Grätz/Kupfer: Die fabelhafte Welt der Ameisen

Ameisen sind arbeitssam, sozial, organisiert. Wie ausgeprägt diese Fähigkeiten sind, erklärt Ameisenumsiedlerin Christina Grätz in ihrem Buch Die fabelhafte Welt der Ameisen. Mich hat sie damit überrascht und begeistert.

Vor zwei oder drei Jahren hatte ich Ameisen auf meinem Balkon im dritten Stock. Winzig kleine aber extrem lästige Tierchen, die es vor allem auf die arme Katze abgesehen hatten. Ich war angemessen genervt, habe versucht, die Ursache für ihren Einzug auf meinem Balkon zu finden und zu entfernen. Habe ihnen gut zugesprochen, dass wir uns doch am besten im Guten trennen sollten. Alles umsonst. Erst die Köderdose hat geholfen, so ungern ich das sage. Hätte ich damals bereits Die fabelhafte Welt der Ameisen von Christina Grätz gelesen, hätte ich mir die Tierchen und ihre Aktivitäten vermutlich mit anderen Augen angesehen.

Mit Ameisen habe ich mich bislang nie wirklich befasst. Wenn sie mich in Ruhe lassen, lasse ich sie in Ruhe. Sehe ich irgendwo ein Ameisenstraße, wie zum Beispiel vor Jahren bei meinen Vermietern in der Wohnung, als sie im Urlaub waren, suche ich das Ziel, in diesem Fall eine Dose mit Bonbons, und bringe es in den Garten. Spätestens nach zwei Tagen waren die Ameisen aus der Wohnung. Eben weil sie so prima organisiert sind und sich gegenseitig informieren, dass die leckere Futterstelle verschwunden ist.

Berufswunsch: Ameisenumsiedlerin

Ob ich allerdings auf die Idee gekommen wäre, eine Ameisenumsiedlerin wie Christina Grätz zu rufen, wenn ich im Garten ein Ameisennest gefunden hätte, bezweifele ich. Bis ich Die fabelhafte Welt der Ameisen gelesen habe, wusste ich nicht mal, dass es sowas gibt. Mit ihrer Arbeit hat mir Christina Grätz einen neuen Blick auf die Tierchen eröffnet.

Die Vielfalt, die individuellen Besonderheiten jeder einzelnen Art, alles beschreibt Christina Grätz liebevoll und kompetent.

  • Da gibt es die Stämme, die einem Käfer Unterschlupf in ihrem Nest gewähren, weil der Sekrete absondert, die die Ameisen süchtig machen. Droht dem Nest Gefahr, werden die “Drogendealer” noch vor der Königin gerettet.
  • Andere Stämme haben “Ambulanzen”, die nach einem Gefecht mit einem anderen Stamm ausziehen, die eigenen Verletzten im Sinne der Triage sichten und leicht bis mittelschwer verletzte Schwestern ins Nest tragen. Dort werden sie gesund gepflegt. Mit überzeugendem Erfolg, wie die Wissenschaft inzwischen gezeigt hat. Die Opferzahlen sinken drastisch im Vergleich zu anderen Stämmen, die dieses Verhalten nicht zeigen.

Christina Grätz hat mich mit Die fabelhafte Welt der Ameisen berührt und begeistert. Auf jeder Seite spürt man die Leidenschaft, mit der sie ihren Traumberuf ausübt. Gleichzeitig vermittelt sie wissenschaftlich fundiertes Wissen aus der Welt der Ameisen. Die entsprechenden Abschnitte sind besonders gekennzeichnet.

Danke für dieses Buch, Frau Grätz. Ich finde es toll!

Christina Grätz

Christina Grätz, geboren 1974, ist Diplom-Biologin und dreifache Mutter. Sie lebt in einem kleinen Dorf in der Niederlausitz, ist Unternehmerin und hat bereits über 1.300 Ameisennester in ihrer Laufbahn als Ameisenhegerin umgesiedelt, eines davon sogar auf ihren Hof. Ihre Tätigkeit als Ameisenumsiedlerin erregte im Jahr 2017 besondere mediale Aufmerksamkeit. Beiträge über die Umsiedlung von fast 200 Nestern am Berliner Ring waren deutschlandweit in den Printmedien und im Radio, aber auch in großen Fernsehsendern (ARD-Morgenmagazin, ZDF-Mittagsmagazin, ProSieben Galileo, RTL Aktuell) vertreten.

Manuela Kupfer

Manuela Kupfer, geboren 1968, ist Diplom-Biologin. Sie studierte an den Universitäten Würzburg und Marburg und arbeitet seit 20 Jahren freiberuflich als Lektorin und Fachredakteurin im Bereich Naturwissenschaften und Gesundheit. Ihr Interesse an sozialen Insekten hat sprunghaft zugenommen, seit sie selber Honigbienen hält. Und nachdem sie mehrere Ameisenumsiedlungen begleiten konnte, haben es ihr die emsigen Krabbeltiere ebenfalls angetan.

Buchinfo: Die fabelhafte Welt der Ameisen von Christina Grätz und Manuela Kupfer, erschienen bei Gütersloher Verlagshaus, 20. März 2019, 288 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 20,00 Euro, ISBN 978-3579087283. Vielen Dank für das Leseexemplar.

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Marc Elsberg: Gier

Sparpakete, Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskrise – die Welt leidet unter den Folgen der Digitalisierung. Zeit, dass sich das Volk zu Wehr setzt und um mehr Gerechtigkeit kämpft. Marc Elsberg hat mit Gier wieder Szenarien konsequent weiter gedacht und spannend verpackt.

GIERWie weit wuerdest du gehen von Marc ElsbergBerlin. Bei einem Sondergipfel treffen sich die Reichen und Einflussreichen der Welt, um die größte Wirtschaftskrise aller Zeiten abzuwenden. Oder zumindest für sich selbst den größtmöglichen Gewinn daraus zu ziehen.

Vor dem Veranstaltungsgelände organisiert sich der Widerstand. Die Menschen haben es satt, von einer Wirtschaftskrise in die andere getrieben zu werden. Ein Leben zu leben, das zunehmend weniger Sicherheit bietet. Aus aller Welt sind sie angereist, um ihre Meinung zu äußern.

Wohlstand für alle ist möglich

Auch der renommierte Nobelpreisträger Herbert Thompson hat sich seine Gedanken gemacht, wie sich die Zukunft entwickeln kann. Dabei ist er auf einen Fehler in den Grundlagen gängiger Wirtschaftsanalysen gestoßen und hat eine Formel gefunden, die Wohlstand für alle ermöglicht. Ein Wohlstand der dann automatisch mit Machtverlust der “Führungselite” einhergehen würde.

Thompson überlebt den Tag nicht. Seinen Vortrag wird er nicht mehr halten können. Aber sichert das die Macht der Tagungsteilnehmerinnen?

Mit Gier hat Marc Elsberg genau das getan, was er am besten kann: Früh das Potenzial neuer Bewegungen erkennen, intensiv und sauber recherchieren und den “worst case” als Thriller aufarbeiten.

Weltweite Entwicklungen, gut recherchiert

Zero, Blackout, Helix, ich habe alle Vorgänger von Gier gelesen und mehr oder weniger gut gefunden. Blackout hat mich dazu gebracht, mir einen kleinen Notvorrat im Keller anzulegen, sollte es zu einem längerfristigen Stromausfall kommen. Sehr stilecht übrigens, denn als ich im Drogeriemarkt feuchte Toilettentücher, Klopapier, Müllbeutel und so weiter in meinen Einkaufswagen gepackt habe, fiel mit einem dramatischen “Plopp” der Strom aus. Der ganze Laden nur noch schummrig erhellt durch die Notbeleuchtung. Tatsächlich war nur in dem kleinen Einkaufsgebiet der Strom weg. Überall sonst war alles in Ordnung. Ich fühlte mich überwacht. Woher wussten “die”, dass ich vorsorgen wollte?!

Richtig beeindruckt hat mich Helix, unter anderem, weil sich die Bevölkerung kaum für so was wie CRISPR, die neue Wunderwaffe der Gentechnik, interessiert.

Im Vergleich dazu ist Gier von Marc Elsberg deutlich schwächer. Zwar klopft das hier Beschriebene auch schon lange an die Tür, aber mir hat das Tempo gefehlt. Die Überraschung. Gelegentlich war mir nach Anschubsen zumute. Womit ich die Story als solche nicht herunterreden möchte. Weltweit eskalieren Konflikte und lassen unser Leben und unseren Wohlstand immer unsicherer werden. Und an den Verschwörungen und der Kaltschnäuzigkeit derer, die in unserer Welt die Strippen ziehen, zweifele ich auch keine Minute. Trotzdem hat mich Gier nicht wie gewohnt gepackt.

Marc Elsberg

Marc Elsberg wurde 1967 in Wien geboren. Er war Strategieberater und Kreativdirektor für Werbung in Wien und Hamburg sowie Kolumnist der österreichischen Tageszeitung »Der Standard«. Heute lebt und arbeitet er in Wien. Mit seinen internationalen Bestsellern BLACKOUT, ZERO und HELIX etablierte er sich auch als Meister des Science-Thrillers. BLACKOUT und ZERO wurden von »Bild der Wissenschaft« als Wissensbuch des Jahres in der Rubrik Unterhaltung ausgezeichnet und machten ihn zu einem gefragten Gesprächspartner von Politik und Wirtschaft.

Buchinfo: Gier von Marc Elsberg, erschienen bei Blanvalet, 25.02.2019, 448 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, €24,00, ISBN 978-3-7645-0632-2. Danke für das Leseexemplar.

Nariman Hammouti-Reinke: Ich diene Deutschland

In den letzten Monaten machte die Bundeswehr überwiegend durch Skandale auf sich aufmerksam. Neonazis und unnötige Quälereien in der Truppe, nicht funktionierendes Material. Nariman Hammouti-Reinke nimmt dazu Stellung und schildert als Soldatin ihre Sicht der Dinge.

Ich diene DeutschlandNariman Hammouti-Reinke ist Berufssoldatin und kämpft mit aller Entschlossenheit gegen Rassismus und für die Vielfalt unserer Gesellschaft. Sie will dieses Land und seine Demokratie gegen Angriffe von außen verteidigen. Wenn es sein muss, auch mit ihrem Leben. Für sie ist das selbstverständlich. Für viele Beobachter noch lange nicht. Denn Nariman Hammouti-Reinke ist Muslima mit marokkanischen Wurzeln.

Eigentlich scheint sie prädestiniert um über die Missstände, mit denen die Bundeswehr in den letzten Monaten in die Schlagzeilen geraten ist, zu berichten. Genau deshalb hat mich “Ich diene Deutschland” angesprochen.

Nariman Hammouti-Reinke liebt ihr Heimatland

Was ich bekommen habe, ist leider etwas völlig anderes. Nariman Hammouti-Reinke liebt ihr Heimatland. Sie ist stolz, ihm zu dienen. Auch wenn dazu gehört, nicht immer alles hinterfragen zu können, einfach den Anweisungen zu folgen. Auch wenn man sie nicht richtig findet.

Als geborene „warum-Fragerin“ könnte ich mich schon alleine wegen des letzten Grundes nicht in der Bundeswehr zurechtfinden. Und stolz auf mein Land? Ich lebe gerne in Deutschland und finde, dass es uns hier sehr gut geht. Aber ich weiß nicht, ob ich gut damit umgehen könnte, wenn jemand sein Leben verlieren würde, um meinen Wohlstand zu schützen. Deshalb kann ich selbst mit diesem “stolz auf mein Land” wenig anfangen. Und ja, es ist mir klar, dass sich das aus der Sicherheit heraus gut sagen lässt.

Es gibt zwar Missstände, aber…

Zwar geht Nariman Hammouti-Reinke auf die Missstände in der Bundeswehr ein, Rassismus, übertriebene Brutalität gegenüber Soldatinnen und Soldaten, marode Ausrüstung und ein Verwaltungsüberhang, und beschönigt die auch nicht. Und sie hat recht, das ist nicht der Alltag, das sind Ausnahmen. Für meinen Geschmack aber zu viele Ausnahmen, denen man ganz entschieden entgegenwirken muss. Die ich nicht tolerieren kann und die durch die von Nariman Hammouti-Reinke beschworene Kameradschaft noch verstärkt werden können. Wenn es darauf ankommt, schützt jeder den anderen oder die andere. Im Guten wie im Schlechten.

Viel Zeit widmet Nariman Hammouti-Reinke den religiösen Minderheiten in der Bundeswehr und hier hat sie meine volle Unterstützung. Für mich ist es nicht nachvollziehbar, warum man Essen nicht so zubereiten kann, dass es alle essen können. Egal ob Allesesserin oder Veganer, Muslima, Jude oder Katholik. Zumindest im Alltag sollte es da keinerlei Probleme geben. Selbst im Einsatz müsste das möglich sein.

Wo bleibt die Seelsorge für alle?

Schwierig scheint auch die religiöse Versorgung zu sein. Katholische und evangelische Seelsorger sind selbstverständlich. Wie ich kürzlich im Radio hörte, sollen sich Soldaten und Soldatinnen jüdischen Glaubens künftig auch an einen Rabbiner wenden können. Nicht versorgt sind jedoch Muslime.

Ich selbst bin nicht religiös und schon vor vielen Jahren aus der Kirche ausgetreten. Aber ich kann mir vorstellen, dass sich viele mit ähnlicher Einstellung anders entscheiden, wenn es um gefährliche Einsätze oder schlimme Erlebnisse geht. Da kann ein Seelsorger der passenden Religion sicher Erleichterung bringen.

Nicht überzeugt

Mir fällt es sehr schwer, für dieses Buch ein finales Urteil abzugeben. Einerseits ist es wichtig, sich näher über der Bundeswehr zu beschäftigen, wenn man die Missstände beurteilen will. Andererseits war meine Erwartungshaltung eine völlig andere und mir ging die ständige Forderung nach Toleranz und Verständnis der Autorin für ihre Leistungen für Deutschland gewaltig auf die Nerven. Ich kann auch mit dem ausgeprägten Obrigkeitsdenken nichts anfangen. Aber jeder wie er will. Meins ist es nicht.

Der einzige Aspekt, den ich völlig nachvollziehen konnte, war die Bereitstellung von Freiräumen für alle Glaubensrichtungen. In meinen Augen ein berechtigter Anspruch dem mehr Öffentlichkeit zuteil werden sollte. Aber dafür müsste der Titel anders lauten, klarer auf dieses Ziel hinweisen.

Wer sich wirklich für das Innenleben der Bundeswehr interessiert, findet vielleicht auch andere Bücher, die den Schwerpunkt anders legen.

Nariman Hammouti-Reinke

Nariman Hammouti-Reinke wurde 1979 als Kind marokkanischer Eltern bei Hannover geboren. Sie ist seit 2005 bei der Bundeswehr, war zwei Mal im Afghanistan-Einsatz und ist heute Leutnant zur See. Als Vorsitzende des Vereins Deutscher.Soldat.e.V in der «Kommission für Migration und Teilhabe des Niedersächsischen Landtags» engagiert sie sich sehr aktiv für eine moderne Integrationspolitik in Deutschland.

Buchinfo: Ich diene Deutschland von Nariman Hammouti-Reinke, erschienen bei rororo, 22.01.2019, 256 Seiten, Paperback, ISBN 978-3-499-63396-6, € 14,99

Yvonne Schwegler/July Sjöberg: Eiskalt weggewischt

Das Kind geht ins Ausland! Unvorstellbar für ihre Mutter Elvira Schäufele. Hätte das Mädle denn nicht im Ländle studieren können? Muss es Heidelberg, die Kurpfalz, sein?! Kein Wunder, dass es hier nur Schwierigkeiten auf sie warten. Aber nicht mit Frau Schäufele. Die räumt auf.

eiskalt weggewischtFrau Schäufele erfüllt jedes Klischee, das man einer Schwäbin zuschreiben kann:

  • sie begluckt ihre erwachsene Tochter Jessica
  • sie ist der Inbegriff von pingelig
  • sie hat einen Putzfimmel
  • sie hat eine “Schwertgosch”

Also verkauft sie das Haus und zieht ihrer Tochter hinterher. Ausgerechnet in Heidelberg muss Jessica studieren. In der Kurpfalz. Praktisch im Ausland. Da kommt das Mädchen doch überhaupt nicht alleine zurecht. Es muss doch jemand nach der Wäsche schauen und nach der Wohnung. Sie musste ja unbedingt eine eigene Wohnung haben. Und wer soll für das Töchterlein kochen? Wo sie doch so einen Stress in der Uni hat. Nein, alleine kann sie das nicht.

Schwäbisch-Kurpfälzerische Connection

Als Jessicas Professor tot aufgefunden wird, gerät die Studentin ins Visier der Polizei. Dass beide ein Verhältnis hatten, macht sie nicht unverdächtiger. Zum Glück weiß Theres Fugger Rat. Sie Reinigungskraft bei der Polizeidirektion Heidelberg und damit Elviras Vorgesetzte. Und ganz nebenbei ist Theres auch noch die Tante des leitenden Kommissars.

Elvira Schäufele beschließt, Theres’ Herkunft, sie ist KURPFÄLZERIN!, und ihre seltsame Aufmachung zu ignorieren und mit ihr zusammen Jessica vor dem drohenden Gefängnis zu retten.

Kittelschürzig trifft resolut

Regionale Krimis erleben seit einigen Jahren einen Höhenflug. Dabei gerät oft aus dem Fokus, dass nicht alles, was mit Dialekt und regionalen Klischees daher kommt, auch automatisch witzig und/oder spannend ist.

Eiskalt weggewischt hat mich jedoch über weite Strecken amüsiert. Großen Anteil daran hat der Charakter der Elvira Schäufele. Vom ersten Augenblick hatte ich das Bild der kittelschürzigen, ständig leicht verkniffen schauenden Schwäbin im mittleren Alter vor Augen. Vermutlich ein Zeichen dafür, dass ich als Zugezogene (vor etwa 25 Jahren) immer noch nicht integriert bin.

Auch die resoluten Theres Fugger kann ich mir so gut vorstellen. Egal, ob sie ihren Neffen blamiert oder nicht, die Theres sagt dem Kommissar wo es lang geht.

Bei diesem Klamauk bleibt natürlich die Spannung auf der Strecke. Aber die erwartet bei einem “Putzfrauen-Krimi” vermutlich auch niemand wirklich.

Yvonne Schwegler

Yvonne Schwegler wurde 1973 geboren. Sie arbeitet seit ihrem Studium (Geschichte und Politologie) für die Monumente der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württembrg. Sie ist Autorin mehrerer Kriminalstücke und -spiele. Außerdem hat sie als Co-Autorin eine Sammlung geschichtlicher Anekdoten zu Heidelberg (Mit ganz viel Herz) verfasst.

July Sjöberg

Juliy Sjöberg wurde 1966 geboren. Sie hat einen Magister in Kunstgeschichte und Volkswirtschaftslehre, entwickelt und inszeniert historische Veranstaltungen, unter anderem für die Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg. Die Halbschwedin hat ihre Kindheit in Schwaben verbracht. Bereits seit der Schulzeit lebt sie als Wahlkurpfälzerin in der Umgebung des romantischen Heidelbergs.

Buchinfo: Eiskalt weggewischt von Yvonne Schwegler und July Sjöberg, erschienen bei Pfefferkorn, 14.03.2019, 284 Seiten, Taschenbuch, € 9,99, ISBN 9783944160276. Danke für das Leseexemplar.

Sabine Zehnder: Master of Desaster

Wieder mal läuft nichts nach Plan. Schon wieder! Das kennen wir vermutlich alle. Aber wir gehen unterschiedlich damit um. Sabine Zehnder teilt mit uns ihre persönlichen Tricks, Niederlagen in Erfahrungen für die Zukunft umzuwandeln. Ganz ohne erhobenen Zeigefinger!

Master of DesasterSabine Zehnder ist Diplom-Informatikerin und Coach. Und noch einiges mehr, was sie auf ihrem Weg durchs Leben “mitgenommen” hat. Dieser Weg war, wie bei so vielen von uns, alles andere als gerade. Oft musste sie die Richtung neu justieren. Prüfen, ob das, was ihr Ziel war, immer noch zu ihr passt.

Das “schlaue Buch” weiß den Weg

Ihr wichtigstes Utensil dabei ist das “schlaue Buch”. Hier werden alle Gedanken, Ideen, Unsicherheiten, Bedenken festgehalten und der Kopf bleibt frei für die wichtigen Dinge des Alltags. Trotzdem geht nichts verloren.

Deshalb empfiehlt Sabine Zehnder auch, sich ein solches Buch, sei es eine Kladde, ein Spiralblock, ein Ringbuch, zusammen mit Master of Desaster zur Hand zu nehmen und gleich alles zu notieren, was einem zu den jeweiligen Punkten einfällt. Ja, sie meint wirklich Papier und Stift und von Hand notieren. Und ich kann es nachvollziehen. Bei mir bleiben Dinge, die ich von Hand auf Papier notiere, besser hängen als die getippten. Obwohl ich am Bildschirm arbeite.

Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitermachen

Ich hasse diese klassischen Ratgeber, die mir sagen:

  • Mach dies, dann wird das passieren.
  • Lass dies und du wirst das erreichen.
  • Mir standardisierte Listen präsentieren.
  • Die vorgeben, die Weisheit gepachtet zu haben

All das macht Sabine Zehnder nicht. Sie erklärt einfach, wie sie vorgeht. Wie sie ihre Probleme und Unzufriedenheiten analysiert und so ihr Leben immer wieder neu justiert. Und zu justieren gab es bei ihr genug. Doch statt sich treiben zu lassen, hat die Autorin beschlossen, die Zügel in die Hand zunehmen und Liste um Liste erstellt. Was stört sie? Was kann sie kurzfristig ändern? Woran muss langfristig gearbeitet werden?

Manche Listen werden durch die Vergabe von Punkten ausgewertet – das Leben lässt sich berechnen, ist Sabine Zehnders Credo – andere dienen dazu, Überlegungen festzuhalten ohne dass sie untergehen.

Danke für dieses Buch

Ich bin begeistert und, liebe Sabine Zehnder, ich werde das Buch wohl tatsächlich ein zweites Mal lesen. Mit einem schönen Notizbuch bewaffnet, das zu meinem ständiger Begleiter wird. Denn ich gehöre zu den Menschen, die ihre Pläne sehr lange im Kopf hin und her schieben, bis sie wirklich rund sind. Und das kostet eben Speicherplatz und sorgt ab und an für unruhige Nächte.

Danke für den tiefen Einblick, den du (ich hoffe, das Du ist in Ordnung, Sie würde sich so falsch anfühlen) deinen Leserinnen und Lesern mit Master of Desaster in dein Leben gestattest. Und für die Denkanstöße, die allen eine Hilfe sein werden, die die schnellen Veränderungen unserer Zeit schätzen und für ihre eigenen Pläne zu nutzen wissen.

Danke dafür.

Sabine Zehnder

Sabine Zehnder ist der Master of Desaster. Die Diplom-Informatikerin ist Spezialistin dafür, schwierige Projekte aufzuräumen – in der IT-Branche. Doch schnell erkannte sie, dass das, was bei Bits und Bytes funktioniert, auch im wirklichen Leben hilfreich ist. Und so ist die IT-Beraterin auch noch zum Coach geworden und zeigt, wie man das tägliche Chaos – das Leben – eigenständig und unkonventionell managt.

Buchinfo: Master of Desaster von Sabine Zehnder, erschienen bei BusinessVillage, November 2018, 208 Seiten, € 19,95, ISBN 978-3-86980-440-8

Michael Tsokos: Abgeschlagen

In einem Kieler Park werden zwei bizarr inszenierte Leichen gefunden. Bei der Obduktion kommt es zum Eklat zwischen Rechtsmediziner Paul Herzfeld und seinem Vorgesetzten Professor Schneider. Dass der Fall eine viel größere Tragweite hat, als ursprünglich vermutet, erfährt Herzfeld wenig später am eigenen Leib.

AbgeschlagenKiel im Winter. Es ist ein eiskalter Morgen, als Rechtsmediziner Paul Herzfeld in den Brook, einen Kieler Park, gerufen wird. Was sich ihm bietet, ist mehr als bizarr. In einem Zelt umklammert eine nackte männliche Leiche einen Arm. Vor dem Zelt stehen zwei große Rollkoffer. In ihnen weitere Leichenteile.Von einer Tatwaffe keine Spur. Die Obduktion soll schnellstmöglich Licht ins Dunkel bringen.

Getötet und postmortal zerstückelt

Stunden später im Sektionssaal der Rechtsmedizin. Dottore Lucia Tattoli, eine Rechtsmedizinerin aus Italien, die gerade bei Paul Herzfeld hospitiert, unterstützt ihn bei der Arbeit. Schnell ist klar, dass die Leiche aus den beiden Koffern, eine junge Frau, postmortal zerstückelt wurde. Aber woran ist sie gestorben?

Gleiches gilt für den Mann aus dem Zelt. Auch bei ihm lässt sich nach der Leichenschau keine eindeutigen Angaben machen. Herzfeld hofft auf die Toxikologie und gerät prompt mit seinem Vorgesetzten in Konfrontation. Denn Professor Schneider ist sich sicher, sowohl den Toten als auch die Tatwaffe zu kennen.

Als besagte Waffe tatsächlich plötzlich unweit des Leichenfundortes auftaucht, kann Paul Herzfeld sein Misstrauen nicht mehr zur Seite wischen. Gemeinsam mit Dottore Tattoli ermittelt er auf eigene Faust.

Michael Tsokos gehört zu den Besten!

Ich liebe Thriller. Und ja, es darf dabei auch ruhig blutig zugehen. Und es darf bizarr sein. Naheliegend also, dass ich Bücher von Michael Tsokos mag. Egal ob als alleiniger Autor oder in Kombination mit zum Beispiel Sebastian Fitzek. Zusammen übrigens auch bei Lesungen ein geniales Duo. Es lohnt sich, mal eine zu genießen. Zwei Verrückte auf einer Bühne. 😉 Aber sorry, Sebastian Fitzek, ich persönlich finde Michael Tsokos noch etwas cooler.

Doch zurück zu Abgeschlagen von Michael Tsokos. Ich habe das Buch quasi eingesaugt und die Fachkompetenz des Autors genossen. Sie ist meist Garant für temporeiche Storys, nicht nur im Thriller-Bereich. Indem er zwei weitere Morde aus seinem Arbeitsleben in die Geschichte integrierte, hat er mich ins Grübeln gebracht, wie denn die Zusammenhänge zur Hauptstory aussehen könnten.

Die Art und Weise, wie perfide und skrupellos der wirkliche Mörder sein Vorgehen plant, hat mich sprachlos gemacht und mich wieder mal vor die Frage gestellt: Was geht eigentlich in Menschen vor, die solche Storys erfinden?! 🙂

Abgeschlagen von Michael Tsokos ist einfach geil. Kaufen, lesen, staunen. Und dann nach Abgeschnitten von Fitzek/Tsokos greifen. Lohnt sich auch. Habe ich schon vor längerer Zeit für euch getestet.

So und jetzt muss ich mir die andere true-crime-Reihe von Dr. Tsokos, die Fred Abel Reihe, näher ansehen. Vielleicht berichte ich ja. Mal sehen.

Michael Tsokos

Michael Tsokos, 1967 geboren, ist Professor für Rechtsmedizin und international anerkannter Experte auf dem Gebiet der Forensik. Seit 2007 leitet er das Institut für Rechtsmedizin der Charité. Seine Bücher über spektakuläre Fälle aus der Rechtsmedizin sind allesamt Bestseller.

Buchinfo: Abgeschlagen von Michael Tsokos, erschienen bei KNAUR, 1. März 2019, 416 Seiten, Klappenbroschur, € 14,99, ISBN: 978-3-426-52438-1. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Flurinda Raschèr-Janett / Lothar Teckemeyer: Freischwimmen

Wie haben sich die Rechte und Möglichkeiten der Frauen in den letzten etwa 100 Jahre geändert? Freischwimmen von Flurinda Raschèr-Janett gibt einen Einblick in die Entwicklungen in der abgeschiedenen Bergwelt des Engadin.

FreischwimmenFlurinda Raschèr-Janett ist Jahrgang 1938 geboren. Die Eltern betreiben ein Fuhrunternehmen und obwohl es Frauen verboten ist, Unternehmen zu gründen, ist es Elisabeth, Flurindas Mutter, die im Unternehmen die Zügel fest in der Hand hält. Mit sicherem Gespür nutzt sie jede Chance, um die Firma voranzubringen. Schließlich macht sie, entgegen aller Konventionen, den Führerschein und übernimmt auch Personentransporte.

Bei dieser starken Mutter sollte man meinen, dass Flurinda alle Wege offen gestanden hätten, aber das Gegenteil war der Fall. So wurde Flurindas Wunsch nach einem Sprachkurs in London rundweg abgelehnt. Für die Tochter gäbe es zu viel Arbeit im Haushalt, der Arbeitsbereich, auf den Elisabeth so gar keine Lust hat.

Hauptsache Mann, Fachkenntnis egal

Durch eine Ausbildung zur Postgehilfin erhofft sich Flurinda eine gewisse Selbstständigkeit. Nach ihrem Abschluss “tingelt” sie zwei Jahre durch die Schweiz, wo sie in unterschiedlichen Filialen eingesetzt wird. Einige Jahre später, Flurinda ist bereits verheiratet, kann sie eine eigene Postfiliale übernehmen, beziehungsweise ihr Mann kann es. Denn Frauen ist es in den 50er Jahren immer noch nicht gestattet, Geschäfte zu führen. So kommt es zu der bizarren Situation, dass ihr Mann den Vertrag und die Abrechnungen unterzeichnen darf, obwohl er keinerlei Ahnung von dieser Arbeit hat, während Flurinda den Laden führt.

Die Liebe zur Musik ist das, was bleibt

Von ihrem Großvater hat Flurinda die Liebe zur Musik geerbt. Voller Begeisterung stürzt sie sich als Sechsjährige in den Klavierunterricht, den ihr ihre Mutter zugesteht. Auch wenn sie nicht das größte Talent ist, bremst das den Eifer des jungen Mädchens nicht.

Fortan spielt die Musik eine große Rolle in ihrem Leben. Flurinda spielt die Orgel in der Kirche, leitet die neu gegründete Musikschule. Immer stärker spürt sie, dass sie für das beschauliche “Strickliesel-Dasein” nicht gemacht ist. Sie leidet zunehmend unter der fehlenden Rückendeckung ihres Mannes, der nicht verstehen kann, dass sie einfach mehr will. Die letzte Konsequenz ist die Trennung.

Spannende Rollenbilder

Flurinda ist nur wenig jünger als meine Mutter. Nicht nur deshalb fand ich es spannend, die Rollenbilder ihrer Familie kennenzulernen. Ich kenne es, wenn die scheinbar Schwächere Person die ist, die im Hintergrund die Fäden zieht und die Zügel fest in der Hand hält. Ein Phänomen, was es vermutlich in allen Ländern und Kulturen gab und gibt, in denen Frauen nicht die gleichen Rechte haben. Der äußere Anschein entspricht nicht unbedingt den innerfamiliären Machtverhältnissen.

Spannend an Flurindas Geschichte fand ich vor allem die Figur der Mutter. Sie war für ihre Zeit absolut selbstständig, schwamm gegen den Strom und hatte auch keine Probleme damit, gegen die “guten Sitten” zu verstoßen. Eigentlich müsste doch gerade sie Verständnis für die Eigenständigkeit ihrer Tochter haben. Doch Flurinda muss kämpfen. Um jede Freiheit, um ihre Liebe zur Musik, um ihre Eigenständigkeit.

Sie flüchtet in die Hilfe und Unterstützung für andere und trennt sich letztlich auch von ihrem Mann. Zur damaligen Zeit im und gerade im “rückständigen” Engadiner Hinterland, nicht selbstverständlich. Wen wundert es, dass Flurinda lange Zeit Angst vor diesem Schritt hat, letztendlich ihr Leben aber doch fest in die eigene Hand nimmt.

Mehr von Flurinda

Freischwimmen von Flurinda Raschèr-Janett war eine kurze Lebensgeschichte einer spannenden Frau. Ich hätte gerne einen tieferen Einblick in ihr Leben erhalten. Sie hat so viel zu erzählen und musste es auf so wenigen Seiten unterbringen. Aber wer weiß, vielleicht legt sie ja bei gutem Feedback noch nach.

Die Besonderheit des Buches: Wer es auf den Kopf stellt, kann Flurindas Geschichte auf Rätoromanisch lesen. Sofern er oder sie dieser Sprache mächtig ist.

|| Ich würde mich übrigens freuen, wenn ihr euch – bei Interesse – dieses Buch im regionalen Buchhandel bei euch vor Ort bestellt. Damit steigen die Chancen, dass wir Buchfans auch in Zukunft noch gelegentlich dort bummeln und stöbern können.||

Flurinda Raschèr-Janett

Flurinda Raschèr-Janett, Jahrgang 1938, engagierte sich in zahlreichen Ämtern. So war sie unter anderem Leiterin einer lokalen Musikschule und Kirchenrätin der Evangelisch-Reformierten Landeskirche Graubünden. Nach einer beruflichen Neuorientierung in den 1990er-Jahren war sie zudem als Erwachsenenbildnerin tätig. Nach ihrer Pensionierung im Jahr 2000 arbeitete sie mehrere Jahre ehrenamtlich für das Kirchenprojekt „Oase“.

Lothar Teckemeyer

Lothar Teckemeyer ist evangelischer Pfarrer i. R. und lebt in Detmold.

Buchinfo: Freischwimmen von Flurinda Raschèr-Jamett, erschienen bei Agentur Alte Post 2015, 01.02.2019, 208 Seiten, Hardcover, € 20,00, ISBN 978-3981752885. Deutsch und Rätoromanisch. Vielen Dank für das Leseexemplar.