Karosh Taha: Beschreibung einer Krabbenwanderung

Sanaa ist zweiundzwanzig. Sie studiert, hat einen Freund, raucht heimlich. Ein ganz durchschnittliches junges Mädchen in Deutschland also. Wären da nicht ihre Familie und die Altlasten, die sie als Kurden aus dem Irak mitgebracht haben.

RZ_U1_KTaha_Krabbenwanderung.inddSanaa war noch klein, als sie mit ihren kurdischen Eltern vom Irak nach Deutschland kam. Europa war immer der große Traum ihres Vater Nasser und er hat ihn wahr gemacht. Doch was hat sich wirklich für ihn geändert? In Deutschland lebt er in einem Viertel, das fast ausschließlich von Kurden bewohnt wird. Die Männer gehen zur Moschee, ins Café oder die Spielothek.

Währenddessen bleiben die Frauen weitestgehend unter sich. Gemeinsam gehen sie zum Einkaufen, sitzen auf dem Balkon oder im Wohnzimmer, trinken Chai, rauchen und schwelgen in Erinnerungen an die Sonne im Irak. Deutsch lernen sie dabei nicht. Glücklich sind sie aber auch nicht.

Gezwungen in ein Doppelleben

Zwischen allen Stühlen sitzen ihre Kinder. Sie sind in Deutschland angekommen, sprechen die Sprache, möchten mitten drin stehen, nicht nur am Rand. Aber sie tragen die Bürde ihrer Familie, das Stigma der “Fremden”.

So geht es auch Sanaa. Sie studiert, hat einen Freund, hat Sex, raucht heimlich, lebt ihr Leben. Meistens. Denn da gibt es auch die andere Seite. Die Träume, die sie nachts verfolgen. Die Verantwortung für ihre depressive Mutter, die sie nicht abschütteln kann. Die Kontrolle durch die “Tanten” im Haus. Alles zwingt Sanaa in ein Doppelleben.

Die Situation eskaliert, als die “Tanten” Sanaa nach kurdischer Sitte mit einem ihrer Söhne verheiraten wollen.

Lasst die Kinder doch ankommen

Siedlungen wie die, in der Sanaa lebt, gibt es überall auf der Welt, auch in Deutschland. Siedlungen, in denen man sich von der Umgebung komplett abschotten kann. Wenn man das will.

Problematisch wird es, wenn man das nicht will. Vor allem für Mädchen und Frauen. Denn dann werden sie in ein Doppelleben gezwungen. Außerhalb ihrer Siedlung sind sie angekommen, leben das Leben ihrer neuen Heimat. Zumindest versuchen sie es. Ganz abschütteln können sie die Verantwortung für die entwurzelte Familie aber nie.

Das Thema ist mir so oft begegnet. In der Schule, ein Mädchen immer so viel entspannter war, wenn sie bei uns zu Besuch war und so völlig anders, wenn wir bei ihr daheim waren. Im Studium, wenn wir bei Freunden feierten und die Nacht durchmachen wollten. Wieder gab es eine junge Frau von 22 oder 23, die heim musste, weil es sonst Stress mit den Eltern gegeben hätte. Wenn man das Alibi für eine junge Frau war, die gerne etwas mit ihrem Freund, von dem die Eltern natürlich nichts wussten, allein unternehmen wollte.

Können wir den emotionalen Zwiespalt überhaupt nachvollziehen?

Für mich war es damals unverständlich, wieso man seinen Eltern nicht erklären kann, dass man mit Anfang 20 eine Nacht außer Haus schlafen wollte. Dass man als Mädchen von den Eltern oder Brüdern der Freundin völlig anders behandelt wurde als die eigene gleichaltrige Tochter.

Sanaas Geschichte hätte mir damals geholfen, zu verstehen, was da passiert. Karosh Taha hat sie in einer perfekten Mischung aus Frustration und Zärtlichkeit, Empfindsamkeit und Wut erzählt. Sie gestattet ihren Lesern damit einen tiefen Einblick in das Schicksal von Menschen, die zwischen den Welten leben.

Von mir ein klares Daumen hoch!

Karosh Taha

Karosh Taha wurde 1987 in der Kleinstadt Zaxo im Nordirak geboren. Seit 1997 lebt Karosh Taha mit ihrer Familie im Ruhrgebiet und hat an der Universität Duisburg-Essen sowie in Kansas/USA Anglistik und Geschichte auf Lehramt studiert. Für ihre Leistungen und ihr soziales Engagement erhielt sie mehrere Stipendien, darunter das Studienstipendium der Heinrich-Böll-Stiftung. “Beschreibung einer Krabbenwanderung” ist ihr erster Roman.

Buchinfo: Beschreibung einer Krabbenwanderung von Karosh Taha, erschienen bei Dumont, 12.03.2018, 250 Seiten, gebunden mit Lesebändchen, € 22,00, ISBN 978-3-8321-9880-0. Auch als eBook erhältlich. Vielen Dank für das Leseexemplar.

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Veröffentlicht von

Ulrike

Ich verstehe analoge Bedenken und kann digitalen Mut machen. Und ich übersetze zwischen beiden Welten. In Unternehmen, bei MitarbeiterInnen, im Dienstleistungsumfeld, im Privatleben, auf meinen Blogs. Das ist meine Leidenschaft.

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