Glück für Wiedereinsteiger – der amüsante „Beziehungsratgeber“ von Carla Berling

Thea und Ronny planen ihren 40. Hochzeitstag. Und stellen dabei fest: Vieles ist einfach nur noch Gewohnheit und unendlich reizlos. Sie beschließen, die Feier zu nutzen, Familie und Freunde vor vollendete Tatsachen zu stellen.

Auch nach 40 gemeinsamen Jahren findet Theo Ronny immer noch attraktiv. Aber noch viel wichtiger: Ihr Privatleben verläuft harmonisch und respektvoll. Manche Dinge unternehmen sie gemeinsam, bei anderen hat jede/r seine eigenen Vorlieben entwickelt und setzt sie – in paarverträglichem Rahmen – auch um.

Aber was ist mit Leidenschaft? Mit Spannung? Mit Intimität? Alles, was wegen der drei Kinder so lange hinten anstehen musste. Jetzt wäre dafür Zeit. Theoretisch. Praktisch muss aufgeräumt, geputzt, der Garten versorgt werden. Überhaupt nimmt das große, fast leere Haus viel zu viel Zeit in Anspruch.

Thea und Ronny, beschließen, dass sich etwas ändern muss. Dass jede/r ein Recht darauf hat, seine Träume zu verwirklichen. Und die haben nun mal nichts gemeinsam. Während Ronny das Großstadtflair liebt, von Paris und den malerischen Gassen und Cafés träumt, sehnt sich Thea nach Weite. Nach Natur und Ruhe und Wind. Ihr geheimer Traum seit Jahren: Ein Jahr lang durch Neuseeland reisen, sich einfach treiben lassen. Mit Rucksack und ohne festen Plan.

Auf immer und ewig – auch wenn die Träume dabei sterben?

Schnell wird klar, dass beide Träume zu unterschiedlich sind, um sie gemeinsam zu verwirklichen. Bei einem Glas Wein beschließen sie – ganz unemotional und in tiefer Verbundenheit – sich zu trennen. Denn schließlich hat jede/r von ihnen – wenn alles gut geht – noch mindestens 20 bis 25 Jahre vor sich. Zu lange, um zufrieden nebeneinander her zu leben.

Kurzerhand wird die bereits geplante Party zum 40. Hochzeitstag in eine Outing-Party umgewidmet. Doch oh Wunder, Familie und Freunde reagieren ganz anders als erwartet. Anstatt sich mit Thea und Ronny über ihre erwachsene Entscheidung zu freuen, sind sie überwiegend entsetzt und ungehalten.

Glück für Wiedereinsteiger eröffnet neue Blickwinkel

Glück für Wiedereinsteiger von Carla Berlin habe ich primär als amüsante Unterhaltung bestellt. Gegeben hat es mir deutlich mehr, nämlich einen neuen Blickwinkel auf Beziehung und Liebe.

Ja, die Lebenserwartung ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Und gleichzeitig auch die durchschnittliche Fitness im Alter. Wenn ich mir überlege, dass meine Großmutter mit 65 Jahren eine alte, müde gearbeitete Frau, die in ihrer schmalen Freizeit wenig mit sich anzufangen wusste. Die es sogar geradezu verpönt fand, dass man überhaupt sowas wie Freizeit heben und genießen will.

Heute kommt zur steigenden Lebenserwartung auch noch eine Fülle an Möglichkeiten dazu, die man in der Zeit abseits der Arbeitswelt ergreifen, sich erarbeiten, kennenlernen kann. So viele, dass es eigentlich normal ist, wenn ein Paar, das sehr lange zusammenlebt, unterschiedliche Schwerpunkte setzt. Erst recht, wenn man in den 20, 30 oder 40 gemeinsamen Jahren eine möglichst gleichberechtigte Beziehung geführt hat.

Falsch verstandene Rücksichtnahme

Aus Rücksichtnahme auf den Partner beziehungsweise die Partnerin verschweigt man, dass man eigentlich gerne ganz anders leben möchte, als man es aktuell tut. Denn EIGENTLICH ist ja alles völlig harmonisch. Aber soll man so wirklich noch 20 oder 25 Jahre weitermachen? Oder werden beide nicht glücklicher, wenn sie jeweils eigene Wege gehen. Ohne Streit. Ohne Rosenkrieg. Und vielleicht ja auch nur für eine befristete Zeit. Auf Distanz glücklich zu sein, lässt möglicherweise die Erinnerung an die Anfangszeiten der Beziehung wieder wach werden und wer weiß, was sich daraus entwickelt.

Spannend war auch die Reaktion von Theas und Ronnys Töchtern auf die Eröffnung der neuen Lebensplanung. Obwohl alle drei längst nicht mehr daheim wohnen und sich selbst jede Einmischung in ihre privaten Angelegenheiten verbitten, sind sie aufgebracht. Die Eltern wollen tatsächlich das Haus, in dem sie aufgewachsen sind, an fremde Menschen vermieten! Und die Enkel:innen wollen sie auch nicht mehr von der Schule abholen oder zum Sport bringen. Wie soll das bitte funktionieren?!

Ich finde, Glück für Wiedereinsteiger von Carla Berling ist ein Lehrstück für alle in Ehren ergrauten Paare, die vor dem “Rentenloch” stehen und sich fragen: Was mache ich jetzt mit meiner Zeit? Ein Buch, das Mut macht, ganz “egoistisch” gemeinsam eigene Weg zu gehen, weil man einfach niemandem Rechenschaft schuldet.

Ein tolles Buch, harmlos verpackt. 😉

Carla Berling

Carla Berling, unverbesserliche Ostwestfälin mit rheinländischem Temperament, lebt in Köln, ist verheiratet und hat zwei Söhne. Mit der Krimi-Reihe um Ira Wittekind landete sie auf Anhieb einen Erfolg als Selfpublisherin. Mit »Der Alte muss weg« wechselte sie sehr erfolgreich in die humorvolle Unterhaltung. Unter dem Pseudonym Felicitas Fuchs schreibt sie darüber hinaus historische Familiengeschichten. Bevor sie Bücher schrieb, arbeitete Carla Berling jahrelang als Lokalreporterin und Pressefotografin. Sie tourt außerdem regelmäßig mit ihren Romanen durch große und kleine Städte.

Buchinfo: Glück für Wiedereinsteiger von Carla Berling, erschienen bei Heyne, 15. Mai 2024, 288 Seiten, € 13,00, ISBN: 978-3-453-42905-5. Danke für das Leseexemplar.


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