Dan Schreiber: Waschbären, die im Dunkeln leuchten – Eine Sammlung skurriler Theorien

Wenn jemand obskure Geschichten von leuchtenden Waschbären, Exorzismus bei Ringo Starr oder weichen Steinen erzählt, sind wir alle schnell dabei, zu sagen: Der/die hat doch ein Rad ab. Aber oft sind es gerade Hochintellektuelle, die sich in verqueere Ideen verrennen. Nicht selten zum Beispiel Nobelpreisträger.

(Alternative) “Fakten” haben uns in den letzten Jahren mehr beschäftigt, als uns lieb war. Meist wurden sie ohne jede Grundlage gestreut und wurden von eher unkritischen Menschen nachgeplappert und weitergetragen. Damit hat Waschbären, die im Dunkeln leuchten eindeutig nichts zu tun. Im Gegenteil.

Den Anfang machen tatsächlich potenzielle und tatsächliche Nobelpreisträger und -trägerinnen. Scheinbar gibt es unter ihnen das Phänomen, einerseits hochqualifiziert zu sein, andererseits aber unbelehrbar völlig unmögliche Glaubenssätzen zu vertreten. Einer davon ist Kary Mullis, der Erfinder der Polymerasekettenreaktion (PCR), die heute selbst Lai:innen aus einschlägigen Krimis ein Begriff ist. Mit ihr kann man kleinste Erbgutspuren vermehren und (fast) jeden Verbrecher und jede Verbrecherin dingfest machen. Dafür hätte er eigentlich einen Nobelpreis mehr als verdient. Aber dummerweise glaubte er auch an Geister und daran, dass Menschen mit reiner Willenskraft eine Glühlampe zum Leuchten bringen könnten. Und an so viele andere obskure Dinge, dass sein Arbeitgeber ihn nicht ernst nahm und erst recht keine Werbung mit ihm machen wollte.

Nobelitis – Wenn Nobelpreisträger spinnen

Auch Alfred Nobel litt unter der sogenannten Nobelitis, einem Leiden, das Nobelpreisträger dazu verleitet, sich als Experten für Sachverhalte zu verstehen, von denen sie absolut keine Ahnung haben. Unglücklicherweise haben genau diese Menschen auch keinerlei Hemmungen, diese Ahnungslosigkeit lauthals und bei jeder Gelegenheit zu verkünden. Linus Pauling, ausgezeichnet mit dem Nobelpreis für Chemie und dem Friedensnobelpreis, war zum Beispiel der Meinung, dass Menschen mit genetischen Schäden eine Stirnmarkierung erhalten sollten, damit niemand mit ihnen Kinder zeugt. In meinen Augen hätte man ihm für solch menschenverachtende Äußerungen den Friedensnobelpreis gleich wieder aberkennen sollen.

Luc Montagnier entdeckte gemeinsam mit einem Kollegen das HI-Virus. Nach der Preisverleihung outete er sich als vehementer Impfgegner. Papst Johannes Paul II verschrieb er den Extrakt vermentierter Papaya-Samen gegen dessen Parkinson. Sagen wir es so: Vermutlich hat es zumindest nicht geschadet.

So geht es in Waschbären, die im Dunkeln leuchten, Schlag auf Schlag. Immer wenn ich dachte: Noch schräger geht es jetzt nicht mehr, ging es doch noch schräger. Fazit: Es ist nicht verkehrt, an verrückte Dinge zu glauben. Wer das tut, kann parallel in anderen Dingen einfach genial sein und die Welt wirklich voranbringen.

Ein amüsantes und verblüffendes Buch, mit dem ich aber trotzdem nicht so recht warm wurde.

Dan Schreiber

Dan Schreiber ist Autor, Podcaster und Moderator und hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Präsentieren faszinierender Fakten mit Comedy zu kombinieren. Er ist der Produzent und Co-Moderator des meist gestreamten Podcasts Großbritanniens, “No Such Thing As A Fish”, der über 400 Millionen Mal heruntergeladen wurde. Außerdem ist er Co-Moderator des Podcasts “The Cryptid Factor” und Mitgestalter der mit der Rose d’Or ausgezeichneten BBC Radio 4-Panelshow “The Museum Of Curiosity”. Er lebt in London und hat inzwischen selbst keine Ahnung mehr, woran er glauben soll.

Buchinfo: Waschbären, die im Dunkeln leuchten von Dan Schreiber, erschienen bei Heyne, 11.09.2024, 224 Seiten, Klappenbroschur, € 16,00, ISBN 978-3-453-60685-2.


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