Anna Basener: Die juten Sitten – Kaiserwetter in der Gosse

Berlin, 1935. Bordellbesitzerin Minna hat ihre geliebte “Ritze” verkauft. Gemeinsam mit dem jungen Stricher Emil und ihrem alten Konkurrenten Gustav ist sie auf dem Weg nach Paris. Auf der Flucht vor den Nazis und auf der Suche nach Hedi, Minnas Tochter.

Die juten SittenKaiserwetter in der Gosse von Anna Basener

Berlin, 1895. Die junge Minna hat ihr Leben so satt. Tagsüber schuftet sie in der Zigarrenfabrik, am Abend versorgt sie den Vater, der ihren Lohn versäuft und den Bruder. Nach dem Tod der Mutter und der Schwester hängt alles an ihr.

Als Minna ungewollt schwanger wird, das Kind zu ihrer Erleichterung aber verliert, beschließt sie, dass ihr Leben sich ändern muss. Doch für jemanden wie sie, die aus der Gosse kommt und sich keine Ausbildung leisten konnte, gibt es wenig Möglichkeiten. Minna entscheidet sich für eine “Karriere” als Hure. Denn Sex kann sie.

Tatsächlich schafft sie auf Anhieb den Sprung in ein angesehenes Hurenhaus, in dem nur Männer der gehobenen Gesellschaft ihrer Leidenschaft frönen. Schnell lernt sie, ihre Freier strategisch auszuwählen. Als ein Herzog das Etablissement besucht, scheut sie keine Mittel, ihn von sich abhängig zu machen und sich so ihre Zukunft zu sichern.

Als er Minna zu einer Orgie in ein Jagdschloss im Grunewald mitnimmt, eskaliert die Situation. Minna lernt die Abgründe der höfischen Gesellschaft kennen. Und sie realisiert, dass der Herzog sie nur mitgenommen hat, um sie vorzuführen und lächerlich zu machen. Sie beschließt, sich zu rächen.

In Berlin geht’s Deftig zur Sache

Anna Basener hat sehr spannend Wirklichkeit und Fiktion vermischt. Die Orgie im Grunewald, auch bekannt als Kotze-Affäre, fand wirklich statt. Dass Minna dort war, ist unwahrscheinlich. Auch die Mulackritze, Minnas kleines Bordell, gab es wirklich. Und die Zukunftsaussichten junger Mädchen und Frauen waren um die Jahrhundertwende definitiv praktisch nicht vorhanden. Wer in den Armenvierteln geboren wurde, starb meist auch dort. Geschunden, ausgebeutet und zu Tode erschöpft.

Minna, die Protagonistin in Anne Baseners Die juten Sitten – Kaiserwetter in der Gosse, geht einen mutigen Weg, diesem Schicksal zu entkommen. Sie wird zur Hure. Zwar macht sie sich damit zur Geächteten in der sogenannten angesehenen Gesellschaft, dafür verdient sie gutes Geld und ist unabhängig. Dass ausgerechnet die hässlichste Situation in ihrem jungen Leben, die Orgie im Grunewald, ihr den Weg in die völlige Unabhängigkeit ebnet, hätte sie sich bei ihrer Entscheidung nie träumen lassen.

Mich hat Minna mit ihrem losen Mundwerk und ihrer direkten Art sofort gepackt und ich werde mir wohl auch Band eins der Die juten Sitten Reihe holen. Bücher über die Situation von Frauen um die Jahrhundertwende und im frühen 20. Jahrhundert lese ich gerne. Sie machen mit bewusst, wie kurz es erst her ist, dass sich die Situation geändert hat. Aber auch, wie viel noch zu tun ist. Allerdings sollten Leserinnen und Leser nicht zu empfindlich sein, was eine derbe Sprache angeht. Minnas Berliner Schnauze ist nichts für zart Besaitete.

Anna Basener

Anna Basener schreibt Bücher und Hörspiele, Theaterstücke und Drehbücher. Ihr Debütroman “Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte” gewann 2018 den Putlitzer Preis und hatte 2019 als musikalische Komödie Premiere am Schauspiel Dortmund. Essays, Kolumnen, Nachrufe und Reportagen von Anna Basener erschienen bei NEON, Business Punk und auf ZEIT ONLINE. Ihr Hörspiel “Die juten Sitten” schoss über Nacht auf Platz 1 bei Audible.

Buchinfo: Die juten Sitten von Anna Basener, erschienen bei Goldmann, 21. Juni 2021, 336 Seiten, Klappenbroschur, 12,00 Euro, ISBN: 978-3-442-49099-8. Danke für das Leseexemplar.

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