Jürgen Seibold: Völlig bedient

Am Abend war Laura noch der Star der brasilianischen Nacht, nur wenige Stunden später wird sie vom Reinigungspersonal tot zwischen den Müllcontainern einer Winterbacher Partylocation gefunden. Wer hatte so einen Hass auf das Mädchen. Bestatter und Hobbyermittler Froelich nimmt die Ermittlungen auf.

3019_800x506_2055Die Brasilienpartys von Mercedes Häberle sind spektakulär. Inzwischen braucht sie nicht mal mehr Werbung für die Veranstaltungen zu machen, denn die Kunden ihrer Cateringfirma reichen die neuesten Termine als Geheimtipp an Freunde und bekannte weiter. Die Location in Winterbach im Remstal ist eigentlich immer ausverkauft.

Mercedes ist sich im Klaren, dass dieser Erfolg auch der zauberhaften Studentin Laura zu verdanken ist. Sie packt nicht nur im Unternehmen mit an, sondern ist auch der Star der brasilianischen Nächte. Ihre Samba-Show heißt die Stimmung richtig an und sorgt damit für ordentlich Umsatz. Geld, das Mercedes Häberle dringend braucht, wenn sie mit ihrem Catering dem harten Wettbewerb der ortsansässigen Bäcker und Metzger Paroli bieten will.

Schirm, Charme, Lokalkolorit

Jürgen Seibold hat mit Völlig bedient einen charmanten Krimi mit reichlich Lokalkolorit geschrieben. Den gemütlichen und gleichzeitig gewitzten – ich glaube, bei den Schwaben nennt man diese Kombination “knitz” – Bestatter Gottfried Froelich schließt man schnell ins Herz. Und als “rei’g’schmeckte” Remshaldenerin war ich irgendwie ganz nah dran am Geschehen.

Über manche Szene konnte ich herzlich schmunzeln. Sie sind so typisch für die schwäbische Gemütlichkeit, über die Fremde gerne mal lästern. Dass vieles an der Story kräftig überzogen ist, spielt dabei keine Rolle. Die speziellen Charaktere in Völlig bedient muss man einfach mögen.

Winterbacher Dramen unterm Weihnachtsbaum

Ich glaube, Völlig bedient ist der lokalste aller Krimis mit Lokalkolorit. Er spielt praktisch vor meiner Haustür. Aber nicht nur deshalb lege ich ihn euch ans Herz. Unterm Christbaum wird er sich sicher auch gut machen.

Jürgen Seibold

Jürgen Seibold, 1960 in Stuttgart geboren, war Redakteur der Esslinger Zeitung, arbeitete als freier Journalist für Tageszeitungen, Zeitschriften und Radiostationen und veröffentlichte 1989 seine erste Musikerbiografie. Es folgten weitere Sachbücher für verschiedene Verlage (Heyne, Moewig, Knaur) mit einer verkauften Gesamtauflage von rund 1,2 Millionen Exemplaren. 2007 erschien bei Silberburg sein erster Regionalkrimi, 2010 die erste Komödie. Außerdem schreibt er Thriller und Jugendbücher. Jürgen Seibold lebt mit Frau und Kindern im Rems-Murr-Kreis und macht Musik – wenn er mal Zeit dafür findet.

Buchinfo: Völlig bedient von Jürgen Seibold, erschienen bei Silberburg, 1. Oktober 2017, 304 Seiten, kartoniert, € 12,90, ISBN 978-3-8425-2055-4. Vielen Dank für das Leseexemplar.

Weingut Ellwanger, Großheppach: 500 Jahre Weintradition im Remstal #PlaceToBW

Wo Wein wächst, scheint die Sonne meist ein paar Stunden länger im Jahr. Und rund um die Gemeinde Weinstadt wächst – wie der Name schon vermuten lässt – viel davon. Im Ortsteil Weinstadt-Großheppach lebt und arbeitet Familie Ellwanger. Winzerdynastie seit nunmehr 500 Jahren.

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Die Ellwanger-Reben bei Großheppach, nicht nur im Herbst eine Reise wert. (Foto: Johannes Schlörp)

Wer das Remstal östlich von Stuttgart kennt, weiß, dass es im Oktober ein ganz besonderes Flair entwickelt. Weinlese und Obsternte sind in vollem Gang und in der Luft liegt ein leichter Duft nach Trauben und Äpfeln. Die Weinberge leuchten vor dem häufig noch strahlend blauen Himmel in allen Gelb-, Rot- und Brauntönen. Sicher eine der schönsten Zeiten für einen Besuch in der Region.

In Weinstadt-Großheppach baut die Winzerfamilie Ellwanger bereits seit 1514 Wein an, doch erst seit 1975 werden die Trauben auch auf dem eigenen Gut verarbeitet. Damals stieg Weinbautechniker Bernd Ellwanger mit seiner Frau Ingrid in die Selbstvermarktung ein. Seither ist viel passiert. Die Anbaufläche wuchs von 50 Ar (1 a = 100 qm) auf 27 Hektar (1 ha = 100 a) mit insgesamt 20 Rebsorten. Seit 1985 wird ausgebildet und Sohn Sven und Tochter Yvonne mischen nach abgeschlossenem Weinbaustudium inzwischen kräftig mit.

Mit #PlaceToBW zu Gast beim Weingut Ellwanger
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Auf das #PlaceToBW Team wartet bereits ein prickelnder Tropfen. (Foto: Johannes Schlörp)

Yvonne Ellwanger ist es, die uns bei unserem Besuch mit dem #PlaceToBW Team im Oktober 2014 mit einem Glas 2012 Schorndorfer Grafenberg Muskat-Trollinger Rosé brut, einem Rosé Sekt, herzlich in Empfang nimmt. In Anbetracht der Weinlese, die gerade in vollem Gang ist, durchaus nicht selbstverständlich. Übrigens ist auch die Lese bei den Ellwangers Familiensache. Verwandte und Freunde planen sie Jahr für Jahr fest in ihren Kalender ein. Yvonne Ellwanger selbst mag das “Herbsten”, wie die Lese in der Region genannt wird. In Zweierreihen werden die Trauben vom Stock geschnitten. Eine gute Gelegenheit für ein Schwätzchen nebenbei.

Auf der Führung durch den laufenden Betrieb gibt es reichlich Fachwissen zum Weinbau im Allgemeinen und bei Ellwangers im Besondern. Hier setzt man bei der Verarbeitung der Trauben auf die Schwerkraft. Die gerade erst frisch geernteten Früchte werden über ein Förderband zum höchsten Punkt des Weinkellers transportiert, von wo sie – je nach Rebsorte – entweder erst vom Gerüst, also den Stielen, befreit oder komplett in die Presse eine Etage tiefer fallen.

Die Rieslingtrauben wandern mit Stumpf und Stiel in die Presse

Letzteres ist zum Beispiel beim Riesling der Fall, erklärte Sven Ellwanger, der inzwischen auch zu uns gestoßen ist. Entfernt man bei dieser Traube die Beeren maschinell vom Gerüst, reißen oft eher die Stiele ab, als die Trauben vom Stiel. Dadurch entstehen am Stiel sehr große Oberflächen. Es gelangt mehr Gerbsäure in den Wein, als den Ellwangers recht ist.

Deshalb werden die Rieslingtrauben komplett gepresst. Auch dabei steht die schonende Verarbeitung im Vordergrund. 24 Stunden dauert es, bis der letzte Saft den Trauben abgerungen und im darunter liegenden Fass angekommen ist.

Beim Riesling, wie bei allen Weißweinen, setzt Familie Ellwanger auf die spontane Gärung. So blubbert es denn bei unserer Führung durch das Heiligtum – den Keller – in den Gärröhrchen der Holzfässer munter vor sich hin. Während der erste Raum, in dem sich Holzfass an Holzfass reiht, voll und ganz das Klischee der romantischen Winzertradition bedient, geht es eine Tür weiter deutlich technischer zu. Hier steht ein Stahlfass neben dem nächsten. Frei bleibt nur ein silbern glänzender Ganz in einem futuristisch anmutenden Ambiente. Tradition und Moderne, Tür an Tür.

Tradition und Moderne gehen bei Ellwangers Hand in Hand

Tradition und Moderne, das ist aber auch genau das, was das Weingut Ellwanger ausmacht. Nicht nur, dass die Generationen Hand in Hand arbeiten, auch für Experimente bleibt genügend Raum. Da wird schon mal ein Kerner im Barrique Fass ausgebaut und laut Etikett als “King” deklariert. Bei der Verkostung freut sich Sven Ellwanger dann über die irritierten Gesichter seiner Gäste.

Doch der “King” ist nicht die einzige Besonderheit des Hauses. Da man von jeher experimentierfreudig war, finden sich im Keller zahlreiche, vielversprechende kleine Gebinde. Die vielversprechendsten davon werden der nächsten Generation Ellwanger gewidmet: Den Kindern von Yvonne und Swen. Vielleicht die beste Voraussetzung, damit der Name Ellwanger auch 2114 noch ein Begriff ist. Wer weiß.

Das Weingut Ellwanger in Großheppach war eine Station der #PlaceToBW Genusstour vom 07. bis 09. Oktober 2014.

Wer mehr über Baden-Württemberg, das Land, die Leute und die Arbeitsmöglichkeiten wissen möchte, findet auf BW-jetzt und beim Urlaubsland Baden-Württemberg reichlich Anregung und ein offenes Ohr für alle Fragen.

Regional und saisonal kochen und essen im Remstal

Seit 5 Jahren ist das Remstal meine Wahlheimat. Und genauso lange ist der Sommer essenstechnisch meine liebste Jahreszeit.  Schuld daran sind die unzähligen Obst- und Gartenbaubetriebe, die ganzjährig ihre regionalen und saisonalen Produkte anbieten. Zu einem hervorragenden Preis-Leistungsverhältnis, denn weder für Zwischenhändler noch für lange Transportwege entstehen viele Kosten. Das Ergebnis: Sensationell frische Ware und eine schier unendliche Vielfalt – zumindest von Sommer bis Herbst. Was ja normal ist, schließlich haben wir in Deutschland bislang nur eine Vegetationsperiode.

Einkaufen kann man entweder in diversen Hofläden oder per „Drive-in“, also an Ständen vor den Häusern, an denen man sich wegnehmen kann, was man möchte. Das Geld wirft man in eine Kasse.

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Sommervielfalt aus dem Hofladen (CC: by-nc-sa)

Mein Lieblings-Frische-„Dealer“ ist dabei der Hofladen der Familie Frank. Weinbau, Obstbau, Brennerei, alles in einer Hand. Und was nicht selbst angebaut wird, wird – soweit möglich – in der „Nachbarschaft“ zugekauft. Eier aus dem Nachbarort, handgemachte Nudeln gleich dazu (sehr zu empfehlen!). Ein Imker „vermarktet“ einen Teil seines Honigs im Laden. Gurken kommen im Sommer von der Schwester der Ladeninhaberin und an den eigenen Tomaten läuft man vorbei, wenn man den Hof überquert. Annabelle, die Frühkartoffel für den perfekten schwäbischen Kartoffelsalat, ist so lecker, dass ich schon Care-Pakete zu meiner Mutter ins Saarland schicken musste. Und dann ist da noch der Schnaps… Herrlich!

Sommerzeit ist Beerenzeit

Aktuell überwiegen bei Familie Frank die leuchtenden Farben der Beerensaison. Dunkelrote Erdbeeren, nachtschwarze Brombeeren, dunkelrosé Himbeeren, rötlichbraune Süßkirschen, rote Sauerkirschen, dunkelblaue und feuerwehrrote Johannisbeeren, saftiggrüne Stachelbeeren. Die Auswahl fiel wirklich schwer, klar war nur, die rotwangigen Aprikosen aus eigenem Anbau mussten auf jeden Fall mit.

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Obstausbeute (CC: by-nc-sa)

Nicht mehr lange, dann gibt es wieder Mirabellen

In ein paar Wochen folgen dann Mirabellen, Pflaumen, Zwetschgen, Birnen, Äpfel. Äpfel esse ich übrigens erst wieder, seit ich im Remstal wohne und den Hofverkauf der Familie Frank entdeckt habe. Obwohl er nur wenige Minuten von mir entfernt ist, liegt er doch etwas versteckt in einer schmalen Seitenstraße. Aber zurück zu den Äpfeln. Lange Zeit hatte ich keine Lust mehr, so richtig herzhaft in einem Apfel zu beißen. Irgendwie hat sich das komisch angefühlt, anders als früher daheim. Der Grund dafür war die Vorbehandlung des Obstes, ehe es in die Supermärkte und Läden kommt. Im Remstal bekomme ich Äpfel frisch vom Baum, die schon im Auto richtig lecker duften und denen ich nie lange widerstehen kann. Meist ist der erste schon gegessen, ehe ich daheim bin. Diese Äpfel schmecken wieder so, wie ich es schon als Kind kannte.

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Mit den Hofläden ist einfach gut Kirschenessen! (CC: by-nc-sa)