Miroslav Nemec: Die Toten von der Falkneralm

Ein Kommissar-Darsteller spielt in seinem ersten eigenen Buch einen Kommissar-Darsteller, der ungewollt in eine Mordserie stolpert und den Fall letztendlich aufklärt. Unsinn? Nein, das erste Buch von Miroslav Nemec und gerade wegen der etwas kruden Story durchaus amüsant.

9783813507027_coverFür alle Tatort Fans: Ivo Batic ist jetzt auch Autor! Ja, ihr habt richtig gelesen. Miroslav Nemec, den meisten vermutlich bekannt als Ivo Batic vom Tatort München, weitet sein Portfolio weiter aus und geht unter die Autoren. Hauptcharakter seines Buches Die Toten von der Falkneralm ist, na wer wohl: Miroslav Nemec. Wobei, eher Ivo Batic, denn so ganz können seine “Mitspieler” beide Personen oder Rollen nicht voneinander trennen.

Doch fangen wir von vorne an. Miroslav Nemec hat ein Engagement auf der Falkneralm, einem Berghotel, das nur über eine Seilbahn zu erreichen ist. Nemec soll aus einem Krimi lesen, mit den Gästen über “Mord in Fiktion und Wirklichkeit” diskutieren und ihnen ein “Mörderisches Wochenende” bescheren.

Alles klingt nach einem entspannten Wochenende, bis ein Sturm über die Falkneralm hinweg fegt. Zurück bleiben drei Tote, die auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen sind und ein Kommissar-Darsteller, der ganz real ermitteln muss.

Eine Persiflage auf den Starkult?!

Ein Kommissar-Darsteller wird für eine Lesung engagiert. Die Teilnehmer, überwiegend Fans der Fernsehfigur, haben Schwierigkeiten, zwischen der Person des Darstellers und seiner Filmfigur zu unterscheiden. Und prompt gibt es Tote. Alles kein Problem, denn schließlich hat man den erfahrenen Kriminalisten im Haus.

So sehr Nemec auch versucht, auf den Irrtum hinzuweisen, er ist und bleibt die Koryphäe in Sachen unnatürliche Todesfälle. Und tatsächlich zweifelt er die Ergebnisse der ortsansässigen Ermittler an. Zu schnell geben diese sich mit der Diagnose “Verkettung unglücklicher Unfälle” zufrieden. Nemec ermittelt auf eigene Faust.

Amüsantes Rollenspiel

Ein Kommissar, der keiner ist, spielt in seinem ersten eigenen Buch einen Kommissar, der keiner ist, der letzten Endes aber doch das Verbrechen aufklärt.

Alles verstanden? Prima!

Dann habe ich Die Toten von der Falkneralm in einem Satz zusammengefasst. Das heißt aber nicht, dass Miroslav Nemec’ Erstlingswerk als Autor einfallslos sei. Ich fand es sehr amüsant und gelungen. Irgendwie komplett nachvollziehbar. Auch wenn Nemec als Künstler ein Multitalent ist, für mich ist er eben Ivo Batic. 25 Jahre Tatort gehen an niemandem spurlos vorbei, erst recht nicht, wenn das Münchner Duo zu meinen Favoriten zählt. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie ich in so einem Fall reagiert hätte. Vielleicht hätte ich den Autor auch als Mord-Fachmann gesehen.

Stilistisch hätte ich mir manchmal eine geübtere Schreibe gewünscht. Aber wäre das Buch dann noch so authentisch und amüsant gewesen? Ich bezweifele es.

Wer Batic liebt, für den ist Die Toten von der Falkneralm von Miroslav Nemec mit Sicherheit eine gelungene Überraschung.

Miroslav Nemec

Miroslav Nemec, geboren 1954 in Zagreb, aufgewachsen in Freilassing, spielt seit 1991 im „Tatort“ den aus Kroatien stammenden Münchner Kommissar Ivo Batic. Der Schauspieler begann seine Laufbahn am Theater (u. a. Münchner Residenztheater) und steht seit Ende der 80er Jahre in verschiedenen Rollen vor der Kamera. Auch als Musiker ist er aktiv, u.a. mit der Miro Nemec Band. Miroslav Nemec wohnt mit seiner Familie in München.

Buchinfo: Die Toten von der Falkneralm von Miroslav Nemec, erschienen bei KNAUS, August 2016, 255 Seiten, gebunden, € 19,99, ISBN: 978-3-8135-0702-7

 

J.K. Johansson: Lauras letzte Party

Kaum tritt Miia Pohjavirta, ehemalige Polizistin, ihren neuen Job als Sonderpädagogin an ihrer alten Schule an, wird sie mit einem mysteriösen Fall konfrontiert. Die 16-jährige Laura wird vermisst. Ist sie weggelaufen oder wurde sie Opfer eines Verbrechens? Miia kann nicht aus ihrer Haut. Sie ermittelt auf eigene Faust.

Lauras letzte PartyEin heißer Sommertag in Finnland. Miia ist auf dem Weg zu ihrem ersten Arbeitseinsatz im neuen Job. Ihre bisherige Tätigkeit als Internetbeauftragte der Polizei hat sie schweren Herzens aufgegeben. Aufgeben müssen, um genauer so sein. Denn das Netz hatte sie fest im Griff. Miia war süchtig nach ihrer Online-Welt. Jetzt soll sie sich als Sonderpädagogin an ihrer alten Schule um Problemfälle kümmern. Genau wie ihr Bruder Niklas, der als Psychologe an der Schule arbeitet.

Was geschah mit Laura?

Mit gemischten Gefühlen macht sich Miia an die Arbeit und landet prompt mitten in einer polizeilichen Ermittlung. Die 16-jährige Laura ist nach einer Party spurlos verschwunden. Die Gerüchteküche brodelt. Sie sei mit einem reichen, älteren Mann durchgebrannt, sagen die einen. Sie sei tot, meinen die anderen. Obwohl sie sich fest vornimmt, nicht aktiv zu werden, kann sich Miia ihre Neugier nicht im Zaum halten. Erst recht nicht, als sie erfährt, dass Niklas angeblich ein Verhältnis mit Laura hatte.

Fesselnd!

Lauras letzte Party hat mich gefesselt. Ein spannender Roman, für mich eigentlich eher Krimi,  mit sehr viel Atmosphäre. Miia hat mich von Anfang an mitgenommen in ihrer Zerrissenheit und im verzweifelten Bemühen, Licht in das Dunkel um Lauras Verschwinden zu bringen. Dass ihr letzteres gelingt, verdankt sie unter anderem ihrem bedingungslosen Glauben an ihren Bruder.

Ein scheinbar unspektakuläres und doch so spannendes Buch von J. K. Johansson, das ich meinen Lesern und Leserinnen ans Herz legen möchte.

K. Johansson

K. Johansson – das ist eine Gruppe von Autoren und professionellen Drehbuchschreibern für Film und TV mit einem Faible für Suspense, Kriminalroman und Thriller. Lauras letzte Party ist Teil eins der “Trilogie der Verschwundenen”. Noras zweites Gesicht und Venlas dunkles Geheimnis erscheinen im Herbst/Winter 2015.

Buchinfo: Lauras letzte Party von J.K. Johansson, erschienen bei Suhrkamp, Juli 2015, 266 Seiten, 8,99 Euro, ISBN: 978-3-518-46590-5. Danke für das Leseexemplar.

Iris Grädler: Meer des Schweigens

Ein beschauliches Dorf an der Küste von Cornwall. Nichts stört den Frieden bis plötzlich ein toter, übel zugerichteter Hund an den Strand gespült wird. Als kurze Zeit später auch noch eine männliche Leiche, ebenfalls grausam verstümmelt, angespült wird, legt sich ein Schatten über die Region. Detective Inspector Collin Brown ermittelt.

Meer des SchweigensEigentlich will es Detective Inspector Collin Brown ruhiger angehen lassen. Sich stärker seiner Familie und seinem Hobby, der Bildhauerei, widmen. Doch die brutal verstümmelte Leiche eins Millionärs macht ihm einen Strich durch die Rechnung. Collin Brown weigert sich beharrlich, in dem Toten ein Unfallopfer zu sehen und gerät im Rahmen der Ermittlungen in einen Strudel dramatischer Verstrickungen.

Spannende Verstrickungen

Was wie ein tragischer Unfall beginnt, entwickelt sich zum spannenden, vielschichtigen Krimi. Was haben der Tod eine Millionärs, die Familiengeschichte einer polnischen Familie und das Leben des Eigenbrötlers gemeinsam? Geschickt verwebt Iris Grädler die drei Schicksale miteinander und entwickelt daraus einen spannenden und gut geschriebenen Roman, beziehungsweise für mein Empfinden eher einen Krimi.

Ich habe “Meer des Schweigens” gerne gelesen und empfehle es gerne weiter.

Iris Grädler

Iris Grädler wurde 1963 in Halle, Westfalen geboren. Sie veröffentlichte Gedichte und Kurzgeschichten und hat mehrere Anthologien herausgegeben. Bei DuMont erschien 2015 “Meer des Schweigens”. Iris Grädler lebt in Swakopmund, Namibia.

Buchinfo: Meer des Schweigens von Iris Grädler, erschienen bei Dumont, März 2015, 462 Seiten, Taschenbuch, 9,99 €, ISBN 978-3-8321-6300-6. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Carine Bernard: Der Lavendel-Coup

Getarnt als Kunststudentin Marie Bonnieux hat sich Molly Preston einen Ferienjob in der Provence ergattert. Im Auftrag eines reichen Bankiers soll sie in einer historischen Kapelle alte Fresken freilegen. Was in dem beschaulichen Dorf keiner ahnt: Maries oder besser gesagt Molly hat eine ganz andere Mission. Eine, die beinahe ihr Leben kostet.

9783426437797Molly Preston ist jung, intelligent und bildhübsch. Und sie ist Spezialermittlerin einer geheimen Sondereinheit der EU.

Perfekt getarnt in die Höhle des Löwen

Ihr neuer Auftrag führt sie in die Provence, wo sie die dubiosen Aktivitäten eines alteingesessenen Bankiers aufklären soll. Als studentische Helferin bei der Restaurierung einer alten Kapelle hat sie die perfekte Tarnung gefunden, denn niemand Geringerer als besagter Bankier ist Auftraggeber der Restaurierung.

Als Marie aka Molly unter den alten Anstrichen eine seltsame Zeichnung findet, spitzt sich die Situation zu. Was auch immer es damit auf sich hat, die Menschen, die daran interessiert sind, schrecken auch vor Mord nicht zurück.

“Der Lavendel-Coup” war kein Buch, das mich vom ersten Augenblick an gefesselt hat, aber nach kurzer Anlaufphase hatte es mich im Griff und die Fahrten in der Bahn morgens und abends vergingen wie im Flug.

Kurzweilige Krimi-Unterhaltung

Carine Bernards Buch ist kein atemlos machender Thriller und hat auch keine psychologisch ausgefeilten Gänsehautmomente. Aber es ist ein spannender und kurzweiliger Krimi, den ich sehr gerne gelesen habe und deshalb auch weiter empfehle.

Carine Bernard

Carine Bernard wurde 1964 in Niederösterreich geboren. Seit 2002 lebt sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Deutschland in der Nähe von Düsseldorf. Sie fotografiert gern und geht in ihrer Freizeit Geocachen. Beim Erfinden von Geocache-Rätseln entdeckte sie ihre alte Liebe zum Schreiben wieder und nach einigen Rätselgeschichten rund um Molly Preston folgte 2015 ihr erster Roman.

Buchinfo: Der Lavendel-Coup von Carine Bernard, erschienen bei Knaur, August 2015, 200 Seiten, eBook, € 4,99, ISBN 978-3-426-43779-7. Vielen Dank für das Leseexemplar.

 

Sebastian Fitzek: Das Joshua-Profil

Max Rhode ist ein sogenanntes “One-Hit-Wonder”. Sein Roman “Die Blutschule” sorgte für großes Medieninteresse und eine kurzzeitige Berühmtheit. Seither sucht er nach dem passenden Stoff für einen neuen Bestseller. “Nebenbei” kümmert er sich liebevoll um seine 10-jährige Pflegetochter Yola und hält damit seiner Frau, einer Pilotin, den Rücken frei. Insgesamt also ein sehr unspektakuläres Leben. Bis Yola plötzlich spurlos verschwindet.

Fitzek, Das Joshua-Profil, Thriller, Pädophilie, Big DataEigentlich ist Max Rhode mit seinem Leben nicht unzufrieden. Klar, könnte mal wieder ein neuer Bucherfolg her. Und die Beziehung zu seiner Frau könnte ebenfalls besser sein. Durch ihren Beruf sehen sie sich viel zu selten. Dafür ist Pflegetochter Yola ein Glücksfall. Intelligent, aufgeweckt, lebhaft, der Traum aller Eltern. Keine Selbstverständlichkeit nach ihrem schweren Start ins Leben. Für sie würde Max Rhode alles tun.

Und plötzlich bist du ein Straftäter und keiner glaubt dir

Das ruhige Leben ändert sich schlagartig, als Max ins Visier von Menschen gerät, die glauben, eine Programm entwickelt zu haben, dass potenzielle Straftäter aufgrund ihrer Aktivitäten im Netz aufspüren kann, bevor sie ihre Straftat begehen können. Sie setzen alles daran, Max Rhode aus dem Verkehr zu ziehen. Ihr “Köder” ist Yola, die plötzlich verschwunden ist. Max macht sich auf die Suche.

Okay, die Geschichte mit dem Programm, dass Verbrecher identifizieren kann, ehe sie ein geplantes Verbrechen begehen, ist nicht neu. Und zwischenzeitlich ist wohl den meisten Menschen bewusst und bekannt, dass wir alle überall digitale Fingerabdrücke hinterlassen. Sei es durch unser Suchverhalten im Netz, durch Einkaufen mit Kundenkarten, durch die Teilnahme an Gewinnspielen, oder, oder, oder.

Real oder virtuell – es geht um Leben und Tod

Doch was passiert, wenn wir für unsere Arbeit recherchieren? Themen, die uns privat nicht betreffen, die aber unserem Profil zugeordnet werden. Wenn wir mit unserer Kundenkarte für andere einkaufen gehen? Wenn neue Steinchen plötzlich ein komplett anderes Puzzle entstehen lassen? Wie unterscheidet man dann zwischen realem und virtuellem Leben?

Insofern hat sich Sebastian Fitzek ein spannendes, zeitgemäßes, heiß diskutiertes Thema vorgenommen und gut und ausführlich beleuchtet. Auch wenn ich an einigen Stellen ein etwas strafferes Tempo bevorzugt hätte, hat mir die Story insgesamt gut gefallen.

Doch Fitzek wäre nicht Fitzek, würde er es bei einem Handlungsstrang belassen. Mit dem Thema Pädophilie packt er gleich noch ein zweites, kontrovers diskutiertes Thema in “Das Joshua-Profil”. Und hier gefällt mir sehr gut, wie er sich mit dem Thema auseinander setzt.

Pädophilie in unüblichem Thriller-Kontext

Ich persönlich habe, wie wohl die meisten Menschen, eine absolute Null-Toleranz für Gewalt gegen Kinder, egal ob physisch, psychisch oder sexuell (also sowohl physisch als auch psychisch). Aber ebenso wie Sebastian Fitzek habe ich großen Respekt vor Menschen, die sich zu ihrer Pädophilie bekennen und Hilfe suchen, bevor sie straffällig werden. Dazu gehört viel Selbstreflektion und noch mehr Mut. Einen Vergewaltiger von Kindern, der seine Strafe abgesessen hat und als einer der Hauptcharaktere der Story auftaucht, so positiv zu besetzen, dazu gehört auch Mut. Sebastian Fitzek hat diesen Mut.

Und weil aller guten Dinge bekanntlich drei sind, bekommt auch noch dem Thema Pflegefamilien eine exponierte Rolle zu. Wie ich aus einer befreundeten Familie selbst erfahren habe, ist es in der Tat keine Seltenheit, dass schwer misshandelte Kinder auf Antrag der leiblichen Eltern wieder in ihre Ursprungsfamilie zurück müssen, auch wenn die Verhältnisse dort keinesfalls gesichert bzw. gebessert sind. Eine Tatsache, die ich in keinster Weise nachvollziehen kann, wie übrigens vieles, was zwischen Jugendämtern und Pflegefamilien abläuft.

Das Nachwort ist ein Muss!

Drei Themen, die für meinen Geschmack das Nachwort zu “Das Joshua-Profil” fast wichtiger machen als die eigentliche Story selbst. Denn nach gepflegter Thriller-Unterhaltung kann man sich ruhig ein paar ernsthafte Gedanken zu den Hintergründen der aufgegriffenen Thematik machen. Ich danke Sebastian Fitzek für seine offen und kritischen Worte an dieser Stelle.

Kurzum: Ich bin froh, dass Fitzek nach Passagier 23 nicht mehr ganz so abstrus weiter arbeitet und freue mich schon auf sein nächstes Buch. Vielleicht werde ich mir auch ”Die Blutschule” ansehen, dass Fitzek als Max Rhode geschrieben hat. Mal schauen.

Ihr jedenfalls solltet “Das Joshua-Profil” lesen, wenn ihr an aktuellen Themen in Thrillerform interessiert seid.

Sebastian Fitzek

Sebastian Fitzek, Jahrgang 1971, geboren in Berlin, entschied sich nach dem Studium der Rechtswissenschaften und der Promotion zum Dr. jur. gegen einen juristischen Beruf und für eine kreative Tätigkeit in den Medien. Nach dem Volontariat bei einem privaten Hörfunksender wechselte er als Unterhaltungschef und später als Chefredakteur zur Konkurrenz und machte sich danach als Unternehmensberater und Formatentwickler für zahlreiche Medienunternehmen in Europa selbständig. Er lebt in Berlin, wo er derzeit in der Programmdirektion eines großen Hauptstadtsenders tätig ist.

Buchinfo: Das Joshua-Profil von Sebastian Fitzek, erschienen bei Bastei Lübbe, 26.10.2015, 430 Seiten, gebunden, ISBN: 978-3-7857-2545-0, 19,99 Euro

Judith Arendt: Sündenbock

Seit einem Jahr setzt sich Ruth Holländer mit mehr oder weniger unschönen Lebensgeschichten auseinander. Dennoch berührt sie der Fall des Rentners Jürgen Dombroschke auf ganz besondere Weise. Er soll seine Frau vergiftet haben doch Ruth ahnt, dass sich nicht alles so abgespielt hat, wie es sich auf den ersten Blick darstellt.

Judith Arendt, SündenbockFür die Schöffin Ruth Holländer beginnt das zweite Jahr ihrer Amtszeit. Als ehrenamtliche Richterin wird sie willkürlich unterschiedlichen Prozessen zugelost. Den Auftakt macht der Fall Jürgen Dombroschke. Der Rentner soll seine an Parkinson erkrankte Frau Margit mit Rattengift getötet haben. Ein Vorwurf, den der alte Herr weder bestätigt noch dementiert. Er gibt nur zu Protokoll, dass er seine Frau auf keinen Fall vorsätzlich getötet habe, dass er aber nicht ausschließen könne, dass das Gift durch eine Verkettung unglücklicher Umstände in ihr Essen gelangt sein könnte. Sein Anwalt plädiert auf Freispruch, schließlich kann seinem Mandanten die Tat nicht nachgewiesen werden. Und niemand anderes scheint ein Motiv zu haben. Ruth Holländer stürzt sich in die Ermittlungen.

Eine Story zum Mitgrübeln

Was eher unspektakulär daher kommt, entwickelt sich zur spannenden Story, die mich hat mitgrübeln lassen. Wollte Herr Dombroschke seiner schwer kranken Frau die Leiden verkürzen? Kaum vorstellbar, denn ganz offensichtlich hat er nie aufgehört, sie zu lieben. So sehr, dass er vermutlich dazu nicht in der Lage wäre, vermutet Ruth Holländer.

Aber ist es wirklich vorstellbar, dass eine Verkettung unglücklicher Zufälle zum Tod der alten Dame geführt hat? Als Leserin bin ich hin und her gerissen, fiebere mit und bin am Ende doch total überrascht über die Lösung.

Ein durchaus spannendes Buch von Judith Arendt.

Judith Arendt

Judith Arendt ist das Pseudonym einer erfolgreichen Krimi-Autorin. Sie schreibt gelegentlich Drehbücher für deutsche Fernsehserien und sieht umso lieber amerikanische. Ihre Leidenschaft gilt dem Kriminalroman, insbesondere dem skandinavischen und britischen. Judith Arendt lebt mit ihrer Familie seit einigen Jahren in der Nähe von München.

Buchinfo: Sündenbock von Judith Arendt, erschienen bei Ullstein, März 2015, 304 Seiten, 9,99 Euro, ISBN 978-3-548-28565-8

Claire Kendal: Du bist mein Tod

Er hat nur Augen für Clarissa. Wohin sie auch geht, immer ist er in ihrer Nähe, macht ihr Geschenke, kümmert sich um sie. Ob sie es will oder nicht. Notfalls mit Gewalt. In “Ich bin dein Tod” schildert Claire Kendal Clarissas Leben mit einem Stalker.

Claire Kendal, Du bist mein TodEin netter Abend, man trinkt gemeinsam etwas, kommt sich näher. Und am nächsten Morgen wacht man auf, kann sich an nichts mehr erinnern und hat Schmerzen. So geht es Clarissa nach einer gemeinsamen Nacht mit ihrem Kollegen Rafe. Ein Ausrutscher, von dem sie weiß, dass er sich nie wiederholen wird. Doch Rafe sieht das ganz anders.

Ein kleiner Fehler und du wirst ihn nicht mehr los

Clarissa wird ab sofort überschwemmt mit Anrufen, Briefen und Geschenken. Ob sie es will oder nicht. Morgens steht Rafe vor der Tür, wenn sie das Haus verlässt. In der Mittagspause lauert er ihr auf, am Abend will er sie nach Hause bringen. Egal wie abweisend Clarissa sich auch verhält, Rafe wird immer aufdringlicher. Er schreckt nicht mal davor zurück, eine alte Freundin Clarissas für seine Zwecke zu instrumentalisieren.

Erleichtert nutzt sie ihre Berufung zur Geschworenen um der Situation zu entkommen. Doch nicht lange, dann hat Rafe sie auch hier aufgespürt. Empört über ihren Versuch, sich ihm zu entziehen, werden Rafes Übergriffe immer zudringlicher und hinterhältiger. Doch wem könnte sich Clarissa offenbaren? Für Außenstehende scheint Rafe ein bis über beide Ohren verliebter junger Mann zu sein. Als Clarissa glaubt, seinem dunklen Geheimnis auf die Spur gekommen zu sein, spitzt sich die Situation für sie dramatisch zu.

Stalking – der wahr gewordene Albtraum

Jemanden zu haben, der oder die einen auf Schritt und Tritt verfolgt, die Nase in alles steckt, was ihn oder sie nichts angeht, der womöglich heimlich in die Wohnung eindringt, ist wohl für jeden Menschen eine Horrorvorstellung. Für Clarissa ist dieser Albtraum wahr geworden. Je entschiedener sie sich gegen ihren Verfolger auflehnt, umso zudringlicher und besitzergreifender wird er. Bis die Situation letztendlich eskaliert.

Was Claire Kendal geschrieben hat, ist in meinen Augen kein Thriller und auch kein Krimi. Aber es ist eine sehr realistische Schilderung dessen, was Stalking-Opfer erleben. Wie sie zusehends das Vertrauen in ihren Alltag verlieren und sich selbst beschränken.

Durch die Tatsache, dass man quasi mitten in Clarissas Leben geworfen wird und tagebuchartig die Zeit mit ihr verbringt, rückt ihr Stalker einem selbst sehr dicht auf die Pelle. Ein Grund, weshalb ich das Buch nur ungern zur Seite gelegt habe. Ich bin froh, dass die Gesetzgebung hier inzwischen rigoroser vorgeht und die Opfer ernst nimmt.

Ein gutes Buch für alle, die sich auf spannende Art und Weise mit dem Thema Stalking befassen wollen!

Claire Kendal

Claire Kendal wurde in den USA geboren und ist in England aufgewachsen. Du bist mein Tod ist ihr erster Roman und erscheint in zweiundzwanzig Ländern. Sie unterrichtet Literaturwissenschaft und Kreatives Schreiben und lebt mit ihrer Familie im Südwesten Englands. Sie arbeitet bereits an ihrem nächsten Roman.

Aus dem Englischen übersetzt von Sophie Zeitz.

Du bist meine Tod von Claire Kendal, erschienen bei List, März 2015, 368 Seiten, Klappenbroschur, € 14,95, ISBN 978-3-47135-104-8. Vielen Dank für die Bereitstellung des Leseexemplares.