Delphine de Vigan: Loyalitäten

Der zwölfjährige Théo ist selbstständig, fürsorglich und ein guter Schüler. Also alles prima? Nicht ganz. Denn Théo ist durch sein Bestreben, perfekt zu funktionieren, permanent überfordert. Entspannung sucht er im Alkohol.

LoyalitätenThéos Eltern sind geschieden, seine Mutter ist mit der Situation unglücklich und überfordert. Der Zwölfjährige hat früh gelernt, nicht aufzufallen, die Mutter nicht noch zusätzlich zu belasten. Im Gegenteil.

Fürsorglich achtet er darauf, keinen Anlass zum Streit zu geben. Selbst dann nicht, wenn er nach dem Wochenende von seinem Vater zurück kommt und die Mutter seinen Geruch nicht ertragen kann, so sehr ist sie verletzt.

Der Vater hat sich aufgegeben. Geht nicht mehr aus dem Haus, trinkt. Théo bemüht sich um Normalität, kauft ein, wäscht, macht die Betten.

Théo zahlt einen hohen Preis

Auch in der Schule verhält er sich still, ist ein guter Schüler. Doch nach und nach verändert er sich. Wird verschlossener, abwesender. Seine Lehrerin Hélène macht sich Sorgen um den Jungen stößt aber auf taube Ohren.

Nur Mathis, Théos einziger Freund, kennt sein Geheimnis. Théo trinkt und versucht so, seine innere Leere zu füllen. Doch wem soll sich Mathis anvertrauen? Kann er überhaupt seinen einzigen Freund verraten?

Schaut genau hin. Bitte!

Loyalitäten von Delphine de Vigan hat mich sehr bewegt. Viel zu oft verlangen wir unseren Kindern so viel ab, drängen sie in die Rolle Erwachsener. Vor allem dann, wenn der Partner oder die Partnerin stirbt, eine Beziehung zerbricht und wir den Streit vor den Kindern austragen. Sie wollen uns gefallen und alles richtig machen und gehen dabei selbst zugrunde. Häufig leise, still und so lange unbemerkt, bis es zu spät ist. Bis sie sich selbst verletzen, Zuflucht in Alkohol oder Drogen nehmen oder, als finale Lösung, ihrem Leben ein Ende setzen.

Delphine de Vigan zeigt aber auch, wie schwer es ist, Zugang zu leidenden Kindern und Jugendlichen zu finden und welche Hürden überwunden werden müssen. Sei es das Nicht-sehen-sollen oder Nicht-sehen-können der Angehörigen oder der juristische Dschungel. Und wie viele grundsätzlich hilfsbereite und aufmerksame Menschen aufgeben, weil sie am Ende ihrer eigenen Kraft ankommen.

Loyalitäten von Delphine de Vigan bekommt von mir ein großes Plus und eine klare Leseempfehlung. Egal, ob der Leser oder die Leserin mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, oder nicht.

Delphine de Vigan

Delphine de Vigan, geboren 1966, erreichte ihren endgültigen Durchbruch als Schriftstellerin mit dem Roman ›No & ich‹ (2007), für den sie mit dem Prix des Libraires und dem Prix Rotary International 2008 ausgezeichnet wurde. Ihr Roman ›Nach einer wahren Geschichte‹ (DuMont 2016) stand wochenlang auf der Bestsellerliste in Frankreich und erhielt 2015 den Prix Renaudot. Bei DuMont erschien 2017 ihr Debütroman ›Tage ohne Hunger‹. Die Autorin lebt mit ihren Kindern in Paris.

Übersetzung: Doris Heinemann

Buchinfo: Loyalitäten von Delphine de Vigan, erschienen bei DUMONT, 13.09.2018, 176 Seiten, gebunden mit Lesebändchen, € 20,00, ISBN 978-3-8321-8359-2. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Werbeanzeigen

Mein Leben als Affenarsch

Berlin in den 80er Jahren. Wer in sein will, muss hin. Das gilt besonders für Künstler und alle, die sich dafür halten. Wilde, illegale Partys in der Nacht, hemmungsloses Leben am Tag. Das ideale Umfeld für Oskar Roehler.

Mein Leben als AffenarschRoberts Kennzeichen: Ein bodenlanger Wehrmachtsmantel und ein Tornister voller Bücher. froh, den durchgeknallten Eltern entfliehen zu können. Die Mutter süchtig nach Alkohol und Drogen, der Vater paranoid und auf Alkohol.

Robert will zum Film

Robert will nach Berlin. Etwas mit Film oder am Theater machen. Was genau weiß er selbst noch nicht. Nur raus. Tauscht den Familien-Mief gegen eine Kellerwohnung mit Blick auf den Hinterhof in Wedding. Wieder umgeben von Proleten und Durchgeknallten.

Ich roch wieder und wieder an meinem Kot. Dann brach ich die harten Brocken mit den Fingrn auseinander, zerpflückte sie…

Schriftsteller will er werden, aber seine Versuche zu schreiben, langweilen ihn selbst. Ich wünsche mir, er hätte alle Versuche damals, 1981 in Wedding aufgegeben. Denn was er mit „Mein Leben als Affenarsch“ abgeliefert hat, hätte kein Mensch gebraucht. Egal wie renommiert er als Drehbuchautor und Regisseur ist.

Ich lächle milde, während sie sich das Sperma mit einem Taschentuch vom Arsch wischt wie eine Bahnhofsnutte, Höschen und Rock wieder hochzieht.

Um es kurz zu machen: Wer auf sexistische, frauenfeindliche Fäkalsprache steht, wird dieses Buch lieben. Wer auf sinnlose, brutale Gewalt steht, auch. Wer von einem Buch eines renommierten Künstlers mehr erwartet, sollte sein Geld für etwas anderes ausgeben.

Für verkorkste Leben gibt es Therapeuten. Für verkokste auch.

Was haben wir Leser eigentlich getan, dass jedes verkorkste Künstlerkind glaubt, uns mit Details aus seinem oder ihrem verkorksten Leben behelligen zu müssen. Leute, geht zu Therapeuten. Die werden dafür bezahlt, dass sie sich euren Müll anhören. Oder zahlt denjenigen, die – aus welchen Gründen auch immer – eure Ergüsse lesen, wenigstens Schmerzensgeld.

Mein Leben als Affenarsch ist eines der wenigen Bücher, das von mir definitiv keine Leseempfehlung bekommt. Die oben erwähnte Zielgruppe vielleicht ausgenommen.

Oskar Roehler

Oskar Roehler, geboren 1959, ist einer der renommiertesten deutschen Drehbuchautoren und Regisseure. Sein erster Roman Herkunft erschien 2011 bei Ullstein. Oskar Roehler ist verheiratet und lebt in Berlin.

Mein Leben als Affenarsch von Oskar Roehler, erschienen bei Ullstein, März 2015, 224 Seiten, gebunden, € 18,00, ISBN: 978-3-550-08042-5.