Marc Hudek: Ich schwöre!

Was soll man tun, wenn die besten Freunde einem Anwerber des sogenannten Islamischen Staates auf den Leim gehen? Wenn man selbst es nicht schafft, sie zu überzeugen, in welcher Gefahr sie sich befinden? Sportstudent Lenny versucht es, sieht aber schnell, dass er alleine scheitern wird.

Bildschirmfoto 2017-12-10 um 21.02.49Lenny weiß nicht so recht, was er mit sich anfangen soll. Vermutlich verbindet ihn genau das mit seinen einzigen beiden Freunden Faris und Yussuf. Nach Studium und Training hängt er gerne mit ihnen im Jugendhaus ab. Bier trinken, Zocken, Musik hören, Mädchen checken.

Als sich Yussuf immer häufiger in den Ruheraum des Hauses zurückzieht, stellt Lenny Fragen. Da gäbe es jemanden, der wirklich verstünde, wie man als Moslem wirklich seinen Glauben leben könne. Und dass man das in Deutschland nicht könne. Hier würde der Islam gehasst.

Und plötzlich bist du selbst Teil des bösen Spiels

Während Lenny nur verständnislos den Kopf schütteln kann, gerät auch Faris in den Bann des IS-Anwerbers. In ihre “Mutproben”, mit denen sie sich als gute “Krieger Gottes” beweisen müssen, ziehen sie auch Lenny mit hinein. Dem macht die Situation zunehmend Angst. Er will seine Freunde nicht verlieren, kann sie aber selbst nicht überzeugen. In seiner Not, wendet er sich an den Mann seiner Lehrerin. Gemeinsam nehmen sie den Kampf auf.

Marc Hudek hat sich ein sehr aktuelles Thema vorgenommen und dieses stilistisch für die Zielgruppe, junge Menschen, auch gut aufbereitet. Er sensibilisiert für die Veränderungen, die auf ein mögliches Abrutschen von Freunden hinweisen.

Holt euch Hilfe!

Wenn ihr solche Anzeichen bei euren Freunden bemerkt, schiebt sie nicht zur Seite, weil ihr sie nicht wahrhaben wollt. Sucht euch Hilfe. Das können Lehrer, Beratungsstellen oder Eltern und Freunde sein. Ihr werdet diese Hilfe brauchen, denn diejenigen, die euren Freunden das Paradies versprechen, sind rhetorische Profis. Sie wissen ganz genau, welche Strippen sie ziehen müssen, um Menschen, die auf der Suche nach einem Sinn sind, in ihren Bann zu ziehen.

Und seid nicht enttäuscht, wenn ihr den Freund oder die Freundin nicht aufhalten könnt. Das bedeutet nicht, dass es sich nicht lohnt, zu kämpfen. Auch hier hat Marc Hudek ein realistisches Bild gezeichnet.

Viel gelernt

Ich selbst hätte mir tiefergehende Informationen (und auch ein sorgfältigeres Korrektorat) gewünscht. Deshalb lässt mich Ich schwöre! am Ende etwas ratlos zurück. Aber gleichzeitig habe ich vieles über die Rekrutierung Jugendlicher für den sogenannten Islamischen Staat gelernt und werde künftig aufmerksamer hinschauen. Und ich werde dieses Buch ganz sicher weiterempfehlen.

Marc Hudek

Marc Hudek, Jahrgang 1964, ist ein Pseudonym. Er ist Journalist und Historiker und hat bei mehreren Zeitungen als Redakteur gearbeitet. Unter seinem wahren Namen hat er bereits einen Kriminalroman bei einem namhaften Verlag veröffentlicht.

Buchinfo: Ich schwöre! von Marc Hudek, erschienen bei tredition, 24.10.2017, 216 Seiten, Paperback, € 9.99, ISBN 978-3-7439-5317-8. Danke für das Leseexemplar.

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Johanna Holmström: Asphaltengel

Leila lebt in Finnland. Sarah, Ihre Mutter ist Finnland-Schwedin. Ihr Vater kommt aus dem Maghreb, ist Muslim. Das Verrückte daran: Nach der Heirat ist ihre Mutter zum Islam konvertiert und lebt ihr Leben extrem orthodox. Dass sie damit das Leben ihrer Familie gefährdet, versteht sie erst, als das Leben von Samira, ihrer ältesten Tochter auf dem Spiel steht.

Johanna Holmström, AsphaltengelSamiras und Leilas Leben ist kompliziert. Das liegt nicht nur daran, dass das Leben für Jugendlich generell kompliziert ist. Es liegt auch nicht daran, dass sie nicht gerade in der besten Gegend wohnen. Es liegt an ihrer Familie.

Der Vater, ein Moslem aus dem Maghreb, der seinen Glauben eher entspannt sieht, ist als Busfahrer viel unterwegs. Samira, die älteste Tochter, hat ihr Heil in der Flucht gesucht. Sie lebt seit kurzer Zeit in einer eigenen Wohnung. Nur Leila, die jüngste Tochter lebt noch daheim und ist damit dem Fanatismus ihrer Mutter gnadenlos ausgeliefert. Denn die ist zum Islam konvertiert und lebt diesen in der strengstmöglich Form aus. Dabei hat es Leila sowieso schon nicht leicht. Sie hat die falsche Hautfarbe, wohnt in der falschen Gegend und mit der Flucht ihrer Schwester ins Frauenhaus hat sie auch nicht ihre letzte Ansprechpartnerin verloren.

Ein tragisches Unglück verhindert, dass die Familie vollends zerbricht.

Eine Generation im Zwiespalt

Asphaltengel, so bezeichnet man die Mädchen, die in Europa in streng muslimischen Elternhäuser aufwachsen und dem Druck, der auf sie ausgeübt wird, nicht standhalten können oder wollen. Man findet sie morgens tot auf dem Asphalt. Der letzte Ausweg vor der Zwangsverheiratung in einem fremden Land. Nicht immer ist der Sprung in den Tod dabei freiwillig. Manche der Mädchen haben auch gebrochene Knöchel dort, wo sie sich am Balkongeländer festhalten wollten…

Johanna Holmström hat sich mit “Asphaltengel” keine leichte Kost vorgenommen. Aber vielleicht ist gerade deshalb ein so bewegendes Buch geworden. Die Mischung aus Schwermut und Lebensfreude, aus Mobbing, Fremdenhass und Auflehnung, aus Verzweiflung und Mut macht “Asphaltengel” so anders. Und noch nie habe ich so tiefe Einblicke in den Zwiespalt junger Mädchen bekommen, die zwischen unterschiedlichen Kulturen aufwachsen. Die sich öffnen wollen, damit aber in ihrem Innern doch nicht so einfach klar kommen. Auch die Schwierigkeiten und Missverständniss, mit denen Menschen im fortgeschrittenen Alter kämpfen müssen, die – aus welchen Gründen auch immer – konvertieren, waren mir nur sehr oberflächlich bewusst.

Keine leichte Kost

Ich danke Johanna Holmström für diese Einblicke und kann “Asphaltengel” nur empfehlen. Kein leichtes Buch aber eines das sich definitiv lohnt!

Johanna Holmström

Johanna Holmström wurde 1981 in Sibbo geboren. Sie gehört der schwedischsprachigen Minderheit in Finnland an. Seit einigen Jahren lebt sie mit ihren zwei Töchtern in Helsinki. Sie ist Journalistin und studiert arabische Literaturwissenschaft. Für ihre Erzählungen erhielt sie unter anderem den Literaturpreis des Svenska Dagbladet. Asphaltengel wurde von der Presse hymnisch besprochen.

Buchinfo: Asphaltengel von Johanna Holmström, erschienen bei Ullstein, 400 Seiten, Klappenbroschur, erschienen September 2014, € 14,99, ISBN 978-3-550-08057-9