Gersdorff/Sturm: Stoppt Ableismus – Diskriminierung erkennen und abbauen

Ableismus bezeichnet die Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen. Behinderte Menschen erleben Ableismus ganz unterschiedlich. Entweder werden sie entweder für ihr “schlimmes Schicksal” bemitleidet oder bewundert, weil sie “trotz” ihrer Behinderung ganz alltägliche Dinge selbst erledigen. Beides ist gleichermaßen überflüssig.

Auflösen können wir das, indem wir miteinander reden. Sowohl über die Unsicherheiten, wie wir uns Menschen mit den unterschiedlichsten Behinderungen gegenüber am besten verhalten, als auch über die Diskriminierung, die Menschen mit Behinderungen fast täglich erfahren. Denn viele Menschen verhalten sich ableistisch, ohne es überhaupt zu merken. Das hat unterschiedliche Gründe.

  • Unsicherheit: Viele Menschen sind unsicher im Umgang mit offensichtlich behinderten Menschen. Sie wissen nicht, welchen Umfang die Einschränkungen genau haben. Begleitet eine persönliche Assistenz, wenden sie sich unter Umständen eher an diese, weil sie sich dabei sicherer fühlen. Dass sie damit den Menschen mit Behinderung vor den Kopf stoßen, ist ihnen vielleicht nicht klar.
  • Unwissenheit: Nicht jede Behinderung ist auf den ersten Blick sichtbar. Viele chronische Erkrankungen schränken je nach Tagesform mehr oder weniger stark ein. Für Außenstehende ist das schwer einzuschätzen.
  • Ignoranz: Es gibt Menschen, die sich nicht vorstellen können oder wollen, dass nicht alle Menschen so sind, wie sie selbst. Oft sind das die Gleichen, die argumentieren, dass sie die Verwendung bestimmter Begriffe ja nicht böse meinen und dass sie jemanden kennen, der sich davon nicht diskriminiert fühlt.

Die dritte Kategorie möchte ich hier ausklammern. Das sind Menschen, die – aus welchen Gründen auch immer – große Probleme mit Veränderung und Anderssein haben. Eigentlich können sie einem leid tun, denn sie werden es in den nächsten Jahren zunehmend schwer haben. Die Veränderungen passieren – ob sie es wollen oder nicht.

Den anderen empfehle ich Stoppt Ableismus von Anne Gersdorff und Karina Sturm. Mir hat das Buch so manchen erhellenden Moment beschert. Zwar ist mir die UN-Menschenrechtskonvention ein Begriff und ich sehe aus beruflichen Gründen die Veränderungen. Ich sehe aber auch, was noch alles zu tun ist. Und das ist sehr sehr viel.

Lasst uns miteinander reden!

Vieles davon ist Bundes- oder Länderebene zu regeln. Vieles können wir aber auch selbst angehen. Indem wir miteinander reden, offen sind für andere Lebensweisen und Notwendigkeiten im Alltag.

Lasst uns – statt zu bedauern, dass eine Person an etwas nicht teilnehmen kann – lieber überlegen, was wir tun können, DASS sie teilnehmen kann. Lasst uns weitergeben, was wir im Austausch gelernt haben. Lasst uns mit offenen Augen durch die Welt gehen und helfen, wenn es notwendig ist und uns zurückhalten, wenn es nicht nötig ist.

Stoppt Ableismus von Anne Gersdorff und Karina Sturm macht uns das wesentlich leichter. Ohne erhobenen Zeigefinger dafür in klarer Sprache sagen die Autorinnen – Anne Gersdorff nutzt einen Rollstuhl, Karina Sturm ist chronisch krank – was ihnen den Alltag vergällt. Aber sie geben uns mit ihrem Buch auch so viele Hilfen an die Hand, wie wir uns der Alltagsprobleme von Menschen mit Behinderungen bewusst werden können.

Danke für das wertvolle Buch!

Ablewas?

Übrigens, ehe ich dieses Buch gelesen habe, habe ich Ableismus immer falsch ausgesprochen – nämlich Ab-Lei-Ismus – und konnte mir den Begriff auch erstaunlich schwer merken. Jetzt weiß ich, dass es Ey-bel-Ismus heißt, vom englischen “able”, also fähig.

Anne Gersdorff

Anne Gersdorff ist studierte Sozialarbeiterin und Referentin für die Sozialheld*innen. Darüber hinaus gibt sie freiberuflich diskriminierungssensible Workshops zum Thema Inklusion und Behinderung und engagiert sich in der Behindertenbewegung u. a. bei AbilityWatch. Sie selbst sitzt im Rollstuhl und erlebt in ihrem beruflichen und privaten Alltag immer wieder Diskriminierungen.

Karina Sturm

Karina Sturm ist Journalistin, die ihr Fachwissen mit ihren persönlichen Erfahrungen im Bereich chronische Krankheit und Behinderung kombiniert. Sie schreibt für nationale und internationale Publikationen, darunter z. B. «Die Neue Norm» und das «ABILITY Magazine», über alle Themen rund um chronische Krankheit und Behinderung.

Buchinfo: Stoppt Ableismus von Anke Gersdorff und Karina Sturm, erschienen bei Rowohlt, 30.01.2024, 288 Seiten, Taschenbuch, € 15,00, ISBN: 978-3-499-01187-0. Danke für das Leseexemplar.


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