Marcus Fischer: Die Rotte

Ein kleiner Weiler im Voralpenland. Jede und jeder schaut nach dem anderen. Nicht immer wohlwollend. Oft auch überwachend und bevormundend. Vor allem auf dem Hof von Elfis Eltern. Seit der Vater weg ist, wollen die Bauern der Umgebung bestimmen, was damit passiert.

Anfang der 70er Jahre im Voralpenland. Die Rotte Ferchkogel am See besteht nur aus ein paar versprengten Höfen. Einer davon ist der Reisingerhof von Hannes, Lisbeth und ihre Tochter Elfi. Der Hof gehört eindeutig zu den ärmlicheren der Rotte, was unter anderem daran liegt, dass Vater Hannes seit vielen Jahren depressiv ist. Immer öfter zieht er sich ganz in sich zurück und verbringt sogar Tage und Wochen in ihrem Bootshaus am Ferchkogelsee oder in einer Hütte irgendwo im Wald. Elfi und ihre Mutter schaffen es kaum noch, die Tiere und die Ernteflächen zu versorgen. Ganz zu schweigen von dem Hof selbst. Während die Nachbarn mehr und mehr modernisieren, richtige Bäder und sogar Ferienwohnungen auf den Höfen einrichten, verfallen die Gebäude auf dem Reisingerhof zusehends.

Als der Vater im Winter plötzlich spurlos verschwindet, stehen Elfi und ihre Mutter vor einem Scherbenhaufen. Wie sollen sie alleine alles am Laufen halten? Und wie sollen sie sich gegen die gierigen Nachbarn wehren, die sich zu gerne ihre Äcker und Wiesen unter den Nagel reißen würden. Besonders heiß umkämpft ist das Seegrundstück der Reisingers. Angeblich hat der Vater es am Abend vor seinem Verschwinden per Handschlag dem Firnbichlerbauern verkauft. Doch Elfi kann und will das nicht glauben. Ihr Vater hing so an dem Grundstück. Nie hätte er es freiwillig verkauft. Mit aller Kraft wehrt sie sich gegen alle Angebote. Zu Recht, wie sich bald herausstellt.

Wie früher daheim auf dem Dorf

Gleich die ersten Seiten haben mich emotional zurück in das Dorf katapultiert, in dem ich aufgewachsen bin. Klar, gab es da nicht mehr das Plumpsklo über dem Hof. Und der Ort hatte auch rund 2.000 Einwohner:innen und nicht nur 5 Bauernhöfe. Aber jede/r hatte jede/n im Auge. Jede/r hat über jede/n gelästert, sich eingemischt. Entscheidungen wurden dadurch beeinflusst, was “die Leute” dazu sagen würden. Gruselig!

Bei Elfi kommt noch hinzu, dass die Bewohner der Rotte deutlich rückständiger waren, als es in meinem Dorf der Fall war. Und dass Frauen auch deutlich weniger Rechte zugestanden wurden, als ich das erlebt habe. Trotzdem konnte ich ihre Verzweiflung und ihre Mutlosigkeit irgendwie gut nachvollziehen. Marcus Fischers Schreibstil hat Elfis Gefühle regelrecht greifbar und das Buch für mich damit zu einem vollen Erfolg gemacht hat. Ich gebe zu, dass ich damit nach den ersten Seiten nicht gerechnet hätte.

Wieder einmal ist es ein ganz leises Buch, das sich in mein Herz geschlichen hat. Danke dafür!

Markus Fischer

1965 in Wien geboren, lebt als selbstständiger Texter und Autor in Wien. Er studierte Germanistik in Berlin und arbeitete einige Jahre als Lehrer für Deutsch als Fremdsprache, außerdem als Texter in Berlin und Wien. 2015 gewann er mit “Wild-Campen” den FM4-Kurzgeschichtenwettbewerb.

Buchinfo: Die Rotte von Marcus Fischer, erschienen bei Leykam, 05.September 2022, 304 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, € 23,50, ISBN 978-3-7011-8251-0. Danke für das Leseexemplar.

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