Longferry, England, in den 60er Jahren. Der junge Thomas Flett arbeitet als Krabbenfischer. Der Erlös reicht gerade für ein karges Auskommen, das er mit seiner Mutter, bei der er immer noch lebt, teilt. Er träumt davon, sein Leben zu ändern, vielleicht Sänger zu werden. Aber wie soll das funktionieren?

Lillian Flett wurde bereits mit 15 Jahren Mutter. Ihr Vater, ein Krabbenfischer, verbot ihr den weiteren Kontakt zum Kindsvater, einem ihrer Lehrer. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als im Haus ihres Vaters wohnen zu bleiben und sich um Kind und Vater zu kümmern. Ihre Träume musste sie dafür begraben.
Den kleinen Thomas, ihren Sohn, nahm ihr Vater schon früh mit zum Krabbenfischen. Als die Erträge sinken, muss er dafür sogar vorzeitig die Schule verlassen und mit anpacken. Ein hartes Los für den Kleinen, der Bücher über alles liebt. Aber welche Alternativen hätte er gehabt?
Als der Großvater stirbt, übernahm Thomas dessen Rolle, die Mutter kann von ihrem Gehalt als Zimmermädchen im Hotel ihren Lebensunterhalt nicht alleine finanzieren. Alles, was Jugendliche üblicherweise erleben – mit Freunden Zeit verbringen, ausgehen, sich verlieben – blieb dem inzwischen Zwanzigjährigen bislang verwehrt. Gelegentlich trifft er sich mit einem Freund in einer Bar und lauscht den Auftritten von Hobbymusikern, aber meistens ist er dafür nach der harten Arbeit am Strand zu müde. Doch insgeheim hat er einen Traum, einen Traum von Musik.
Raus aus dem Hamsterrad – aber wie?
Als Thomas eines Morgens von der Arbeit zurückkommt, sitzt ein fremder Mann bei seiner Mutter in der Küche. Erst reagiert er ungehalten, weil er denkt, sie hätte wieder mal ein Rendezvous mitgebracht, doch das stimmt nicht. Der Mann, Edgar Acheson, ist ein amerikanischer Regisseur, der auf der Suche nach der passenden Location für seinen neuen Film sucht. Von der Küstenstraße aus hat er Thomas mit seiner Pferdekutsche bei der Arbeit am Strand gesehen und war begeistert. Der Krabbenfischer soll ihn unbedingt mitnehmen. Dafür zahlt er so großzügig, dass Thomas sein Misstrauen zur Seite schiebt.
Schnell spüren beide einen Draht zueinander. Vor allem Thomas muss sich eingestehen, dass er Edgar Acheson unterschätzt hat. Der Amerikaner brennt für die Kunst und lässt sich durch Hindernisse nicht ausbremsen. Darin bestärkt er auch Thomas. Er soll an sich und seine Musik glauben. Gerade als Thomas beginnt, sich mit dem Gedanken anzufreunden, bricht Achesons Traum wie ein Kartenhaus zusammen.
Eigene Erfahrung statt Hörensagen
Es gibt bei mir immer wieder Bücher, die still und unaufgeregt sind und vielleicht gerade deshalb mein Herz auf ganz besondere Weise berühren. Der Krabbenfischer von Benjamin Wood ist so ein Buch. Aus gesundheitlichen Gründen musste es ungewöhnlich lange auf meine Aufmerksamkeit warten.
Doch was genau macht das Buch für mich so besonders? Es ist die Art und Weise, wie Thomas Flett sein Leben meistert. Da ist kein Gejammere, was er alles nicht haben konnte oder kann. Absolut realistisch stellt er sich allen Schwierigkeiten aber auch möglichen Chancen.
Sein erster Eindruck von Edgar Acheson ist sehr negativ. Thomas hält den Amerikaner für einen Aufschneider, beschließt aber trotzdem, ihm eine Chance zu geben. Er verteidigt ihn sogar vor Edgars Mutter, die ihren Sohn als Spinner und psychisch gestört beschreibt. Thomas hat den Regisseur anders kennengelernt, als die alte Dame ihn glauben lassen will und dazu steht er. Denn ihm gegenüber hat sich Edgar tadellos verhalten, hat ihm sogar das Leben gerettet.
Auch wenn er seinen Traum von der Musikkarriere wieder nach hinten schieben muss, sieht Thomas dennoch das Positive an seiner Erfahrung. Vielleicht hat ihm Edgar Acheson ja unbeabsichtigt den Weg zu seiner heimlichen Liebe geebnet. Das wird die Zukunft zeigen.
Viel mehr Menschen sollten wie Thomas sein
Es würde der aktuellen Situation in unserem Land gut tun, würden mehr Menschen so denken und handeln wie Thomas. Statt permanent zu jammern, was man alles nicht hat, zu schätzen, was man hat. Und sich eben auch nicht von spalterischer Propaganda aufhetzen zu lassen, sondern sich auf das zu besinnen, was man wirklich selbst erlebt hat.
Benjamin Wood hat mit seinem Krabbenfischer nicht nur ein wunderschönes Zeitgemälde entworfen, sondern (zufällig?) auch den aktuellen Zeitgeist vorgeführt.
Ein wirklich tolles Buch!
Benjamin Wood
Benjamin Wood, geboren 1981, lebt in Surrey. Seine Werke waren u. a. für den Costa First Novel Award und den European Literature Prize nominiert. “Der Krabbenfischer“ ist sein fünfter Roman und der erste, der auf Deutsch erscheint.
Ins Deutsche übersetzt von Werner Löcher-Lawrence.
Buchinfo: Der Krabbenfischer von Benjamin Wood, erschienen bei Dumont, 15.07.2025, 224 Seiten, gebunden in Strukturpapier mit Goldprägung, farbigem Vorsatzpapier und Lesebändchen (auch als E-Book und Audiobook), ISBN 978-3-7558-0061-3, 24,00. Danke für das Leseexemplar.

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