Frances Greenslade: Der Duft des Regens

In den Weiten der kanadischen Wälder wachsen Maggie und ihre Schwester Jenny frei und glücklich auf. Ihre Eltern sorgen für eine ruhige und behütete Kindheit. Das ändert sich schlagartig, als ihr Vater bei einem Unfall ums Leben kommt. Künftig muss ihre Mutter Geld verdienen, um ihnen ein bescheidenes Leben finanzieren zu können. Als sie die Mädchen – vorübergehend – bei Bekannten unterbringt, ahnen diese noch nicht, dass sie an einer verhängnisvollen Wendung ihres Lebens angekommen sind.

Greenslade, Kanada, Familie, Tragödie
Cover: Insel Verlag

Gemeinsam mit ihrem Vater streift Maggie stundenlang durch die kanadischen Wälder. Er zeigt ihr, wie man Unterstände aus Ästen baut, wie man fischt und Feuer macht. Mit ihrer Mutter und ihrer Schwester sammelt sie Beeren und Pilze. Zur Abkühlung springen sie in kleine Teiche mitten im Wald und sonnen sich anschließend auf den warmen Felsen am Ufer. Abends spielen sie alle gemeinsam Karten und erzählen sich Geschichten.

Ein traumhaftes Leben für ein kleines Mädchen. Eigentlich. Denn als ein Arbeitsunfall den Vater das Leben kostet, bricht die Welt von Maggie und Jenny aus ihren Fugen.

Ihr einsam gelegenes Haus verfällt zusehends, das Geld wird knapp. Um sich und die Kinder über Wasser zu halten, sucht Maggies Mutter mit den Kindern Unterschlupf bei einer Freundin. Alles geht gut, bis es eines Nachts zu einem schlimmen Streit zwischen den Freundinnen kommt. Völlig überstürzt packen sie ihre Sachen und verlassen ihre zuflucht. Das Auto und die eilig hinein geworfenen Kleidungsstücke sind alles, was sie besitzen.

Plötzlich alleine

Zuflucht finden sie in der Stadt bei Bekannten ihres Vaters. Dort lässt die Mutter die Mädchen zurück. Vorübergehend, wie sie sagt. Aus Tagen werden Wochen, aus Wochen Monate. Schließlich bleiben auch die Zahlungen für ihren Unterhalt aus. Maggie beschließt, der Sache auf den Grund zu gehen. Die Suche nach ihrer Mutter wird ein Weg zurück an die Orte ihrer Kindheit.

Ich gebe zu, “Der Duft des Regens” habe ich mit gemischten Gefühlen begonnen. Selbst gekauft hätte ich mir das Buch nach den Klappentexten vermutlich nicht. Und hätte damit einen wirklich schönen, sanften und gleichzeitig lebendigen Roman verpasst. Maggie beschreibt aus ihrer Sicht die traumhafte Kindheit in der kanadischen Wildnis. Eltern, die ihren Kindern viel Raum für eigene Entwicklung und Selbstständigkeit ließen. Eine Erfahrung, die sie dringend brauchen, nachdem der Vater verstorben und die Mutter verschwunden ist. Die Mädchen rücken enger zusammen, wohl wissend, dass sie sich gegenseitig Halt geben müssen, wenn sie ihr Leben im Griff behalten wollen.

Eine Reise durch ein zauberhaftes Wunderland

Während mich Maggie zu Beginn des Buches mitgenommen hat in ihr zauberhaftes Wunderland, wo ich den Duft des Waldes fast riechen konnte, die unvergleichlichen Farben des Kanadischen Herbstes vor Augen hatte, habe ich auf der Suche nach ihrer Mutter ihre Verzweiflung und ihre Angst gespürt. Das Besondere daran: Frances Greenslade erzählt diesen Teil der Geschichte ohne Vorwürfe, ohne Anklage. Sie erzählt ihn so, wie ihn ein junges Mädchen vermutlich wahrnehmen würde. Mit einer Mischung aus Trauer und dem Wunsch, das Verhalten der Mutter und ihr dunkles Geheimnis verstehen zu wollen.

Für mich ist “Der Duft des Regens” ein wunderschönes, sehr gefühlvolles und liebevolles Buch, weit entfernt von der depressiven Grundhaltung, die sonst bei ähnlichen Familientragödien im Vordergrund stehen. Deshalb ein Danke an den Inselverlag, der mir das Leseexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Frances Greenslade

Frances Greenslade, geboren 1961 in Ontario, Kanada, wuchs mit fünf Geschwistern auf der Niagara-Halbinsel auf. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Penticton, British Columbia, wo sie am Okanagan College Englisch lehrt. Der Duft des Regens ist ihr erster Roman.

Buchinfo: Der Duft des Regens von Frances Greenslade, erschienen bei Suhrkamp/Insel, Oktober 2013, 366 Seiten, ISBN: 978-3-458-35955-5, € 9.99

Veröffentlicht von

Ulrike

Ich verstehe analoge Bedenken und kann digitalen Mut machen. Und ich übersetze zwischen beiden Welten. In Unternehmen, bei MitarbeiterInnen, im Dienstleistungsumfeld, im Privatleben, auf meinen Blogs. Das ist meine Leidenschaft.

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