Cosima Liefenstein will alleinerziehenden Frauen im Nachkriegsdeutschland helfen. Dass das der Auftakt für eine ganz neue Sicht auf ihre Familiengeschichte nach sich ziehen wird, kann sie nicht ahnen. Eine Geschichte, die in Nazideutschland alles andere als selten war.

Köln in den 50er Jahren. Cosima Liefenstein ist in einer sehr vermögenden Industriellenfamilie aufgewachsen. Ihren Vater hat sie durch einen Jagdunfall früh verloren. Die Mutter wurde danach depressiv und nur noch bedingt ansprechbar. Cosimas wichtigster Ansprechpartner wurde deshalb ihr Onkel Theodor. Seine beiden Kinder, Ellen und Erich, sind wie Geschwister für sie.
Während eines Krankenhausaufenthaltes lernt Cosima die alleinerziehende Lisbeth Paulsen und ihre beiden Kinder kennen. Obwohl sie hart arbeitet und spart, wo es geht, bekommt sie ihre kleine Familie kaum über die Runden. Der Verdienst ist zu gering, Wohnungen für alleinstehende Frauen mit Kinder kaum zu bekommen. Die Begegnung lässt der jungen Industriellen keine Ruhe. Sie will Frauen wie Lisbeth – und davon gibt es im Nachkriegsdeutschland genug – helfen. Mit Unterstützung ihres Großvaters gründet sie erfolgreich eine Stiftung. Erste Fragezeichen tauchen bei ihr auf, als ihr Großvater ihr verbietet eine sehr großzügige Spende seines alten Bekannten Hagen Keller anzunehmen.
Ein fingierter Unfall bringt die Wahrheit ans Licht
Zur gleichen Zeit. Der Anwalt Walter Weber wird tot aufgefunden. Seine Kanzlei durchsucht, Akten entwendet, die Telefone verwanzt. Kurz vor seinem Tod hat er sich mit einer Bitte an den befreundeten Journalisten Leo Marktgraf gewandt: Leo soll für ihn zur Industriellenfamilie Liefenstein recherchieren. Die Hintergründe für die Recherche kennt Leo nicht, aber nach dem plötzlichen Tod des Freundes ist sich der Journalist sicher: Webers Tod und die Geschichte der Familie Liefenstein hängen irgendwie zusammen. Unter einem Vorwand nimmt Leo Kontakt zu Cosima auf, mit verhängnisvollen Konsequenzen.
Großartiger Roman mit viel Zeitgeschichte
Die Erbin von Claire Winter hat mich ab der ersten Seite begeistert. Kurz war ich wegen des Personenverzeichnisses irritiert. Sollte die Story so komplex werden, dass regelmäßiges Nachschlagen erforderlich sein würde? War sie nicht. Komplex ja, aber jederzeit gut nachvollziehbar. Obwohl es viele Sprünge zwischen den unterschiedlichen Liefenstein-Generationen gibt, entwickelt sich die Story durch den Rückblick immer zügig nach vorne. Ganz nebenbei gibt es noch ein bisschen Herzschmerz.
Perfekter hätte Die Erbin von Claire Winter nicht veröffentlicht werden können. Seit Jahrzehnten war es nicht mehr so wichtig, ganz klar und deutlich die perfiden Netzwerke der Nazis offenzulegen. Genau das macht Claire Winter praktisch nebenbei. Sie zeigt, welche Vorteile sich viele Industrielle während der Nazizeit sichern konnten. Und natürlich habe sie das im Nachhinein nicht gewollt. Sie konnten sich einfach dem Druck der Nazis nicht “widersetzen”. Damit kamen die meisten auch tatsächlich bei der Aufarbeitung durch.
Wir dürfen gerade jetzt nicht wegsehen – Die Erbin hilft dabei
Genau diese Mechanismen sehen wir gerade in Reinform in den USA. In kürzester Zeit wird die Demokratie von machtsüchtigen Oligarchen demontiert. Hemmungslos werden Vorteile genutzt, Börsenkurse manipuliert, unschuldige Menschen deportiert und inhaftiert, Journalismus und Wissenschaft beschnitten, Kritikerinnen und Kritiker mundtot gemacht. In einem Tempo, das mich einfach fassungslos macht. Und wir alle wissen, dass es auch bei uns in Deutschland die gleichen Bestrebungen gibt.
Liebe Claire Winter, vielen Dank für dieses tolle, ernüchternde und trotzdem sehr spannende und unterhaltsame Buch zu genau dieser Zeit! Ich habe es verschlungen.
Claire Winter
Claire Winter studierte Literaturwissenschaften und arbeitete als Journalistin, bevor sie entschied, sich ganz dem Schreiben zu widmen. Sie liebt es, in fremde Welten einzutauchen, historische Fakten genau zu recherchieren, um sie mit ihren Geschichten zu verweben, und ihrer Fantasie dann freien Lauf zu lassen. Claire Winters Romane finden sich regelmäßig auf den SPIEGEL-Bestsellerlisten. Die Autorin lebt in Berlin.
Buchinfo: Die Erbin von Claire Winter, erschienen bei Heyne, 16.04.2025, 592 Seiten, gebunden mit Leseband und Schutzumschlag, € 22,00, ISBN 978-3-453-29258-1. Vielen Dank für das Leseexemplar.

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