Das Leben von Ismet beginnt unbeschwert. Gemeinsam mit seinem besten Freund Emir verbringt er spannende Sommertage am Fluss. Das ändert sich schlagartig, als die Auseinandersetzungen zwischen Bosniaken und Serben eskalieren. Ismet muss mit ansehen, wie ein serbischer Polizist seinen Vater brutal erschlägt. Ab sofort lässt seine Mutter ihn nicht mehr aus den Augen. Sie leben völlig zurückgezogen in ihrem kleinen Haus, nur unterstützt von den Nachbarn.

Als der Krieg immer näher kommt, entschließt sich die Mutter mit Ismet zur Flucht. Mit Hilfe des Nachbarn packen sie ihre Sachen und erreichen einen der letzten Busse, die vor allem bosnische Frauen und Kinder vor den serbischen Soldaten in Sicherheit bringen sollen. Doch diese Sicherheit ist trügerisch. Bei einer Kontrolle im Bus wird Ismets Mutter von einem Soldaten bedroht. Auf dem Weg begegnen sie weinenden Kindern, die sich an ihre toten Mütter klammern. Im Lager angekommen, sind sie Kälte und Hunger ausgesetzt.
Den Krieg überstanden aber Angst vorm Leben
Jahre später. Ismet und seine Mutter haben den Krieg überlebt. Die Mutter lebt wieder in ihrem Haus, Ismet hat in Sarajevo ein Studium begonnen. Anfangs kommt er auch gut voran, doch mit der Zeit zieht er sich mehr und mehr zurück. Er vermeidet soziale Kontakte, seine Leistungen an der technischen Hochschule werden immer schwächer. Schließlich besteht er die entscheidende Prüfung nicht, zieht sich immer mehr zurück, versinkt in Depression.
Ausgerechnet ein serbischer Nachbar, der noch dazu den gleichen Namen hat wie der Polizist, der seinen Vater tötete, bringt die Wende. Denn er hat seinen eigenen Tiefpunkt überwunden. Und tatsächlich geht es Ismet nach einigen Wochen langsam besser.
Wenn Familiengeschichten nicht aufgearbeitet werden
Jenseits des Grünen Flusses von Mirza Klimenta ist keine leichte Kost, aber eine, die sich definitiv lohnt. Und das gleich in doppelter Hinsicht. Einerseits zeigt vor allem die zweite Hälfte des Buches sehr eindrücklich, wie gefährlich es ist, belastende Familien”geheimnisse” nicht aufzuarbeiten. Erst als Ismet sich seinen Erlebnissen während des Krieges stellt, nimmt er nach und nach wieder Kontakt zu seinem gesunden Ich auf und beginnt langsam wieder am Leben teilzunehmen. Ohne Mahrkos Hilfe, seinem serbischen Nachbarn, wäre das nicht möglich gewesen. Zu erfahren, dass nicht jeder Mensch ein Feind ist, der im Bosnienkrieg theoretisch auf der “anderen” Seite stand, gibt Ismet Kraft.
Auf der anderen Seite ist da der Bosnienkrieg von 1992 bis 1995. Zwar habe ich das Auseinanderbrechen von Jugoslawien verfolgt, aber irgendwie war alles so weit weg und so abstrakt. Dabei war es ein vernichtender Krieg in Europa und nur wenige Stunden entfernt. Ein Krieg, mit dem ich mich nie näher befassen musste, dessen Auswirkungen aber heute noch an vielen Stellen in Bosnien und speziell in Sarajevo zu sehen sind. Überall findet man noch Gebäude mit Einschusslöchern oder in den Bergen rund um die Stadt zerbombte Stellungen und Schützengräben, die zu Gedenkstätten umgewandelt wurden.
Sarajevo – die Stadt zwischen gestern und morgen
Gleichzeitig ist die Stadt so spannend und bunt. Entlang der Hauptzufahrtsstraße super moderne Hochhäuser, Einkaufszentren, Banken. Zwei Reihen dahinter geht es steil die Berghänge hoch in kleine Dörfer mit engen Gassen. Und auf den Gipfeln ist dann wahlweise Natur pur oder Lost Places, die Überbleibsel der Winterolympiade von 1984. und dann als komplettes Gegenteil Baščaršija, die malerische, wuselige Altstadt Sarajevos. Ich war auf Anhieb beeindruckt und war ganz sicher nicht zum letzten Mal dort.
Deshalb: Mirza Klimenta hat mit Jenseits des Grünen Flusses ein Buch geschrieben, das meinen Horizont als Leserin wieder mal erweitert hat. Und so wird es vermutlich allen gehen, die offen für neue Impulse sind. Danke dafür.
Mirza Klimenta
Aufgewachsen während der Balkankriege der 1990er-Jahre, erlebte er die Schrecken des Konflikts und seine anhaltenden Folgen. Schon früh fand er Trost in Geschichten und erkannte deren heilende und verbindende Kraft. Beeinflusst von Hermann Hesse, erkunden Mirzas Werke Themen wie Identität, Kultur und die menschliche Existenz. Seine Erzählungen, die von seinem vielfältigen Hintergrund und seinen Erfahrungen geprägt sind, fordern die Leser heraus, ihre Sichtweisen zu überdenken und ein tieferes Verständnis der Menschheit zu entwickeln.
Deutsche Übersetzung: Petra Glitzner
Buchinfo: Jenseits des Grünen Flusses von Mirza Klimenta, Selbstverlag, September 2025, 267 Seiten, Taschenbuch, ISBN 978-3982648149, € 16,04. Danke für das Leseexemplar.

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