Nach dem plötzlichen Tod seiner kleinen Tochter gerät Evans Ehe ins Wanken. Um seiner Frau Lorna und sich selbst Zeit zur Bearbeitung zu geben, mietet sich Evan in einem Ferienhaus an der irischen Küste ein. Dann kommt Corona.

Grace lebt alleine und zurückgezogen in Ballybrady an der irischen Küste. Ihr Leben finanziert sie durch die Vermietung eines kleinen Ferienhauses, durch Quilten und Fischen. Im Dorf gilt Grace als seltsam und etwas verrückt. Dennoch begegnet man ihr mit Respekt. Möglicherweise wegen ihrer klaren Ansagen. Denn einschüchtern lässt sich die große, drahtige Frau mit ihrem zotteligen Hund nicht so schnell.
Als Evan – der unfähige Stadtmensch – in ihr Ferienhaus einzieht, verändert sich Graces Leben stärker, als ihr das Recht ist. Traut er sich doch tatsächlich mit dem Kanu, das im Schuppen liegt, aufs Meer. Tatsächlich sieht es auf den ersten Blick aus, als hätte er alles im Griff. Ganz offensichtlich ist er nicht zum ersten Mal mit einem Kanu unterwegs, denkt sich Grace, die ihm von den Klippen vor ihrem Cottage zusieht. Aber er kennt die Strömungen vor der Küste nicht. Er kann unmöglich so weit rauspaddeln.
Wollte Evan die Kontrolle verlieren?
Und tatsächlich scheint Evan die Kontrolle über das kleine Boot verloren zu haben. Ohne zu zögern läuft Grace zum Strand, entledigt sich ihrer Kleidung und stürzt sich in die See. Sie ist eine erfahrene Schwimmerin, egal wie kalt das Wasser ist. Und niemand kennt die Strömungen vor der Küste so gut wie sie. In letzter Minute kann sie Evan retten. Hat er wirklich die Kontrolle verloren oder wollte er sie verlieren?
Als wegen Corona Ausgangssperren verhängt und Reisen verboten werden, bietet Grace Evan an, so lange wie nötig im Ferienhaus zu bleiben. Evan nimmt das Angebot an. Er kann und will noch nicht wieder zurück in seine Firma. Und Lorna und er brauchen definitiv noch Zeit. Außerdem ist Lornas Arbeit “systemrelevant”. Als auch die Schulen schließen, bringt sie Luca, den gemeinsamen Sohn, zu Evan. Er soll sich kümmern. Was Evan anfangs als puren Stress empfindet – Luca ist taub und schnell aufbrausend – entwickelt sich nach und nach zu einem tiefen, herzlichen Vater-Sohn-Verhältnis. Nicht zuletzt durch die Hilfe von Grace.
Ein stilles und so schönes Buch
Ich habe Mitternachtsschwimmer von Roisin Maguire so genossen. Das unaufgeregte Buch, das ich aber atmosphärisch so unglaublich dicht empfunden habe, hat mich still und heimlich in seinen Bann gezogen. Erst jetzt beim Rezensieren wird mir klar, wie viele Schauplätze es verbindet. Wie viele spannende, amüsante, starke Charaktere Roison Maguire aus dem Hut gezaubert hat. Ein Genuss in meiner aktuell sehr schnellen und fordernden Zeit.
Ich freue mich immer wieder, wenn auf ein solches Buch aufmerksam gemacht werde.
Vielleicht zieht es dich ja auch in seinen Bann?!
Roisin Maguire
Roisin Maguire lebt in Nordirland und hat Kreatives Schreiben an der Queen’s University studiert. Sie hat als Türsteherin in einem Nachtclub, als Busfahrerin und Grundschullehrerin gearbeitet und ist begeisterte Sporttaucherin, Anglerin und Ganzjahresschwimmerin.
Übersetzung aus dem Englischen:: Andrea O`Brien übersetzt seit vielen Jahren zeitgenössische Literatur aus den englischen Sprachen und wurde für ihre Arbeit bereits mehrfach ausgezeichnet. Sie lebt und arbeitet in München.
Buchinfo: Mitternachtsschwimmer von Roisin Maguire, erschienen bei DuMont, 15.07.2024, 352 Seiten, gebunden mit Lesebändchen, € 24,00, ISBN 978-3-8321-6829-2. Danke für das Leseexemplar.

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