Petra Hammesfahr: Stille Befreiung

Sandra hat ihre spießige Familie so satt. Als sich Ronnie um sie bemüht, hat er leichtes Spiel. Egal, wie viele Menschen sie auch warnen, das naive junge Mädchen ist für kein noch so gutes Argument zugänglich. Als die Situation eskaliert, hindert sie ihr Stolz, sich rechtzeitig Hilfe zu holen.

Alle haben Sandra vor Ronnie gewarnt. Unzuverlässig, ein Taugenichts, Sohn einer wahnsinnigen Giftmischerin. Tatsächlich macht der junge Mann in seinem Reparaturladen auch wenig her. Er wirkt ungepflegt, das T-Shirt ist schmutzig und im Mundwinkel hängt ständig eine Kippe. Aber Sandra kennt auch den anderen Ronnie. Den im gut sitzenden, modernen Anzug, der mit dem schicken Cabrio durch die Stadt cruist. Der ihr schmeichelt, sie verwöhnt und mit teuren Geschenken überschüttet. Typisch Teenager, bewirken in so einem Fall Warnungen aus der Familie das genaue Gegenteil.

Stille Befreiung von Petra Hammesfahr

Zwei Jahre später. Aus Sandras Euphorie ist längst tiefer Frust geworden. Mit ihrer kleinen Tochter sitzt sie im Haus der psychisch gestörten Schwiegermutter fest. Ronnie kümmert sich nur noch um seine Arbeit, ist dabei aber maximal erfolglos. Ohne ihre langjährige Freundin, die ihr regelmäßig Reste aus der Restaurantküche ihrer Eltern bringt, wüsste sie oft nicht, wie sie sich und ihr Kind satt bekommen soll. Die Betreuung einer gesundheitlich eingeschränkten jungen Frau scheint der Weg aus der Misere zu sein. Neben einem festen Gehalt hat sie auch Kost und Logis in einer kleinen Einliegerwohnung frei. Und sie kann ihr geliebtes kleines Mädchen mitbringen.

Sandra wagt den Absprung und landet mit beiden Füßen mitten im nächsten Fettnapf. Einem lebensgefährlichen Fettnapf.

Perfekt inszenierte Irrwege

Wie meistens bei Petra Hammesfahr war ich sofort fasziniert und wollte das Buch zwischendurch nur ungern aus der Hand legen. Sie versteht es einfach hervorragend, falsche Fährten zu legen. Während ich noch auf Ronnie sauer war, hatte längst ein anderer Protagonist die Bühne betreten. Ein sehr gefährlicher Protagonist, der seit Monaten unbehelligt sein mieses Spiel spielt.

Wieder thematisiert die Autorin spannend verpackt ein gesellschaftlich wichtiges Thema. Dieses Mal sexualisierte Gewalt gegenüber Menschen mit Behinderung. Deshalb auch mein Hinweis:

Achtung, Trigger! Wer mit diesem Thema oder sexualisierter Gewalt in anderer Form Erfahrung gemacht hat, sollte sich ein anderes Buch von Petra Hammesfahr vornehmen.

Tolles Buch bis auf den Schluss

Enttäuscht war ich vom Ende des Buches. Die letzten Seiten haben sich angefühlt, als wäre der Abgabetermin erschreckend nahe gekommen und dann musste es eben schnell gehen. Zu abrupt war die Story am Ende. Zu unglaubwürdig und latent rassistisch die Lösung des finalen Problems. Ich hoffe sehr, dass das “nur” unsensibel und nicht vorsätzlich war.

Petra Hammesfahr

Petra Hammesfahr wurde mit ihrem Longseller »Der stille Herr Genardy« einem großen Lesepublikum bekannt. Seitdem erobern ihre Spannungsromane die Bestsellerlisten, sie wurden mit Preisen ausgezeichnet und verfilmt. So ist die erfolgreiche Netflix-Serie “The Sinner” mit Bill Pullman in der Hauptrolle auf der Grundlage von “Die Sünderin” entstanden.

Buchinfo: Stille Befreiung von Petra Hammesfahr, erschienen bei DIANA, 14. März 2022, 432 Seiten, Klappenbroschur, € 16,00, ISBN: 978-3-453-29264-2. Danke für das Leseexemplar.

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