Aus aktuellem Anlass: Mordsgouda!

Aus aktuellem Anlass krame ich eine alte Rezension wieder aus der Kiste, die ich vor fast genau zwei Jahren veröffentlicht habe. Damals noch in völliger Unkenntnis der holländischen Besonderheiten.

Geschäftliche Gründe haben mich Anfang Oktober nach Bloemendaal geführt. Bloemendaal liegt in der Nähe von Amsterdam und ist auf den ersten Blick – wenn man mit der Bahn ankommt – ein architektonisch sehr schönes, leider aber auch völlig verschlafenes Kaff. So man denn ankommt. Denn auch wenn Bloemendaal nicht weit von Amsterdam entfernt liegt, ganz so einfach ist es nicht, dahin zu kommen. Zumindest nicht abends zwischen sieben und acht, wenn die Züge beim Flughafen schon brechend voll sind.

„Is this your husband?“ – Nein, aber das sage ich ihm nicht!

Da kann es einem passieren, dass der Schaffner direkt neben einem steht und einem eiskalt die Tür direkt vor der Nase zu macht. Blöd halt, wenn der Chef schon drin ist und ich noch draußen. Wie praktisch, wenn man in dem Fall schlagfertig ist und die Frage des Schaffners, ob das mein Mann sei, der da drin winkt, flugs mit JA! beantwortet. Und siehe da, der Schaffner hat Sinn für Romantik und mich über seine Führerkabine in den proppenvollen Wagen gemogelt. Festhalten konnte ich mich zwar nirgends, umfallen aber auch nicht. War kuschelig. Zum Glück hatte niemand Knoblauch gegessen!

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In Bloemendaal dann eine schicke Altbauvilla im Grünen nach der nächsten. Und was soll ich sagen?! Die haben wirklich keine Vorhänge vor den Fenstern. Alles hell erleuchtet, geschmackvolles Interieur und weit und breit niemand zu sehen. Ich vermute ja, dass die irgendwo ganz im Innern der Häuser fensterlose Räume haben, in denen sie sich so richtig ausleben. Für mich wäre das nichts, so durchgehend geöffnet. Wenn man da mal richtig rumgammeln will…

Aber zurück zur Rezension. Das habe ich „damals“ geschrieben:

Warum hassen Holländer Gardinen? Schmecken Bitterballen wirklich bitter? Und warum muss im Oranje-Land alles lekker, leuk und makkelijk sein? Diese Fragen und viele mehr über unsere holländischen Nachbarn beantwortet Annette Birschel in “Mordsgouda”. Aber Vorsicht, nicht alles ist bierernst gemeint.

Auf Frittiertes fahren sie voll ab. Ihre Tulpenzüchtungen sind unübertroffen schön und ihre Tomaten unübertroffen wässrig. Und Urlaub ohne Wohnwagen kommt nicht in die Tüte. Das weiß doch jeder, oder etwa nicht? Doch nicht alle Fragen sind so einfach zu beantworten. Da bedarf es schon eines tieferen Einblicks in das Wesen unserer sympathischen Nachbarn im Westen.

Das Land hinter den Deichen hat seine besonderen Tücken

Annette Birschel liefert diesen Einblick. Seit über zehn Jahren lebt die deutsche Autorin und Journalistin im Land der Kaufleute und Pfarrer. Sie hat gelernt: Das Land hinter den Deichen hat seine ganz besonderen Tücken. Bei Geburtstagsfeiern sollte jeder Gast nur ein Stück Kuchen essen und der holländische Nikolaus, der Sinterklaas, landet schon Mitte November in den Niederlanden.

Die Niederländer sind anders, als wir Deutschen denken. Gleichzeitig sind sie uns aber auch ähnlicher, als wir denken. Annette Birschel muss es wissen. Für sie war ihr Umzug nach Holland Liebe auf den zweiten Blick.

Mordsgouda ist ein amüsanter Ausflug in die Geschichte der Oranjes, der trotz der gehörigen Portion Humor viel Wissenswertes vermittelt. So macht “Erdkunde” richtig Spaß.

Mordsgouda ist ein schönes Weihnachtsgeschenk für alle Hollandfans.

Autorenporträt

Annette Birschel, geboren 1960, aufgewachsen in Bremen, arbeitet seit vierzehn Jahren in den Niederlanden als freie Korrespondentin für deutsche Medien, u.a. für den WDR Hörfunk. Sie lebt in Amsterdam.
Buchinfo: Mordsgouda von Annette Birschel, erschienen bei Ullstein, Juli 2011, 256 Seiten, € 8,99, ISBN 978-3-548-28201-5

Ok, das mit den Vorhängen kann ich aus persönlicher Erfahrung abhaken.

Kommen wir zum Frittierten. Das kann ich auch abhaken, aber dafür hatte ich in Haarlem auch die besten Fritten seit langer Zeit zu meinem perfekt gebratenen Entrecôte. Und das in einer alten Kirche mitten in Haarlem mit der besten Bierauswahl überhaupt. Sehr groß und sehr voll aber auch sehr lecker.

Lekker Erdbeeren und unkomplizierte Menschen

Weiter geht es mit den Tomaten. Sofern es noch wässrige aus Holland gibt, verfrachten sie die wohl auf direktem Weg nach Deutschland. Denn die Tomaten, die ich in Bloemendaal gegessen habe, waren lekker! Und noch besser waren – Anfang Oktober! – die frischen Erdbeeren. Die besten, die ich dieses Jahr gegessen habe. Und das waren einige, schließlich gibt es zig Erdbeerfelder um mich herum.

Besonders positiv und in Mordgouda tot geschwiegen: Die unkomplizierte hilfsbereite Art der Menschen, denen ich begegnet bin. Eine wirkliche Empfehlung für die Holländer und ein Grund, mal wieder hinzufahren. Ehe der Meeresspiegel noch weiter steigt.

Veröffentlicht von

Ulrike

Ich verstehe analoge Bedenken und kann digitalen Mut machen. Und ich übersetze zwischen beiden Welten. In Unternehmen, bei MitarbeiterInnen, im Dienstleistungsumfeld, im Privatleben, auf meinen Blogs. Das ist meine Leidenschaft.

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