Gerhard J. Rekel: Lina Morgenstern – Geschichte einer Rebellin

Lina Bauer wurde 1830 in Breslau, dem heutigen Wroclaw, geboren. Schon früh wird klar: Wenn Lina etwas möchte, ist sie beharrlich und sucht Wege, ihre Projekte für eine bessere Welt umzusetzen. In Theodor Morgenstern findet sie den Mann, der ihr bei all ihren Plänen den Rücken stärkt.

Lina Bauer ist anders als andere junge Mädchen ihrer Zeit. Sie ist neugierig und lernbereit, an vielem interessiert. Vor allem mit Ungerechtigkeit kann sie ganz schlecht umgehen. Wann immer es möglich ist, versucht sie dagegen vorzugehen. Und dabei ist sie sehr beharrlich, zum Leidwesen ihrer Eltern. Die beschließen schon früh, die Neugier und die Motivation ihrer Tochter zu fördern – sehr ungewöhnlich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Bereits mit 18 Jahren gründete Lina ihren ersten Verein. Geschickt nutzte sie dazu ihre Geburtstagsparty, zu der die Eltern solvente Freunde eingeladen haben, um Spenden einzusammeln. Lina möchte armen Familien und alleinerziehenden Frauen helfen, ihren Kindern eine schulische Bildung zu ermöglichen. Von den Spenden sollen Hefte, Bleistifte und weiteres Schulmaterial gekauft und den benachteiligten Kindern zur Verfügung gestellt werden. Damit die Sachen wirklich bei den richtigen Leuten ankommen, sollen vertrauenswürdige Lehrkräfte sie vermitteln.

Gewohnt beharrlich ist Lina auch, als sie beim Tanzkurs Theodor Morgenstern kennenlernt. Beide sind sich schnell sicher, dass sie zusammen gehören. Das sieht Linas Vater jedoch ganz anders. Ihm ist der junge Mann zu unbeständig für seine geliebte Tochter. Er will Lina abgesichert sehen. Doch wen er ihr auch immer vermitteln will, Lina stellte sich quer. Sieben Jahre lang. Dann hat sie den armen Mann abgekocht. Sie darf ihren Theodor heiraten und beide ziehen in das aufstrebende Berlin.

Das perfekte Paar

Wie richtig und wichtig diese Entscheidung war, zeigt sich Tag für Tag. Theodor unterstützt seine emanzipierte Frau immer, kümmert sich gleichberechtigt um den Haushalt und die fünf Kinder. Und Lina unterstützt ihren Theodor. Als sein Bekleidungsgeschäft Konkurs anmelden muss, tauschen Sie die Rollen. Theodor wird Hausmann, Lina finanziert die Familie. Innerhalb weniger Wochen fasst sie die wissenschaftlich formulierten Lehren des Pädagogen Fröbel, von denen sie voll und ganz überzeugt ist, in leicht verständliche Sprache zusammen. Auf Anhieb findet sie einen Verlag, der das Buch herausbringt. Es wird zum Bestseller weit über Deutschland hinaus. Doch damit nicht genug. Kaum sieht Lina Morgenstern ein Problem, sucht sie nach Lösungen:

  • Sie gründete Kindergärten, damit die Mütter arbeiten und Geld verdienen können, um ihre Kinder zu versorgen. Eine Initiative, die bald auch in anderen Ländern umgesetzt wird.
  • Als eine Hungersnot 1866 Berlin fest im Griff hatte, gründete sie die erste Suppenküche. Durch Großeinkauf direkt bei den Erzeugern und Kochen großer Mengen hoffte sie auf ordentliches Einsparpotenzial. Ihre Rechnung ging auf und gemeinsam mit weiteren bürgerlichen Frauen versorgte sie zu einem kleinen Preis in kurzer Zeit Tausende Menschen pro Tag. Auch diese Initiative wird schnell in anderen Ländern aufgegriffen.
  • Sie gründet ein Magazin nur für Frauen, das ebenfalls ein großer Erfolg wird.

Lina kümmert sich um Prostituierte, Hausmädchen, Fabrikarbeiterinnen, kurz um alle Frauen, die in der Gesellschaft keine Chance haben sollten. Und trotz aller Anfeindungen und dem Antisemitismus, dem sie ausgesetzt ist, gibt Lina nie klein bei. Doch ihre Erfolge schmecken immer schaler. Lina erkennt, dass die Stellschrauben für ein besseres Leben von Frauen an höherer Stelle – in der Politik – angezogen werden müssen. Noch ist ihr dieser Weg versperrt. Doch mit Beharrlichkeit, Umwegen und Diplomatie löst sie auch dieses Problem.

Eine kleine großartige Frau

Ihre Zeitgenossen beschrieben Lina Morgenstern oft als klein, rundlich, lustig, voller Energie, spontan, weltoffen und in manchen Bereichen chaotisch. Eine sehr charmante Beschreibung, wie ich finde. Und eine, die für eine Frau im 19. Jahrhundert alles andere als üblich war. Ich finde Lina Morgenstern von Gerhard J. Rekel ein tolles und motivierendes Buch. Besser kann man nicht beschreiben, dass sich jeder noch so kleine Schritt lohnt, wenn frau beharrlich einen vor den anderen setzt. Und wenn frau Menschen hat, die an sie glauben. Wir brauchen viel mehr solcher Geschichten. Egal aus welcher Zeit.

Beeindruckend ist auch der 45-seitige Anhang. Er umfasst alles an Hintergrundwissen, was sich Leserinnen und Leser wünschen können und geht weit über die klassische Quellenangabe hinaus. Unter anderem gibt es Rezepte aus Linas Suppenküchen, Verzeichnisse ihrer Vereine und Bücher, und, und, und.

Tolles Buch. Lest es!

Off Topic Jedes Kapitel startet mit einem Zitat. Mein absolutes Highlight war: „Erst wenn eine Mücke auf deinem Hoden sitzt, wirst du lernen, Probleme ohne Gewalt zu lösen.“

– zugeschrieben: Konfuzius – 😀

Gerhard J. Rekel

Gerhard J. Rekel wurde 1965 in Graz geboren. Er absolvierte die Filmakademie Wien, für die Komödie „Trauma“ erhielt er eine British Academy Nomination, eine Biennale-Einladungsowie den Japanischen Drehbuchpreis. Er verfasste mehrere Drehbücher für den „Tatort“ und realisierte als Regisseur Wissenschaftsdokumentationen für ARTE, ZDF und andere Sender. Rekel hat mehrere Romane veröffentlicht, u. a. „Der Duft des Kaffees“. Das zuletzt bei K&S erschienene Buch „Monsieur Orient-Express“ erhielt den ITB-BookAward 2023 des Deutschen Buch-Börsenvereins und wurde ins Englische, Französische und Niederländische übersetzt.

Buchinfo: Lina Morgenstern von Gerhard J. Rekel, erschienen bei Kremayr & Scheriau, Mai 2025, 264 Seiten, Hardcover kaschiert gebunden, € 26,00, ISBN: 978-3-218-01466-3. Danke für das Leseexemplar.


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