttgart finde ich sehr durchdacht und eine tolle Idee für alle, die die Natur gemeinsam mit ihrem Hund genießen wollen.

Ja, aber ich wohne doch nicht in Stuttgart

Du wohnst nicht in Stuttgart, sondern im Elbsandsteingebirge, in Südtirol, im Schwarzwald, in den Bayerischen Alpen? Kein Problem. Auch dafür hat der Bergverlag Rother den passenden tierischen Wanderführer. Und die Liste wächst weiter, lässt sich aber leider nicht direkt verlinken. Einfach “Wandern mit Hund” in die Suche eingeben und ihr findet alle.

Und wem das alles nicht reicht, der sollte sich mal auf vawidoo.com umschauen. Da dreht sich alles um Urlaub im Rudel.

Martin Kuhnle

Der anerkannte private Musikerzieher und ausgebildete Wanderführer Martin Kuhnle ist grenzenlos naturverbunden. Er lebt am Schwarzwald-Nordrand und ist, ausgestattet mit Diktiergerät und GPS-Empfänger, fast ständig im Schwarzwald unterwegs – gerne auf mehrtägigen Trekkingtouren. Outdoor schöpft er stets neue Energien. Im Schwarzwald ebenso wie in den Alpen findet er den idealen Ausgleich zu seinen übrigen Tätigkeiten. Mit seinen Wanderführern lädt er dazu ein, das höchste deutsche Mittelgebirge zu entdecken und auf teils abenteuerlich verschlungenen Pfaden durch eine grandiose Naturlandschaft zu wandern. Außer den Wanderführern sind von Martin Kuhnle bereits mehrere Musikbücher erschienen.

Buchinfo: Wandern mit Hund – Rund um Stuttgart von Martin Kuhnle, erschieben bei Bergverlag Rother, März 2018, 176 Seiten mit 154 Farbabbildungen, GPS-Tracks zum Download, € 16,90, ISBN 978-3-7633-3180-2

Hendrik Berg: Schwarzes Watt

Ina freut sich auf den geplanten Familienurlaub an der Nordsee. Raus aus dem stickigen Köln und sich den Seewind um die Nase wehen lassen. Doch ihr ganz persönliches Grauen holt sie ein: Vor einem Café sieht sie den Mörder ihrer Schwester. Und dieses Mal will sie ihn wirklich hinter Schloss und Riegel sehen.

Schwarzes Watt von Hendrik BergVor zwanzig Jahren wurde Inas Schwester Nelly in Hamburg brutal erschlagen. Gemeinsam wollten sie den Sommerabend mit einem Cocktail in der Strandbar genießen. Auf der Suche nach Ruhe haben sie sich ein Plätzchen etwas abseits vom großen Rummel ausgesucht. Als Ina mit den Getränken zurück ist, reagiert Nelly nicht auf ihre Rufe, denn Nelly ist tot. Mit einem Stein erschlagen, während Ina sich an der Theke kurz verplaudert hat. Noch heute, zwanzig Jahre später, gibt sich Ina die Schuld am Tod ihrer Schwester.

Ausgerechnet im heiß ersehnten Urlaub glaubt Ina, den Mörder von damals vor einem Café zu erkennen. Dieses Mal ist sie sich ganz sicher. Wie die vielen Male vorher auch. Geduldig und behutsam versucht ihr Mann sie zu beruhigen. Aber Ina gibt nicht nach. Nicht dieses Mal. Die Polizei muss sie unterstützen, muss den Mann, den sie vor zwanzige Jahren kurz in einem aufzuckenden Blitz gesehen und seither nie wieder vergessen hat, dingfest machen. Mord verjährt nicht.

Warum glaubt mir niemand?

Aber kann sie die Polizei überzeugen, ihr zu helfen? Schließlich ist es nicht ihr erstes, vermeintliches Déjà Vu. Und tatsächlich wird ihr Anliegen schnell als Spinnerei einer Frau abgetan, die mit der Vergangenheit nie abschließen konnte. Vor allem, weil es sich bei dem angeblichen Mörder um ein angesehenes Mitglied der Gemeinde handelt.

Ehe Ina auf eigene Faust Nachforschungen startet, beschließt Kriminalkommissar Theo Krumme, der Sache nachzugehen. Und sei es nur, damit Ina wieder zur Ruhe kommt.

Spinnt sie oder hat sie den Mörder wirklich wiedererkannt?

Schwarzes Watt von Hendrik Berg hat mich gefesselt. Beim Lesen war ich hin- und hergerissen, ob ich Ina glauben soll oder nicht. Wer den Mord eines Familienmitglieds hautnah erlebt hat und sich selbst die Schuld daran gibt, trägt ein enormes Paket mit sich herum. Es wäre also durchaus vorstellbar, dass ihre Erinnerung sie narrt.

Die Auflösung ist sehr überraschend und etwas spooky. Aber so ist es nun mal bei den Küstenbewohnern. Da gibt es Dinge zwischen Himmel und Erde, die sich nicht ganz einfach erklären lassen.

Von mir bekommt Schwarzes Watt eine Leseempfehlung.

Hendrik Berg

Hendrik Berg wurde 1964 in Hamburg geboren. Nach einem Studium der Geschichte in Hamburg und Madrid arbeitet er zunächst als Journalist und Werbetexter. Seit 1996 verdient er seinen Lebensunterhalt mit dem Schreiben von Drehbüchern. Er wohnt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Köln.

Buchinfo: Schwarzes Watt von Hendrik Berg, erschienen bei Goldmann, 19.03.2018, 368 Seiten, € 10,00, ISBN: 978-3-442-48728-8

Petra Hammesfahr: Als Luca verschwand

Stell dir vor, du lässt dein schlafendes, winterlich warm eingepacktes Kleinkind im Kinderwagen nur ganz kurz vor dem Laden stehen. Weil es drinnen immer so warm ist. Und du auch schnell zurück sein wirst. Doch wenn du zurück kommst, ist der Wagen leer, dein Kind verschwunden. Wie reagierst du?

Als Luca verschwand von Petra HammesfahrDie junge Mel will nur kurz in den Drogeriemarkt. Doch was soll sie mit Baby Luca machen? Endlich ist Kleine eingeschlafen. Und im Laden ist es immer so heiß. Wenn sie ihm seine Mütze und die warme Winterjacke auszieht, wird er aufwachen und quengeln. Wie schon den ganzen Vormittag. Was soll schon passieren, wenn sie den Wagen kurz in die schwer einsehbare Nische stellt und mit ihrem älteren Sohn, dem dreijährigen Max, schnell im Laden verschwindet?

Luca ist mein Sohn!

Anni Erzig hat harte Zeiten hinter sich. Erst starb ihr Mann, ein Jahr später dann auch ihr über alles geliebter kleiner Sohn. Dass er für immer verschwunden sein soll, will sie nicht wahrhaben. Anni glaubt an seine Wiedergeburt in einem anderen Körper, wie es der Buddhismus lehrt. Das gibt ihr Halt. Doch wie soll sie erkennen, welches “ihr” Kind ist? Und wie soll sie sich ihm nähern?

Wenig überraschend verdächtigt die Polizei die überall als verschroben aber harmlos bekannte Anni als Erste, als der kleine Luca spurlos verschwindet. Sie war eindeutig in der Nähe des Kinderwagens. Das beweisen die Traubenzucker-Lollies, die sie gerne an kleine Kinder verteilt. Aber hat sie auch Luca entführt? So recht vorstellen kann es sich niemand, denn auch die Familie des Jungen verstrickt sich immer tiefer in Widersprüche.

Ein Blick in den Abgrund kranker Hirne

Petra Hammesfahr, immer für Spannung und besondere Themen gut

Schon seit Jahren lese ich Petra Hammesfahr sehr gerne, einiges von ihr habe ich auch in meinem Blog besprochen. Ich mag es, dass ihre Bücher nicht immer dem Mainstream folgen und thematisch überraschen. Und ich liebe ihre Fähigkeit, die Spannung hoch zu halten.

Auch Als Luca verschwand habe ich gerne gelesen. Allerdings war es mir an manchen Stellen zu langatmig und die persönliche Verstrickung von Kommissar Klinkhammer in den Fall hat mir nicht so gut gefallen. Trotzdem empfehle ich Als Luca verschwand von Petra Hammesfahr gerne weiter. Das Thema ist einfach besonders und die Auflösung wirklich sehr speziell. Wieder einmal lässt die Autorin ihre Leserinnen und Leser in die Abgründe kranker Hirne schauen und zeigt sehr eindringlich, dass immer in alle Richtungen ermittelt werden muss.

Tolles Buch!

Petra Hammesfahr

Petra Hammesfahr wurde mit ihrem Bestseller “Der stille Herr Genardy” bekannt. Seitdem erobern ihre Spannungsromane die Bestsellerlisten, werden mit Preisen ausgezeichnet und erfolgreich verfilmt, wie aktuell “Die Sünderin”. Der Roman wurde unter dem Titel “The Sinner” mit Jessica Biel in der Hauptrolle als erfolgreiche Netflix-Serie produziert.

Buchinfo: Als Luca verschwand von Petra Hammesfahr, erschienen bei DIANA, 13.03.2018, 496 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 20,00 €, ISBN: 978-3-453-29209-3

Ali Land: Ich bin böse

Vererbt sich das Böse? Milly ist die Tochter eine Serienmörderin. Steckt deshalb das Böse auch in ihr oder hat sie die Wahl? Kann ein liebevolles Umfeld erlittene Verletzungen auslöschen?

Ich bin boese von Ali LandMilly ist 15 als die Familie das Psychiaters Mike Newmont sie aufnimmt. Vorübergehend, bis der Prozess gegen ihre Mutter, eine pädophile Serienmörderin, vorbei ist. Milly wird aussagen, als Kronzeugin gegen die Frau, die ihr das Leben zur Hölle gemacht hat. Doch nichts läuft, wie es soll. Milly fasst nicht richtig Fuß. Weder bei den Newmonts noch in der Schule, beim Sport oder in der sozialen Interaktion mit anderen Jugendlichen.

Verhaltensauffällige Kinder als Forschungsobjekt?

Die Situation eskaliert, als in Newmonts leiblicher Tochter die Eifersucht wächst. Seit Jahren muss sie sich mit verhaltensauffälligen Jungen und Mädchen arrangieren, die bei ihren Eltern Unterschlupf finden. Kinder, denen ihr Vater sehr viel Aufmerksamkeit widmet, weil sie seinen Forschungsarbeit voran bringen.

Ali Land hat mit “Ich bin böse” ein sehr spezielles Buch abgeliefert. Nicht nur, weil die perverse Grausamkeit von Millys Mutter für normale Menschen unvorstellbar ist, sondern auch, weil es immer wieder Situationen gibt, deren wirklicher Ablauf der Phantasie der Leser überlassen bleibt.

Kann man Vertrauen lernen?

Damit spielt die Autorin mit dem Stigma des Bösen. Kann man sich ihm entziehen, wenn es seit der Kindheit Teil des Lebens ist? Oder haben diese Kinder keine Chance auf eine glückliche, unbeschwerte Zukunft? Und wie ist es mit dem beiderseitigen Vertrauen, wenn sie in eine neue Familie kommen?

Ein sehr spannendes und besonderes, manchmal auch gruseliges Buch.

Ali Land

Ali Land hat Psychologie studiert, ihr Hauptforschungsgebiet war die Psyche von Heranwachsenden, und ihre Doktorarbeit trägt den Titel „Children Who Kill“. Für ihren ersten Roman „Ich bin böse“ hat sie sich von „Der Herr der Fliegen“, „Die Wespenfabrik“ und dem wahren Fall der britischen Serienmörderin Rosemary West inspirieren lassen.

Buchinfo: Ich bin böse von Ali Land, erschienen bei Goldmann, Februar 2017, 352 Seiten, € 9,99, ISBN: 978-3-442-48456-0

Daniel Wolf: Die Gabe des Himmels

Varennes im Jahre 1346. Adrien Fleury, Kaufmannssohn aus Varennes, studiert in Montpellier Medizin. Arzt will er werden. Den Menschen helfen. Bei seiner Rückkehr erkennt er seine Heimatstadt kaum wieder. Überall herrscht Aufruhr und Unruhe. Das einfache Volk geht auf die Barrikaden gegen Unterdrückung und Armut. Noch ahnen sie nicht, dass Ihnen das Schlimmste noch bevorsteht.

Die Gabe des Himmels von Daniel WolfAdrien Fleury will Arzt werden und den Menschen helfen. Als erster der Familie hat er es zum Studium gebracht. Doch ist die theoretische und in seinen Augen veraltete Ausbildung an der Universität Montpellier wirklich das, was ihn seinem Ziel näher bringt? Adrien opponiert und wird von der Hochschule verwiesen.

Um seinen Lebensunterhalt zu sichern, verdingt er sich bei einem erfahrenen Wundarzt. Und tatsächlich findet er hier seine Berufung. Im direkten Einsatz am Menschen, nicht im bedeutungsvollen Salbadern aus sicherer Entfernung, wie das bei den Doctores der Universität üblich ist.

Wer wird der Seuche Herr?

Oktober 1346. Adrien ist zurück in Varennes. Fast erkennt er die Stadt nicht wieder. Wut und Unzufriedenheit hat sich breit gemacht. Die Zünfte wehren sich gegen die Ausbeutung durch die Patrizier. Täglich machen neue Berichte über blutige Auseinandersetzungen die Runde.

Als erste Berichte über eine tödliche Seuche namens Pest die Runde machen, suchen die Bewohner von Varennes nach einem Sündenbock. Sie finden ihn – vermeintlich – in der jüdischen Gemeinde der Stadt. Nur durch eine List können sich die Bewohner, darunter auch Léa, Tochter des Apothekers und erfahrene Heilerin, retten.

Gemeinsam mit Adrien und den verbliebenen Wundärzten der Stadt nimmt Léa den Kampf gegen die neue Krankheit auf. Es wird auch ein Kampf um ihre Liebe. Einer Liebe zwischen einer Jüdin und einem Christen.

Wolfs Erzähltalent – Eine Gabe des Himmels!

Eine Gabe des Himmels ist auch Daniel Wolfs neuer Roman. Spannend und packend von der ersten Seite an. 960 Seiten, die mir nie langweilig oder zu langatmig waren.

Aus wechselnden Perspektiven wird das Leben im Mittelalter geschildert:

  • Adrien Fleury nimmt uns mit in seine Vorlesungen in Montpellier, zeigt uns das blasierte Auftreten der Gelehrten und ihr hilfloses Gestammel im medizinischen Alltag. Mit Neugier und Mut begegnet er dem Schrecken der Pest und überschreitet bei der Versorgung der Kranken immer wieder neue Grenzen. Dass er damit Leben rettet, ist nicht für alle ein ausreichendes Argument.
  • Léa übernimmt in der Apotheke ihres Vaters früh Verantwortung. Ihre verstorbene Mutter war eine begnadete Heilerin und hat ihr Wissen früh an sie weitergegeben. Dass sie Jüdin ist, lassen sie vor allem die Reichen der Stadt bei jeder Gelegenheit spüren. Doch Léa lässt sich nicht unterkriegen. Während der Pestepidemie kämpft sie an Adriens Seite um jedes Leben, egal welchen Glaubens es ist. Und sie kämpft um ihre Liebe.
  • César Fleury, Adriens Bruder, ist erfolgreicher Kaufmann. Das Familienunternehmen ist unter seiner Leitung aufgeblüht. Gelitten haben darunter die Weber und Färber der Stadt, die er gnadenlos ausbeutet, bis es zum Aufstand kommt. Als ihm die Pest Frau und Kinder nimmt, besinnt er sich auf die wichtigen Dinge des Lebens: Seine verbleibende Familie und endlich wieder Frieden in Varennes.
  • Bénédicte Marcel ist Bürgermeister in Varennes. Mit aller Kraft versucht er zwischen Zünften und Patriziern zu vermitteln, doch vergebens. Einer der Räte rottet sich mit dem Pöbel zusammen, gemeinsam lynchen sie Bénédicte und geben damit die Stadt zur Plünderung frei.
  • Luc Duchamps ist Zunftmeister der Knochenhauer und Kürschner. Für seine dunklen Machenschaften wird er mit der Acht belegt. Ein Jahr und einen Tag darf er die Stadtmauern nicht betreten. Als die Pest in Varennes wütet, taucht er wieder auf. Angeblich geläutert und als Kopf einer Gruppe von Flagellanten, die ihr weltliches Leben hinter sich gelassen haben. Seine Intrigen kosten die Juden von Varennes fast das Leben.

Das sind nur einige der wichtigsten Charaktere aus fast 1000 Seiten grandiosem Mittelalter-Epos. Damit man beim Lesen immer den Überblick behält, hat Daniel Wolf seinem Buch eine Übersicht der Protagonisten, einen Stadtplan von Varennes, sowie eine Karte des Heiligen Römischen Reiches im 14. Jahrhundert vorangestellt.

An dieses Buch “verschwendet” man gerne ein Wochenende

Ihr könnt es euch schon denken, Die Gabe des Himmels von Daniel Wolf bekommt von mir ein klares Daumen hoch! Ein wirklich toller historischer Roman, den ich jedem nur ans Herz legen kann. Lasst euch nicht vom Umfang abschrecken, das Buch liest sich prima und ist nie langweilig.

Glaubt ihr nicht? Dann schaut euch die Leseprobe an.

Daniel Wolf

Daniel Wolf ist das Pseudonym von Christoph Lode. Der 1977 geborene Schriftsteller arbeitete zunächst u.a. als Musiklehrer, in einer Chemiefabrik und in einer psychiatrischen Klinik, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Mit den historischen Romanen “Das Salz der Erde”, “Das Licht der Welt” und “Das Gold des Meeres” gelang ihm der Sprung auf die Bestsellerlisten. Der Autor lebt in Speyer.

Buchinfo: Die Gabe des Himmels von Daniel Wolf, erschienen bei Goldmann, 19.03.2018, 960 Seiten, € 9,99, ISBN: 978-3-442-48319-8. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Karosh Taha: Beschreibung einer Krabbenwanderung

Sanaa ist zweiundzwanzig. Sie studiert, hat einen Freund, raucht heimlich. Ein ganz durchschnittliches junges Mädchen in Deutschland also. Wären da nicht ihre Familie und die Altlasten, die sie als Kurden aus dem Irak mitgebracht haben.

RZ_U1_KTaha_Krabbenwanderung.inddSanaa war noch klein, als sie mit ihren kurdischen Eltern vom Irak nach Deutschland kam. Europa war immer der große Traum ihres Vater Nasser und er hat ihn wahr gemacht. Doch was hat sich wirklich für ihn geändert? In Deutschland lebt er in einem Viertel, das fast ausschließlich von Kurden bewohnt wird. Die Männer gehen zur Moschee, ins Café oder die Spielothek.

Währenddessen bleiben die Frauen weitestgehend unter sich. Gemeinsam gehen sie zum Einkaufen, sitzen auf dem Balkon oder im Wohnzimmer, trinken Chai, rauchen und schwelgen in Erinnerungen an die Sonne im Irak. Deutsch lernen sie dabei nicht. Glücklich sind sie aber auch nicht.

Gezwungen in ein Doppelleben

Zwischen allen Stühlen sitzen ihre Kinder. Sie sind in Deutschland angekommen, sprechen die Sprache, möchten mitten drin stehen, nicht nur am Rand. Aber sie tragen die Bürde ihrer Familie, das Stigma der “Fremden”.

So geht es auch Sanaa. Sie studiert, hat einen Freund, hat Sex, raucht heimlich, lebt ihr Leben. Meistens. Denn da gibt es auch die andere Seite. Die Träume, die sie nachts verfolgen. Die Verantwortung für ihre depressive Mutter, die sie nicht abschütteln kann. Die Kontrolle durch die “Tanten” im Haus. Alles zwingt Sanaa in ein Doppelleben.

Die Situation eskaliert, als die “Tanten” Sanaa nach kurdischer Sitte mit einem ihrer Söhne verheiraten wollen.

Lasst die Kinder doch ankommen

Siedlungen wie die, in der Sanaa lebt, gibt es überall auf der Welt, auch in Deutschland. Siedlungen, in denen man sich von der Umgebung komplett abschotten kann. Wenn man das will.

Problematisch wird es, wenn man das nicht will. Vor allem für Mädchen und Frauen. Denn dann werden sie in ein Doppelleben gezwungen. Außerhalb ihrer Siedlung sind sie angekommen, leben das Leben ihrer neuen Heimat. Zumindest versuchen sie es. Ganz abschütteln können sie die Verantwortung für die entwurzelte Familie aber nie.

Das Thema ist mir so oft begegnet. In der Schule, ein Mädchen immer so viel entspannter war, wenn sie bei uns zu Besuch war und so völlig anders, wenn wir bei ihr daheim waren. Im Studium, wenn wir bei Freunden feierten und die Nacht durchmachen wollten. Wieder gab es eine junge Frau von 22 oder 23, die heim musste, weil es sonst Stress mit den Eltern gegeben hätte. Wenn man das Alibi für eine junge Frau war, die gerne etwas mit ihrem Freund, von dem die Eltern natürlich nichts wussten, allein unternehmen wollte.

Können wir den emotionalen Zwiespalt überhaupt nachvollziehen?

Für mich war es damals unverständlich, wieso man seinen Eltern nicht erklären kann, dass man mit Anfang 20 eine Nacht außer Haus schlafen wollte. Dass man als Mädchen von den Eltern oder Brüdern der Freundin völlig anders behandelt wurde als die eigene gleichaltrige Tochter.

Sanaas Geschichte hätte mir damals geholfen, zu verstehen, was da passiert. Karosh Taha hat sie in einer perfekten Mischung aus Frustration und Zärtlichkeit, Empfindsamkeit und Wut erzählt. Sie gestattet ihren Lesern damit einen tiefen Einblick in das Schicksal von Menschen, die zwischen den Welten leben.

Von mir ein klares Daumen hoch!

Karosh Taha

Karosh Taha wurde 1987 in der Kleinstadt Zaxo im Nordirak geboren. Seit 1997 lebt Karosh Taha mit ihrer Familie im Ruhrgebiet und hat an der Universität Duisburg-Essen sowie in Kansas/USA Anglistik und Geschichte auf Lehramt studiert. Für ihre Leistungen und ihr soziales Engagement erhielt sie mehrere Stipendien, darunter das Studienstipendium der Heinrich-Böll-Stiftung. “Beschreibung einer Krabbenwanderung” ist ihr erster Roman.

Buchinfo: Beschreibung einer Krabbenwanderung von Karosh Taha, erschienen bei Dumont, 12.03.2018, 250 Seiten, gebunden mit Lesebändchen, € 22,00, ISBN 978-3-8321-9880-0. Auch als eBook erhältlich. Vielen Dank für das Leseexemplar.