Claire Winter: Kinder ihrer Zeit

Ostpreußen im Januar 1945. Rosa ist mit ihren elfjährigen Zwillingen Alice und Emma auf den Flucht vor den russischen Truppen, als das Schicksal sie trennt. Während Emma mit Rosa in Westberlin strandet, wächst Alice in ostdeutschen Kinderheimen auf. Zwölf Jahre später treffen sich die Schwestern wieder.

Kinder ihrer Zeit von Claire Winter

Getrieben von Hunger und Kälte ist Rosa mit ihren Töchtern Alice und Emma auf dem Weg nach Westen. In ihrem Rücken: Russische Truppen, die zum Ende eines brutalen Krieges kein Mitleid kennen. Auch nicht mit Frauen und Kindern. Als sich Emma mit ihrer Mutter auf die Suche nach Lebensmitteln macht, bleibt die kranke Alice bei einer alten Bäuerin zurück. Alice wird ihre Mutter nie wiedersehen.

Zwölf Jahre später in West-Berlin. Emma hat ihre Ausbildung zur Dolmetscherin abgeschlossen und ist beruflich viel im In- und Ausland unterwegs. Ausgerechnet während einer dieser Abwesenheiten stirbt ihre Mutter nach langer Krankheit. Rosa hat sich nie völlig von den Strapazen ihrer Flucht und der Trennung von Alice erholt. Und trotzdem trifft der Verlust Emma unvorbereitet. Dass sie ihrer Mutter in ihrer schwersten Stunde nicht beistehen, nicht ihre Hand halten konnte, macht ihr schwer zu schaffen. Der Wunsch, wenigstens ihre Zwillingsschwester, die einzige Verbliebene ihrer Familie, wiederzufinden, wird von Tag zu Tag stärker.

Zur gleichen Zeit in Ost-Berlin. In einem Club trifft Alice Irma wieder. Im Kinderheim in Brandenburg warten die beiden Außenseiterinnen sich gegenseitig Stütze und Trost. Bis Irma von heute auf morgen spurlos verschwand. Im Gespräch stellt sich heraus, dass sie in ein Umerziehungslager gesteckt wurde, weil sie im Büro der Heimleitung nach Informationen über ihre Vergangenheit gesucht hat. Dabei ist sie in Alices Akte über einen Suchauftrag gestolpert. Unterschrieben von Rosa, Alices Mutter. Absendeort Berlin. Für Alice bricht eine Welt zusammen. Kann es wirklich sein, dass sie all die Jahre nur wenige Kilometer von ihrer Familie entfernt wohnte?

Alice macht sich auf die Suche und tatsächlich finden die beiden jungen Frauen wieder zueinander. Aber die Kluft zwischen ihnen ist groß. Alice ist die überzeugte Sozialistin, aufgewachsen nach den strengen Spielregeln der DDR. Emma hingegen kennt nur die Freiheiten des Westens, noch dazu verstärkt durch ihren vielseitigen Beruf in einem internationalen Umfeld. Können sie sich wieder einander annähern?

Ein bewegender Blick in die nahe Vergangenheit

Claire Winter hat mit Kinder ihrer Zeit ein tolles Buch geschrieben. Es ist heute kaum noch vorstellbar, dass West-Berlin als kleine Enklave mitten in der DDR lag. Bis zu Beginn des Mauerbaus waren die Hürden für beide Seiten ja noch überwindbar. Dann wurden von heute auf morgen Familien getrennt, Liebende entzweit, Geschäftsbeziehungen unterbrochen.

Doch es war nicht nur die Grenze, die Familienmitglieder und Geschäftspartner spaltete, es war auch das Misstrauen. Nirgends gab es so viel Spitzel und Spione, nirgends waren die Geheimdienste aktiver. Im Westen die deutschen und amerikanischen, im Osten russische und die Staatssicherheit (Stasi) der Deutschen Demokratischen Republik. Letztere hat das Bespitzeln seiner Bevölkerung perfektioniert. Jede noch so kleine Verfehlung wurde genutzt, um die Menschen erpressbar und damit zu Spitzeln zu machen.

Diese Entwicklung beschreibt Claire Winter in Kinder ihrer Zeit sehr eindringlich. Der Zwiespalt, in den die jeweiligen Opfer durch ihre Spitzeltätigkeit geraten, wird greifbar, bedrückt. Für mich ist es unvorstellbar, wie man das aushalten konnte und ich bin wieder einmal froh, dass ich sowas nie erleben und entscheiden musste.

Kinder ihrer Zeit ist ein spannendes Stück Zeitgeschichte und ein emotionaler, gut recherchierter Roman. Wir sollten diese Zeit nie vergessen.

Claire Winter

Claire Winter studierte Literaturwissenschaften und arbeitete als Journalistin, bevor sie entschied, sich ganz dem Schreiben zu widmen. Sie liebt es, in fremde Welten einzutauchen, historische Fakten genau zu recherchieren, um sie mit ihren Geschichten zu verweben, und ihrer Fantasie dann freien Lauf zu lassen. Nach Die Schwestern von Sherwood folgten die SPIEGEL-Bestseller Die verbotene Zeit und Die geliehene Schuld. Kinder ihrer Zeit ist Claire Winters vierter Roman im Diana Verlag. Die Autorin lebt in Berlin.

Buchinfo: Kinder ihrer Zeit von Claire Winter, erschienen bei Diana, 27. Juli 2020, 576 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, € 20,00, ISBN: 978-3-453-29195-9. Danke für das Leseexemplar.

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