Hamster, Hedgefonds und die Weltrevolution

Serge ist noch keine 30 Jahre alt und verdient bereits neunzigtausend im Jahr. Davon dürfen aber seine Eltern nichts wissen. Die meinen nämlich, er arbeite immer noch an seiner Promotion in Cambridge. Dabei gehört er zu den besten Analysten einer Londoner Investmentfirma und macht dort das große Geld.

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(Cover: dtv.de)

Immer wieder schiebt Serge seine Beichte hinaus. Wie soll er ausgerechnet Doro und Marcus, seinen Hippie-Eltern, erklären, dass er in der Investmentbranche, dem Erzfeind der 68er-Bewegung, arbeitet und das Geld derjenigen vermehrt, die sowieso schon genug haben. Und dass er selbst in einem luxuriösen Londoner Appartement statt in einer Studentenbude in Cambridge wohnt.

Leben in der 68-er Hippiekommune

Seine Schwester ist das genaue Gegenteil. Sie unterrichtet an einer Schule und engagiert sich dort besonders für die benachteiligten und lernschwachen Kinder. Ein Überbleibsel aus der Kommunenzeit, wo sie gleich mehrere Väter und Mütter hatte, die ihr ihre Sicht der Dinge erklären wollten. Gleichzeitig war sie als Älteste auch für die jüngeren Kinder verantwortlich. Und sie weiß selbst noch, wie es ist, von den anderen gehänselt zu werden, weil man nicht der Norm entspricht.

Als Marcus und Doro nach Jahrzehnten ohne Trauschein plötzlich heiraten wollen, gerät Serges Lügengeschichte ins Wanken. Und sein Job steht plötzlich auf der Kippe.

Amüsante und nachdenkliche machende Einblicke

Spannend, wie unterschiedlich sich die gleichen Erfahrungen lesen, wenn sie von unterschiedlichen Mitgliedern einer Familie geschildert werden. Während Doro immer noch in ihrer Hippie-Ära schwebt, sich für ihre Interessen bedingungslos einsetzt und auch im fortgeschrittenen Alter einem heißen Flirt nicht abgeneigt ist, blickt Serge, ihr Sohn mit sehr gemischten Gefühlen auf seine Jugend zurück. Der morgendliche Kampf um die Klamotten jagt ihm immer noch heiße Schauer über den Rücken. In der Kommune, in der alles allen gehörte – auch die Sexualpartner – kam es schon mal vor, dass man als Junge im rosa Rock gehen musste, weil alles andere bereits weg war. Für Serge ist klar: Das will er nie wieder erleben. Umso mehr genießt er den Luxus, den er sich in kürzester Zeit in London erarbeitet hat.

Ein witziges Buch, dass einen trotzdem nachdenklich zurück lässt. Marina Lewycka beschreibt sehr anschaulich die gut gemeinten Ansätze von Eltern, die bei den Kindern genau das Gegenteil auslösen. Und sie zeigt, wie Kinder geprägt werden, wenn man ihnen zu früh zu viel Verantwortung überträgt.

Von mir eine klare Leseempfehlung.

Marina Lewycka

Marina Lewycka wurde nach dem Zweiten Weltkrieg als Kind ukrainischer Eltern in einem Flüchtlingslager in Kiel geboren und wuchs in England auf. Sie lebt in Sheffield und unterrichtet an der Sheffield Hallam University. Ihr erster Roman “Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch” wurde zu einer beispiellosen Erfolgsgeschichte, eroberte die internationalen Bestsellerlisten, wurde in 33 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Marina Lewycka gilt als eine der wichtigsten und populärsten englischen Autorinnen der Gegenwart.

Buchinfo: Die Werte der modernen Welt unter Berücksichtigung diverser Kleintiere von Marina Lewycka, erschienen bei dtv, Februar 2013, 464 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-423-28006-8, € 19,90

Veröffentlicht von

Ulrike

Ich verstehe analoge Bedenken und kann digitalen Mut machen. Und ich übersetze zwischen beiden Welten. In Unternehmen, bei MitarbeiterInnen, im Dienstleistungsumfeld, im Privatleben, auf meinen Blogs. Das ist meine Leidenschaft.

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