Claire Askew: Todesschweigen

Edinburgh im Mai. Ein Blutbad am Three Rivers College erschüttert die Stadt. Detective Inspector Helen Birch versucht, die Hintergründe der Tat aufzuklären und kämpft dabei gegen öffentliche Hetze und Spekulationen.

todesschweigenAlles sieht aus, wie ein ganz normaler Morgen am Three Rivers College. Der Gänge füllen sich langsam mit Studierenden, als plötzlich Schüsse durch das Gebäude hallen. Schreie gellen durch die Flure, Schüler und Lehrkräfte versuchen, sich in abschließbaren Räumen in Sicherheit zu bringen oder rennen auf den Hof. Bloß nicht dem Schützen in die Quere kommen.

Detective Inspector Helen Birch ist als eine der ersten am Einsatzort, wo sie nur zwei völlig überforderte Streifenpolizisten vorfindet. Während sie auf das Sondereinsatzkommando warten, dröhnen weitere Schüsse durch das Gebäude, gefolgt von Schreien und Rennen auf den Gängen. Dann ist Ruhe.

Als das SEK das Gebäude stürmt, sind dreizehn junge Frauen tot. Der Amokschütze hat sich mit seiner letzten Kugel selbst gerichtet.

2009 – Amoklauf in Winnenden

Todesschweigen hat mich auf ganz besondere Weise gepackt. Im März 2009 habe ich als Social Media Managerin einer großen süddeutschen Online-Community den Amoklauf in Winnenden hautnah miterlebt. Sowohl Opfer als auch Täter waren Mitglieder der Community.

In kürzester Zeit stürmte die Boulevardpresse die Plattform und bot öffentlich Geld für Bilder der Toten und Hintergründe zum Täter. Fotos der Opfer wurden ungehemmt verbreitet und schockten die Eltern der Getöteten am nächsten Morgen. Boulevardzeitungen hatten keine Hemmung, mit diesen Bildern aufzumachen.

In den Folgetagen wurden Gerüchte in die Welt gesetzt und eine Hexenjagd auf die Eltern des Amokläufers eröffnet. Selbst bei der nichtöffentlichen Beisetzung schreckte die Journaille vor nichts zurück. Menschen, von deren Häusern man freie Sicht auf den Friedhof hatte, wurde viel Geld geboten, wenn die Boulevardpresse während der Beerdigung von dort aus berichten und fotografieren durfte.

Die Polizei musste also nicht nur versuchen, die Hintergründe der Tat aufzudecken, um solche Situationen künftig besser vermeiden zu können. Sie musste dazu auch noch trauernde und schwer traumatisierte Schüler und Angehörige vor der Hemmungslosigkeit der Boulevardpresse schützen und so wertvolle Zeit und Energie “verschwenden”, die besser hätte verwendet werden können.

Todesschweigen ist harte Kost

Claire Askew lässt uns in Todesschweigen die Polizistin Helen Birch bei den Ermittlungen zu dem Amoklauf an dem Edinburgher College “begleiten”. Sie schildert die Ängste der Angehörigen, aber auch die Vorwürfe und Zweifel, die sie plagen. Hätten sie irgendwas tun können was ihren Kindern das Leben gerettet hätte? Diese Frage stellt sich nicht nur die Mutter des Täters. Und nicht alle übersteht eine solche Zeit. Ehen zerbrechen, Menschen sehen keinen Sinn mehr im Leben, weil sie ihre Kinder nicht schützen konnten.

Todesschweigen ist keine leichte Kost und gerade deswegen empfehle ich sie allen Leserinnen und Lesern. Denn dieses Buch kann dabei helfen, nichts zu bereuen, was man nicht getan oder gesagt hat, sollte ein Kind oder ein Elternteil plötzlich versterben.

Claire Askew hat mit Todesschweigen einen ganz besonderen Krimi abgeliefert.

Claire Askew

Claire Askew studierte an der University of Edinburgh Kreatives Schreiben und arbeitet neben der Schriftstellerei im Bildungsbereich. Sie wurde u.a. mit dem New Writers Award des Scottish Book Trust ausgezeichnet und für ihren Debütroman »Todesschweigen« mit dem Lucy Cavendish Prize. Claire Askew lebt in Edinburgh.

Buchinfo: Todesschweigen von Claire Askew, erschienen bei Goldmann, 19.11.2018, 528 Seiten, € 10,00, ISBN: 978-3-442-48842-1

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Delphine de Vigan: Loyalitäten

Der zwölfjährige Théo ist selbstständig, fürsorglich und ein guter Schüler. Also alles prima? Nicht ganz. Denn Théo ist durch sein Bestreben, perfekt zu funktionieren, permanent überfordert. Entspannung sucht er im Alkohol.

LoyalitätenThéos Eltern sind geschieden, seine Mutter ist mit der Situation unglücklich und überfordert. Der Zwölfjährige hat früh gelernt, nicht aufzufallen, die Mutter nicht noch zusätzlich zu belasten. Im Gegenteil.

Fürsorglich achtet er darauf, keinen Anlass zum Streit zu geben. Selbst dann nicht, wenn er nach dem Wochenende von seinem Vater zurück kommt und die Mutter seinen Geruch nicht ertragen kann, so sehr ist sie verletzt.

Der Vater hat sich aufgegeben. Geht nicht mehr aus dem Haus, trinkt. Théo bemüht sich um Normalität, kauft ein, wäscht, macht die Betten.

Théo zahlt einen hohen Preis

Auch in der Schule verhält er sich still, ist ein guter Schüler. Doch nach und nach verändert er sich. Wird verschlossener, abwesender. Seine Lehrerin Hélène macht sich Sorgen um den Jungen stößt aber auf taube Ohren.

Nur Mathis, Théos einziger Freund, kennt sein Geheimnis. Théo trinkt und versucht so, seine innere Leere zu füllen. Doch wem soll sich Mathis anvertrauen? Kann er überhaupt seinen einzigen Freund verraten?

Schaut genau hin. Bitte!

Loyalitäten von Delphine de Vigan hat mich sehr bewegt. Viel zu oft verlangen wir unseren Kindern so viel ab, drängen sie in die Rolle Erwachsener. Vor allem dann, wenn der Partner oder die Partnerin stirbt, eine Beziehung zerbricht und wir den Streit vor den Kindern austragen. Sie wollen uns gefallen und alles richtig machen und gehen dabei selbst zugrunde. Häufig leise, still und so lange unbemerkt, bis es zu spät ist. Bis sie sich selbst verletzen, Zuflucht in Alkohol oder Drogen nehmen oder, als finale Lösung, ihrem Leben ein Ende setzen.

Delphine de Vigan zeigt aber auch, wie schwer es ist, Zugang zu leidenden Kindern und Jugendlichen zu finden und welche Hürden überwunden werden müssen. Sei es das Nicht-sehen-sollen oder Nicht-sehen-können der Angehörigen oder der juristische Dschungel. Und wie viele grundsätzlich hilfsbereite und aufmerksame Menschen aufgeben, weil sie am Ende ihrer eigenen Kraft ankommen.

Loyalitäten von Delphine de Vigan bekommt von mir ein großes Plus und eine klare Leseempfehlung. Egal, ob der Leser oder die Leserin mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, oder nicht.

Delphine de Vigan

Delphine de Vigan, geboren 1966, erreichte ihren endgültigen Durchbruch als Schriftstellerin mit dem Roman ›No & ich‹ (2007), für den sie mit dem Prix des Libraires und dem Prix Rotary International 2008 ausgezeichnet wurde. Ihr Roman ›Nach einer wahren Geschichte‹ (DuMont 2016) stand wochenlang auf der Bestsellerliste in Frankreich und erhielt 2015 den Prix Renaudot. Bei DuMont erschien 2017 ihr Debütroman ›Tage ohne Hunger‹. Die Autorin lebt mit ihren Kindern in Paris.

Übersetzung: Doris Heinemann

Buchinfo: Loyalitäten von Delphine de Vigan, erschienen bei DUMONT, 13.09.2018, 176 Seiten, gebunden mit Lesebändchen, € 20,00, ISBN 978-3-8321-8359-2. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Stefan Ahnhem: Und morgen Du

Grausam zugerichtet und mit abgesägten Händen wird ein Lehrer tot im Werkraum aufgefunden. Wenig später taucht das nächste Opfer mit zerquetschten Füßen und von Ratten grauenhaft verstümmelt in einem Baustoffhandel auf. Beide waren in der gleichen Klasse und haben gemeinsam über Jahre hinweg einen Mitschüler aufs Übelste misshandelt. Opfer eins mit seinen Fäusten, Opfer zwei durch gezielte Fußtritte.

Krimi, Schweden, Mobbing, Schule, Mord
(Cover: ullsteinbuchverlage.de)

Gerade ist Kommissar Fabian Risk mit seiner Familie in sein idyllisches Heimatstädtchen Helsingborg in Südschweden zurückgekehrt. Es soll ein Neustart für die Liebe werden, die in der Stockholmer Zeit schwer gelitten hat. Doch noch ehe der Umzugswagen ausgeladen ist, holt die gnadenlose Realität seines Berufes Fabian Risk erneut ein. Bei den Mordopfern wird ein Klassenfoto gefunden. Ein Klassenfoto, auf dem auch Fabian Risk in die Kamera lächelt.

Von der Story „eingesaugt“

Und ebenso wie Risk aus dem Urlaub gerissen wird, wird man selbst in die Story “gesaugt”. Schnell ahnt man als Leserin, dass womöglich mehr als nur zwei Namen auf der Liste des Mörders stehen. Des Mörders, der scheinbar das Mobbingopfer aus Schultagen zu sein scheint und der nun grausam Rache übt. An denen, die ihn gequält haben und an denen, die nichts dagegen unternommen haben.

Mir ist es schwer gefallen, das Buch wieder aus der Hand zu legen und ich denke, daran hat die Erinnerung an die eigene Schulzeit ihren Anteil. Auch wenn ich mich nicht an große körperliche Gewalt erinnern kann, Ausgrenzungen und verbale Entgleisungen gehenüber Schülerinnen und Schülern, die nicht “Mainstream” waren, gab es auch in meiner Schulzeit.

Hinzu kamen die zahlreichen Richtungswechsel, die die Story nahm. Ist es Zufall, dass die Mordserie genau dann startet, als Kommissar Risk wieder nach Helsingborg zurückkehrt? Hat er womöglich selbst etwas damit zu tun? Kann die Mordserie rechtzeitig gestoppt werden oder endet sie, ehe alle Mitschüler tot sind?

Von mir bekommt “Und morgen Du” eine klare Leseempfehlung

Ich konnte mich sehr schnell mit der Story identifizieren, der spannende und völlig unvorhersehbare Wandel darin hat mich mit den Ermittlungskräften mitfiebern lassen. Und er hat mich nachdenklich werden lassen. Nachdenklich über den Umgang miteinander und die Konsequenzen, die Misshandlung aber auch Missachtung haben.

Stefan Ahnhem

Stefan Ahnhem, geboren 1966, ist ein bekannter schwedischer Drehbuchautor, unter anderem für die Filme der Wallander-Reihe. Er lebt mit seiner Familie in Stockholm. Und morgen du ist sein erster Roman und der erste Teil einer Krimiserie um den Kommissar Fabian Risk.

Buchinfo: „Und morgen Du“ von Stefan Ahnhem, erschienen bei List, September 2014, 550 Seiten, Hardcover, Klappenbroschur, ISBN 978-3-471-35105-5, € 16,99. Danke für die Bereitstellung des Leseexemplares.