Kerry Egan: Leben

Kerry Egan ist Hospizseelsorgerin. Ihre Aufgabe sieht sie daran, ein offenes Ohr für die Sterbenden zu haben. In ihrem Buch leben – Von Sterbenden lernen, was zählt, lässt sie uns an Geschichten um Hoffnung und Glück, Reue und Trauer teilhaben.

leben von Kerry EganFür mich hat das Sterben schon immer zum Leben gehört. Auch beruflich und nebenberuflich hat es mich lange Jahre beschäftigt. Deshalb greife ich auch gerne nach Büchern, die sich mit unserem Ende befassen.

Hört den Sterbenden zu

leben – Von Sterbenden lernen, was zählt ist ein solches Buch. Als Hospiz Seelsorgerin hat Kerry Egan Zeit für Bewohnerinnen und Bewohner. Sie muss sich nicht um die Pflege kümmern, keine Verwaltungsschlachten führen, nicht missionieren. Sie ist da um zuzuhören. Wenn die Sterbenden denn reden wollen.

Das will längst nicht jeder Mensch am Ende seines Lebens. Und nicht für alle ist Kerry Egan die richtige Ansprechpartnerin.

So oft habe ich in der Stille gesessen, die Luft schwer und voller Spannung, während ein Patient mein Gesicht abgesucht hat. Mit der Zeit entwickelt man ein Gespür dafür, wann dieser Moment eintritt. Ein Gefühl der Elektrizität liegt in der Luft, und der Patient prüft die Ladung. Dann muss ich warten, denn ich weiß, wenn ich einfach nur präsent bleibe, schweige und warte, egal, wie schwer das fällt, wird der Patient irgendwann den Mut finden. Er wird das Unaussprechliche aussprechen…

Und immer wieder: Die Liebe

Einige der Geschichten, die ihr anvertraut wurden, hat sie in diesem Buch zusammengefasst. Geschichten um Glück und Reue, Stolz und Trauer. Und solche um viel zu lange gehütete Geheimnisse und die wahre Liebe, egal ob zu einem Partner oder einer Partnerin oder zu Kindern und Freunden.

Bei der Auswahl beschränkt sie sich natürlich auf die Geschichten, die sie mit Zustimmung der Protagonistinnen veröffentlichen durfte. Vielleicht liegt es daran, dass mich Kerry Egan nicht so gepackt hat, wie ich das erwartet habe.

Was ist wirklich wichtig, wenn das Leben zu Ende geht?

An der einfühlsamen Art, zu erzählen, liegt es sicher nicht. Die beherrscht Kerry Egan. Und was die Bewohner zu erzählen haben, ist eindeutig interessant und berührend. Egal, ob es um aus Scham totgeschwiegene Verwandte geht, um rüpelhaftes Verhalten zum Selbstschutz oder um alte Stammesbräuche geht, die von der Kirche zwar als Aberglauben verteufelt werden, die einer Sterbenden aber dennoch Erleichterung bringen, jede einzelne Geschichte ist so individuell wie ihr “Besitzer”.

leben – von Sterbenden lernen, was zählt ist ein gutes Buch für alle, die sich mit dem Leben und dem Sterben auseinandersetzen möchten, auch wenn es mich selbst nicht so richtig gepackt hat. Nicht jedes Buch passt eben zu jedem Menschen. Vermutlich hat die Besprechung aus deswegen so lange gedauert, obwohl das Buch längst ausgelesen ist.

Kerry Egan

Kerry Egan ist eine Hospiz-Seelsorgerin mit Abschluss der Harvard Divinity School. Sie ist regelmäßige Autorin von Essays zum Thema ihrer Arbeit im Fernsehen, in Zeitungen und Zeitschriften. Kerry Egan lebt mit ihrer Familie in Columbia, South Carolina.

Buchinfo: Leben von Kerry Egan, erschienen Güterloher Verlagshaus, 25.09.2017, 192 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, € 17,99, ISBN: 978-3-579-08686-6. Vielen Dank für das Leseexemplar.

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Andrea von Treuenfeld: Erben des Holocaust

Welche Auswirkungen hat es für Kinder, wenn die Eltern den Holocaust überlebt haben? Wie sehr haben Flucht, Konzentrationslager und niedergemetzelte Familien den Umgang mit dem eigenen Nachwuchs geprägt? Andreas von Treuenfeld hat prominente “Kinder” befragt und aus den Antworten ein berührendes Buch zusammengestellt.

9783579086705_CoverMeine Mutter ist 1935 geboren. Als meine Großmutter starb, war ich Ende 20. Eigentlich hatte ich noch viel Zeit, mit einer Generation zu reden, die einen, im Fall meiner Großmutter sogar zwei, Weltkriege erlebt hat. Wenn sie denn darüber geredet hätten.

Zwar weiß ich, dass die Frauen zweimal fliehen und alles zurücklassen mussten. Ich weiß auch, dass das Haus bei der Rückkehr niedergebrannt war. Was ich nicht weiß, ist der Fluchtgrund, wenn ich mir das jetzt so richtig überlege.

Es wäre so wichtig, zu reden

Jüdische Wurzeln gibt es in der Familie nicht, dieser Grund scheidet also aus. Wenn meine Mutter sich noch an die Flucht erinnern kann, muss diese auch ziemlich zu Kriegsende stattgefunden haben. Das würde auch erklären, warum meine Großmutter so entsetzt war, als der örtliche Musikverein in den 70ern eine Städtepartnerschaft mit USA einging und der erste Austausch stattfand. Sie wollte es einfach nicht wahrhaben, dass man “die Amerikaner wieder ins Land hole, die alles kaputt geschlagen und sich an den Frauen vergangen hätten”. Ob das der Grund war? Ich weiß es nicht. Es wurde ja nicht darüber gesprochen und die Chancen, dass sich daran noch etwas ändern wird, sind sehr gering.

Was das mit Erben des Holocaust von Andrea von Treuenfeld zu tun hat? Sehr viel. Denn die Schilderungen von Nina Ruge, Ilja, Richter, Marcel Reif, Andrew Ranicki und einigen mehr, hatten so viel Wiedererkennungswert:

  • Die Unfähigkeit, das Erlebte beim Namen zu nennen.
  • Die ständige Verdrängung.
  • Das Unvermögen, Nähe zuzulassen und zu vermitteln.
  • Die Zerrissenheit in den Familien.
  • Die unerbittliche Härte sich selbst gegenüber.

Darunter haben nicht nur die Kinder derer gelitten, die direkte Holocaust-Opfer waren, darunter hat eine ganze Generation gelitten. Eine Erblast, die an die nächste Generation weitergegeben wurde und die meiner Meinung nach nur durch offene Kommunikation getilgt werden kann.

Dieses Buch ist wirklich wichtig

Für mich ist deshalb Erben des Holocaust von Andrea von Treuenfeld ein überaus wichtiges Buch. Und zwar nicht, weil über die Grauen des Krieges noch nie geschrieben worden wäre oder weil Andrea von Treuenfeld spektakuläre Neuigkeiten parat hätte, sondern weil es (mindestens) einer ganzen Generation helfen kann, die eigene Vergangenheit zu verstehen. Sich klar zu machen, dass die Distanziertheit der Eltern nichts mit einem selbst zu tun hatte, sondern Folgen “vererbter” Traumata waren.

Danke an die Interviewpartner, die uns einen Blick in ihre “Altlasten” gestattet haben. Wie schwer das einigen gefallen ist, ist nicht zu überlesen. Aber das ist der einzige Weg, mit der Vergangenheit wirklich abzuschließen.

Andrea von Treuenfeld

Andrea von Treuenfeld hat Publizistik und Germanistik studiert und als Kolumnistin, Korrespondentin und Leitende Redakteurin u.a. bei der Welt am Sonntag gearbeitet. Heute lebt sie in Berlin und schreibt als freie Journalistin Porträts und Biografien.

Buchinfo: Erben des Holocaust von Andrea von Treuenfeld, erschienen bei Gütersloher Verlagshaus, Februar 2017, 224 Seiten, gebunden, 38 s/w Abbildungen, € 19,99, ISBN: 978-3-579-08670-5