Hendrik Berg: Schwarzes Watt

Ina freut sich auf den geplanten Familienurlaub an der Nordsee. Raus aus dem stickigen Köln und sich den Seewind um die Nase wehen lassen. Doch ihr ganz persönliches Grauen holt sie ein: Vor einem Café sieht sie den Mörder ihrer Schwester. Und dieses Mal will sie ihn wirklich hinter Schloss und Riegel sehen.

Schwarzes Watt von Hendrik BergVor zwanzig Jahren wurde Inas Schwester Nelly in Hamburg brutal erschlagen. Gemeinsam wollten sie den Sommerabend mit einem Cocktail in der Strandbar genießen. Auf der Suche nach Ruhe haben sie sich ein Plätzchen etwas abseits vom großen Rummel ausgesucht. Als Ina mit den Getränken zurück ist, reagiert Nelly nicht auf ihre Rufe, denn Nelly ist tot. Mit einem Stein erschlagen, während Ina sich an der Theke kurz verplaudert hat. Noch heute, zwanzig Jahre später, gibt sich Ina die Schuld am Tod ihrer Schwester.

Ausgerechnet im heiß ersehnten Urlaub glaubt Ina, den Mörder von damals vor einem Café zu erkennen. Dieses Mal ist sie sich ganz sicher. Wie die vielen Male vorher auch. Geduldig und behutsam versucht ihr Mann sie zu beruhigen. Aber Ina gibt nicht nach. Nicht dieses Mal. Die Polizei muss sie unterstützen, muss den Mann, den sie vor zwanzige Jahren kurz in einem aufzuckenden Blitz gesehen und seither nie wieder vergessen hat, dingfest machen. Mord verjährt nicht.

Warum glaubt mir niemand?

Aber kann sie die Polizei überzeugen, ihr zu helfen? Schließlich ist es nicht ihr erstes, vermeintliches Déjà Vu. Und tatsächlich wird ihr Anliegen schnell als Spinnerei einer Frau abgetan, die mit der Vergangenheit nie abschließen konnte. Vor allem, weil es sich bei dem angeblichen Mörder um ein angesehenes Mitglied der Gemeinde handelt.

Ehe Ina auf eigene Faust Nachforschungen startet, beschließt Kriminalkommissar Theo Krumme, der Sache nachzugehen. Und sei es nur, damit Ina wieder zur Ruhe kommt.

Spinnt sie oder hat sie den Mörder wirklich wiedererkannt?

Schwarzes Watt von Hendrik Berg hat mich gefesselt. Beim Lesen war ich hin- und hergerissen, ob ich Ina glauben soll oder nicht. Wer den Mord eines Familienmitglieds hautnah erlebt hat und sich selbst die Schuld daran gibt, trägt ein enormes Paket mit sich herum. Es wäre also durchaus vorstellbar, dass ihre Erinnerung sie narrt.

Die Auflösung ist sehr überraschend und etwas spooky. Aber so ist es nun mal bei den Küstenbewohnern. Da gibt es Dinge zwischen Himmel und Erde, die sich nicht ganz einfach erklären lassen.

Von mir bekommt Schwarzes Watt eine Leseempfehlung.

Hendrik Berg

Hendrik Berg wurde 1964 in Hamburg geboren. Nach einem Studium der Geschichte in Hamburg und Madrid arbeitet er zunächst als Journalist und Werbetexter. Seit 1996 verdient er seinen Lebensunterhalt mit dem Schreiben von Drehbüchern. Er wohnt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Köln.

Buchinfo: Schwarzes Watt von Hendrik Berg, erschienen bei Goldmann, 19.03.2018, 368 Seiten, € 10,00, ISBN: 978-3-442-48728-8

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Sascha Berst-Frediani: Reue

Sabine ist mit Dieter verheiratet. Während er Montag bis Freitag als Berufssoldat in der Kaserne lebt, kümmert sich Sabine um ihre berufliche Karriere. Man hat sich arrangiert. Wäre da nicht der attraktive Untermieter.

ReueSabine ist mit ihrem Leben zufrieden. Dass ihr Mann Dieter während der Woche in der Kaserne lebt, gibt ihr den Freiraum, ihre berufliche Karriere voran zu bringen.

Auch sonst kann Sabine tun und lassen was sie will. Dieter vertraut ihr blind.

Im Ehebett läuft nichts mehr

Auch Dieter hat sich mit seinem Leben arrangiert. In der Kaserne ist sein Leben klar geregelt. Die Langeweile der Abende versüßt er sich mit Alkohol und dem nahe gelegenen Bordell. Im heimischen Ehebett läuft sowieso nicht mehr viel. Und überhaupt, was Sabine nicht weiß…

Alles scheint perfekt organisiert, wäre da nicht Thomas, der attraktive Mieter der Einliegerwohnung. Aus zufälligen Treffen im Treppenhaus wird hin und wieder die gemeinsame Tasse Kaffee auf der sonnigen Terrasse. Zufällige Treffen werden zu geplanten. Die lockere Freundschaft wird zum gut gehüteten Verhältnis. Dieters Abwesenheit während der Woche und die Tatsache, dass sonst niemand im Haus wohnt, macht es dem Paar einfach. Bis Thomas mehr will.

Ein voyeuristische Blick durch fremde Schlüssellöcher

Ich gestehe, die ersten Seiten von Reue haben mich irritiert. Die verschiedenen Erzählperspektiven waren nicht selbsterklärend. das “vorweggenommene” Ende nicht intuitiv verständlich. Wer ist der Mann, den die Polizei im Morgengrauen abführt? Doch genau dieser Einstieg sorgt für die Spannung im Buch. Was ist genau passiert? Wer hat wem etwas angetan und aus welchem Anlass?

Durch den nüchternen Erzählstil und die wechselnden, strikt voneinander getrennten Perspektiven hatte ich das Gefühl, voyeuristische Blicke durch fremde Schlüssellöcher zu werfen. Es war klar, dass die Situation eskalieren würde. Von außen betrachtet war es klar. Den Protagonisten selbst fehlt dafür der Blick ins jeweils andere Leben, denn Sabine und Dieter reden schon längst nicht mehr über das, was sie bewegt.

Nach dem nicht ganz so geglückten Start wollte ich Reue von Sascha Berst-Frediani nicht mehr aus der Hand legen. Es war faszinierend, das Unheil kommen zu sehen, durch den distanzierten Schreibstil dabei aber völlig außen vor zu bleiben.

Ein wirklich spannendes Buch!

Einen kleinen Minuspunkt gibt es: Die Art der Bindung ist ziemlich scharfkantig. Ich fand sie unangenehm beim Halten des Buches. Aber das war auch schon alles.

Sascha Berst-Frediani

Sascha Berst-Frediani genoss seine Schulbildung in Deutschland sowie Italien. In Freiburg und Paris studierte er Germanistik und Rechtswissenschaften. Inzwischen ist der promovierte Jurist in Freiburg als Rechtsanwalt niedergelassen. Im Jahr 2013 gewann der Autor den Freiburger Krimipreis und im Mai 2015 die »Herzogenrather Handschelle«, den Krimipreis der Stadt Herzogenrath. “Reue” ist nach “Fehlurteil” sein zweiter Krimi im Gmeiner-Verlag.

Buchinfo: Reue von Sascha Berst-Frediani, erschienen bei Gmeiner, Februar 2018, 247 Seiten, gebunden, € 18,00, ISBN 978-3-8392-2249-2

Ulrich Ritzel: Nadjas Katze

In einem Antiquariat findet die pensionierte Lehrerin Nadja eine Erzählung über das Ende des zweiten Weltkriegs. Ort der Handlung ist ein kleines Dorf auf der Schwäbischen Alb. Als von einer schwarzen Stoffkatze mit rosa Tatzen die Rede ist, nimmt Nadja die Spur auf. Genau so eine Katze hat sie seit ihrer Kindheit.

Nadjas Katze von Ulrich RitzelNadja Schwertfeger hat ein seltsames Hobby. Voller Leidenschaft durchstöbert sie Antiquariate, ständig auf der Suche nach vergessenen Autoren. Bei einem der Streifzüge gerät eine Erzählung über das Kriegsende 1945 in ihre Hände. Sehr lebendig schildert der Verfasser, wie die Bewohner des kleinen Dorfes den Einmarsch der US-Armee erlebt haben. Was in den Stunden davor passiert ist. Ist die Geschichte Fiktion oder hat sich alles wirklich so abgespielt? Gibt es das Dorf wirklich?

Die schwarze Katze mit den rosa Tatzen

Bei ihrer Recherche stößt sie auf einen merkwürdigen Bezug zu ihrer eigenen Vergangenheit. Die schwarze Stoffkatze mit den rosa Tatzen, die der Autor beschreibt, liegt seit Jahren in ihrem Keller. Sie ist das Einzige, was sie von ihrer Mutter hat. Gab es das Stofftier öfter, oder hat die Geschichte wirklich mit ihr zu tun?

Nadja macht sich auf den Weg und stößt anfangs auf eine Mauer des Schweigens. Erst als der ehemalige Kriminalkommissar Hans Berndorf mit ihr auf Zeitreise geht, gelingt es, das Geheimnis Stück für Stück zu lüften. Mit einer überraschenden Erkenntnis.

Nadjas Katze konnte ich kaum wieder aus der Hand legen, nachdem ich die ersten Seiten hinter mich gebracht habe. Denn was etwas zäh begann, war plötzlich total spannend nach dem Motto: Geschichtsunterricht trifft auf kriminalistische Ermittlungsarbeit.

Ein Stück Nachkriegsgeschichte in Romanform

Das Ganze spielt sich noch dazu in meinem weiteren regionalen Umfeld ab, was meine Neugier beträchtlich gesteigert hat. Ich habe viel über Zeit um 45 in Baden-Württemberg gelernt. Und über das Leben der Nachkriegsgeneration. Die Nachkriegszeit war vor allem für Frauen nicht einfach, was nicht selten zu verworrenen Familienkonstellationen geführt hat über die nie gesprochen wurde.

Ein wirklich spannendes Buch!

Ulrich Ritzel

Ulrich Ritzel, geboren 1940, gilt als einer der besten Kriminalautoren Deutschlands. Nach seinem Jurastudium arbeitete er jahrelang für verschiedene Zeitungen, 1981 erhielt er für seine Gerichtsreportagen den renommierten Wächter-Preis. Seine Kommissar-Berndorf-Krimis “Schwemmholz” und “Der Hund des Propheten” waren preisgekrönt, “Beifang” wurde mit dem Deutschen Krimipreis 2010 ausgezeichnet, „Schlangenkopf“ und „Trotzkis Narr“ standen monatelang auf der Krimizeit-Bestenliste. Ulrich Ritzel lebt seit 2008 in der Schweiz.

Buchinfo: Nadjas Katze von Ulrich Ritzel, erschienen bei btb, November 2018, 448 Seiten, ISBN 978-3-442-71581-7, € 10,00

Jürgen Seibold: Völlig bedient

Am Abend war Laura noch der Star der brasilianischen Nacht, nur wenige Stunden später wird sie vom Reinigungspersonal tot zwischen den Müllcontainern einer Winterbacher Partylocation gefunden. Wer hatte so einen Hass auf das Mädchen. Bestatter und Hobbyermittler Froelich nimmt die Ermittlungen auf.

3019_800x506_2055Die Brasilienpartys von Mercedes Häberle sind spektakulär. Inzwischen braucht sie nicht mal mehr Werbung für die Veranstaltungen zu machen, denn die Kunden ihrer Cateringfirma reichen die neuesten Termine als Geheimtipp an Freunde und bekannte weiter. Die Location in Winterbach im Remstal ist eigentlich immer ausverkauft.

Mercedes ist sich im Klaren, dass dieser Erfolg auch der zauberhaften Studentin Laura zu verdanken ist. Sie packt nicht nur im Unternehmen mit an, sondern ist auch der Star der brasilianischen Nächte. Ihre Samba-Show heißt die Stimmung richtig an und sorgt damit für ordentlich Umsatz. Geld, das Mercedes Häberle dringend braucht, wenn sie mit ihrem Catering dem harten Wettbewerb der ortsansässigen Bäcker und Metzger Paroli bieten will.

Schirm, Charme, Lokalkolorit

Jürgen Seibold hat mit Völlig bedient einen charmanten Krimi mit reichlich Lokalkolorit geschrieben. Den gemütlichen und gleichzeitig gewitzten – ich glaube, bei den Schwaben nennt man diese Kombination “knitz” – Bestatter Gottfried Froelich schließt man schnell ins Herz. Und als “rei’g’schmeckte” Remshaldenerin war ich irgendwie ganz nah dran am Geschehen.

Über manche Szene konnte ich herzlich schmunzeln. Sie sind so typisch für die schwäbische Gemütlichkeit, über die Fremde gerne mal lästern. Dass vieles an der Story kräftig überzogen ist, spielt dabei keine Rolle. Die speziellen Charaktere in Völlig bedient muss man einfach mögen.

Winterbacher Dramen unterm Weihnachtsbaum

Ich glaube, Völlig bedient ist der lokalste aller Krimis mit Lokalkolorit. Er spielt praktisch vor meiner Haustür. Aber nicht nur deshalb lege ich ihn euch ans Herz. Unterm Christbaum wird er sich sicher auch gut machen.

Jürgen Seibold

Jürgen Seibold, 1960 in Stuttgart geboren, war Redakteur der Esslinger Zeitung, arbeitete als freier Journalist für Tageszeitungen, Zeitschriften und Radiostationen und veröffentlichte 1989 seine erste Musikerbiografie. Es folgten weitere Sachbücher für verschiedene Verlage (Heyne, Moewig, Knaur) mit einer verkauften Gesamtauflage von rund 1,2 Millionen Exemplaren. 2007 erschien bei Silberburg sein erster Regionalkrimi, 2010 die erste Komödie. Außerdem schreibt er Thriller und Jugendbücher. Jürgen Seibold lebt mit Frau und Kindern im Rems-Murr-Kreis und macht Musik – wenn er mal Zeit dafür findet.

Buchinfo: Völlig bedient von Jürgen Seibold, erschienen bei Silberburg, 1. Oktober 2017, 304 Seiten, kartoniert, € 12,90, ISBN 978-3-8425-2055-4. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Hans-Hennes Hess: Grillwetter – Anwalt Fickel ermittelt

Anwalt Fickel hat die Ruhe weg. Bis es seiner thüringischen Rostbratwurst an die Pelle gehen soll. Plötzlich häufen sich die Leichen im beschaulichen Meiningen. Doch Fickel bleibt dem Mörder auf der Spur.

9783832163761Das Thüringer Traditionsunternehmen Krautwurst Wurstspezialitäten steht vor dem Aus. Dann verschwindet kurz vor der rettenden Aktion, Krautwurst will mit der längsten Bratwurst der Welt von sich reden machen, auch noch der Insolvenzverwalter. Hat er sich mit dem erwirkten Kredit aus dem Staub gemacht? Oder hat ihn Schlachter Menschner mit seinem Schweinespalter erschlagen?

Regionale Krimis sind seit einigen Jahren im Trend. Nach den ersten Erfolgstiteln sprossen sie plötzlich überall wie Pilze aus dem Boden. Und seien wir ehrlich, mancher davon ist so seicht, dass er auch unter der Erde hätte bleiben können.

Es geht um die Wurst

Grillwetter von Hans-Hennes Hess steht hingegen da wie aus dem Ei gepellt. Kaum ein Klischee der ländlichen Region, das nicht bedient wird:

  • Vetternwirtschaft
  • Sich gegenseitig Hörner aufsetzen
  • In Fettnäpfe treten
  • Heimatverbundenheit
  • “Bauernschläue”
  • Torschlusspanik

Und natürlich viel Humor. Freiwillig oder unfreiwillig.

Ohne zu Spoilern würde ich allerdings empfehlen, beim Lesen keine Bratwurst zu essen. Nur vorsichtshalber.

HHH – nichts für Zartbesaitete

Und sehr zart besaitete Charaktere könnten an der ein oder anderen Stelle leicht pikiert sein. Immerhin nimmt uns Hans-Henner Hess (HHH) mit in ein sehr rustikale Milieu.

Ich habe mich amüsiert.

  • Über die Naivität von Anwalt Fickel, seines Zeichens der Mann zwischen Liebe, Mord und Rostbratwurst.
  • Über die amourösen Verwicklungen auf allen Ebenen.
  • Über die teils humorigen Fußnoten.
  • Grillwetter von Hans-Henner Hess liest sich lecker!
Hans-Hennes Hess

Hans-Henner Hess verbrachte seine Jugend im Schatten der Berliner Mauer mit Tagträumen, Nachtwandeln sowie dem Züchten von winterharten Zierkakteen. Als nach Einführung des Westgelds wichtige Absatzmärkte wegbrachen, sah er sich gezwungen, einen ehrlichen Beruf zu erlernen, und entschied sich irrtümlich für die Juristerei. Beim Verfassen seitenlanger Schriftsätze gewann er Gefallen am Fabulieren und schulte kurzerhand um auf TV-Autor. Seine Erfahrungen im Justizalltag sowie eine angeborene Affinität zu Thüringer Klößen verarbeitet er in der bei DuMont erscheinenden Krimireihe um den relaxten Meininger Anwalt Fickel. Bislang erschienen ›Herrentag‹ (2013), ›Der Bobmörder‹ (2014) und ›Das Schlossgespinst‹ (2016).

Buchinfo: Grillwetter von Hans-Hennes Hess, erschienen bei DUMONT, 22.08.2017, 352 Seiten, € 10,00, ISBN 978-3-8321-6376-1, danke für das Leseexemplar.

Christian V. Ditfurth: Giftflut

Europa befindet sich im Krieg. Anschlag folgt auf Anschlag. Dass sie zusammenhängen, ist offensichtlich. Doch wer steckt dahinter? Auf unorthodoxe Art und Weise nimmt Kriminalkommissar Eugen de Bodt die Ermittlungen auf. Findet er die Verantwortlichen, ehe Europa im Chaos versinkt?

Giftflut von Christian DitfurthIn Berlin wird der Leiter der Wasserwerke tot in seiner Badewanne aufgefunden. Fast zeitgleich sind weite Teile der Stadt kurzzeitig ohne Wasser. Fremde haben sich Zutritt verschafft und die Haupthähne abgedreht.

Vier Tage später. Spätabends in Berlin. Ein dumpfer Schlag ist zu hören. Dann vibriert der Boden. Wie bei einem Erdbeben. Kurz darauf zerreißt Sirenengeheul die abendliche Stille. De Bodt folgt den Einsatzwagen. Die Oberbaumstraße ist gesperrt, alles voller Blinklichter. Polizei, Feuerwehr, Ambulanzen. Von der Oberbaumbrücke ist nur noch ein Gewirr aus Steinen und Metall zu sehen. Dazwischen bunte Flecken. Die U1 und unzählige Autos, die sich gerade auf der Brücke befanden, als sie von irgendwem gesprengt wurde.

Die Rache der Inselstaaten?

Es folgen weitere Anschläge. In Berlin, in London, in Paris. Alle haben mit Wasser zu tun und alle fordern unzählige Todesopfer. Die Börsenkurse rauschen in den Keller, die Menschen sind verunsichert, die Politik sucht händeringend nach Erklärungen.

Klar ist: Wer diese Verbrechen begangen hat, verfügt über unendliche finanzielle Ressourcen. Und er arbeitet nur mit Profis. Was die Gruppe der Verursacher sehr stark eingeschränkt. Kriminalkommissar Eugen de Bodt nimmt mit seinem Team die Spur auf und schreckt dabei – wie üblich – vor unorthodoxen Methoden nicht zurück.

Giftflut ist das zweite Buch von Christian v. Ditfurth, das ich lese. Und wie bei Zwei Sekunden bin ich wieder begeistert.

Ich mag Storys, die mit kurzen Sätzen und direkter, schnörkelloser Sprache erzählt werden. Sie sorgen für Tempo und Spannung, was für mich einen harten Thriller ausmacht.

Themen, die die Welt aktuell bewegen

Auch mit der Themenwahl hat Christian v. Ditfurth mit Giftflut bei mir einen Volltreffer gelandet. Wie schon bei Zwei Sekunden ist sie top aktuell:

  • Klimawandel
  • Terrorismus
  • Bankenkrise
  • Korruption
  • Flüchtlingsbewegungen

Alle Szenarien, die v. Ditfurth in Giftflut skizziert, sind vorstellbar aber nicht vorhersehbar. Ich konnte mich problemlos darauf einlassen und mitgrübeln. Trotzdem war mir Kommissar de Bodt immer eine Nasenspitze voraus. Er ist eben doch der bessere Ermittler von uns beiden. 😉

Und dass mir seine unorthodoxe Arbeitsweise und sein unangepasster Charakter gefällt, wundert vermutlich keinen der mich kennt.

Kaufen, lesen, sich über die Welt Gedanken machen

Ich empfehle Giftflut von Christian v. Ditfurth allen, die auf temporeiche, detailliert erzählte und real vorstellbare Thriller stehen und freue mich schon auf sein nächstes Buch. Mir fallen da noch einige aktuelle Themen ein, die man auf diese Art an politisch uninteressierte Menschen bringen können.

Christian v. Ditfurth

Christian v. Ditfurth, geboren 1953, ist Historiker und lebt als freier Autor in Berlin und in der Bretagne. Er hat zahlreiche Sachbücher geschrieben, zuletzt Deutsche Geschichte für Dummies. Neben Thrillern wie Der 21. Juli und Das Moskau-Spiel hat er Kriminalromane um den Historiker Josef Maria Stachelmann veröffentlicht, die auch in den USA, in England, Australien, Frankreich, Spanien und Israel veröffentlicht wurden. Bei carl’s books erschien zuletzt »Zwei Sekunden. Kommissar de Bodts zweiter Fall«.

Buchinfo: Giftflut von Christian v. Ditfurth, erschienen bei carl’s books, 04.September 2017, 480 Seiten, Paperback, Klappenbroschur, 15.00 Euro, ISBN: 978-3-570-58565-8, vielen Dank für das Leseexemplar.

Miroslav Nemec: Die Toten von der Falkneralm

Ein Kommissar-Darsteller spielt in seinem ersten eigenen Buch einen Kommissar-Darsteller, der ungewollt in eine Mordserie stolpert und den Fall letztendlich aufklärt. Unsinn? Nein, das erste Buch von Miroslav Nemec und gerade wegen der etwas kruden Story durchaus amüsant.

9783813507027_coverFür alle Tatort Fans: Ivo Batic ist jetzt auch Autor! Ja, ihr habt richtig gelesen. Miroslav Nemec, den meisten vermutlich bekannt als Ivo Batic vom Tatort München, weitet sein Portfolio weiter aus und geht unter die Autoren. Hauptcharakter seines Buches Die Toten von der Falkneralm ist, na wer wohl: Miroslav Nemec. Wobei, eher Ivo Batic, denn so ganz können seine “Mitspieler” beide Personen oder Rollen nicht voneinander trennen.

Doch fangen wir von vorne an. Miroslav Nemec hat ein Engagement auf der Falkneralm, einem Berghotel, das nur über eine Seilbahn zu erreichen ist. Nemec soll aus einem Krimi lesen, mit den Gästen über “Mord in Fiktion und Wirklichkeit” diskutieren und ihnen ein “Mörderisches Wochenende” bescheren.

Alles klingt nach einem entspannten Wochenende, bis ein Sturm über die Falkneralm hinweg fegt. Zurück bleiben drei Tote, die auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen sind und ein Kommissar-Darsteller, der ganz real ermitteln muss.

Eine Persiflage auf den Starkult?!

Ein Kommissar-Darsteller wird für eine Lesung engagiert. Die Teilnehmer, überwiegend Fans der Fernsehfigur, haben Schwierigkeiten, zwischen der Person des Darstellers und seiner Filmfigur zu unterscheiden. Und prompt gibt es Tote. Alles kein Problem, denn schließlich hat man den erfahrenen Kriminalisten im Haus.

So sehr Nemec auch versucht, auf den Irrtum hinzuweisen, er ist und bleibt die Koryphäe in Sachen unnatürliche Todesfälle. Und tatsächlich zweifelt er die Ergebnisse der ortsansässigen Ermittler an. Zu schnell geben diese sich mit der Diagnose “Verkettung unglücklicher Unfälle” zufrieden. Nemec ermittelt auf eigene Faust.

Amüsantes Rollenspiel

Ein Kommissar, der keiner ist, spielt in seinem ersten eigenen Buch einen Kommissar, der keiner ist, der letzten Endes aber doch das Verbrechen aufklärt.

Alles verstanden? Prima!

Dann habe ich Die Toten von der Falkneralm in einem Satz zusammengefasst. Das heißt aber nicht, dass Miroslav Nemec’ Erstlingswerk als Autor einfallslos sei. Ich fand es sehr amüsant und gelungen. Irgendwie komplett nachvollziehbar. Auch wenn Nemec als Künstler ein Multitalent ist, für mich ist er eben Ivo Batic. 25 Jahre Tatort gehen an niemandem spurlos vorbei, erst recht nicht, wenn das Münchner Duo zu meinen Favoriten zählt. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie ich in so einem Fall reagiert hätte. Vielleicht hätte ich den Autor auch als Mord-Fachmann gesehen.

Stilistisch hätte ich mir manchmal eine geübtere Schreibe gewünscht. Aber wäre das Buch dann noch so authentisch und amüsant gewesen? Ich bezweifele es.

Wer Batic liebt, für den ist Die Toten von der Falkneralm von Miroslav Nemec mit Sicherheit eine gelungene Überraschung.

Miroslav Nemec

Miroslav Nemec, geboren 1954 in Zagreb, aufgewachsen in Freilassing, spielt seit 1991 im „Tatort“ den aus Kroatien stammenden Münchner Kommissar Ivo Batic. Der Schauspieler begann seine Laufbahn am Theater (u. a. Münchner Residenztheater) und steht seit Ende der 80er Jahre in verschiedenen Rollen vor der Kamera. Auch als Musiker ist er aktiv, u.a. mit der Miro Nemec Band. Miroslav Nemec wohnt mit seiner Familie in München.

Buchinfo: Die Toten von der Falkneralm von Miroslav Nemec, erschienen bei KNAUS, August 2016, 255 Seiten, gebunden, € 19,99, ISBN: 978-3-8135-0702-7