Soko im Einsatz: Der Fall Mirco und andere

Der Fall Mirco war der Fall seines Lebens. Bis zu 70 Mann stark war die Sonderkommission, die Kriminalhauptkommissar Ingo Thiel zur Verfügung stand, um einen der spektakulärsten Fälle der deutschen Kriminalgeschichte zu lösen: Den kaltblütigen Mord an dem zehnjährigen Jungen Mirco.

Fall, Mirco, Soko
Ein Blick hinter die Kulissen der Soko Mirco (Bild: ullsteinbuchverlage.de)

Mit der Schilderung dieses und zweiter weiterer Fälle seiner Karriere will Ingo Thiel Einblick in den wirklichen Alltag einer Sonderkommission gewähren. Wie aufwändig sie in der Realität funktioniert, welche Methoden zum Einsatz kommen und in welch mühevoller Kleinarbeit der Tathergang rekonstruiert wird – von der ersten Spur bis zum Geständnis. Eine Arbeit von Monaten oder gar Jahren und nicht von 45 Minuten, wie uns das Fernsehen vorgaukelt.

Ich war neugierig

Ich gestehe, ich war aus einem ganz bestimmten Grund neugierig auf dieses Buch. Und dieser Grund hatte nichts mit den wahren Kriminalgeschichten zu tun. Vielmehr habe ich schon einige Bücher geschrieben, die Mitarbeiter der Polizei, Kripo, Gerichtsmedizin geschrieben haben. Alle wollten zeigen, wie spannend die Wahrheit ist und wie doof die Fernsehserien. Und bei allen ist es im Großen und Ganzen schief gegangen. Schlechter und langweiliger Schreibstil verdarb mir schnell die Lust am Lesen. Die Selbstbeweihräucherung war für die Story als solche komplett überflüssig und Verwaltungsdetails wurden in einer Breite beklatscht, die arg an meinen Nerven zehrte.

Vielleicht hat Ingo Thiel diese Bücher auch gelesen und sich deshalb gleich einen Profi fürs Schreiben dazu geholt. Auch wenn ich den Stil manchmal etwas kindlich fand – ob das Absicht ist oder nicht, weiß ich nicht – liest sich Soko im Einsatz deutlich besser als die Vorgänger, die ich in den Händen hatte.

Ein Buch zum Mitfühlen

Es war ohne Weiteres möglich, emotionale Reaktionen – etwa das Handy, das durch die Gegend fliegt, als es endlich vorwärts geht – nachzuvollziehen. Auch der Respekt, den die Ermittler vor Mircos Eltern hatten, die wegen ihrer anderen Kinder alle Kraft zusammennehmen mussten, war “spürbar”. Ebenso wie die besondere Belastung, die sich breit macht, wenn die Opfer Kinder sind. Das lässt niemanden kalt.

Sehr interessant war das Spiel mit der Presse. Immer dann, wenn die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit abgeflacht ist – im Fall Mirco wurde immerhin 145 Tage ermittelt – warf man ihr ein neues Bröckchen zu, das sofort verarbeitet wurde. Gewalt gegen Kinder bringt eben garantierte Quote.

Massendatensammlung und Vorratsdatenspeicherung?

Ebenso interessant aber auch erschreckend waren die Aktionen zur Massendatensammlung. Die Vorstellung, dass alle Fahrzeuge auf einer bestimmten Strecke “einfach so” geblitzt werden, damit man anhand der Kennzeichen auswerten kann, wer zu welcher Zeit regelmäßig diesen Weg fährt, ist irgendwie beängstigend. Auch die Auswertung aller Handy-Ortungsdaten innerhalb des Gebietes sorgt bei mir für ein ungutes Gefühl im Bauch. Ich weiß aber auch, dass ich das anders sehen würde, wäre mein Kind plötzlich verschwunden oder würde mir selbst etwas zustoßen. Zum Thema prophylaktische Überwachung und Vorratsdatenspeicherung habe ich mir bislang immer noch keine abschließende Meinung bilden können. Dazu verstehe ich beide Seiten zu gut.

Bei den beiden weiteren Fällen handelt es sich zum einen um einen sogenannten “Cold Case”, also einen Fall, der schon lange Jahre zurück liegt und eher zufällig durch einen neuen Hinweis aufgedeckt wird. Zum anderen um einen Serienmörder, der sein Gewissen bei einem Geistlichen erleichterte. Durch dessen Schweigen kommt es zu weiteren Morden.

Lesenswert

Alles in allem ist “Soko im Einsatz” ein Buch, das ich zügig gelesen habe. Nicht spektakulär aber durchaus spannend. Und in der Kooperation aus dem Leiter der Mordkommission im Kommissariat für Tötungsdelikte und einem professionellen Autor um Längen besser als seine Vorgänger, die ich gelesen habe.

Autorenportrait: Der Kriminalhauptkommissar
Ingo Thiel, 48, ist seit über zwei Jahrzehnten als Kriminalhauptkommissar in der Abteilung 11 für Tötungsdelikte in Mönchengladbach tätig und kann eine Aufklärungsquote von 100% bei Fällen vorweisen, an deren Ermittlung er von Anfang an beteiligt war. Er hat zwei Kinder, ist verheiratet und lebt in der Nähe von Mönchengladbach.

Und sein Autor
Bertram Job, 53, hat die Kriminalfälle von Ingo Thiel aufgeschrieben. Er ist Buchautor und Journalist und hat unter anderem für das SZ-Magazin,Geo und Die ZeitGesellschaftsreportagen verfasst.

 

Buchinfo: Soko im Einsatz von Ingo Thiel und Bertram Job, erschienen bei Ullstein extra, November 2012, 224 Seiten, € 14,99, ISBN 978-3-86493-012-6

 

Veröffentlicht von

Ulrike

Ich verstehe analoge Bedenken und kann digitalen Mut machen. Und ich übersetze zwischen beiden Welten. In Unternehmen, bei MitarbeiterInnen, im Dienstleistungsumfeld, im Privatleben, auf meinen Blogs. Das ist meine Leidenschaft.

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