Linus Lanz ist geschieden und hat einen erwachsenen Sohn, der ihn gelegentlich in seinem Häuschen in Zürich besucht. Sein Baby ist sein exklusives Restaurant auf einem Boot am Ufer der Limmat. Als er die junge Elena kennenlernt, steht sein durch organisiertes Leben plötzlich Kopf.

Es ist Herbst in Zürich. Die Blätter der Bäume verfärben sich. Die Natur wird in goldenes Licht getaucht. Doch Linus Lanz, vielbeschäftigter Edelgastronom, hat kein Auge dafür. Sein Lokal – das Boot – hat ihn fest im Griff. Das Restaurant auf einem Boot am Ufer der Limmat nimmt ihn voll und ganz in Beschlag. Schließlich sind seine Gäste verwöhnt und erwarten immer neue Reize – sowohl kulinarisch als auch optisch.
An einem regnerischen Tag – Linus sollte eigentlich in Spanien sein, hat aber das Flugzeug verpasst – erweckt eine junge Frau im Restaurant seine Aufmerksamkeit. Als sie zahlt und gehen will, fragt sie Lanz nach dem Weg. Sie ist zu Gast in Zürich. Lanz erklärt ihr, wie sie am schnellsten zu ihrem Ziel kommt. Und irgendwie lässt die Begegnung ihm keine Ruhe.
Als er die junge Frau – sie heißt Elena, stammt ursprünglich aus Prag, lebt aber in Berlin – am nächsten Tag zufällig wieder trifft, lädt er sie spontan zum Essen ein. Die Anziehung ist gegenseitig und führt zu einer heftigen Affäre.
Elena und Linus – mehr als eine Affäre
Tage später. Elenas Workshop in Zürich ist vorbei. Sie fährt zurück nach Berlin. Erst als sie weg ist, merkt Lanz, wie wichtig die junge Frau in der kurzen Zeit für ihn geworden ist. Aber da ist der Stolz. Offensichtlich verschweigt sie ihm etwas, weicht seinen Fragen aus. Schreibt, dass sie sich ihm nicht zumuten könne.
Erst die Intervention von Elenas Freundin in der Schweiz überzeugt den Gastronomen, den Kontakt wieder aufzunehmen. Er reist unangekündigt nach Berlin. Nach dem ersten Schreckensmoment sind sie sich wieder so nah, als hätten sie sich nie getrennt. Und jetzt rückt Elena auch mit der Wahrheit heraus: Sie muss mehrmals wöchentlich zur Dialyse. Seit vier Jahren wartet sie auf eine Spenderniere. Ob sie noch rechtzeitig kommen wird, kann niemand sagen. Nicht ganz ein Jahr später. Elena ist inzwischen zu Linus nach Zürich gezogen, der sie zu ihrem Einjährigen mit einer Reise ins Tessin überraschen will. Alles ist geplant, auch die Dialyse vor Ort. Drei Tage vor der Abreise bekommt Lanz einen Anruf aus dem Krankenhaus …
Es wird höchste Zeit für eine Widerspruchslösung
In Deutschland muss man zu Lebzeiten einer Organspende zustimmen. Wird im Todesfall kein entsprechender Hinweis gefunden, entscheiden die Angehörigen. Und das in einer absoluten Stresssituation. So gehen täglich Organe verloren, obwohl die Verstorbenen vermutlich durchaus mit einer Spende einverstanden gewesen wären. Es wird höchste Zeit, auch in Deutschland das Thema umzudrehen. Durch eine Widerspruchslösung könnten unzählige Menschenleben gerettet werden. Wer nicht zu Lebzeiten ausdrücklich einer Organspende widerspricht, gilt als potenzielle Spenderin oder als potenzieller Spender. 362 Tage von Alan Schweingruber hat mir die Notwendigkeit einer Widerspruchslösung wieder eindringlich vor Augen geführt. Es ist so nervenzehrend, tagtäglich zu hoffen und dann geht der Tag vorbei und das Telefon hat nicht geklingelt. Sich nicht zu trauen, das Telefon beim Einkaufen daheim zu lassen. Es könnte ja sein, dass genau dann die Transplantationsklinik anruft. Und für viel zu viele Menschen kommt der Anruf zu spät.
Alan Schweingruber hat ein bezauberndes Buch verfasst. Es ist leise und deshalb so eindringlich. Und es zeigt so viele Aspekte einer chronischen Erkrankung. Das sich nicht zumuten wollen. Die Tendenz, Erkrankte zu sehr behüten zu wollen. Aber auch die Fähigkeit, sich bedingungslos auf einen Partner oder eine Partnerin einzulassen.
362 Tage von Alan Schweingruber ist ein wunderschönes und wichtiges Buch!
Alan Schweingruber
Alan Schweingruber ist 1972 in Solothurn geboren. Im Alter von zehn Jahren zog er mit seinen Eltern ins Zürcher Tösstal. Nach einer kaufmännischen Ausbildung und längeren Aufenthalten in Spanien, Frankreich und Deutschland arbeitete er als Journalist bei verschiedenen Schweizer Tageszeitungen und Magazinen. Er lebt in Kilchberg bei Zürich, ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.
Buchinfo: 362 Tage von Alan Schweingruber, erschienen bei Edition Königsstuhl, März 2024, 215 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag und Leseband, € 25,-, ISBN 978-3-907339-54-1. Danke für das Leseexemplar.

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