Felicitas Fuchs: Hanne – Die Leute gucken schon

Minden 1951: Der Wiederaufbau hat begonnen und auch Hannas Mutter Minna schöpft wieder Hoffnung. Doch bei der kleinen Hanna haben die harten Jahre ihre Spuren hinterlassen. Das Mädchen ist hart zu sich selbst. Und zu anderen.

Hanne Die Leute gucken schon von Felicitas Fuchs

Der Krieg ist vorbei. Auch in Minden kehrt nach und nach wieder so etwas wie Normalität ein. Sicher fehlt es noch an vielem, aber die Menschen haben wieder einen Funken Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Auch Minna arbeitet wieder als Schneiderin, um Hanna, ihre kleine Tochter, und sich selbst über die Runden zu bringen.

Wie so viele Kinder, die gegen Kriegsende geboren wurden, ist auch Hanna ein sehr unauffälliges, zurückhaltendes Kind. Stets bemüht, ihrer Mutter keine unnötige Arbeit zu machen. So sehr, dass es Minna selbst schon unheimlich ist.

Sanatorium statt Rock’n’Roll

Als Hanna an Tuberkulose erkrankt, gerät die Welt der kleinen Familie erneut aus den Fugen. Immer wieder muss das Mädchen für Wochen oder gar Monate ins Sanatorium. Während ihre Altersgenossinnen erste Erfahrungen mit Rock’n’Roll, Petticoat und Lippenstift machen, versucht Hanna irgendwie ihre Ausbildung abzuschließen. Für Romanzen bleibt keine Zeit.

Entsprechend unbedarft ist sie, als sie den deutlich älteren Paul Wagner kennenlernt. Seine charmante, fürsorgliche Art beeindruckt sie. Er scheint für das zu stehen, was ihr bislang in ihrem Leben gefehlt hat: Sicherheit. In jeder Hinsicht. Hals über Kopf lässt sie sich auf ihn ein. Mit verhängnisvollen Konsequenzen.

Die emotionale Hypothek bleibt

Nach Minna – Kopf hoch, Schultern zurück, Band eins der Trilogie von Felicitas Fuchs, habe ich mich sehr auf Hanne – Die Leute gucken schon gefreut. Tatsächlich war auch Band zwei wieder eine sehr gut gelungene Mischung aus Fiktion, eigener Lebensgeschichte der Autorin und historischen Recherchen zur Zeit. Und “ganz nebenbei” ein wirklich kurzweiliger Roman.

Was mich immer wieder berührt hat, war die Härte Hannas im Umgang mit ihren Kindern und mit sich selbst. Die bedingungslose Forderung nach Gehorsam. Nur nicht auffallen. Bei den Nachbarn gut da stehen.

Ich weiß, dass das die Konsequenzen einer Kindheit in der Nachkriegszeit sind. Wo man funktionieren musste, damit die kleine heile Welt, die man sich mühsam zu bewahren versuchte, nicht zusammenbrach. Und auch die Folge der vielen nicht ausgesprochenen Worte, weil man das Vergangene verdrängen und begraben wollte.

Zu diesem Thema, der Hypothek für die Nachkriegsgenerationen, gibt es viele Bücher. Erben des Holocaust von Andrea von Treuenfeld ist eines davon. Es ist erschreckend, wie ähnlich die Erlebnisse und die Konsequenzen für das eigene Leben sind.

Deshalb habe ich mir zwischendurch immer mal wieder schwer mit Hanne getan. Das tut meiner Neugier auf Band drei, Romy – Mädchen, die Pfeifen aber keinen Abbruch.

Übrigens, Minna – Kopf hoch, Schultern zurück, Band eins der Trilogie, muss man nicht gelesen haben um Band zwei genießen zu können. Auch wenn der ein oder andere Rückblick dadurch natürlich verständlicher wird.

Felicitas Fuchs

Felicitas Fuchs ist das Pseudonym der Erfolgsautorin Carla Berling, die sich mit Krimis, Komödien und temperamentvollen Lesungen ein großes Publikum erobert hat. Schon bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete, war sie als Reporterin und Pressefotografin immer sehr nah an den Menschen und ihren Schicksalen. In ihrer dramatischen Familiengeschichte verarbeitet sie autobiografische Elemente zu einer packenden Trilogie über drei starke Frauen.

Buchinfo: Hanne – Die Leute gucken schon von Felicitas Fuchs, erschienen bei Heyne, 18. Januar 2023, 608 Seiten, Klappenbroschur, € 15,00, ISBN: 978-3-453-42620-7. Danke für das Leseexemplar.


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