Bartenstein/Peter: Das Wimmelbuch vom Abschiednehmen

Schmerz, Verlust und Tod gehören zu unserem Leben. Schon immer. Doch längst läuft vieles steril und distanziert im Hintergrund ab. In Krankenhäusern, Hospizen, Pflegeheimen. Das Wimmelbuch vom Abschiednehmen macht das Loslassen und die Trauer auf liebevolle Art und Weise wieder greifbarer.

Es ist ein trauriger Zufall, dass Das Wimmelbuch vom Abschiednehmen ausgerechnet am 20. Dezember zur Hand genommen habe. An dem Tag, der – nicht nur – in Magdeburg das Leben so vieler Menschen unwiederbringlich verändert hat. Vielleicht ist es Schicksal, denn ich finde dieses Buch einfach großartig und sehr wichtig.

Schmerz, Verlust und Tod gehören zu unserem Leben dazu, aber wir haben häufig verlernt, damit umzugehen. Beide als ständige Begleiter zu verstehen. Als meine Großmutter ihren letzten Atemzug tat, saß ich – als Einzige der Familie – zuhause in ihrem Wohnzimmer neben ihr. Mir ging damals vieles durch den Kopf. Vor allem, dass ich mit damals Mitte 20 noch nie bewusst eine Tote gesehen, geschweige denn angefasst habe. Auch wusste ich nicht, dass bereits Tote noch vermeintlich “atmen”. Das erklärte mir der Bestatter, den ich irgendwann anrief. Meine Großmutter war wohl schon deutlich früher gestorben als ich es realisiert habe. Und dann wurde ich weggeschickt. Sie würden übernehmen. Wiedergesehen habe ich sie im Sarg, ordentlich zurechtgemacht und in einem ihrer Sonntagskleider. Meine Mutter, ihre Tochter, hat sich dieser Situation ganz. Sie wollte sie so in Erinnerung behalten, wie sie sie kannte. Dabei sah sie dort im Sarg so friedlich und entspannt aus wie schon lange nicht mehr.

Seltsam, ich glaube, ohne Das Wimmelbuch des Abschiednehmens hätte ich nie so ausführlich über diesen Abschied geschrieben. Er liegt auch schon lange zurück. Und ich fand es damals so unfair, dass meine Mutter die komplette Verantwortung auf mich abgewälzt hat. Etwas, worauf ich nie vorbereitet worden bin.

Glück und Unglück existieren nebeneinander

Schmerz, Verlust und Tod gehören zu unserem Leben dazu, das zeigt Das Wimmelbuch des Abschiednehmens auf liebevolle Weise. Und dabei kann Trauer ganz unterschiedlich aussehen. Wir können traurig sein, wenn wir einen geliebten Menschen verlieren. Wir können traurig sein, wenn ein geliebtes Tier stirbt. Wir können auch traurig sein, wenn unser erstes Auto – etwas ganz Besonderes für junge Menschen – verschrottet werden muss. Andere sind traurig und wissen nicht, wie ihr Leben weitergehen soll, weil sie einen schweren Unfall hatten, weil sie ihr Zuhause verloren haben oder ihren Job nicht mehr ausüben können und deshalb Existenzängste haben. Viele dieser Situationen greift Das Wimmelbuch des Abschiednehmens auf und begleitet die jeweiligen Personen durch verschiedene Phasen ihres Lebens.

Mit gefällt diese Herangehensweise an Verlust und Trauer sehr gut. Egal ob für Kinder oder Erwachsene. Spielerisch und ohne unnötige Schwermut zeigt es, dass Glück und Unglück nebeneinander existieren. Immer. Auch wenn ich selbst traurig bin, können sich andere Menschen gerade sehr über etwas anderes freuen. Und auch ich darf mich freuen, wenn ich etwas Schönes sehe oder erlebe. Deshalb bin ich nicht schlecht.

Ein wirklich tolles Buch!

Sophia Bartenstein

Sophia Bartenstein ist Palliativmedizinerin. Verlust gehört zu ihrem Alltag. Mit dem Wimmelbuch hat sie eine neue Art gefunden, Abschied zu vermitteln.

Andrea Peter

Andrea Peter aus der Schweiz hat das Wimmelbuch vom Abschiednehmen illustriert.

Buchinfo: Das Wimmelbuch vom Abschiednehmen von Sophia Bartenstein und Andrea Peter, erschienen bei vatter & vatter AG, Bern, Oktober 2024, 7 Seiten, großformatiges Hardcover-Bilderbuch, 20,00 €, ISBN 978-3-90734-025-7. Danke für das Leseexemplar.


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