Menno Schilthuizen: Darwins Peepshow

344 Seiten voller Sex. Voll intimster Details. Tiefster Einblicke. Ein Highlight für alle Fetischisten. Sofern sie auf Sex bei Tieren stehen. Wohlgemerkt: Bei, nicht mit. Denn Menno Schilthuizen erklärt uns Evolutionsbiologie und zeigt dabei, wie unkreativ die Fortpflanzung bei uns Menschen eigentlich geregelt ist.

UnbenanntDarwins Peepshow. Der Titel klang für mich als (unter anderem) Naturwissenschaftlerin verlockend. Er klang nach einer witzigen Herangehensweise an das Thema Fortpflanzung und Evolution. Und tatsächlich wurde ich nicht enttäuscht. Wie so oft, wenn ausgewiesene Fachleute auch noch gut schreiben können, wurde ich ausgiebigst mit Details zu tierischen Genitalien versorgt und das in absolut unterhaltsamem Stil. Mal musste ich dabei grinsen, mal staunen und mal war es einfach auch ein bisschen … bäääähhhhh. Aber immer faszinierend.

Das Genital macht den Unterschied

Wussten Sie, dass man die Zugehörigkeit vieler Insekten zu bestimmten Gattungen nur über ihre Genitalien bestimmen kann? Auch wenn sie von außen noch so ähnlich sind, die Tücke liegt im Detail. Überhaupt ist die Vielfalt der Ausprägungen überwältigend. Und der Sinn dieser Differenzierungen genauso. Denn hier geht es nicht um einfache Schloss- und Schlüsselprobleme, sondern um äußerst raffinierte Mechanismen der Evolution.

So gibt es zum Beispiel Männchen, die ihren Penis als Schaufel benutzen und damit im ersten Schritt die Vagina des Weibchens “ausbaggern”, um so eventuelle Hinterlassenschaften seiner Vorgänger zu beseitigen. Das soll die Nachkommenschaft dieses einen Männchens sichern. Vermutlich kommt da auch der Begriff “anbaggern” her?!

Die Weibchen greifen mächtig in die Trickkiste

Wer jetzt denkt: “Wow, clever!”, der wird bei den Tricks, die die Weibchen auf Lager haben, den Mund vor lauter Staunen nicht mehr zu bekommen. Da gibt es Mehrkammernsysteme, Sackgassen, Ausspül- und Ausquetschtricks. Und die besonders guten “Tröpfchen” außerordentlich attraktiver Männchen werden aufgehoben, konserviert, sicher gelagert und kommen bei Bedarf zu einem späteren Zeitpunkt zum Einsatz. Sprich, die Weibchen entscheiden, wessen Sperma zum Einsatz kommt und wessen Nachwuchs das Rennen macht.

Wirklich spannende Einblicke, die uns Menno Schilthuizen hier präsentiert. Und sie zeigen uns vor allem eines: Die Tierwelt hat Tricks drauf, da können wir Menschen nur staunen. Wer denkt, Menschensex sei einfallsreich, der wird nach Darwins Peepshow umdenken müssen.

Sex ganz neu betrachtet

Darwins Peepshow von Menno Schilthuizen geht ins Detail, im wahrsten Sinne des Wortes. Schmunzelgarantie inklusive. Und trotz Humor und unterhaltsamen Schreibstil bleiben weder wissenschaftliche Fakten noch der gute Geschmack auf der Strecke. Dass man diese Peepshow genossen hat, kann man ohne falsche Scham offen zugeben.

Von mir bekommt Darwins Peepshow ein “Daumen hoch”!

Menno Schilthuizen

Prof. Dr. Menno Schilthuizen, Jg. 1965, ist als Evolutionsbiologe am “Naturalis”, dem niederländischen Zentrum für Biodiversität, tätig und lehrt an der Universität Leiden. Er hat zahlreiche Fachveröffentlichungen sowie populärwissenschaftliche Bücher (Frogs, Flies & Dandelions: The Making of Species, The Loom of Life; Unravelling Ecosystems) vorgelegt und schreibt für Zeitschriften wie Natural History, New Science, Science oder das niederländische Handelsblad.

Buchinfo: Darwins Peepshow von Menno Schilthuizen, erschienen bei dtv, Oktober 2014, 344 Seiten, 19,90 €, ISBN 978-3-423-28041-9. Deutsche Übersetzung: Kurt Neff. Vielen Dank für das kostenlose Leseexemplar.

Werbeanzeigen

Asta Scheib: Das stille Kind

Bei David wird Asperger Syndrom diagnostiziert. Paulina, seine Mutter, will das nicht wahrhaben. Sie hofft auf die Zeit und stellt mit ihrer Verweigerung die Familie auf eine harte Probe. Asta Scheib stellt in ihrem Buch “Das Stille Kind” die die Beziehung von Eltern zueinander, deren Kinder besonders sind, in den Vordergrund

Asperger, Familie, dtvDavid ist besonders. Anders als seine beiden Geschwister. Anders als die Kinder in der Schule. Er spricht wenig, schließt nur sehr schwer Kontakte und besteht auf eine zwanghafte Ordnung in seinem Umfeld. Die ärztliche Diagnose: Asperger-Syndrom.

Er braucht einfach mehr Zeit!

Paulina, verschließt lange die Augen vor den Verhaltensbesonderheiten ihres Sohnes. Das “verwächst” sich. Er braucht einfach mehr Zeit als andere. Wenn wir alleine sind, klappt doch alles ganz gut. Doch das stimmt nicht.

So behutsam Mann und Schwiegermutter auch auf sie einwirken, Paulina will es nicht wahrhaben. Eine Situation, die mehr und mehr das Familienleben belastet und einen Keil zwischen das bislang glückliche Paar treibt.

Ich habe schon einiges über den autistischen Formenkreis gelesen und auch schon darüber geschrieben. Mich faszinieren die Fähigkeiten der Menschen, die wir oft als “speziell” erleben, weil sie sich nicht widerstandslos in gesellschaftliche Normen integrieren. Dafür sind sie uns “Durchschnittlichen” um Meilen vorraus, wenn es um Mustererkennung, Konzentration auf bestimmte Prozesse geht.

Besondere Kinder stellen die ganze Familie auf die Probe

Deshalb habe ich bei “Das stille Kind” mit etwas ganz anderem gerechnet, als ich letztendlich bekommen habe. Hier steht nicht der kleine David im Zentrum des Geschehens, sondern die Beziehung seiner Eltern zueinander, die ob der Belastung zu zerbrechen droht.

Auch wenn ich nicht das bekommen habe, was ich erwartet habe, habe ich das Buch gerne gelesen. Es ist wichtig, zu zeigen, dass das Leben nicht nur für die besonderen Kinder eine besondere Herausforderung ist, sondern auch für ihr familiäres Umfeld. Für Geschwister, die oft hinten anstehen, wenn Bruder oder Schwester mehr Aufmerksamkeit benötigen. Für die Eltern als Paar, die sich in dem Spagat, es allen recht zu machen, nicht selten aufreiben.

Insofern ein guter Blickwinkel, den Asta Scheib hier gewählt hat. Aber leider nicht der, den man sich als Leser oder Leserin aus dem Klappentext erwartet.

Für Menschen, die mehr über Asperger erfahren wollen, deshalb nur sehr bedingt geeignet.

Asta Scheib

Asta Scheib geboren in Bergneustadt im Rheinland, arbeitete als Redakteurin bei verschiedenen Zeitschriften. Sie gehört heute zu den bekanntesten deutschen Schriftstellerinnen und lebt mit ihrer Familie in München.

Buchinfo: Das stille Kind von Asta Scheib, erschienen bei dtv, August 2014, 288 Seiten, ISBN 978-3-423-21530-5, € 9,95. Vielen Dank für die Bereitstellung des Leseexemplares.

Michael Sears: Tödliche Option

Jason Stafford, Ex-Finanzmakler mit Knasterfahrung, ist wieder im Einsatz. Seine Klienten: Der von Becker Clan, der Jason nach dem Selbstmord ihres Patriarchen William anheuert, um einigen “verloren gegangene” Milliarden wiederzufinden. Eine Mission, die nicht nur Jason und seinen autistischen Sohn Kid in Gefahr bringt.

Krimi, Mord, Drogen, Stafford, Börse, Autismus
Cover: dtv.de

William von Becker gehört eine der größten privaten Investmentbanken Nordamerikas. Nach außen tritt er als Philantrop auf. Spendet gerne und großzügig für soziale Projekte und sonnt sich in dem dadurch gewonnenen Ansehen. Doch im Hintergrund sieht alles anders aus. Williams Imperium baut auf einem dubiosen, nicht abgesicherten Schneeballsystem auf, unterstützt durch die groß angelegte Wäsche von Drogengeldern.

War es Mord oder Selbstmord?

Das Geschäftsmodell fliegt auf, als die Börse schwächelt und von Becker einen Großteil der Anleger auszahlen soll, was natürlich nicht möglich ist. Neue Anlagen wurden ja jeweils nur dazu verwendet, zweifelnde Altanleger mit sattem Gewinn auszuzahlen, was im Gegenzug die vermeintliche Seriosität des Fonds erhöhte und zu noch mehr Einzahlungen führte. Börsenaufsicht und Steuerbehörde ermitteln. William wandert ins Gefängnis, wo er einige Tage später tot aufgefunden wird. Fremdeinwirkung kann nicht nachgewiesen werden, auch wenn – nicht nur – die Familie vermutet, dass hier jemand die Finger im Spiel gehabt haben könnte.

Wie gefährlich es ist, sich auf von Beckers Spiel einzulassen, merkt Jason sehr schnell. Plötzlich ist ihm die Drogenmafia auf den Fersen. Die Sicherheit seiner eigenen Familie steht auf dem Spiel. Ist das die Million jährlich wert, die ihm der von Becker Clan geboten hat?

Tödliche Option: I like it!

Seit “Am Freitag schwarz” freue ich mich auf ein neues Buch von Michael Sears. Nicht nur, weil ich “Am Freitag schwarz” spannend fand, sondern auch wegen Kid, dem autistischen Sohn des Protagonisten Jason Stafford. Mir gefällt, wie Jason seine Pläne immer wieder in Frage stellt, um Kid gerecht werden zu können. Wie er seinen Lesern die kleinen Fortschritte näher bringt, die der Junge mit guter Betreuung macht, berührt mich und bestätigt so vieles, was ich über Neurodiversität gelesen habe. Dabei kommen diese Beiträge nicht von ungefähr. Sears wurde in seinem familiären Umfeld mit Autismus und Asperger Syndrom konfrontiert und weiß wovon er redet, beziehungsweise schreibt. Ich glaube, wer sich mit diesem Thema auseinander setzt, hat einfach das Bedürfnis, seine Informationen zu teilen.

Doch zurück zum Krimi. Wie “Am Freitag schwarz” ist auch “Tödliche Option“ wieder eine der leisen, intelligenten Storys, die ich so mag. Und auch wenn beide Titel aufeinander aufbauen, ist es meines Erachtens nicht zwingend notwendig, “Am Freitag schwarz” gelesen zu haben, um “Tödliche Option” zu verstehen. Wer beide lesen möchte, sollte aber der Reihe nach vorgehen.

Tödliche Option: I like it!

Michael Sears

Michael Sears war Managing Director bei zwei Wall-Street-Unternehmen im Bereich Termingeschäfte, Anleihen- und Devisenhandel. Bevor er an der Columbia University seinen MBA machte, hat er als Schauspieler gearbeitet. Er ist verheiratet, Vater zweier Söhne und lebt heute in Sea Cliff, New York. http://www.michaelsears.com/michael-sears/

Buchinfo: Tödliche Option von Michael Sears, erschienen bei dtv, Juni 2014, 432 Seiten, € 9,95, ISBN 978-3-423-21513-8 – Danke für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

Mehr zum Thema Autismus:

„Guten Morgen, wer sind Sie denn?“ oder Alltag im Pflegeheim

Ralph Skuban leitete mehr als zwei Jahrzehnte eine Einrichtung für Demenzkranke. Mit seinem Buch “ Guten Morgen, wer sind Sie denn?” bricht er eine Lanze für das Recht auf Selbstbestimmung der Bewohner und für die Arbeit der Pflegekräfte. Dabei ist er nicht von Sensationslust und Auflagenzahlen getrieben, sondern von der Notwendigkeit, endlich gegen die vorhandenen Missstände anzukämpfen.

Ralph Skuban hat viele Menschen sterben sehen. Sein Beruf ist es, überwiegend schwerst pflegebedürftige Menschen, meist Demenzkranke, bis zum Tod zu betreuen. Täglich begegnet er dabei der Vergänglichkeit des Körpers und des Geistes. Er sieht das damit verbundene Leid der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen und gelangt mehr als einmal an seine Grenzen.

Demenz, Pflege, Heim, Sterbehilfe, Würde
(Cover: dtv premium)

Nach einem “Pflegesystem” soll er sie betreuen, einem System, das sich nicht um den Einzelnen schert und mit unvorstellbarer Fremdbestimmung über alles Individuelle hinweg geht. “Gepflegt” wird nach Punkten, unendlich viel Zeit geht in die Dokumentation, in das Ausfüllen von Fragebögen und Protokollen. Zeit, die viel besser in die Bewohner des Heimes investiert wäre. Aber wer sich mehr um die Menschen kümmert statt um die Bürokratie, bekommt “schlechte Noten”. Denn bewertet werden die Pflegeeinrichtungen über die Anzahl der brav ausgefüllten Fragebögen, nicht nach der Zufriedenheit der Bewohner und ihrer Angehörigen. Und schon gleich gar nicht nach der Zufriedenheit der Mitarbeiter.

Menschen, die miese Arbeitszeiten, noch miesere Bezahlung und enorme Belastung durch Zeitdruck und auch durch das Sterben auf sich nehmen, um anderen Menschen ein Sterben in Würde ermöglichen zu können. Doch genau hier greift die Gesetzgebung ein und verhindert, was Menschen leisten wollen. Sie verhindert, dass Menschen sterben dürfen, für die keinerlei Hoffnung mehr besteht. Können sie sich wegen ihrer Demenz nicht mehr wehren und haben keine entsprechenden Vorkehrungen (z.B. Patientenverfügung) getroffen, werden sie zwangsernährt, zwangsbehandelt, zwangstherapiert. Und wer ab und an noch lichte Momente hat und seiner Situation bewusst ein Ende setzen will, darf das nicht. Zumindest nicht in Deutschland.

Ist ein dementer Mensch philosophisch betrachtet noch ein Mensch?

Dem Schritt, den Ralph Skuban dann macht, stehe ich zugegebenermaßen gespalten gegenüber. Er beleuchtet die Frage “Was ist ein Mensch?” aus philosophischer Sicht. Demnach sind Bewusstsein und die Fähigkeit der Selbstreflexion unabdingbar für das Menschsein. Für mich durchaus nachvollziehbar leiteter dann die Frage ab: Sind Menschen, die tief in ihrer Demenz versunken sind und keine “hellen” Momente mehr haben, nach dieser Definition eigentlich noch Menschen? Sie sind nicht mehr in der Lage, bewusst Entscheidungen zu treffen, von Selbstreflexion ganz zu schweigen.

So weit, so gut. Doch dann führt Ralph Skuban das tägliche Töten von Tieren ins Feld. Tieren, die sich ihrer Situation stärker bewusst sind, als zutiefst demente Menschen. Was gibt uns das Recht, diese zu töten, aber Menschen mit viel geringerer Selbstwahrnehmung einen gnädigen Tod zu verweigern?,fragt er. Wobei er dabei nicht die Menschen anspricht, die “völlig durch den Tunnel gegangen sind” – also jenen, die keine klaren Momente mehr haben – und mit dieser Situation entspannt und schmerzfrei leben, sondern jene, die in dieser Lage ganz offensichtlich körperliche Schmerzen und Qualen leiden.

Ich gehöre ebenfalls zu den Verfechterinnen des “Sterbendürfens”. Wer sich dazu entscheidet, weil er nicht leiden möchte, sollte dies in seinem gewohnten Umfeld umsetzen dürfen. Der letzte Weg sollte dabei nicht in eine fremde Umgebung führen müssen. Und ich spreche mich auch entschieden gegen eine Gerätemedizin aus, die auf Teufel komm raus den Sieg über das Sterben erringen will.

Missionieren auf Kosten dementer Menschen?

Allerdings hat mich der Vergleich mit dem Schlachten von Tieren erheblich gestört. Nicht, weil ich Ralph Skubans Bewusstseins-Argumentation nicht teilen kann, sondern weil ich den Eindruck hatte, hier wird für den Verzicht auf Fleisch statt für das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben und Lebensende kranker Menschen plädiert. Ich respektiere Vegetarier, setze mich ziemlich intensiv mit veganem Leben auseinander, möchte aber nicht auf eine solche Art “missioniert” werden. Egal, ob ich diese Intention richtig interpretiert habe oder nicht, bei mir ist es so angekommen. Deshalb habe ich mich mit dem letzten Drittel des Buches nicht mehr wohl gefühlt.

Dennoch gibt es für “Guten Morgen, wer sind Sie denn?” von mir eine klare Leseempfehlung. Es wird höchste Zeit, dass wir uns mit dem Pflege-GAU, in dem wir uns längst befinden, aufräumen. Wer sich um verwirrte und pflegebedürftige Menschen kümmert, soll dafür angemessen bezahlt werden und ausreichend Zeit dafür bekommen. Pflege muss wieder menschlich werden und darf nicht länger bürokratischer Verwaltungsakt sein.

Und wir müssen endlich weg von unserem “höher, schneller, weiter” in der Medizin. Es gilt zu akzeptieren, dass Leben endlich ist und dass eine Verlängerung auf Teufel komm raus – nur weil die Maschinen es können – unmenschlich ist.

Insofern, Ralph Skuban, Danke für dieses Buch!

Ralph Skuban

Ralph Skuban, geboren 1965, ist promovierter Politikwissenschaftler und leitet seit mehr als zwei Jahrzehnten in der Nähe von München eine Einrichtung für Demenzkranke. Skuban ist ein ausgewiesener Kenner der Philosophie und Mystik des Ostens, er praktiziert sie auch, hält Seminare und hat Bücher zum Thema publiziert. Er lebt in der Nähe von München.

Buchinfo: Guten Morgen, wer sind Sie denn von Ralph Skuban, erschienen bei dtv premium, Mai 2014, 160 Seiten, € 13,90, ISBN 978-3-423-26034-3, Danke für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares.

Ben Aaronovitch: Der böse Ort

Irgendwas ist faul an Skygarden Tower, einem verrufenen Sozialwohnblock in Südlondon. Damit wird das Gebäude zum Zentrum der Ermittlungen für Police Constable Peter Grant vom Folly, der Einheit für für alles “Spezielle” bei der London Police. Und in der Tat scheint der Erbauer des Skygarden Tower mit seinem Projekt magische Pläne gehabt zu haben.

Peter Grant ist Police Constable und gleichzeitig Zauberlehrling bei Polizeiinspektor Nightingale, dem letzten großen Zauberer von England und Leiter des Folly, der Einheit für die mysteriösen Fälle der Londoner Polizei. Gemeinsam mit seiner Kollegin Lesley werden sie immer dann gerufen, wenn die “normale” Polizei vor einem Rätsel steht.

Ben, Aronovitch, Peter, Grant, Magie, Zauberer, Magier, London
Cover: dtv.de

Ein ruhiger Straßenabschnitt mitten in der Nacht. Ein Volvo fährt mit bedächtigen 50 Kilometer pro Stunde an einer Überwachungskamera vorbei. An der nächsten Kreuzung übersieht der Fahrer offensichtlich einen anderen Vauxhall, der mit 85 Stundenkilometern rechtwinklig zu dem Volvo aus der Ausfahrt kommt. Beide Fahrzeuge prallen zusammen. Während der Volvo schnell durch die Leitplanken abgebremst wird, überschlägt sich der Vauxhall und kracht in eine Baumgruppe. Dabei löst sich der Sicherheitsgurt, der Fahrer wird bei dem Überschlag gegen das Dach geschleudert und bricht sich das Genick.

Ein Fall für das Folly?

Auf den ersten Blick sieht alles wie ein normaler Verkehrsunfall aus, wäre da nicht das Blut an den Seitenwänden des Volvo-Kofferraums.Denn außer dem Fahrer selbst ist am Unfallort weit und breit kein Mensch zu sehen.

Kurze Zeit später wirft sich ein Mann vor die Bahn. Auch dieser “Fall” scheint mysteriös. Schließlich hatte er das Bahnhofsgebäude fast schon verlassen, als er plötzlich umkehrte und sich vor den nächsten einfahrenden Zug stürzte.

In beiden Fällen wird das Folly hinzu gezogen, aber bei beiden scheint keine Magie beteiligt gewesen zu sein. Das Blatt wendet sich, als plötzlich ein wertvolles magisches Buch aus der berühmten Weißen Bibliothek in Deutschland auftaucht. Plötzlich führen alle Wege zur Wohnanlage Skygarden Tower, einem berüchtigten Wohnblock in Südlondon. Peter und Leslie nisten sich als anonyme Ermittler dort ein und kommen zweifelhaften Machenschaften auf die Spur.

Nicht mein erster und nicht mein letzter Peter Grant

“Der böse Ort” ist nicht das erste Buch, das ich von Ben Aaronovitch aus der Peter Grant Reihe gelesen und genossen habe, allerdings habe ich nicht alle gelesen. Entsprechend gespannt war ich, wie ich mit dem Buch klarkommen würde. Schließlich sind die Charaktere der Reihe ja sehr speziell oder sollte ich besser sagen: magisch?!

Und tatsächlich habe ich mich nicht wirklich gut in die Story eingefunden. An manchen Stellen hat mir der Hintergrund zu den Personen gefehlt, z.B. beim “gesichtslosen Magier”, der für das durchgehende Verständnis nötig gewesen wäre. Auch hatte ich das Tempo und die Leichtigkeit der Storys aus den anderen Büchern flotter in Erinnerung. “Der böse Ort” wäre mit Hundert Seiten weniger für meinen Geschmack auch gut ausgekommen. Ausgeglichen wird das durch den witzigen Schreibstil und das ein oder andere grandiose “Bonmot”.

Entsprechend fällt meine Empfehlung geteilt aus:

  • Für Peter Grant Fans: Auf jeden Fall kaufen und lesen!
  • Für alle, die Peter Grant noch nicht kennen: Auf jeden Fall lesen, aber der Reihe nach. Fangt mit Band eins an und zaubert euch durch.

Wer schnell mal schauen möchte, was es jetzt genau mit Molly auf sich hat oder ob Toby “nur” ein normaler Hund ist, findet die Hintergründe zu den Charakteren bei dtv: Urban-Fantasy at its best.

Ben Aaronovitch

Ben Aaronovitch wurde in London geboren und lebt auch heute noch dort. Wenn er gerade keine Romane oder Fernsehdrehbücher schreibt (er hat u. a. Drehbücher zu der englischen TV-Kultserie ‚Doctor Who‘ verfasst), arbeitet er als Buchhändler. Seine Fantasy-Reihe um den Londoner Polizisten Peter Grant mit übersinnlichen Kräften eroberte die internationalen Bestsellerlisten im Sturm.

Buchinfo: Der böse Ort von Ben Aaronovitch, erschienen bei dtv, erschienen Mai 2014, 400 Seiten, € 9,95, ISBN 978-3-423-21507-7

Tödlicher Steilhang – Mord an der Mosel

Georg Hellberger steckt in der tiefsten Krise seines Lebens. Sein früherer Arbeitgeber sieht in ihm eine Gefahr und lässt ihn überwachen. Durch die daraus entstandenen Reibereien ist seine Ehe in die Brüche gegangen. Da kommt ihm die Einladung eines Winzers an die Mosel gerade recht. Doch statt in der erhofften Ruhe der Wein landet Hellberger gleich in mehreren ungeklärten Todesfällen.

Mord, Mosel, Krimi, Wein, Grote
Cover: dtv

Es sind keine erfreulichen Gründe, die Georg Hellberger an die Mosel führen. Der Sicherheitsexperte hat seinen gut bezahlten Job als Sicherheitsexperte fristlos gekündigt. Nach dem Verkauf des Unternehmens an einen amerikanischen Inhaber kann er sich mit den Unternehmenszielen nicht mehr identifizieren. Er weigert sich, die in seinen Augen verbrecherischen Machenschaften zu unterstützen. Seine Frau hat ihn daraufhin kurzerhand vor die Tür gesetzt und ihm den Umgang mit seinen beiden Töchtern verboten.

Da kommt das Angebot des Winzers Stefan Sauter, doch seine Ferienwohnung an der Mosel zu beziehen und sich dort zu erholen, gerade recht. Hier will sich Georg Hellberger den Grundlagen des Weinbaus widmen und die Ruhe finden, die er für einen Neubeginn braucht. Doch daraus wird nichts. Kaum ist Hellberger an der Mosel angekommen, wird ein Winzer tot aus dem Fluss gezogen. Stefan Sauter gerät unter Verdacht. Schließlich lag er seit Jahren mit dem Verstorbenen im Streit um einige besonders hochwertige Rebzeilen. Georg Hellberger ist zu sehr Profi, um sich nicht in die Ermittlungen um den Todesfall einzuklinken.

Bei einem guten Glas Wein genießen

Meine bedingte Begeisterung über die Lokalkolorit Krimis habe ich bereits an anderer Stelle geäußert. Sie sind mir meist zu klischeehaft und grotesk. Bei Paul Grotes Winzerkrimis ist das anders. Zwar finde ich die Story von “Tödlicher Steilhang” etwas abstrus – zu viele unklare Todesfälle in zu kurzer Zeit – aber die Handlung ist intelligent. Und – was mindestens ebenso interessant ist – man lernt von Buch zu Buch mehr über den Weinbau und den Wein. Deshalb lese ich sie immer wieder gern.

Wer sich für Krimis und Wein interessiert, ist also mit “Tödlicher Steilhang” von Paul Grote gut bedient. Kaufen und mit einem guten Glas Wein genießen!

Paul Grote

Paul Grote berichtete fünfzehn Jahre lang als Reporter für Presse und Rundfunk aus Südamerika. Seit 2003 lebt er als freier Autor in Berlin. Sein Gespür für Wein, sein Wissen und seine Erfahrungen spiegeln sich in allen seinen Krimis wider.

Buchinfo: Tödlicher Steilhang von Paul Grote, erschienen bei dtv, September 2013, 416 Seiten, € 9,95, ISBN 978-3-423-21464-3

Rote Grütze mit Schuss – Ein Küsten-Krimi

Ein Biobauer wird ermordet. Eine Ehefrau verschwindet. Ein Gebäude wird in Brand gesteckt. Ein Erpresser gesucht. Ganz schön harter Tobak für Dorfpolizist Thies Detlefsen. Und das alles in dem beschaulichen Fredenbüll in Nordfriesland, wo es mehr Schafe als Einwohner gibt. Gemeinsam mit der attraktiven Nicole Stappenbeck von der Kieler Mordkommission versucht Detlefsen der Lage wieder Herr zu werden.

Nordfriesland, Krimi, Deich, Mord, rote, Grütze
Cover: dtv

179 Einwohner und 600 Schafe leben in Fredenbüll, dem beschaulichen Ort hinter den drei Deichen in Nordfriesland. Das Leben spielt sich im Wesentlichen im örtlichen Gemischtwarenladen, bei Alexandra, der flotten Friseurin oder in „De Hidde Kist“, dem ortsansässigen Imbiss ab. Kein Wunder, dass die Polizeistation und damit der Job von Dorfpolizist Thies Detlefsen vom Rotstift bedroht ist. Kein Wunder also, dass Detlefsen alles daran setzt, die Fredenbüller Kriminalitätsstatistik in die Höhe zu treiben. Schließlich ist ja nicht auszuschließen, dass das tote Schaf auf dem Deich ein Opfer militanter Ökoaktivisten geworden ist. Oder dass der Falschparker mit fremdem Kennzeichen ein potenzieller Selbstmordattentäter ist.

Einmal Biobauer frisch gehäckselt, bitte

Als Biobauer Brodersen eines Morgens grob gehäckselt in seinem eigenen Mähdrescher hängt, überschlagen sich die Dinge in Fredenbüll plötzlich. Denn zur gleichen Zeit verschwindet Swantje, die attraktive Frau des Versicherungsvertreters, bei dem das ganze Dorf versichert ist. Von heute auf morgen sieht sich Thies Detlefsen im Zentrum von Sodom und Gomorrha. Und ist natürlich völlig überfordert. Die Rettung kommt in Gestalt der gutaussehenden Nicole Stappenbeck von der Kieler Mordkommission.

Krimis mit Lokalkolorit

Krimis mit Lokalkolorit sind in Mode gekommen. Egal, ob in den diversen Weinregionen Deutschlands, in Bayern oder Ostfriesland, wenn es um Mord und Totschlag auf dem Land geht, wird kein gängiges Klischee der jeweiligen Region vernachlässigt. In diese Kerbe schlägt auch Rote Grütze mit Schuss. Der Klamauk-Krimi st unterhaltsam zu lesen ohne seine Leser zu sehr herauszufordern. Biobauer Brodersen stirbt auf gleich drei unterschiedliche Arten. Dorfbriefträger Klaas – ähnlich hoch ausgelastet wie Detlefsen – sichert als Hilfssheriff einen Brief der toten Swantje und Schäferhund Susie wird zum Leichenspürhund. Jeder einzelne Punkt an sich ganz amüsant. In der Anhäufung war es mir persönlich etwas viel.

Trotzdem halte ich „Rote Grütze mit Schuss“ für eine gute Urlaubslektüre. Sollte man das Buch bei der Abreise vergessen, wird sich auch der nächste Hotelgast über die haarsträubenden Ereignisse in Fredenbüll amüsieren.

Krischan Koch

Krischan Koch lebt dicht am Wasser in Hamburg, wo er als Filmkritiker für den NDR arbeitet, und auf der Nordseeinsel Amrum, wo er die verrückt-bösen Kabarettprogramme für den „Hamburger Spottverein“ erfindet. Dort schreibt er, mit Blick auf die See, auch seine Kriminalromane.

Buchinfo: Rote Grütze mit Schuss von Krischan Koch, erschienen bei dtv, Mai 2013, 272 Seiten, € 9,95, ISBN 978-3-423-21433-9