Vincent Klink: Angerichtet, herzhaft und scharf!

Vincent Klink ist ein Multitalent. Dass er mit viel Hingabe kocht, ist den meisten bekannt. In seinem neuen Buch Angerichtet, herzhaft und scharf! – Aus meinem Tage- und Rezeptebuch zeigt er neben seiner künstlerischen Seite auch seine nicht nur feine, sondern auch scharfe Zunge. Ein köstlicher Genuss!

COV_KLINK_ANGERICHTET_LIm Grunde war es für mich ein Glücksfall, dass Vincent Klink vor einigen Jahren an Silvester auf das Jahr zurück schaute und sich nicht erinnern konnte, was er Positives erlebt hatte.

Zum Glück konnte seine Frau ihm auf die Sprünge helfen und das neue Jahr begann nicht mit Frust. Aber es hat zu diesem herrlichen Buch geführt, das ich derzeit in den Händen halte.

Qualität braucht kein Zertifikat

Alle, die sich für Kochen und gutes Essen interessieren, ist der Name Vincent Klink sicher ein Begriff. Was mir an seiner Küchenphilosophie besonders gefällt: Er setzt auf regionale und saisonale Produkte, die nicht zwingend Bio-Zertifikate aufweisen müssen. Oft sind seine Lieferanten für diesen Aufwand viel zu klein. Beim Fleisch legt er Wert auf artgerechte Haltung und setzt deshalb auf den Metzger seines Vertrauens.

Eine Philosophie, die ich teile. Meine Oma betrieb eine Metzgerei, Salat und Gemüse kamen zum großen Teil aus dem heimischen Garten. Das Obst ebenfalls oder von unseren Feldern. Ich weiß also, was ungefähr wann Saison hat. Und hier im schwäbischen Remstal genieße ich den Luxus zahlreicher Hofläden und Verkaufsstände vor dem Haus, in denen (nicht nur) der “Überhang” verkauft wird. Und seit ich Fleisch und Wurst überwiegend bei der Metzgerei Schnabel in Winterbach kaufe, weiß ich auch, dass ein Kotelett noch immer so schmecken kann, wie es “damals” bei meiner Oma geschmeckt hat. Damals, als der Wahn des absolut fettfreien Fleisches und die Massentierhaltung noch nicht Einzug gehalten hat, die ein Schnitzel zu einem hormongetränkten nassen Lappen haben verkommen lassen, der in der Pfanne auf die Hälfte zusammenschnurzelt, dabei die halbe Küche verspritzt und am Ende nichts schmeckt.

Doch zurück zu Vincent Klink und Angerichtet, herzhaft und scharf!. Das oben erwähnte Silvester-Erlebnis hat den Koch dazu gebracht, regelmäßig unregelmäßig Tagebuch zu führen. Und zwar direkt auf der Webseite seines Restaurants Wielandshöhe in Stuttgart. Das Ergebnis war nicht nur ein lebhafter Austausch mit seinen Gästen und Lesern, sondern eben auch Angerichtet, herzhaft und scharf!.

Vincent Klink, mehr als „nur“ ein guter Koch

Ausgewählte Beiträge aus fast zwölf Jahren haben mir den Menschen Vincent Klink näher gebracht, mich oft schmunzeln lassen und an vielen Stellen zum Nachdenken angeregt:

  • Bereits 2006 nahmen seine Frau und er San-Pellegrino-Wasser von Nestlé aus ihrem Angebot, weil sie deren umstrittene Strategie, Trinkwasser kostenpflichtig zu machen, nicht mittragen wollten.
  • Herrlich, also für mich als Leserin, ist seine Irrfahrt durch Nellingen. Auch 10 Jahre danach kann man seine Wut und seinen Frust in seinen Worten spüren.
  • Um die “völlig verpupsten Sätze” von Restauranttestern zu verdauen, ist manchmal ein Schnaps nötig: “… ausgewogene Rotweinzwiebeln mit zartschmelzigem Rindermark, seidigem Kartoffelschaum und süffiger, eigenaromatischer Trüffelvinaigrette.”
  • Ob man in der Wielandshöhe vom Teller des Gegenübers (also am gleichen Tisch, nicht am Nachbartisch) naschen dürfe, wurde angefragt. Freunden sei in einem anderen Restaurant deswegen mit Rauswurf gedroht worden. Vincent Klinks Antwort 2009: “Bei uns ist es genau umgekehrt, sie fliegen raus, wenn sie nicht schwelgen und sich gegenseitig was vom Teller schnabulieren.”

Kaum ein Thema, zu dem Vincent Klink nicht seinen Senf abgibt. In klarer, deutlicher Sprache, wie man es von einem geborenen Schwaben erwartet. Dabei aber nie böse oder gar diskreditierend. Den Abschluss macht eine Hommage an Paul Bocuse, der im Januar 2018 verstorben ist.

»Eine saftige Sprache kann nur aus einem Mund kommen, der auch zu genießen weiß.« Vincent Klink

Wer jetzt denkt, dass man von klugen oder witzigen Sprüchen alleine nicht satt wird, der darf sich auf zahlreiche Rezepte freuen, zum Beispiel für:

  • Rindergulasch
  • Auberginen gefüllt mit Lammhack
  • gezupften Hecht
  • Lasagne vom Butternut-Kürbis
  • Pasta Fagioli con Cozze
  • Weinbergschneckenragout
  • Zwiebelrostbraten

Einige davon sind handschriftlich und erfordern etwas Mühe beim Entziffern. Aber vor den Genuss hat der Küchengott ja den Fleiß gesetzt. 😉

Vincent Klink, der Künstler

Angerichtet, herzhaft und scharf! zeigt uns aber auch noch einen anderen Vincent Klink. Den Vincent Klink, der gerne Künstler geworden wäre. Der sein Tagebuch mit Zeichnungen abrundet, die sein feinsinniges Gespür perfekt abbilden und wirkliches Talent verraten.

Der seine Freizeit auch der Musik widmet, von der leisen Querflöte zum lauten Flügelhorn gewechselt ist und Jazz-Sessions liebt. Auch über die Musik bekommt er viele neue, inspirierende Impulse, die sicher nicht ohne Folge für seine sonstigen Aktivitäten sind.

Schade, dass ihm der Vater den beruflichen Weg in die Kunst versperrt hat. Eine “brotlose Kunst” wollte er nicht fördern.

Aber vielleicht hat er seinen Sohn genau dadurch zu dem gemacht, was er heute ist. Zu einem Menschen mit sehr feinen Antennen, die ihm Zugang zu unendlich vielen Themen ermöglichen und denen er sich mit seiner ganz eigenen, klaren Meinung mehr oder weniger intensiv widmet.

Angerichtet, herzhaft und scharf! – Genuss für alle Sinne

Ich habe lange kein Buch mehr in den Händen gehabt, das ich so spannend fand und das obwohl es kein Thriller ist. 😉 Längst habe ich noch nicht alle Tagebuchauszüge gelesen, alle Zeichnungen gesehen, alle Rezepte auf Tauglichkeit für mich geprüft, aber ich freue mich über jeden neuen Fund.

Es ist beeindruckend, wie früh sich Vincent Klink mit vielen Themen auseinander gesetzt und in wenigen Sätzen klar Stellung bezogen hat. Damit hat er mich bis jetzt bereits mehrfach zum Nachdenken (und googeln) veranlasst und ich weiß, dass noch einige Inspirationen folgen werden. Für die Küche gibt es bereits Pläne. Passend zum Herbst wird es demnächst eine Apfel-Meerrettich-Suppe und die Lasagne vom Butternut-Kürbis geben.

Angerichtet, herzhaft und scharf! – Kaufen, blättern, mit allen Sinnen genießen!

Vincent Klink
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Vincent Klink (privates Foto)

Geboren 1949 in Gießen, aufgewachsen in Schwäbisch Gmünd, wo er auch das Restaurant »Postillon« betrieb und 1978 seinen ersten Michelin-Stern erkochte. Seit 1991 führt er die Stuttgarter »Wielandshöhe«, deren Namensgeber der oberschwäbische Schriftsteller und Shakespeare-Übersetzer Christoph Martin Wieland ist.

Einem breiten Publikum ist Vincent Klink bekannt durch Fernsehsendungen sowie als Verfasser und Herausgeber von Kochbüchern.

Daneben ist der Sternekoch ein Autor von Rang, er gab Gerd Haffmanns kulinarische Zeitschrift »Rübe« und »Cotta ’s Kulinarischen Almanach« sowie in eigener Regie die Zeitschriften »Journal Culinaire« und »Häuptling eigener Herd« heraus. Seine Bücher wie »Sitting Küchenbull« oder ein »Ein Bauch spaziert durch Paris« wurden zu Bestsellern. Zuletzt erschienen von ihm »Meine Rezepte gegen Liebeskummer« und seine Wiederentdeckung von Grimod de la Reynières »Grundzüge des gastronomischen Anstands«.

Vincent Klink wird am 29. Januar 2019 70 Jahre alt.

Buchinfo: Angerichtet, herzhaft und scharf! von Vincent Klink, erschienen bei Klöpfer-Meyer, 26.09.2018, 276 Seiten, zweifarbig gedruckt, 27 Originalzeichnungen und über 30 Rezepte, davon 11 in faksimilierter Handschrift, Hardcover mit Lesebändchen und farbigem Vorsatz, 28,00 €, ISBN 978-3-86351-471-6. Danke für das Leseexemplar.

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Klaas Huizing: Zu Dritt

Karl Barth gilt als der “Kirchenvater des 20. Jahrhunderts” und als Kopf der “Bekennenden Kirche” im Kampf gegen Hitler. Sein Bild schaffte es auf die Cover von Spiegel und New York Times Magazine. Doch wie lebte Karl Barth privat? Mit Zu Dritt gewährt Klaas Huizing seinen Lesern Einblick in eine ganz besondere Familienkonstellation.

COV_HUIZING_ZUDRITT_LAm 10. Mai 1886 wurde Karl Barth in Basel geboren. Offensichtlich hat das “Erbe” seines Vaters, er war Theologieprofessort, die Familie stark geprägt. Neben Karl wendet sich auch sein Bruder Peter der Theologie zu.

Sein Studium der Evangelischen Theologie führt den jungen Karl Barth nach Bern, Berlin, Tübingen und Marburg. In Genf wird er schließlich Hilfsprediger der deutschsprachigen Gemeinde. Hier lernt er auch Nelly Hoffmann kennen und lieben. Beide heiraten und bekommen fünf Kinder. Die Rollen sind dabei klar verteilt: Karl ist der Intellektuelle, der Wissenschaftler und Ernährer, Nelly die “Haushaltsministerin”, wie er sie später nennt. Ihr obliegt es, ihrem Gatten Rücken und Geist frei zu halten, die Kinder zu erziehen und im Haus nach dem Rechten zu sehen.

Muss man dieses Opfer für die Wissenschaft bringen?

Das Familienleben gerät aus den Fugen, als Karl Barth Charlotte von Kirschbaum, eine 13 Jahre jüngere Deutsche, kennenlernt. Ihr scharfer Verstand und ihre Diskussionsfreude faszinieren den Theologen so sehr, dass er auf ihre Unterstützung nicht mehr verzichten will. Immer mehr Zeit verbringen sie gemeinsam, bis Karl seiner Frau Nelly vorschlägt, eine “Notgemeinschaft” zu gründen. Charlotte soll zu der Familie ins Haus ziehen, damit er, Karl, jederzeit mit ihr diskutiere und ihre gemeinsame Arbeit voranbringen kann.

Nach langem Widerstand fügen sich beide Frauen in dieses Schicksal und leben 35 Jahre eine Ménage à trois. Stecken ihr eigenen Bedürfnisse zurück für einen Mann, der das selbstverständlich findet, geht es doch um sein großes Werk Die kirchliche Dogmatik, dem er alles unterordnet.

Wie speziell dieses Zusammenleben war, zeigt bis heute die Grabplatte am Familiengrab der Barths in Basel. Nach Karls Tod hat Nelly zugestimmt, dass auch Charlotte im Familiengrab beigesetzt wird.

Faszinierend und irritierend

Zu Dritt von Klaas Huizing hat mich gleichzeitig fasziniert und irritiert. Mit welchem Selbstverständnis Karl Barth von zwei Frauen erwartet, dass sie ihr eigenes Leben komplett seiner Karriere unterordnen, macht mich fassungslos. Da sehe ich nichts von dem offenen Menschen, der seiner Zeit voraus sein wollte, der gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit eintrat. Für ihn muss man den Spruch “Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau” abwandeln. Hinter Barth standen zwei starke Frauen, sonst hätte er vielleicht nie die Bedeutung für die Evangelische Kirche erlangt, die ihm heute zugestanden wird.

Gleichzeitig muss ich gestehen, dass der Theologe offenbar ein ganz besonderes Charisma hatte. Als Charlotte von Kirschbaum an Demenz erkrankt und im Pflegeheim versorgt werden muss. wendet Karl Barth sich wieder seiner Frau Nelly zu. Und tatsächlich stimmt diese, nach Jahrzehnten auf dem intellektuellen und emotionalen Abstellgleis, dieser Annäherung zu und unterstützt ihn in seinen letzten Jahren.

Zu Dritt ist ein sehr bewegendes, intelligentes Buch, das mir tiefe Einblicke in eine ganz besondere Familie gewährt hat. Auch wenn ich immer wieder den Kopf über so viel “machohaftes” Selbstverständnis schütteln musste und es traurig fand, wie weit Nelly und Charlotte ihr eigenes Leben zurück gesteckt haben, war das Aufbäumen der beiden zwischendurch immer wieder faszinierend. Nelly, die irgendwann begonnen hat, innerhalb dieses Konstrukts ihr eigenes Leben zu führen. Charlotte, der nach und nach bewusst wurde, was sie alles aufgegeben hat und wie viel von ihr selbst Karls Werken zugeschrieben wird.

Ich fand das Buch wirklich toll und empfehle es gern weiter.

Klaas Huizing

1958 geboren, Niederländer, studierte in Münster, Hamburg, Kampen (NL), Heidelberg und München Philosophie und Theologie. Promotion, Habilitation, lehrt seit 1998 als Professor für Ästhetische Theologie und Ethik an der Universität Würzburg. Seit 1993 Mitglied im PEN. Von 2007 bis 2015 Chefredakteur des Kulturmagazins OPUS, seitdem Herausgeber. Er lebt u. a. in Berlin. Mehrere Auszeichnungen und Preise.

Zahlreiche theologische Publikationen, ein Theaterstück und zwölf Romane. Mit seinem in mehrere Sprachen übersetzten Bestseller »Der Buchtrinker«, dem Kant-Roman »Das Ding an sich« und »Mein Süßkind. Ein Jesus-Roman« wurde er einem größeren Publikum bekannt. Mit seinem Familienroman »Bruderland« war er 2015 für die »Hotlist«, den Preis der unabhängigen Verlage nominiert.

Zeitgleich mit dem Roman »Zu Dritt« erscheint im Kreuz Verlag (Herder) von Klaas Huizing »Gottes Genosse. Eine Annäherung an Karl Barth«.

Buchinfo: Zu Dritt von Klaas Huizing, erschienen bei Klöpfer&Meyer, 30.08.2018, 400 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, 25,00 €, ISBN 978-3-86351-475-4