Der Schneekristallforscher – Eine traumhafte Erzählung von Titus Müller

Wilson Bentley sammelt Schneeflocken. Für ihn sind sie Wunder von atemberaubender Schönheit. Manche halten ihn deswegen für einen Spinner. Doch für Mina, die ihn und seine Arbeit mehr und mehr bewundert, wird er zu einem Reiseführer in eine andere Welt.

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Cover: adeo Verlag

Jericho in den Green Mountains im Jahr 1887. Drei Mühlräder, ein Laden für Stiefel und Schuhe, ein winziges Postamt, eine Schreinerei, einfache hölzerne Wohnhäuser, ein paar Bauernhöfe. Das ist die Welt des Wilson Bentley. Wenig verwunderlich also, dass die Dörfler den jungen Mann mit seinem obskuren Hobby für einen Spinner halten. Denn Wilsons Leidenschaft gilt den Schneekristallen.

Wenn im November die erste Schneeflocken fallen, wird die Arbeit auf dem elterlichen Hof für ihn zu lästigen Pflicht. Viel lieber würde er den ganzen Tag mit seinem extra angefertigten Brettchen und seiner Feder jede einzelne Flocke unter die Lupe nehmen, die schönsten Kristalle daraus isolieren und für die Ewigkeit festhalten.

Mit einem selbstgebauten Apparat aus Mikroskop und Fotokamera gelingen ihm Aufnahmen von atemberaubender Schönheit, die je nach Temperatur und Luftfeuchtigkeit ganz unterschiedlich aussehen. Akribisch notiert er zu jedem Kristall die zugehörigen Details. Wann hat er ihn gefunden, wie waren die Wetterbedingungen, alles wird festgehalten.

Das Zusammentreffen mit der New Yorkerin Mina Seeley stellt die Weichen des jungen Farmers neu. Nach anfänglicher Ablehnung lässt sich die junge Lehrerin auf Wilsons Leidenschaft ein. Fasziniert lässt sie sich sowohl von den filigranen Gebilden als auch von deren Fotografen in den Bann ziehen. Sie bestärkt Bentley darin, die Fotografien verschieden Verlagen anzubieten. Ein Rat, der letztendlich von Erfolg gekrönt ist. Wilson Bentley, der einfache Farmerjunge, publiziert seine Forschungen und stößt auf großes akademisches Interesse.

Glück ist, wenn man seine Leidenschaft leben kann
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Wilson Bentley bei der Arbeit (Quelle: Wikipedia)

Obwohl es sich bei “Der Schneekristallforscher” um die Geschichte eines jungen Mannes aus dem späten 19. Jahrhundert handelt, ist sie doch aktueller denn je. Denn das Festhalten von Wilson Bentley an seinem Traum vom perfekten Schneekristall entspricht ein Stück weit dem, was derzeit in unserer Gesellschaft passiert. Die “Generation Opt-Out” (damit ist keine Alterskohorte gemeint, sondern die Summe der Menschen, die sich dem tradierten Bild von Familie, Beruf und Karriere entziehen) verweigert sich zunehmend den vorgezeichneten Wegen. Sie will nicht nur arbeiten, um etwas zu tun und sich finanzieren zu können. Sie will sich dabei wohlfühlen und sich einbringen können, unabhängig davon, ob die Umgebung diese Pläne gut heißt oder nicht.

Eine Erzählung, leicht wie eine Schneeflocke

Neben dieser Aktualität hat mich der Erzählstil von Titus Müller von der ersten Seite an eingefangen. Still und leise hat er Satz für Satz mein Herz erobert – so wie man sich den ersten Schneeflocken im Winter nicht entziehen kann und gebannt aus dem Fenster schaut. Die Leichtigkeit, mit der Titus Müller die Geschichte von Wilson Bentley erzählt, lädt ein, sich einfach fallen zu lassen und zu genießen.

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Schneeflockenaufnahmen von Bentley, 1902 (Quelle: Wikipedia)
Und wäre da die Liebe nicht

Und dann ist da noch die zarte Liebesgeschichte zwischen Wilson und Mina. Auch sie ist untypisch für ihre Zeit, weil Mina weder den sicheren Versorger sucht, sondern Wilson rät, seinen Träumen zu folgen. Noch kann sich Wilson vorstellen, Mina auf die Hausarbeit zu beschränken, sollte sie sich für ihn entscheiden. Entgegen der Gepflogenheiten ihrer Zeit würde er sie unterstützen, auch nach der Hochzeit als Lehrerin ihr Wissen weiterzugeben. Ob sich Wilson und Mina letztendlich gefunden haben, bleibt jedoch ein Geheimnis.

Ein Buch zum Dahinschmelzen!

Liebevoll, verzaubernd, still, intensiv, dabei fortschrittlich und der Zeit voraus, es gibt so viele Attribute, die ich diesem Buch zuordnen könnte. “Der Schneekristallforscher” ist eine Empfehlung, für die ich sehr dankbar bin. Es sind oft die kleinen Dinge, die einem die Weite der Welt eröffnen. Also: Kaufen, lesen, träumen!

Titus Müller

In Berlin studierte er Literatur, Mittelalterliche Geschichte, Publizistik und Kommunikationswissenschaften. Mit 21 Jahren gründete Titus Müller die Literaturzeitschrift „Federwelt“. Seine Ratgeber und historischen Romane (zuletzt erschien „Tanz unter Sternen“, Blessing) begeistern viele Leser. Titus Müller wurde mit dem „C. S. Lewis-Preis“ und dem „Sir Walter Scott-Preis“ ausgezeichnet.

Buchinfo: “Der Schneekristallforscher” von Titus Müller, erschienen bei adeo, September 2013, 160 Seiten, gebunden in wunderschön geprägtem Samt, € 9,99. ISBN 978-3-942208-07-9

Veröffentlicht von

Ulrike

Ich verstehe analoge Bedenken und kann digitalen Mut machen. Und ich übersetze zwischen beiden Welten. In Unternehmen, bei MitarbeiterInnen, im Dienstleistungsumfeld, im Privatleben, auf meinen Blogs. Das ist meine Leidenschaft.

2 Gedanken zu „Der Schneekristallforscher – Eine traumhafte Erzählung von Titus Müller“

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